Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 3 (2.2.1891)
- Date
- 1891-02-02
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr . 3. Selbst-Emancipation. Seite 7. einer jüdischen Nationalsprache mit allen Mitteln zu bekämpfen und dem Volksfreund begreiflich zu macheu, daß er ein Volksfeind ist, indem er Grundsätze verbreitet, die für die Stellung, die Bildung, das Fortkoninien und das Wohl der Juden sehr schädlich sind." Wir haben über diese Auslassung, welche sich in keiner Weise über die üblichen seichten Phrasen des Assimilationjudcnthums erhebt, nichts zu sagen; aber wenn es dem Herrn Berichterstatter einfällt, den Nationaljuden aufdisputiren zu wollen, daß sie den jüdischen Jargon als Nationalsprache anstreben, so protestiren wir lebhaft gegen eine solche verleumderische Insinuation. Freilich sollten auch die national-jüdischen Blätter in Galizien deutlicher sprechen, damit solche Märchen gar nicht ausgeheckt werden können. Sie aber, Herr Berichterstatter der „Neuzeit", mögen getrost sein. Der Jargon gehört schon Ihnen, wie man in Wien sagt. Er paßt zu Euren Golus-Jdealen und zu Eurer lächerlichen Carricatur- Stellung unter den europäischen Völkern. Lernet deutsch und polnisch, soviel Ihr wollet; wenn Ihr kein nationales Bewußtsein, keine nationale Sprache (Hebräisch i), kein nationales Heim erwerbet, so werden Eure Nachkommen in hundert Jahren wieder mauscheln. C’est le Golous. — Ein anderer Korrespondent der „Neuzeit" — aus Krakau — eifert wieder gegen die dort erscheinende national-jüdische hebräische Zeitschrift „Ha'zman". Und der Grund? Das Blatt wagt es — horribile dictu — der „Baron Hirsch-Stiftung" einige Rathschläge im Interesse der jüdischen Erziehung der Kinder zu geben; denr Herrn Berichterstatter ist also der „Ha'zuian" nicht byzantinisch genug. (Aus Rumänien.) Der Bukarester Universitätsprofessor Sä)cincanu nmrdc niit seinem Gesuche um Verleihung des Staatsbürgerrechtes (welches bekanntlich sehr wenige rumänische Juden besitzen, trotzdem sie militärpflichtig sind) abgewiesen. Derselbe Scheineanu hatte, wie wir bereits gemeldet, antisemitische Studentcndemonstrationcn zu erdulden. (Todesfälle.) Am 7. Schewät (15. Jänner) , d. I. starb der Rabbiner von Lemberg, R. Jsak Ahro» Ettinger. Rabbiner Ettinger wurde vor drei Jahren nach dem Tode seines Vorgängers Qrnstein einstimmig zum Rabbiner gewählt. Er zeichnete sich durch großes talmudisches Wissen und Mäßigung aus. Sein Andenken sei zum Segen! — Der Rabbiner von Jungbunzlau, Herr Dr. M- Grünwald, ein Freund unseres Blattes, hat einen schweren Verlust erlitten; am 20. Jänner , d. I. starb nämlich dessen durch echt jüdische Tugenden ausgezeichnete Gattin. Literarisches. Moritz Spanier, Quellenbuch für den Unter richt in jüdischer Geschichte und Litteratur; bei I. Kauffmann. Frankfurt a. Nt. 1890. 8'. 139 S. brach. Sicher ist es, daß derjenige, welcher es sich als Aufgabe gestellt hat, dem Judenthume seine Kräfte zu weihen, in erster Linie darauf bedacht sein muß, daß der Heranwachsenden Jugend den Weg zur hebräischen Sprache, der Pfad zur jüdischen Wissenschaft gebahnt werde. Jedes Hilfsmittel, das dann geboten wird, ist willkommen. In diesem Sinne begrüßen wir das Quellenbnch und hegen die feste Ueberzeugung, daß es als Lesebuch neben dem „Leitfaden der Geschichte" benutzt, und vom großem Segen sein wird. Um sein Volk zu verstehen, muß man die Geschichte desselben verstehen' Leider, so müssen wir bekennen, ist das Buch noch etwas dürftig ausgefallen: nicht etwa daß die Auswahl der Lesestücke zu tadeln wäre, wohl aber, daß es kaum mehr als Proben aus 20 Autoren enthält. Neben einem Süßkind von Trimberg hätte wohl auch ein Spinoza ein Plätzchen finden können; und ebenso vermissen wir noch manch' einen Heros des jüdischen Volkes, der hebräischen Literatur. Es würde sicher das Buch eher ein unteilbares Ganze als eine Chrestomathie geworden sein, wenn Verfasser hauptsächlich Stücke historischen Inhaltes ausgewählt hätte. Es hätten von manchen Stücken, auch die hebräischen Texte gegeben werden sollen. Denn es würde dem Buche keineswegs zum Schaden gereicht haben, wenn cs etwa den dreifachen Raum einnehmen würde. Aber auch in der Gestalt, in welcher uns dieses Büchlein vorlicgt, ist es in jeder Weise gceigt, Kindern und jungen Leuten in die Hand gegeben zu werden; denn fast aus jedem Worte weht uns ein echt jüdischer Odem entgegen.*) Das Nationaljudenthum darf ohne Scheu die jüdische Geschichte seine Amnie nennen. Die Kenntnis der jüdischen Geschichte wird unsere Idee in immer weitere Kreisen tragen und der herrlichste und wirksamste Apostel der Nationalidee ist der greise Graetz. Aber noch auf ein anderes, nicht minder wichtiges Mittel möchten wir aufmerksam machen, das sicher nicht verfehlen wird, schon in unsere kleineren Kinder den Zionsgedanken zn pflanzen. Wir meinen nämlich: „Die Geschichte dem Kuaben, dem Kinde des Märchen! Es fehlt uns an einem national-jüdischen Märchenbuche in hochdeutscher Sprache für unsere Kleinen. Ebenso wie Schwab's „Deutsche Volksbücher" und Grimm's „Volksmärchen" nicht ohne Einfluß geblieben sind auf die nationale Richtung des deutschen Volkes, so würde ein jüdisches Märchenbuch schon in dem kleinsten Herzchen ein Feuer entfachen, das nie erlöschen wird. Ein einziges jüdisches Märchenbuch wird mehr für das Judcnthum erreichen als 20 Vereine zur Bckämpfuug der Antisemiten. Lazarus Goldschmidt. D i m a t h Zion (Lacrima Sionis) Berlin 1891. Ein kleines, prachtvoll ausgestattetes Heftchen, enthaltend acht hebräische Gedichte nationalen Inhaltes, welche sich ebenso durch ihre echt poetische Empfindung, als ihre wundervolle Sprache und Form auszeichnen. Kein Zionsfreund und Kenner hebräischer Poesie verabsäume, dieses schöne Büchlein sich anzuschaffen. „Gedenkblätter zur Erinnerung an Dr. M. Joel". Verlag von Jacobsohn und Comp, in Breslau. Die schön ausgestattete Schrift enthält außer einer kurzen Biographie des Verstorbenen die anläßlich der Leichen- und Trauerfeierlichkeiten gehaltenen Reden, tlnd schließlich einen Aufsatz des Dr. Bloch in Posen über die literarische Thätigkeit Joels. *) Sp. hat einen überaus glücklichen Griff gethan, als er seinem Lescbuche aus H. Graetz's nationaler Geschichte der Juden die Vorrede zum vierten Bande, eine Perle unserer nationalen Litteratur, einverleibte. Er hat sich dadurch des Dankes aller Nationaljuden versichert! Belletristisches. David Mroy. Von Benjamin d'JSraeli, Lord of Beaconsfield. (t0. Fortsetzung.) „Die Wahrheit ist immer sieghaft!" rief Honain „Jüngling, der Ring ist Dein; und für Dich. Du Schurke, Lügner, Dieb und Verleumder! für Dich . . die Bastonade, die Du diesem unschuldigen jungen Mann zudachtest. Ibrahim, besorge, daß er fünfhundert bekommt. Junger Pilger, Du bist nicht mehr verlassen nnd freundlos. Folge mir in meinen Palast."- Das gewölbte Gemach war sehr geräumig und von den schönsten Verhältnissen. Die Decke, mit grünem Tafelwerk ausgelegt und silbernen Sternen besät, ruhte auf verbundenen Säulen von weißem und grünem Marmor. Aus der Mitte eines gewürfelten Fußbodens vou demselben Gestein sprang eine Fontaiue empor, und der Wasserstrahl fiel in ein grünes Porphyrbaffin zurück. Auf einer silbernen Lagerstätte neben dem Brunnen ruhte Honain Er erhob seine Augen von der buntbemalten Pergamentrolle, auf welche er lange geblickt hatte. schlug in die Hände, ein nubischer Sklave nahte sich ihm, kreuzte die Arme über die Brust, und beugte sich schweigend vor seinem Gebieter. „Wie geht es bem hebräischen Jünglinge, Alnaschar?" „Herr, das Fieber ist nicht wieder gekommen. Wir gaben ihm den Trank; er schlummerte mehrere Stunden lang und ist nun erwacht, matt aber wohl. „Laß ihn aufstehen und hieherkommcn." Der Nubier verschwand. „Nichts ist doch sonderbarer als Sympathie," sprach der Arzt des Kalifen nachdcnkend>zu sich selbst, „alles löset sich in dieses Princip auf, und ich muß gestehen, daß dieser Gelehrte es sehr gründlich und gut behandelt Ein geistreicher Mann und eine gewandte Feder! Aber er klügelt zu sehr. Er ist zu scholastisch. Beobachtungen können uns mehr belehren, als Dogmen. Im 'Nachdenken über meine leidenschaftliche Jugend lernte ich Weisheit. Ich habe so viel gesehen, daß ich mich zu wundern aufgehört habe. Mögen wirs bezweifeln wie wir wollen, er gibt doch ein Geheimnis, das wir nicht zu durchdringen vermögen. Und doch liegt eS uns nahe. Ich glaube, manchmal, ein Schritt, nur noch ein einziger Schritt, und wir stehen im Lichte!" ... Da kommt mein Kranker. Die Röthe ist von seiner Wange geschwunden, und sein tiefes Auge ist matt und schwermuthsvoll. Und doch ist's ein edles Antlitz! . . . Nachdenken thront und Leidenschaft lauscht in diesen ermatteten Blicken. Mich zieht, ich weiß nicht, wie es zugcht, ein gewaltiger Zug zu diesem verlaßenen Jünglinge .... Lieber Fremdling, wie geht es Dir?" „Sehr wohl, o Herr! Ich komme, um Dir für Deine viele Güte zu danken. Aber nur Worte sind mein Dank, und diese noch schwach. Doch ist der Segen der Waise ein Schatz." „Ihr seid also ein Waise?" „Ich habe keine Eltern mehr als den Gott meiner Väter." „Und dieser Gott ist?" „Der Gott Israels." „Das glaubte ich. Er ist eine Gottheit, die wir alle verehren müssen, wenn er der große Schöpfer ist, dem wir alles verdanken." „Er ist was er ist, und wir sind was wir sind .. ein gefallenes Volk, aber doch noch gläubig." „Glauben ist Kraft." „Deine Worte sind Wahrheit, und Kraft muß „Eine Prophezeiung!" „Mancher Prophet wird gering geachtet, bis die Zukunft seine wahre Begeisterung beweiset." „Ihr seid jung und hoffnungsvoll." „Das war mein Vorfahr auch im Thale von Elah. Doch ich spreche mit einem Muselmanne, und er ist also Thorheit." „Ich habe vieles gelesen, und verstehe Euch also recht wohl. Was mich betrifft, so glaube ich an die Wahrheit und wünsche, alle Menschen thäten dasselbe. Doch möchte ich wohl gern den Namen dessen wissen, der jetzt zu meinem Hause gehört." „Man nennt mich David." „David, Ihr besitzt einen Ring, einen Smaragd, in welchem settsame Charaktere eingegraben sind; hebräische, wie ich glanbe." „Hier ist er." „Ein schöner Stein und diese Inschrift heißt?" „Etwas ganz einfaches: Gettennt aber Ein s Das theuere Andenken eines liebenden Bruders." „Eures Bruders?" „Ich hatte nie einen Bruder." ,,Jch habe eine große Neigung zu diesem Ringe. Ihr besinnt Euch. Seht Euch um in meinem Palaste, und wählet Euch zur Vergeltung für ihn, was Ihr nur wollt." „Edler Herr! der Stein hat nur geringen Werth; wäre er aber auch so kostbar, daß er auf der Sttrn des Kalifen glänzen dürste, er wäre nur eine schlechte Vergeltung für all' Eure Güte gegen mich. Dieser Ring ist aber mehr ein anverttautes Unterpfand als ein Be»