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Selbst-Emancipation · 1891-02-16 · Heft 4 (16.2.1891) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 4 (16.2.1891)
Date
1891-02-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Selbst-Emancipation. Candidaten Dr. I. S. Bloch diesbezüglich direct zu interpellircu. Sollte aber auch die Antwort auf derartige Interpellationen unbefriedigend ausfallcn, fo mögen sich unsere Parteigenossen dennoch nicht davon abhaltcn lassen, diesmal noch Herrn Dr. I. S. Bloch ihre Stimmen zu geben, wenn auch dann dieses Vorgehen nichts Anderes wäre, als Bcthätignng der Weisheit, von zwei Uebcln das kleinere zu wählen. Im Heimatland. Rcisebildcr eines Emigrirtcn. v.---) Ein Gast auf eine Weile Sicht auf eine Meile. Jüdisches Sprichwort. Das heutige Jerusalem ist nicht mehr die Stadt, von welcher Gottes Wort ausgcht, sondern ein Ort, wohin das Geld der Pilger aus allen Enden der Erde fließt, uin sich in den breiten Taschen der Geistlichen zu verlieren. Die Quintessenz des tiefsten Fanatismus aller drei Hauptrcligioncn wird von der heiligen Stadt beherbergt. Unwissender Pöbel strömt hichcr, um Verzeihung seiner Sünden zu finden, und gibt die Melkkuh für die hochwürdigen Herren Patres und Popen ab. Das mosaische Hauptprincip „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" ist hier längst durch die „christliche Liebe" verdrängt. Diese manifestirt sich in einem greulichen Hasse nicht nur gegen die Andersgläubigen, sondern gegen die christlichen Brüder selbst. Hier kann der zugereiste Europäer, der solchen Fanatismus noch nie gesehen hat, ermessen, zu welchen Consequenzen die Bcthätigung des thatsächlich geübten christlichen Principcs: „Wer nicht für mich ist, ist wider mich", geführt hat. Das heilige Zion, die Geburtsstadt der Moral, ist zu einem Neste geworden, in welchem das gläubige Volk durch einen verwerflichen Schacher mit religiösen Dingen jämmerlich ausgebeutct wird. Und dabei die ewige Fehde zwischen Orthodoxen und Katholiken, und zwischen beiden einerseits und den Muselmännern anderseits. Ein hiesiger ehrlicher Christ sagte mir: „Wenn Christus jetzt unter uns wandelte, er würde wiederum mit Peitschenhieben die Pharisäer in Kapuzincrmänteln und mit dem Kreuze auf der Brust davonjagen." -- Als wir von Dr. d'Arbella wcggingen, begaben wir uns durch das Jaffaer Thor in die innere Stadt. Auf dein Wege dahin hatte ich Gelegenheit, die vielen an beiden Seiten der Straße im europäischen Styl gebauten Häuser mit ihrer schönen, oft reichen Fa^adc zu bewundern. Auf meine Fragen nach dem Eigenthümrr erhielt ich regelmäßig die Antwort: Dem Pater X, dem Popen 3) u. s. w. Diese Priester, erklärte mir mein Begleiter, leben hier als große Herren, tafeln und zechen reichlich und haben keine andere Sorge, als maschinenmäßig ihre täglichen Gebete zu verrichten und die frommen Pilgergaben zu sammeln. Dagegen befindet sich die übrige Bevölkerung in ihren ruinenarttgcn, verfallenen Häuschen im äußersten Elend. In der inneren Stadt schritten wir zuerst durch eine nur drei bis vier Meter breite Straße, über welcher sich uralte Schwibbögen wölben, so daß wir iin Halbdunkel dahingingen. Wir befanden uns im arabischen Bazar. Kleine Verkaufsläden reihten sich aneinander. Je weiter wir kamen, desto dunkler und enger wurde es, desto mehr wuchs das Mcnschengcdränge. Exemplare aller Völker der Erde fanden sich hier zusammen, es war so eine Art ethnographischen Museums. *)Die Artikel L und n. befinden sich,in Nr. 14 und Nr. 15 des vorigen, die Artikel HI. und IV. in Nr. 1 und Nr. 2 dieses Jahrganges. Von dieser lärmenden Stätte des Kleinhandels ließ ich mich ins jüdische Quartier führen. Die Gassen sind hier so schmal und dunkel, daß sie kaum diesen Namen verdienen. In einer derselben, der engsten und lichtärmsten, befinden sich, dicht aneinander gereiht, Gcschäftslocalc, in welchen Häringe, Hülsenfrüchte u. dgl. verkauft werden. Das Waarcnlager sammt Einrichtung eines solchen Ladens rcpräsentirt einen Werth von 20 bis 30 Rubeln, uud von einem solchen Geschäfte muß eine ganze Familie leben. Nichtsdestoweniger schätzen sich diese Gcwölbeinhaber glücklich; leben ja die übrigen jüdischen Einwohner Jerusalems von der Chalukah, jenen Gaben, die bei frommen jüdischen Männern und Frauen der ganzen Welt gesammelt, hichcr gesendet und hier als bloßes Almosen vertheilt werden. Es ist klar, daß unter solchen Verhältnissen, bei einer derarttgcn Bettelexistenz der Jerusalemer Juden, das Elend unter ihnen ein schaudererregendes sein muß. Man sehe nur ihre Wohnungen an. Da leben in einem einzigen Zimmer ohne Licht, Luft und jede, auch nur geringste Bequemlichkeit, sechs bis zehn Personen. Diese Thatsachcn sind um so schmerzlicher, als die Unglücklichen zumeist gutherzige, gastfreundliche und fromme Leute sind, und ganz gerne arbeiten würden, wenn sic nur welche Arbeit bekämen. Es cxistirt hier kein Handel, und keine Spur von Industrie, wo für beide doch so günstiger Boden wäre. Tief beivegt verließ ich den Ort des Elends. Wir gelangten zur berühmten Tcmpelmaucr (Kessel maarawi), der einzigen stummen Zeugin unserer vergangenen Größe, unserer entschwundenen Herrlichkeit. Ich kann mich erinnern,- wie mich, einst in Paris, schon der Anblick der Tempclmauer im Bilde — es war das Gemälde eines großen Meisters — erschütterte, und jetzt stand ich da vor dem Originale, vor der greifbaren Wirklichkeit. Unbeschreibliche Trauer hatte mich erfaßt; es war dasselbe Gefühl, das in den Allen waltete, die um mich herumstanden, und in heißem Gebete Thränen auf Thräncn vergaßen. Der Anblick der uralten Tempelwand, der weinenden Greise, .Männer, Jünglinge und Frauen, die Empfindung meines eigenen wühlenden Schmerzes riefen Gedanken und Erinnerungen in mir wach, welche ich niederschreiben muß, um meinem gepreßten Herzen Luft zu verschaffen. Zweitausend Jahre wandern wir auf der Welt umher, unter der Gewalt von hunderten Millionen von Christen. Die Kreuzzüge, die Jnquisition, den dreißigjährigen Krieg haben wir gelitten, die Hände Torquemadas, Pfefferkorns, Chmiclnickis, Stöckers gefühlt. Was haben wir nicht Alles gelitten unter der christlichen Liebe und ihren Vertretern. Unser einziger Trost ist, daß unser Dasein allein ein donnernder Protest gegen sie ist, daß die Millionen Hingemorderter unseres Stammes stets eine fürchterliche Anklage gegen ne sein werden. — Ich bin weit davon entfernt, die Lehre Christi zur Veranttvorttmg zu ziehen. Wir Israeliten haben nichts gegen den jüdischen Prediger von Nazareth, aber wir klagen vor Gott seine ungelehrigen Schüler an, die 300 Millionen arischen Christen. Sie konnten sich nicht zu jener jüdischen Liebe emporschwingen, die, wie viele andere Juden, auch Rabbi Jeschua aus Nazareth gepredigt hat; heute nach 2000 Jahren sind sie noch nicht auf dem Standpunkte, auf ivelchem wir vor 2000 Jahren standen, und erst in allerletzter Zeit hat ein Volk unter ihnen, allerdings ein mächtiges und hochgebildetes, in Bezug auf uns die Fahne der Menschlichkeit entfaltet. Sonst sind wir einObjekt ihres unchristlichen Haffes, : den sic im Mittelalter mit dem Gottesmorde und heute mit unserer capitalistischeu Stellung rechtfertigen, aber auch jetzt noch zum größten Theile unter dem Zeichen des Kreuzes. Wie ich, an die Tcmpelmauer gelehnt, das Alles überdachte, das entsetzliche Elend unserer Jerusalemer Stammcs.genoffen dem Wohlstände der Jerusalemer Christen gcgenüberstellte, mich an die drei Millionen unglücklicher Brüder in meinem Geburtslande erinnerte, bedachte, daß alles dieses Elend von den Ariern herrühre, da überkam mich das Gefühl grenzenloser Entrüstung - - und, da ich mir nicht anders helfen konnte, fing ich bitterlich zu weinen an. Tags darauf bat ich meinen Begleiter, mich zum Grabe Christi zu führen. „Was fällt Ihnen ein", antwortete er, „wenn Sie dort als Jude erkannt werden, so haben Sie gelebt." Ich lächelte bitter. Wie sticht gegen diese „christliche Duldung" die Erzählung ab, daß König Salomo, als der Tempel fertig wurde, ein Gebet zum einig-einzigen Gotte Israels sprach, des Inhaltes, daß das Gebet jedes Menschen, er sei, von ivo er sei, der in diese Tempelhallen beten komme, erhört werde. — Ja, die „christliche Liebe", die „christliche Duldung", wir Juden wissen ein Lied von ihr zu singen. Aber cs ist Zeit, daß wir uns aufraffcn, und die schreckliche Faust der Jünger der „christlichen Liebe" abschütteln, cs ist Zeit zur Selbst. Emancipation. Bei unserem Selbstbefrciungswerke wird uns die gutchrisilichc, edle, englische Nation gewiß helfend znr Seite stehen. Auch das freiheitliche Frankreich wird nicht Zurückbleiben dürfen; und was sollten übrigens die anderen Völker Europas gegen unsere Etablirung in der alten Heimat rinzuwenden haben? Sie wären uns wahrlich in dieser Hinsicht Entgegenkonnncn schuldig, indem sic uns das Leben unter ihnen so schwer machen und uns soviel schon gehetzt und verfolgt haben. Nur die Wiederherstellung unserer Nationalität auf dem heiligen Boden unserer Ahnen kann uns wahre und dauernde Hilfe bringen. Wir können auf die künftige Humanität der äiölfer nicht warten; alle freisinnigen Gesetze, die sie schreiben, haben für uns keinen Wert. Stets wird es dunkle Geister geben, welche den blinden Pöbel, sobald es die .politischen und socialen Umstände erlauben, fanatisiren und gegen uns, die ewigen Sündenböcke der arischen Welt, hetzen werden. Nimmer werden die Christen Christen werden, nie sich zudem „Liebe deinen Feind" des Rabbi Jeschua aus Nazareth erheben, und stets werden sie daher, weil sie uns als Feinde ansehen, als solche behandeln. Mit dem Tröste allein, daß wir unsere Peiniger sittlich überragen, daß wir dem christlichen Ideale, d. h. der Lehre Mosis näher stehen als sie, ist uns im Grunde wenig geholfen. Jerusalem mit dem Grabe Christi ist uns, wie ich glaube, auf ewig entfremdet*); aber Palästina, das Land unserer Ahnen, kann und soll noch unser Heim werden, — und England, die humanste Nation Europas, soll und muß uns zu diesem Heim verhelfen. Jakob Konstantinowsky *) DaS kann nicht so unbedingtbehauptet werden. Die Red. Judaea capta oder Israel. (Schluß.) Die moderne Form des Judenhasses ist das Product einer Philosophie, die dem Menschenleben nur einen problematischen Werth beilegt; die Schule Schopenhauers ist die Mutter der antisemitischen Rassentheorie. Folgende Geschichte dürfte die jetzige pessimistische Richtung, und die Lage unseres Volkes gleichmäßig beleuchten:

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