Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 4 (16.2.1891)
- Date
- 1891-02-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Selbst -Emancipation. Nr. 4. h a ß i in V o l k c w i r d s i c n i ch t ersticken. D e r b l c i b t u n d d i e I u d c n müsscndahcraußcrdemokratischcrThätigkeit auch jüdische und s p c c i c l l j ü d i s chw i r r h s ch a f t l i ch e T h ä t i g k e i t entwickeln. Vielleicht sind wir in weiteren sechs Jahren so weih diese Erkennt»!ü bei den österreichischen Juden gereist zu sehen. Um eine Erfahrung sind sic ja bereits reicher, wir sehen voraus, daß sic es dann noch um eine zweite sein werden. Ob sie dadurch auf die richtige Bahn gelenkt werden, ist freilich bei der hartnäckigen Verblendung der Juden noch sehr fraglich. Um auf die gestrige Versammlung znrückzukommen, sei noch Folgendes mitgctheilt: Erstens hat Herr Fleischer, ein Journalist, beantragt, daß von der Versammlung eine Resolution angenommen werde, welche dem Herrn Dr. I. S. B l o ch als einzigen Abgeordneten, der die Sache des Judcnthums im Parlamente mit Eifer und Muth vertreten habe, den Dank und die Anerkennung ausspricht; dieser Antrag wurde unter stürmischem Beifalle einstimmig angenommen. Zweitens thciltc Herr Alexander Scharf, der bekannte Herausgeber der „Wiener Sonn- und Montagszcitung" in Anknüpfung an den Vortrag des Herrn Dr. Jacques mit, daß er seine Candidatur für eines der vier Mandate der inneren Stadt angemeldet habe. Herr Scharf, ein witziger Volksredner comme il faut, dabei eine charakteristische Erscheinung, entfesselte an manchen Stellen seiner Rede einen orkanartigen Beifall. Er versprach, im Parlamente täglich und stündlich den Antisemiten entgcgenzutrctcn und glaubt dadurch die antisemitische Bewegung niederringen zu können. Herr Alexander Scharf ist ein begabter Mann, ein „kluger Jude" — von dem Schlage, wie wir ihn im jüdische» Alterrhumc seltener, desto öfter in der Neuzeit finden, — aber er täuscht sich doch, wenn er, der Einzelne, gegen die Leidenschaften der ganzen arischen West, der Zwerg gegen ein riesengroßes Volksunglück aufkommcn zu können vermeint. Sollte auch schon der „Gott der Juden mit ihm sein", was er am Schlüsse seiner Rede als sicher vorausfctzte, und er den gegenwärtigen österreichischen Antisemitismus bezwingen können, — womit will er gegen den ewigen Judenhaß kämpfen, wenn er nicht an die cndgiltige Erlösung des jüdischen Volkes denkt. Dieser geistig hervorragende Mann wird, offenbar weiter seine Kräfte verzetteln, um ein paar Antisemiten „nicdcrzuüügeln"; darin' wird wohl seine „Kampfesnatur", wie er sich ausdrückt, Befriedigung finden, aber ein dauernder Erfolg für das G e. s a m m t j u d e nt h u m wird hiedurch nicht erzielt werden. Deutsches Leich. 12 Berlin,, den 9. Februar 1891. Am Sonnabend, den 1. Februar 1891, hielt Herr Lehrer S. Moses aus Gingen im russisch-jüdischivissenschastlichen Verein in Berlin" einen Vortrag, der sich Betitelte: „Beiträge zur Deurtheilung des jüdischen Volkscharakters". Um uns eines Ausdruckes des Herrn Vortragenden selbst zu bedienen, so war derselbe „E t w a s ganz H e r v o r r a g e n d e s". Es wäre wünschcnswcrth, wenn derselbe in Druck erschiene. Am Montag, den 9. Februar 1891, hielt Herr Prof. Dr. Steinthal, der hochberühmtc Sprachphilosoph, vor einer der crlcscitstcn Gesellschaften Berlins, im Saale der Gesellschaft der Freunde in Berlin einen glänzeitden Vor-, trag über „Glaube und Kritik", wovon er einen großen Theil dazu vcrioendctc, gegen diejenigen Eltern in begeistertster und begeisterndster Weise zu sprechen, die ihre Kinder taufen lasten. In Charlotten bürg fanden mehrere Studentenversammlungen statt, welche beschlosten, eine Petitton an den Cultusminister betreffs Ausschlustes der russischen Juden vom Studium an deutschen technischen Hochschulen zu richten. Die endgilttg über die Form der Petition Beschluß fastende allgemeine Studentenversammlung wird etwa am 18. Februar in der Aula des Polytcchnicums stattfindcn. In B c r l i n erschien eine Brochure, die vom orthodoxen Standpunkte ausgehend die Unterstützung der palästinensischen Kolonisation energisch fordert, dagegen sich in scharfer Weise gegen die Jüdisch-Nationalen ivendet. Berlin, den 11. Februar. Den Lesern dieses Blattes ist cs schon sicherlich bekannt, daß hier ein „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" gegründet worden ist. Nun wird wohl mancher, durch das Jubel geschrci der liberalen Blätter geblendet, zu der Ansicht kommen, daß diesmal das Judcnthum einen glänzenden Sieg davongetragen habe. Haben doch in der That etiva 60—70 Professoren, viele Neichsrathsabgeordncte und Pastoren rc. den Aufruf des Vereines unterzeichnet. Wer jedoch denselben gründlich studirt hat, der wird schwerlich befriedigt sein. Denn abgesehen davon, daß viele freisinnige und radi- Lale Männer, so auch fast die ganze socialdemokrattschc Fraktion, (um Namen zu nennen: Richter, Du-Bois-Ncymond, Virchow, Zeller u. a.) bei dem Unternehmen fehlen, klingt überhaupt das Ganze nicht ivie eine Vcrtheidigung, sondern eher wie eine Anklage. Das ist doch auch der Grundzug aller Erwiderungen dem Anttsemitismus gegenüber nicht nur seitens der Juden, welche ja immer den Nacken beugen, sondern auch seitens der Nichtjuden. Wer erinnert sich nicht lebhaft der Worte, welche Virchow im vorigen Jahre gesprochen, als er die Juden energisch vertheidigen wollte? Hauptsächlich suchte er dadurch den Antisemitismus zu bekämpfen, daß er sich dahin äußerte, die Juden könnten doch nicht vertrieben werden; also müßten, die Deutschen die bittere Pille, um nicht inhuman zu sein, heruuterschlucken. Die judenfrcundlichcn und von den Juden geleiteten Zeitungen aber haben von jeher die Methode befolgt, entweder den Feind durch Dialektik lächerlich zu machen oder die ganze Angelegenheit zu vertuschen, rcsp. mit dem Toitc der größten Furcht schleunigst den Rückzug anzutreten. Ist es nun wunderbar, daß in einem Auftufe, welcher zur Wahrung der Ehre des Christenthums geschrieben ist, unter anderem, folgenden 'Passus sich findet: „Wir wollen wirklich vorkommende Ausschreitungen und Mißstände weder verhehlen noch entschuldigen, sondern durch positive Einwirkung, insbesondere durch wirtschaftliche Maßregeln, solche zu beseitigen suchen? Also besitzen doch die Juden nationale Fehler, welche der Verein ausrotten will; wozu brauchte er sich sonst mit Mißständen zu befassen? Und der „Reichsbote" hat bereits dazu bemerkt: „Die Juden haben noch nie und nirgends sich Herbeigelasten, Ausschreitungen und durch sic hervorgerufcne Mitzständc anzucrkennen; sie werden es wahrscheinlich schon als eine Beleidigung empfinden, daß der Verein auch nur davon redet, und sie werden fürchten, daß gerade dadurch erst recht die antisemittsche Bewegung überall angesacht werden wird. Denn man wird den Verein nun beim Wort fasten, man wird im Ausschreiiungen und Mißstände zeigen und dann von ihm. verlangen: nichts zu verhehlen und zu verschweigen, sondern aus Abstellung zu dringen." Gewiß darf ein Verein, der zu unserer Vcrtheidigung gestiftet worden ist, von generellen Fehlern nicht sprechen, und wir fühlen die Schmach umso tiefer, wenn wir in Schutz genommen werde». Im allgemeinen hat die zur „Verherrlichung' lies Judenthums dienende Stiftung" nur noch den Kampf vergrößert; Blätter, wie das „Deutsche Tagblatt", welche seit Jahren ihre antisemitischen Spitzen aufgcgebcn, haben sich ihrer ersten Liebe erinnert. Ja, es herrschte sogar eine gewisse Freude im antisemitischen Lager. So schrieb das „V o l k": „Auffallend ist es, daß E. Richter den Aufruf nicht unterschrieben hat. Er fühlt offenbar/ wie nngeheuer lächerlich sich die Untcrschreiber machen, und wie der ganze Verein nur dazu beitragen wird, den Antisemitismus zu stärken und zu verbreiten. Mit großer Freude wurde in antisemitischen Kreisen die Gründung des Vereines begrüßt, hat man doch endlich einen festen Punkt, den man angreifen kann." Jedenfalls ist die Frage sehr berechtigt: Warum ist dieser Verein erst jetzt, nachdem der Ailtisemitismus bereits zehn Jahre gewüthet, ins Leben gerufen worden? warum ist er erst jetzt zur Ehrensache des deutschen Volkes geworden? Wir können da zwei grundverschiedene Schlüsse ziehen: entweder haben die Unterzeichneten vor zehn Jahren nicht dieselbe Gesinnung gehegt, sondern sie sind zum größten Theilc von Taumel des Judenhasses selbst ergriffen gewesen; dann ist der Aniiscinitismus eine Ficberkrankheit welche bald in volle Stärke auftaucht, bald wieder vergeht, so daß wir für immer und ewig den Launen des menschlichen Gemüths ausgcsctzt sind. Oder: Die Macht des Judenhasses ist damals unterschätzt worden, jetzt aber ist sie so offenbar und gewaltig, daß sie gefürchtet wird; dann ist der Kämpf kein so lächerlicher, ivie ihn die Liberalen in ihrem Vcrtujchungssystem hingestellt haben. ' Für die ersterc Ansicht sprechen die Worte „Ausschreitungen re", für die letztere die Stelle: „Die antisemitische Bewegung hat größere Kreise ergriffen." Das Richttge aber mag wohl sein, beide unangenehme Schlüsse zugleich zu ziehen. — Uuzwcifelhft aber wird jetzt viel jüdisches Geld verschleudert, großarttge Sammlnngen werden veranstaltet werden. Kann indcß der Verein seinen Zweck erreichen, kann er die Menschen von Schwächen und Krankheiten befreien, welche 2000 Jahre >mlt sind? Wir bedauern nur, daß mehrere echt-jüdische Patrioten in ihren edlen Sinne weder Mühe noch Geld sparen, um diese Sache zu betreiben, so daß^ nächstens schon eine zweite Liste erscheinen Auch wir wünschten, daß der Antisemit'isinus in Deutschland ein Ende nähme, da mir überzeugt sind, daß dann viele deutsche Juden sich nicht scheuen würden, die jüdisch-nationale Idee auf ihre Fahne zu schreiben; denn gerade in Paris und London, wo die Juden die größten genießen, hat der Zionsgedanke sehr viele Anhänger. Aber wir glauben nicht, daß durch solche Mittel, ivie der „Verein zur Abivehr des Antisemitismus" die Hydra des Antisemitismus vernichtet werden wird. L. M. Rußland. Odessa, den 25 Schcwat 5651. Am 15. Schcwat d. I., dem uralten National-Ferialtage der Juden, dem „Neujahr der Bäume" gab Herr Simon L i p s k y, Dircctor der hiesigen jüdischen Schule einen literarischen Abend, der von den Spitzen der hiesigen jüdischen Intelligenz und nanientlich vielen Zionsfrcunden besucht war. Herr Lipsky, ein unermüdlicher Kämpfer für die Zionssache, eröffnete den Abend mit einer deutschen Ansprache, in welcher er die nationale Bedeutung des 15. Schcwat in ausgezeichneter Weise hervorhob. Der Beifall war ein reichlicher. Nach einer längeren Pause bot nun der Hausherr seinen Gästen Genüsse der reinsten und edelsten Art. Er ließ seine wohlerzogenen und gutunterrichteten Schüler mannigfache, größtenteils von ihm selbst verfaßte hebräische, russische und deutsche Lieder jüdisch-nationalen Inhaltes Vorträgen. Geradezu Sensatton erregte der siebenjähttge David Tarnopolsky mit einem hebräischen Liede des Herrn Lipsky, welches er mit jugendlichem Feuer vortrug. Als er laut in hebräischer Sprache ausrief: „Hier bin