Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 4 (16.2.1891)
- Date
- 1891-02-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Abonnements-Preise: (Zusendung inbegriffen) Für Desterreich'Ungarn ganzjährig fl. 4 „ Deutschland „ Mk. 8 „ Rußland „ Rbl. 4 „ die übrigen Länder „ Frcs (0 halb- und vicrteljährigeL Einzelne Eremplare 21 Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Dr. Siegrnnnd Elka». Chefredacteur: Dr. Nathan Birnbaum. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. | Redactton u. Administration: | II., Schrelgaffe Nr. 6. Sprechstunde: Täglich uoit (—2 Uhr Nachmittag». Wien, 1«. Februar 1891. IV. Jahrgang. Inhalt: A. E. I. O. u. — Zu den Rcichsrathswahlcn. — Die Wahl im Städtcwahlbezirke Kolomea-Buczacz-Snyatin. — Im Heimatland. V. — ^uclaea capta od. Israel' — aus Palästina. — O r i g i n a l - C o r r e s p o n d e n z e n: Wien. Wien. Berlin. Berlin. Odessa. Odessa. — Chronik. — Literarisches. — Belletristisches: David Alroy. — Cingesendet. — Corr. der Rcdaction. — Corr. derAdministration. — Inserate. Gesinnungsgenossen! Verbreitet die Selbst-Gmancipation! MT Die nächste Nummer erscheint am 2. März 1891. A. E. I. 0. U *) A. E. I. O. U. (Antisemitismus erit in Oesterreich ultimus) betitelt sich die neueste politische Ennnciation des Herrn Dr. Güd emann. Es stellt diese sozusagen den Hirtenbrief dar,, der vom Predigerthrone der Wiener Cultusgemeinde herab an die jüdische Wählerschaft erfließt, um sie darüber zu belehren, ivie rescrvirt alle jene nationalen Parteien, denen wir der verflossenen Reichsrathsperiode aufopferungsvoll Gefolgschaft geleistet, sich verhielten, wenn es unsere engeren Interessen, unseren Schutz galt. Soweit beruht Alles auf Thatsachen und ivir können Satz für Satz davon mit ruhigem Gewissen mitunterschreiben. Regierung, Majorität und Minorität — Polen, Czechen, Deutschliberale — sie alle haben sich für unS nicht sonderlich angestrengt. Warum es so war und nicht anders, warum man uns im Stiche ließ, da wir doch an allen Punkten für unsere sogenannten „Connationalen" ehrlich kämpften, selbst mit Hintansetzung unserer eigenen Interessen? - ist eben der natürliche Gang der österreichischen Politik. Jede der nationalen Parteien sucht rücksichtslos für sich und die ihrigen möglichst viele Vortheile zu erlangen — wie die Judenschaft bei diesem politischen Großhandel wegkommt, läßt sie unbekümmert; der Jude mag für sich selber sorgen. So stehen wir thatsächlich auf unserein uralten, traditionellen Standpunkte: Der Jude verlasse sich nur auf sich selbst, auf seine eigenen Kräfte — alles was darüber hinausgeht, ist eitel Dunst und Nebel. *) Die Initialen des bekannten Satzes: Austria erit in orbe ultima. (Österreich wird das letzte auf dem Erdkreise sein.) Diese.Buchstaben bilden die Überschrift eines in Nr. 6 der „Österreichischen Wochenschrift" vom 6. Februar d. I. veröffentlichten Leitartikels aus der Feder des Dr. Nt. Güdemann, und werden von diesem als Ansangsbuchstaben der Bariante „Antisemitismus erit „in Oesterreich ultimus- („Der Antisemitismus wird in Österreich am längsten währen"), ausgelegt. Darum kein Anschluß , an irgend eine nationale Partei, die unsere Selbstvernichtung oder auch nur Selbstverleugnung fordert, darum keine Verschmelzung mit jenen, die in der Roth uns nicht kennen, die nichts Besseres uns bieten, als wir haben, das Gute, das wir noch besitzen, aber wohl zu verwässern vermögen! Uns genügt die bloße Bundesgenoffenschaft jener und jenen die unsere. Wozu sich hierund dprt eindrängen wollen, da man sich mehr oder weniger deutlich gegen uns sträubt und da sich auch unser befferes „Ich" dagegen auflehnt!? Hierin stehen wir im grellsten Widerspruche zu dem politischen Bekenntnisse des Herrn Dr. Güdemann. Derselbe schreibt: „—Daß die Juden für sich selbst eine Nation sind oder sein wollen, das glaubt im Ernste kein Mensch. Sie sind eine Glaubensgenoffenschaft, und so wenig es eine katholische oder protestantische Nation gibt, so wenig gibt es eine jüdische." Nun wohl, wir können dem Herrn Doctor hunderte und aber hunderte Menschen nennen — a propos Menschen, die allgemein, auch vom streng ärztlichen Standpunkte, für ganz vernünftig gelten — die das im Ernste glauben, was der Herr Prediger der Wiener Cultusgemeinde so ernst nicht glaubt; ja noch mehr, wir können tausende und abertausende „israelitischer Religionsgenossen" namhaft machen, die jüdisches Stammesbewußtsein und jüdisches Nationalgefühl besitzen, für die die Sprache der Bibel, der Profeten, die Sprache Jehuda Halevy's, Gabirol's rc. nicht allein Sprache der „mosaischen Lithurgie" ist, für welche die Geschichte des jüdischen Volkes von der ältesten bis in die neueste Zeit einen gewissen eigenen Reiz hat, für welche schließlich auch ein unerschütterlicher Glaube an eine bessere Zukunft, an eine nationale Erlösung existirt. Freilich Juden dieser Art sind gar oft arme, unglückliche, manchmal auch unwissende Männer aus dem Volke, für die das »Iwri anochi* das ganze unverschuldete Leid, aber auch den ganzen Trost der Zukunft bildet. Jndeß, Herr Dr. Güdemann geht auch noch einige Schritte weiter. Er erklärt das jüdische Nationalbcwußtsein für eine Erfindung der — Judenfeinde, dazu bestimmt, das Judenthum anzuschwärzen!! „—Die Juden sind einmal eine Nation gewesen. Diesen Umstand machen die Antisemiten, indem sie einen Zeitraum von 2000 Jahren unterschlagen, sich zunutze, und sie verbreiten die Lüge, daß auch die heutigen Juden lediglich nationale Aspirationen und Sonderintereffen im Auge hätten." Nun, die Juden sind einmal eine Nation gewesen! Wann hat sich denn diese Nation in eine Religionsgenoffenschaft umgewandelt? Es sind nun etwa 200 Jahre, gewiß gegenüber 2000 Jahren eine sehr kurze Zeit, da ging eine gewaltige Bewegung durch die europäische Judenschast, mit der Richtung gegen Zion, so daß man ihr gewiß eine Beimengung nationalen Geistes nicht absprechen kann. Heinrich Oldenburg schreibt damals in der Sabbatai'schen Aera an Spinoza die sehr bezeichnenden Worte: In omnium ore hic est rumor de Israe litarum per plus quam bis mille annos dispersorum reditu in patriam. Pauci in hoc loco credunt et multi optan t.*) Und nun ad vocem „Antisemiten" ein offenes Wort! Der Antisemitismus behauptet die Fortexistenz des jüdischen Volkes als solches, auch wir behaupten dasselbe! Sollten wir etwa den Funken Wahrheit, den wir beim Feinde finden, deshalb zur Lüge stempeln, weil uns der Fundort nicht behagt? Erwächst etwa für den Antisemitismus, weil wir ihm als Volk und nicht als bloße Religionsgenossenschaft gegenüberftehen, die Berechtigung für seine Existenz, für *) In deutscher Übersetzung: „In aller Munde ist hier das Gerücht von der Rückkehr der seit mehr als 2000 Jahren zerstreuten Juden in ihr Vaterland. Hier glauben es wenige, aber viele wünschen es."