Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1891-03-02 · Heft 5 (2.3.1891) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 5 (2.3.1891)
Date
1891-03-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3092672-3092739-3092744--0617-3093589
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2. Selbst-Emancipation. Nr. 5. Handelsherr oder ein Jude des handeltreibenden Mittelstandes sn einer liberalen oder demokratischen oder sonst einer politischen Versammlung mitstimmt oder gar mitspricht, und sich in dem Bewußtsein glücklich fühlt, daß. ihn nichts von seinen nichtjüdischen Gesinnungsgenossen unterscheide, als höchstens das bischen Typus und das Restchen Bekenntniß, so glaubt er an das Ende der Leiden seines' Volkes und sieht im Antisemitismus nur einen vorübergehenden Rückfall. Wenn wir nur die beschwörende Kraft hätten, wir wollten unseren heuttgen Juden Volksversammlungen in Alexandrien und Rom des späteren.Alterthums und Zustände des mittelalterlichen Spaniens vorführen. Da könnten sie ihre Ebenbilder bewundern, jüdische Männer mit der eingeborenen Lebhaftigkeit und Beweglichkeit ihres Stammes, im Hellenismus, im Römerthum, im spanischen Nationalstolze sich gefallend, jeder Zoll, wie sie meinen, ein Bollbluthellene ein Vollblutrömer, ein Vollblutspanier. Und doch haben.auch jene, oder die Enkel jener erfahren müssen, was es heißt, Jude im Golus zu sein. Irgend eine tolle Laune der Regierung, der Kirche, des Volkes, des Pöbels, uitb wie alle die Staatsfactören heißen mögen und die ganze Eintag sherrlichkeit des Mitrathe ns und Mitthatens war vorbei: Aus dem stillen ward der laute Judenhaß, um nach längerer Herrschaft wieder stille zu werden und für neue Ausbrüche Kräfte zu sammeln. Das ist das e'wigeAb und Auf des Judenhasses; der Antisemitismus i ft eine o g e i n die s e n immerwährend en Schwankungen. Diese ewigen Schwankungen jedoch! Werden sie dem jüdischen Volke nie zu viel werden; wird es sich nie aus dem stürmischen Meere in den sicheren Hafen heimsehnen, nie etwas thun, um diese Sehnsucht zu stillen? Wenn bis jetzt durch zwei Jahrtausende nichts geschah, so sollte doch wenigstens jetzt etwas geschehen, jetzt, wo. die gesteigerte Cultur die Frage des Erfolges günstig beantwortet. Aber das jüdische Volk leidet an der . oben geschilderten geschichtlichen Gedächtnißschwäche, und diese hat um so verhängnißoollere Folgen, als die überwiegende Mehrheit der jüdischen Intelligenz Alles aufbietet, um das historische Erinnerungsvermögen des Stammes, dem sie angrhört, noch weiter zu trüben. Ist es. denn wahr, daß wir von dem Ausgang der Wahlen so viel zu hoffen oder zu fürchten haben? Wohl ist es, wie dies in voriger Nummer auseinandergesetzt wurde, aus österreichisch-patriottschen und speciell-jüdischen Gründen unsere Pflicht, die Wahl der Candidaten der freisinnigen Parteien nach Kräften zu unterstützen; wir dürfen uns aber nicht einbilden, damtt Alles, oder Nennenswerthes für das Heil des Judenthums geleistet zu haben. Denn so lange das Wohl und Wehe von dem Siege einer oder der anderen Partei abhängt, ist uns keine dauernde Hilfe gebracht. Oder glaubt Ihr etwa an den baldigen Heranbruch jener goldenen Zeit, wo sämmtliche Söhne Europas der Stimme .des Hasses ihr Ohr verschließen werden? Glaubt nur Ihr Starken im Glauben, wie Ihr ja schon seit zwei Jahrtausenden daran glaubet, und Euch nicht rührt, -während dem um Euch alle Stürme der Verfolgung wüthen! Jetzt gibt es Demokraten und Socialisten, die Bahnbrecher wahrer Freiheit und Gleichheit, - - meint Ihr. Ihr wollet warten, bis aus diesem jungen Sprössling ein starker Baum wird, unter dessen Schatten Ihr ruhen könnt. So wartet nur zu, wartet noch zwei Jahrtausende, lasset Euch noch zwei Jahrtausende physisch und moralisch prügeln, bis der ganze Unrath der europäischen Gesellschaft weggespnlt und eine neue Gesellschaft voll und ganz an ihre Schwelle getreten sein wird, und dann erst werdet Ihr vergebens — geivartet haben. Denn wenn Eure Eigenart damals noch bestehen wird — und das ist bei ihrer beispiellosen und bewundernswerten Zähigkeit sicher — so wird Bosheit und Uebelwollcn, welche nie aussterben werden, in neuer und. zeitgemäßer Form Euch wieder zu sindcn Ebenso unbegründet jedoch als die Uebcrschätzung eines freisinnigen Wahlsieges, ist die Uebcrschätzung eines antisemitischen Wahlsieges. Der Antisemitismus ist ja eine reine Form, er wird sicher, wenn nicht jetzt, so doch in-kürzerer oder längerer Zeit verblassen, und das wird dann gerade so ungerechtfertigte Jubclhymncn im jüdischen Lager Hervorrufen, als sein gegenwärtiges Walten Trauergesänge veranlaßt. Welcher Unterschied ist es dun aber, ob der Judenhaß, dieser unser ewiger, unheimlicher Begleiter, dieses oder jenes Mäntelchen anhat, ob sein gegenwärtiges Kleid, der sogenannte „Antisemitismus", noch länger hält, oder ob es schon Löcher bekommt und einem anderen Costume Platz niachen nmß? Wer das erkannt hat, ist auf jedes Unheil gefaßt und sieht einer antisemitisch ausfallenden Wahl mit demselben ziemlichen Gleichmuthe entgegen^ als einer sogenannt philosemitischen. Der Nationaljude weiß, daß vom Golus keine Liebkosungen zu erwarten sind; weil er sich aber dessen bewußt ist, weil er den Judenhaß gründlich versteht, weil er sich nicht länger den Bären von der bloßen „Confession" anfbinden und sich nicht weiter vertrösten lassen will, arbeitet er an der g r ü n d l i ch e n H e' i l u n g des g e s a m m t e n jüdischen Volkes auf dem Wege der Schaffung eines nationalen Mittelpunktes für dasselbe, — zum Segen Jsrae l s, da es nur so körperlich und geistig, sittlich und wirthschaftlich gesunden kann und zum Segen der Menschheit, die nur hiedurch vom Judenhaß, eincni bedeutenden Hemmniß ihrer Entwicklung, befreit werden wird. B. Eine Verssmmlung der „LionSfreunde" in London.*) Sonntag, den 1. Februar d. I. fand im Westende Londons eine große'Versammlung der *) Nach dem „Jewish-Standard". „Chovrvej Zion Society" statt, an welcher viele an Geist und Stellung hervorragende jüdische Bürger der Stadt thcilnahmen. Den Vorsitz übernahm auf allgemeines Verlangen Garde- O b e r st l i e u t e n a n t G o 1 d s m i t h, welcher die Versammlung mit einer Ansprache' eröffncte. In dieser drückte er vor Allem seine Freude darüber aus, nunmehr in London bei den „Zionsfreunden" zu sein, nachdem er schon vor einigen Jahren gelegentlich seiner Reise nach Palästina mehrere solcher Vereine im Auslande kennen gelernt habe. Indem Goldsmith nunmehr auf die Bedeutung des Zionsgedankens, zu sprechen kam, sagte er unter Anderem: Die „Zionsfreunde" ü bertrcffen d i e „H äup ter und Leiter" der Juden in de n-vcr s ch iedcnen Ländern an Einsicht, indem sie erkennen, daß d a s G l ü ck unseres Volkes bloß von der Colonisation des heiligen Landes abhängt. Sodann wies Redner in Hinsicht der geplanten Colonisation in Südamerika auf - die Geschichte hin, welche unwiderleglich beweist, baß die Juden in keinem Lande des Exils feste Wurzel fassen können; cs sei daher höchst richtig geivesen, daß man die Blicke nach dem Lande unserer Väter gerichtet habe. In weitern Verlauf seiner Rede wandte sich Ob'ersilieutenant Goldsmith in ausführlicher Weise gegen die unrichtigen Ausstreuungen der Zionsfeinde über die angebliche Unfruchtbarkeit des h. Landes, wovon gerade das Gegentheil wahr sei; besonders sei Palästina das -für den Weinbau geeignet st e L a n d d e r E r d e. — Indem noch der Sprecher die Zionisten zur Einigkeit ermahnte und sie erinnerte, daß Uneinigkeit die Hauptursache des Unglücks des jüdischen Volkes sei, besprach er schließlich den den Zionsfreunden von gegnerischer Seite verleumderisch e n t g e g e ngeschleuderten Vorwurf des Unpatriotismus. Er citirte bei dieser Gelegenheit einen Ausspruch Napoleonsdes Ersten, welchen sich die Assimilanten hinter die Ohren schreiben mögen. Als unter der Negierung des großen Corsen die Gleichberechtigung der Juden auf der Tagesordnung stand, legte man dem zur Besprechung dieses Gegenstandes eingesetzten jüdischen „Synhedrion" eine auf das Verhältniß der Juden zu ihrer alten Heimat bezüglicheFrage vor. Die Antwort des „Synhedrions" lautete: „Frankreich ist uns e r Z i o n!" Diese' Entscheidung veranlaßte Napoleon den Er st e n zu dem denkwürdigen Ausspruche : „Wenn ein altes Volk in i t einer so herrlichen Geschichte, wie Ihr s i e h a b t, sein Land v e rg e s s e n kann, so i st die s e in Zeichen so gedrückter Gesinnung, daß man n i ch t d a s G e r i n g ft e z u b e s ü r ch t e n h a t, u n d w i r könne n ihm d ahcr die Erlaubniß geben, in Frankreich zu bleibe n." An diese Worte anknüpfend schloß der Redner mit den Worten: „Was mich betrifft, so bin ich fest überzeugt, daß der Jude, der mit Liebe des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.