Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 4 (16.2.1891)
- Date
- 1891-02-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Selbst-Emancipation. . Nr. 4. sein c F o r d e r u n gen? Ist der österreichische Staat legislativ so lückenhaft aufgebäut, daß wohl eine Konfession Recht aus Schutz gegen Uebcrgriffe eines mächtigeren Gegners hätte,' nicht aber ein Voltsstamm? Gerade Oesterreich hat als Grundgesetz „die-Gleichberechtigung aller seiner Böller" proclamicrt. Oder glaubt Herr Doctor Güdemann, daß der jüdische Volksstamm, seinen Interessen entsprechend, mit Einzclvölkern oder Parteien Oesterreichs verbündet, jedoch mit voller Wahrung seiner Individualität, weniger achtungswcrth erschiene als alle die „Polen, Deutschen, Czcchcn mosaischer Consession"? Warum will Herr Dr. G ü d em a u n d i e B an de gelockert sehen, d i e uns I u de n c ine n an d c n a ndern knüpfen? Warum sollen wir die Berührungspunkte verringern, die uns in der Diaspora als ein widerstandsfähiges Brüdervolk erhielten? Dieselben G r u n ds ätz c, d i c Dr. G ü d cm a n n gewiß in der b c st e nJ n te n t i o n p r o p a g i r t, habenuns schon ein Geschlecht h c r a n w a ch s e n lassen, d a s, f ü r d i e „i s raelitische Confessio n" e r z o g e n, v o n d i c s e r e b en s o „vi e l" weiß und w i s s c n w i l I, a l s v o m jüdischen Volksthu m. Wer Wind säet, wird Strrrm ernten!__ k. — Au den Reichsrathswahlen. Zu Beginn des nächsten Monates stndcn die Reichsrathswahlen statt, Oesterreich wird neue Gesetzgeber erhalten. Die politischen, nationalen und socialen Parteien rüsten mit allem Eifer; jede will siegen, jede will ihre allein wahren Grundsätze im neuen Reichsrathe erfolgversprechend vertreten sehen. Alle Bürger des Staates, selbst die Nichtwählcr, sind von der Bewegung erfaßt denn alle sind sich der Tragweite der bevorstehenden Wahlen bcivußt. Es zeigt von dein entwickelten Staatsbürgcrsinne und der politischen Reife der Juden, daß auch sie. mit besonderer Rührigkeit in die Wahlagitation treten und sie haben sich desten gewiß nicht zu schämen. Aber cs will uns bedünkcn, daß si e d en R e i ch sr aths w ahl e n vom jüdischen Standpunkte zu viel Bedeutung beilegen. Dies ist nach der in den letzten Jahrzehnten erhaltenen Schulung kein Wunder. Es ist den Führern der österreichischen Judenschaft gelungen, in derselben das Bewußtsein ihres nationalen Zusammeirhanges mit dem übrigen Judenthume fast ganz zu ersticken. Da konnte natürlich die Erkenntniß nimmer platzgreifen, daß die Krankheit des Judenthums nicht in specifisch österreichischen oder specifisch deutschländischen oder specifisch russischen Bcrhältnisscn ihren Grund habe, sondern eine natürliche und geschichtliche Begründung besitze, welche mit wenigen Änderungen für alle von Juden bewohnte Länder gelte. In der Epoche des assimilatorischen Selbstbetruges und einer falsch auf gefaßten Vaterlandsliebe konnte den österreichischen Juden nicht klar werden, daß es für die Juden als solche nur eine auf ihre Gcsammtheit bezügliche und bedachte Hilfe geben k ö n n e. Und so ist es gekoinmen, daß man jüdischerscits -mit Hoffnungen und Befürchtungen in den Wahlkampf tritt, als handle es sich da thatsächlich um das Schicksal Israels. Die jüdische Frage aber wird auf ganz anderem Orte, durch ganz andere Mittel und in ganz anderer Weise zur Lösung kommen, als in den Hallen irgend eines Parlaments, als durch Wahlen und Parlamentsbeschlüsse, als in der Gestalt einer endlich, unumstößlich und voll durchgcführtcn politischen und gesellschaftlichen Gleichberechtigung; vielmehr wird sie auf dem classischcn Boden Palästinas, durch die Colonisation dieses Landes und als nationale Erlösung ihr Ende finden. Nur die S ch a f s u n g eines Heims f ü r u n s c r V o l k k a n n d e ss e n Unglück beheben; alle andern Versuche sind F l i ck w e r k. Sie haben seit Jahrtausenden zu keinem Erfolge geführt und können auch für die Zukunft keinen Erfolg nach sich ziehen; sie werden noch immer angestellt, weil man beharrlich verkennt, daß der Judenhaß ein unausrottbares, allen besseren Regungen zu Trotz dauerhaftes Erbübel der Völker ist, und ferner verkennt, daß dieser Haß nur deshalb so gefährlich ist, weil wir Juden ohne irgend einen territorialen Rückhalt der Willkür und Laune der Nationen völlig prcisgegebcn sind. Nichtsdestoweniger ivä r e es verfehlt, den Wahlen jede Bedeutung für uns Juden abzusprechen. Wenn wir auch nur ein mitleidiges Lächeln für diejenigen haben, von welchen das Durchdringcn eines liberalen Kandidaten in irgend einem Bezirke wie das Kommen eines Mcssias echofft wird, so sind, wir dennoch weit davon entfernt, den Juden. Wahlenthaltung anzuempfchlcn. Im Gegen theile, wir bitten unsere Gesinnungsgenossen, sich rührig an den Wahlen zu bctheiligen, und dies aus doppelten: Grunde: Erstens vom österreichisch-patriotischen Standpunkte aus. Die Worte des Profeten Jeremias: „Fördert das Wohl des Staates, dahin ich euch verbannt habe", dürfen nie aufhören, ein leitendes Motiv für unsere Handlungsweise zu sein. Wir dürfen nicht vergessen, daß ein Mann diese Aufforderung an uns gerichtet hat, welcher der nationalste unter den Profcten gewesen ist, — derselbe Jeremias, welcher die ewig bewunderten Klagelieder um Zion gedichtet, und in demselben Capitel, wo er die oben erwähnten Worte spricht, die tröstende Verheißung verkündet: „Ich will eure Verbannten zurückbringen, euch sammeln aus all' den Völkern und all' den Ländern, wohin ich euch verstoßen, spricht der Herr, und will euch zurückführen an den Ort, von dem ich euch in Verbannung trieb." — Als ö sterreichische Staatsbürger haben wir, ganz abgesehen von jüdischem Interesse, die heilige Pflicht, uns an einer Action zu betheiligen, welche von Einfluß' aus das Wohl und Wehe des Staates ist. In solchen Momenten müssen wir in echt jüdischer Weise vergessen, was man auch sonst Böses uns zufügen mag, und das Unsrige beitragen, daß die große Gemeinschaft und die Völker, unter welchen wir leben, zu Wohlstand und Gedeihen sich entfalten. Und gerade wir Nationäljuden können vermöge des Umstandes, daß unsere höchsten Ziele in keiner Weise mit dem Schicksale Österreichs zusammenhängen, als Österreicher am leichtesten von der Versuchung bewahrt bleiben, blinden Parteifanatismus dein Interesse des Staates voranzustellcn. Die Betheiligung unserer Gesinnungsgenossen an den Wahlen ist aber auch zweitens vom jüdischen Standpunkte erforderlich. Durch einen den Ideen der Freiheit und Gleichheit günstigen Ausgang der Reichsrathswahlen wird zwar nach unserer Meinung eine gr ü n d l i ch c Hilfe für das Judcnthum, auch bloß für den österreichischen Theil desselben, nicht erzielt; aber das Los der jetzt lebenden jüdischen.Generation könnte dadurch vorübergehend erleichtert werden, — und das allein ist schon Gewinn. Kein Arzt wird neben der Kur, die den Patienten genesen machen soll, unbedeutendere Mittel anzuwcndcn zögern, welche geeignet sind, die Krankheit, so lange sie eben noch dauert, zu einer weniger schmerzhaften zu machen. Geradeso sind günstige Wahlrcsultatc eine Handhabe, r m das G o l u s erträglicher zu gestalten, zu dessen Behebung es freilich anderer und radicalerer Mittel bedarf. Aus den beiden angeführten Gründen müssen wir Nationaljudcn aber mit denjenigen Parteien zusammengehen, welche die Sache der Freiheit und Gleichheit auf ihre Fahnen geschrieben haben. Wo cs aber zum Kampfe zwischen freisinnigen Parteien kommt, da haben wir aus den nämlichen beiden Gründen uns auf die S e i t e der P a r t e i z u st e l l e n, welche die Begriffe F r e i h e i t u n d G I e i chtz e i t w e i t e r und uneingeschränkter a u f f a ß t, — es sei denn, daß sie dabei sich nicht scheut, einen größeren ausgesprochenen oder unausgesprochenen Antisemitismus zu pflegen, als die Gegenpartei. Es wird sich daher für die Nationaljuden im Einzelnen folgende Richtschnur ergeben: In Wien, in den Bezirken, in welchen nur die antisemitische und die liberale Partei gegenüberstehen, Anschluß an die letztere; in allen Bezirken aber, wo auch die demokratische Richtung Candidaten aufgestellt, muß unbedingt für diese, gegen die Antisemiten sowohl als gegen die Liberalen, eingetreten werden. Hiebei können nur die antinationale Tendenz dieser Partei übersehen. Wir Juden fassen das Nationalgefühl als Liebe zum eigenen Volke, nicht als Haß gegen das fremde auf; die Arier haben im Allgemeinen diese Auffassung nicht, daher mußten die Besseren unter ihnen, des ewigen Kampfes müde, die Idee der Menschenliebe zur Idee des Weltbürgerthumes machen. Da nun wir Nationaljuden einerseits kein weiteres Interesse an den fremden Nationalitäten als solchen haben, dagegen aber die jüdischen Princip i e n der G l e i ch h e i t u n d a l l g e-