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Selbst-Emancipation · 1891-02-16 · Heft 4 (16.2.1891) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 4 (16.2.1891)
Date
1891-02-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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*r. 4. meinen Menschenliebe immer und überall zur Geltung bringen sollen, ist die demokratische die uns nächstst e h e n d e P a r t e i. Die demokratische Partei existirt aber fast bloß in der Residenz. In der Provinz iverden also die Nationaljuden genöthigt sein, minder gleichheitlichen Parteien sich anzuschließen, also den liberal gesinnten Deutschen, Slaven und Italienern. Nur sind die Deutschliberalen gegen die in manchen Dingen demokratischeren Deutschnationalen, wegen der antisemitischen Allüren der Letzteren, und aus demselben Grunde die Altczechen gegen die Jnngczechen zu unterstützen. — Was die Stellungnahine im Kampfe der Nationalitäten , also die Wahl in g e m i j ch tsprachigen Bezirken anbetrifft, so müssen wir, nachdem ein sittlicher Grund für uns zu einer oder der anderen Entscheidung nicht vorliegt, verlangen, daß in dieser Frage die im betreffenden Lande oder in der betreffenden Gegend wohnenden Juden bloß d u r ch d a s j ü d i s ch e I n t e r e s s e sich leiten laffen. Es gilt das vom Kampfe zwischen Deutschen und Czechen, zwischen Deutschen und Italienern, zwischen Polen und Ruthenen. — In Bezirken mit sehr geringer jüdischer Bevölkerung, wo sich bloß antiseinitische oder klerikale Candidaten verschiedener Färbung gegenüberstehen, bleibt den Juden nur Wahlenthaltung Wir haben im Vorausgehenden auseinandergesetzt, welche Haltung die zionistisch gesinnten Juden bei den Reichsrathswahlen am besten beobachten sollen, und hiebei den Anschluß an diese oder jene Partei gefordert. Es könnte nun auffallen, daß wir, ungleich den anderen Parteien, nicht das Hauptgewicht auf eine selbstständige Vertretung im Reichsrathe legen. Da ist nun vor Allem hervorzuheben, daß es ja in ganz Oesterreich nur wenige Wahlbezirke gibt, in welchen die Juden die Majorität erlangen können, und daß daher für den weitaus größten Theil der Juden eine richtige Beantwortung der Anschlußfrage die Hauptsache ist. Was jedoch die Aufstellung und eventuelle Wahl von gesinnungsgenöffischen Candidaten betrifft, so sei zunächst bemerkt, daß wir hiedurch unserer Sache wesentlich nützen könnten. Wir Zionisten sind zwar mehr national-culturelle als politische Partei, eine dem Gesammtjudenthume angehörige, keine speciell österreichische, aber dennoch hätten einige Abgeordnete unserer Richtung im österreichischen Reichsrathe, wie auch in anderen Parlamenten, eine dankenswerthe Aufgabe. Als kühne und beredte Anwälte des Judenthums könnten sie das Elend Israels vor den Ohren ganz Europas beschreiben und Abhilfe heischen. Den Antisemiten, noch mehr aber der jüdischen Assimilation und ihren christlichen, egoistischen Helfershelfern könnten sie so laut ins Gewissen reden, daß es einen Wiederhall in der ganzen gebildeten Welt Hervorrufen würde. Ihre Action müßte umso wirksamer sein, als sie in bloß staatlichen Angelegenheiten einen reinen, demokratischen, socialresormerischen, für das Wohl des Gesammtvater- Selbst-Emancipation. Seite 3. landes erglühenden Patriotismus bekunden würden. — So wären einige jüdisch-nationale Deputirte zwar keine parlamentarische Partei im landläusigen Sinne, sie könnten nicht in dem üblichen Maße Parteipolitik und Parteidiplomatik entfalten, wonach sie auch kein Bedürfniß hätten, aber sie wären eine indirecte Förderung unserer Nun stehen aber die Dinge so, daß unsere Partei in Oesterreich gegenwärtig noch viel zu jung und noch viel zu wenig organisirt und vorbereitet ist, um actio in den Wahlkampf eintreten zu können. Auch dort, wo eine jüdische Majorität vorhanden ist, macht sie gegenwärtig gewöhnlich von ihrer Situation keinen Gebrauch, und wo sie es thut, nicht im national-jüdischen Sinne. Hoffentlich wird sich aber die Sachlage nach se ch s I ah r'e n zu unser e n G u n st e n g e ä nd e r t h a b e n und uns die nächsten Reichsraths wählen auch diesbezüglich in rühriger und erfolgreicher Arbeit treffen. Bis dahin aber haben iv i r n o ch V i e l e s und Wichtigeres durchzusetzen, denn wir müßten nochmals zwei Jahrtausende uncherirren, wollten wir uns den Weg zur Wiederbelebung unseres Volkes bloß durch Parlamentsdebatten bahnen. B. Die Wahl im StädteivaWezirke Aolomea-Buczacz-Snyarin. Bekanntlich hat, Herr Rabbiner Dr. J.S. Bloch den in der Überschrift genannten Bezirk bisher vertreten. Herr Dr. Bloch bewirbt sich nun wiederum um dieses Mandat, nicht ohne aus Widerstand von mancher Seite zu stoßen. Zwar soll der Candidat der jüdischen Ultra-Assimilation in Galizien, Qerr Dt. Emil B v k, von seiner Candidatur bereits endgiltig zurückgetreten sein; desto lebhafter aber läßt ein anderer Gegencandi- .dat namens M e i s e l s, über dessen Gesinnung wir vorläufig noch nichts wissen, für sich agitiren, was die Christen des Wahlbezirkes veranlaßte, an die Ausstellung eines selbständigen christlichen Candidaten zu denken. Die Verhältnisse im Städte - Wahlbezirke Kolomea-Buczacz-Snyatin liegen derart, daß sie die Aufmerksamkeit der Jüdisch - Nationalen auf sich zu lenken besonders geeignet sind. Vor etwa drei Monaten begann in Kolomea, dem Hauptorte der erwähnten Städtegruppe, eine Zeitschrift zu erscheinen, welche wöchentlich abwechselnd, die Titel „Israelitisches Volksblatt" und „Jüdische Volkszeitung" führte. Das neue Organ war in jüdischem Jargon geschrieben und hatte die ausgesprochenste jüdisch-nationale Tendenz. Man war daher nicht wenig überrascht, als kurze Zeit darauf eine zweite Zeitschrift ebenfalls in Kolomea, ebenfalls in jüdischem Jargon und ebenfalls mit nationaljüdischer Tendenz, der „Volksfreund" mit Namen, erschien. Da wurde der Reichsrath aufgelöst und mit einem Male zeigte sich die zwischen beiden Blättern bestehende Differenz. Das „Jsr. Volksblatt" empfahl Herrn Dr. Emil Byk, der „Volksfr und" Herrn Dr. I. S. Bloch den jüdischen Wählern. Man mag nun unter sothanen Umständen über die so rasch auf einander folgenden beiden Zeitungsgründungen denken wie man will, man mag sie mit den Reichsrathswahlen in Zusammenhang bringen, immerhin wird daraus ein für unsere Sache sehr erfreulicher Schluß gezogen werden dürfen. Die jüdisch-nationale Idee muß in Kolomea-Buczacz-Snyatin einen sehr empfänglichen Boden gefunden haben, wenn man den jüdischen Wählern dieser Städtegruppe die Reichsrathscandidaten nur in streng national-jüdischen Blättern wahlgerecht zu machen sich getraut. Es ist ein gewaltiger Sieg unserer Sache, daß sich Dr. Emil Byk, ein Assimilant reinsten Wassers, den Wählern von einem neugegründeten Blatte, das gegen die Assimilation, für jüdisches Nationalbewusstsein, für Colonisation Palästinas und hebräische Sprache eintritt, empfehlen laffen Auch Herr Dr. I. S. Bloch ist nach dem oben Erzählten von einem jüdisch-nationalen Blatte im Rainen der jüdisch-nationalen Idee empfohlen worden, und es ist klar, daß diese Empfehlung nicht den lächerlichen Beigeschmack hat, als die erstangeführte. Herr Dr. Bloch wird auch nicht zum ersten Male von Nationaljuden recommandirt. Schon vor Jahren, gelegentlich seiner früheren Candidaturen, haben nationaljüdisch gesinnte Studenten und junge Doctoren die Mühe nicht gescheut und in Kolomea-Buczacz-Snyatin für ihn Stimmung gemacht, — mit Erfolg. Auch die „Selbst-Emancipation" ist damals init Wärme und Eifer für ihn eingetreten. Warum dies Alles geschah? Weil wir Nationalen uns viel von ihm versprachen und auch er uns freundlich und ermunternd entgegenkam. Wir erinnern in letzterer Beziehung uur an seine bei der zweiten Makkabäerfeier des akademischen Vereines „Kadimah" in Wien gehaltene, gegen die Assimilation gerichtete Ansprache, ferner an seinen Verkehr mit den Nationalen in Lemberg. Wir dachten, daß dieser begabte und verdiente Mann auf dem besten Wege sei, ein Nationaljude zu werden. Wir fordern auch jetzt nnsere Gesinnungsgenosse» in Kolomea-Buczacz- Snyatin dringlichst auf, ihre Stimmen nur dem Herrn Dr. I. S. Bloch zn geben. Von allen anderen jetzt möglichen Candidaten ist, da wir diesmal noch keinen eigenen Candidaten aufznstellen in der Lage sind, Herr Dr. Bloch der jüdische sie und daher der für uns a l l e i n i n B e t ra ch t kommende. Aber ein Nationaljnde ist Dr. Bloch nicht; er würde sich auch wehren, als solcher gehalten zu werden. Die von uns einstmals gehoffte Annäherung des Dr. Bloch an uns ist nicht erfolgt. Herr Dr. Bloch vertritt zwar in Wort und Schrift mit Muth und Ausdauer die Interessen des Judenthums gegen die antisemitischen Anstürme; aber wir machen darauf aufmerksam, daß dieser Kampf für uns Nationale erst in zweiter Linie steht, daß wir diesem Kampf nicht die Bedeutung beilegen können, welche ihni seitens der assimilatorischen Judenheit beigelegt zu werden pflegt. Nach unserem Ermessen winkt Israel das Heil bloß aus positiven jüdischen Maßnahmen. Für die Nothwendigkeit dieser Maßnahmen jedoch ist Herr Dr. Bloch bisher mit keinem Worte eingctreten, auch nicht in seinem weltbekannten und so einflußreichen Organe „Oesterreichische Wochenschrift". Vielmehr verficht dieses Blatt klar und offen kosmopolitische Ideen und den Gedanken, daß die Juden keine Nation mehr Wenn aber doch Dr. I. S. Bloch von einem großen Theile der Wähler als jüdisch-nationaler Candidat gewählt wird, so muß er sich gefallen laffen, von diesem Theile über seine Haltung gegenüber der jüdisch-nationalen, zionisttschen Bewegung befragt zu werden, und wir richten daher an unsere gesinnungsgenössischen Wähler in Kolomea, Buczacz und Snyatin die dringende Ansforderung, bei den Wählerversammlungen den

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