Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 4 (16.2.1891)
- Date
- 1891-02-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4. Selbst-Emancipation. Ein Mann der Wissenschaft, dem in den Jrrgängen einer echt arischen Philosophie alle Poesie des Seins abhanden gekommen war, hatte in einer entschiedenen Abwendung vom Willen zum- Leben sein höchstes'Ideal gefunden und beschlossen, die Grundbedingung aller Qualen dieses Jammerthales ein für allemal zu verneinen. Mit einem scharfgeschliffenen Messer ausgerüstet, verließ unser Held die Wohnstätte der Menschen und zog hinaus, um in der stillen Einsamkeit des Waldes, wo die Schatten so düster und die Natur so ernst, sein Leben zu beschließen. Ilm Ziele seiner Wünsche angelangt, war er eben im Begriffe, das blutige Nein des Selbstmordes zu schreiben; da fielen plötzlich mehrere Strolche, die in einem Gebüsche versteckt gewesen, über den Schwärmer her, und stellten das in den Kreisen der Strauchrittcr übliche Verlangen: Das Geld oder das Leben! Nasch war das Mordwerkzeug gegen die frechen Angreifer gerichtet, hcldenmüthig der Kampf ums Dasein geführt, verzweifelte Gegenivehr und endlich ein kühner Marsch auf schnellen Beinen, haben das arg bedrohte Leben gerettet. Seitdem das Dasein unseres Philosophen von Seite der biedern Strauchritter eine solche | Wertschätzung erfahren, hält er sich treu an das Dichterwort: „Süßes Leben >. Schöne, freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens! Von dir soll ich scheiden Die Nutzanwendung dieser rührenden Mordgeschichte bietet Folgendes: Der Geist des Religionsgesetzes, die Poesie des israelitisch-nationalen Lebens war dem Verschwinden nahe, ein langsamer Selbstmord bevorstehend. — Eine immer weiter und tiefer greifende Assimilation hatte im Laufe der Zeit fast die volle Auflösung herbeigeführt; nicht einmal der ziveifelhafte Trost eines „Mumiendaseins" wäre geblieben; da brachen sie hervor, die herzlosen Gewaltmenschen, von allen Seiten erschallt der Nus: Das Gut oder das Leben! Unter „solchen Umständen" kann unser Volk nicht länger ^uckaen capta bleiben! Es wird durch diesen Ueberfall*), wie einst sein Ahnherr, ein „Israel". Leopold Mandl. *) 1.B.M.,Cap. 33V.25 beleuchtet durch Jesajas Cap. 4L V. 5. Nachrichten au£ Valästiua. Die Secretäre des Comite's zur Versorgung Jerusalems mit Trinkwaffer, die Herren Eduard Litschmir und Isidor Spielmann sind vom Großvessir von der Genehmigung ihres Unternehmens durch die kaiserliche Regierung verständigt worden. Es ist begreiflich, daß diese Nachricht in Jerusalem, dieser wegen ihres Mangels an gesundem Ouellwasser so sehr von Krankheiten heimgesuchten Stadt, große Freude hervorgerufen hat. Die Unternehmer gehen zwar vom geschäftlichen Standpunkte aus; das ändert aber nichts an der Gemeinnützigkeit ihres Vorhabens, umsoweniger, als sie gesonnen sind, nur von den Hausbesitzern Bezahlung zu verlangen, dagegen den Armen das Wasser unentgeltlich zu überlaffen. Was die Art der Wasserversorgung anbelangt, so wird dieselbe in der Weise erfolgen, daß aus verschiedenen, Quellen der Umgebung das Wasser nach Jerusalem geleitet wird; zu diesem Zwecke werden theilweise die gut erhaltenen Überreste einer vom römischen Landpfleger Pontius Pilatus erbauten Wasserleitung benützt werden. Die in Jerusalem unter den eingeborenen Juden entstandene Bewegung, durch Vereinigung zu Genossenschaften von bestimmter Mitgliederzahl zum Besitze von Häusern zu kommen, erstarkt von Tag zu Tag, und dehnt sich auch aus den Erwerb von Feldern und Weinbergen aus. Die europäisch-jüdischen Einwanderer haben den Geist frischer Thätigkeit unter die hier heimischen Juden, die bisher in dein großen, die ganze Judenheit umfaffcnden Bettelsystem, „Chalukah" genannt, körperlich und seelisch verkamen, verpflanzt. Die Jerusalemer Juden fangen an, sich selbst zu helfen, und der innere Werth des Colonisationsgedankens hat sie, ob Chalukisten oder Aufgeklärte, welche zu Beginn der Colonisationsbewegung die erbittertsten Feinde derselben waren, jetzt nach kurzen neun Jahren selbst auf die Bahn der Colonisation gebracht. Im vorigen Monate versammelten sich in der Colonie Waad-el-Chanin die Mitglieder des auf Anregung des Herrn I. M. Heilprin aus Feldarbeitern der Colonien neugegründeren Vereines „Neß Zionah". Derselbe soll, auf das Princip genossenschaftlicher Selbsthilfe gegründet, die Mitglieder mit der Zeit in die Lage versetzen, ein Stückchen Landes ihr eigen zu nennen. Die erwähnte Versammlung selbst galt der Feier der Pflanzung des ersten Bauines auf dem vom Vereine vorläufig bereits angekauften Grunde in Waad-el-Chanin im Ausmaße von 200 Dunam. Herr Ingenieur Temkin, Vorstand des Jaffaer „Executiv-Comite's" des Odessaer Vereines, Herr Eisenstadt usd Herr Heilprin, hielten Ansprachen an die Versammelten. Herr Temkin hat in Jaffa eine Bibliothek und Lesehalle gegründet. Dieselbe führt den Namen „Schaar Zion". Am 7. Schwat Abends fand in Jaffa im Locale des Exekutivcomite's des Odessaer „Vereines zur Unterstützung jüdischer Handwerker und Ackerbauer jn Syrien und Palästina" eine Trauerfeier für den unlängst in Wilna verstorbenen großen jüdischen Gelehrten und Zionstreund, Samuel Josef Finn, statt, an der sich angesehene Bürger Jaffa's und viele Colonistcn betheiligten. Bei dieser Feier stellte Herr Temkin im Namen des Comitemitgliedes Herrn Bentowim den Antrag zur Gründung eines Vereines zur Unterstützung von Reisenden. Der Antrag fand Beifall, der neue Verein erhielt den Namen „Beth Joffes", und gleich an Ort und Stelle wurden 462 Frs. gezeichnet. Jn der neuen Colonie Chedrah, zwei Stunden von Sichron Jacob, wurde mit der Pflanzung von Reben begonnen. Der Boden der neuen Colonie ist meistens von Juden aus Riga bei Herrn I. Chankin gekauft. Original- Korrespondenzen. Oesterreich-Angara. Wie», den 8. Februar 1891. — „Ueber die Pflichten eines jüdischen Abgeordneten" sprach gestern Abend im Vereine „Qesterreichisch-Jsraelitische Union" Herr Dr. Heinrich Jaques, Advokat und bisheriger Abgeordneter der inneren Stadt Wien. Der Titel des Vortrags hatte mit Rücksicht auf die bevorstehenden Reichsrathwahlen eine große Anziehungskraft ausgeübt, und dies umsomehr, als man neugierig war, gerade Herrn Dr. Jacques über die Pflichten eines jüdischen Abgeordneten sprechen zu hören. So war denn der Saal bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. — Der Vorsitzende, Herr Universitätsdocent Dr. Grünfeld eröffnete die Versammlung nnd hielt es für angezeigt, dem Vortrage des Herrn Dr. Jaques die Bemerkung vorangehcn zu lassen, daß dieser Vortrag schon vor der Erlassung, rcspective vor Publikation des kaiserlichen Patentes, betreffend die Reichsrathsauflösung angekündigt worden sei, daher gewiß nicht als Candidatenrcde betrachtet werden könne. Hierauf ergriff Dr. Jacques das Wort. Am Beginne seiner Ausführungen betonte der Redner auch seinerseits, daß es ihm nicht einfalle, hier eine Candidatcnrede halten zu wollen, schon darum nicht, weil er dies nur in einer Versammlung thun könne, in welcher Wähler „aller Confessionen" zugegen seien. Auch nach dieser Einleitung gelangte Herr Dr. Jacques nicht sobald zum angckündigten Thema, „lieber die Pflichten eines jüdischen Abgeordneten" hatte es geheißen, und Herr Dr. JacqueS sprach über alles Andere eher. Namentlich war es die Thätigkeit (respective llnthätigkeit) der deutschliberalen Partei in der vergangenen Reichsratsperiode, welche er des Langen und Breiten, vielleicht auch etwas langweilig und breitspurig und ohne den geringsten Anflug von Originalität, beleuchtete. Tie Versammelten hörten ermüdet und enttäuscht zu, und erst als Dr. Jaques nach niehr als halbstündiger Behandlung dieses unterschobenen Themas aus die Pflichten eines jüdischen Abgeordneten zu sprechen kam, glitt ein lebhafter Zug der Erwartung über die Gesichter der Anwesenden. Man horchte gespannt. Aber Dr. JacqueS ernnes sich gestern als Meister in der Bereitung von Enttäuschungen. Jn sage fünf Minuten erledigte er das Hauptthema in Form eines Abschlusses seiner 'Ausführungen und eS ist klar, daß er so nicht Gelegenheit sindcn konnte, von seinen Ver dicnsten um das Jndenthum viel zu erzählen. Manche Zuhörer erlaubten sich den Zwischenruf, daß diese Verdienste int Schweige» bestanden hätten, was Dr. JacqueS schlagfertig aufgriff, zugestand und als die beste Taktik pries. Am Schluffe der Kandidatcnredc, — eine solche war sie ja doch trotz allen Sträubens, — wurde der Herr Vortragende mit recht bescheidenem Beifall belohnt, — und jetzt erst, nach der Rede, erhielt der Abend einen recht interessanten und lehrreichen Charakter. Herr Dr. JacqueS konnte zwar nicht interpellirt werden, denn er hatte ja „keine" Kandidatenrede gehalten und sich übrigens sofort nach seinem Vortrage entfernt; aber Einer nach dem Anderen erhoben sich die redegewandteren Mitglieder des Vereines, „um bei aller Achtung vor dem persönlichen Character des Dr. Jacques dessen Verhalten in jüdischen Angelegenheiten zu tadeln. Es waren gar heftige Worte, welche gegen Dr. JacqueS und noch mehr gegen die liberale Partei fielen. Man sprach eS offen aus, daß man von dieser Partei genarrt worden sei, daß es liberale Antisemiten gebe, daß die reichen Liberalen gewiß als Antisemiten auftreten würden, wenn sie nicht den anticapitalistischen Charakter des Antisemitismus fürchten würden, daß die Regierung der judcnfcindlichen Bewegung nicht entgegengctreten sei und die Liberalen, inbegriffen ihre jüdischen Parteigänger, das ruhig und thatenlos mit angesehen hätten. Daraus folgerten alle Redner mit wenigen Ausnahmen die Nothwendigkeit des Anschluffes der Juden an die demokratische, international-österreichische Partei und forderten in beredten Worten zu diesem Anschlüsse auf. ES war ein Seelenvergnügen für einen Rationaljudcn, diese Haßausbrüche gegen die deutschliberale Partei zu hören, von welcher sich noch vor sechs Jahren ein jeder Jude die Erlösung versprochen, und der damalsin einer jüdischen Versammlung eutgegenzutreten fast lebensgefährlich gewesen wäre. Freilich haben die Juden jetzt wieder ein neues Steckenpferd, das Weltbürgerthum auf demokratischer oder socialdemokratischer Grundlage. Unstreitig gehen sie mit der Hinneigung zu diesen Parteien der Gleichheit nicht mehr so fehl, wie scine^eit mit ihrer blinden Liebe für die Partei der Freiheit; doch ist es bedauerlich, daß sie wieder zu viel Hoffnungen auf ihre neuen Wege setzen. DieDemokratie i st g u t und soll u n t e r st ü tz t werden u m ihrer selbst willen, aber den Juden-