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Selbst-Emancipation · 1891-02-02 · Heft 3 (2.2.1891) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 3 (2.2.1891)
Date
1891-02-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. S e l b st - E m a n c i p a t i o n. Nr. 3. Dr. Fcnnhagen, und cm Berliner Banquier soll eine bedeutende Summe zur Gründung eines Parteiorganes zugcsichert haben. — In Königsberg sind neuerlich Ausweisungen verschiedener russisch-polnischer Juden verfüg! worden, was umsomehr Aufsehen erregt, als dieselben erfolgen, nachdem für die Landwirthc die Annahme polnischer Arbeiter wieder gestattet worden ist. ES scheint, daß also doch ein Unterschied zwischen Polen und polnischen Juden gemacht wird. — Vom deutschen Rabbinervcrbande wurde für den „Seder-Abcnd" eine neue deutsche „Hagada", welche neben der alten hebräischen in Anwendung kommen soll, decretirt. Just in diesem Momente das größte Bedürfniß der Judenheit! — Bei Besprechung der Gründung des von Christen ins Leben gerufenen „Vereines zur Abwehr des Antisemitismus" sagt die „Allg. Zeitung des Judenthums" unter Anderm: „Der Anti.semitismus hat n o ch n i ch t a u s g e s p i e l t! Es beginnt jetzt erst die zweite Hälfte jenes Trauerspiels; auf den lärmenden folgt erst der stille Antisemitismus, ' auf die wüste Hetze die systematische Agitation. Der Antisemitismus wird nunmehr von der Straße ins Haus verpflanzt' vom Parlament in das Dorf, von der Kanzel in das WirthshauS, von den Studenten zu den Bauern, und es ist kein Zweifel, daß diese Enttvicklung des Antisemitismus gefährlicher und vcrhängnißvoller ist als die erste, deren Ende wir schon erlebt haben." (Früchte der Assimilation.) Wie wir aus verläßlicher Quelle erfahren, ist der Sohn des berühmten Dichters Ludwig August Frankl, Dr. Bruno vou Frankl - Hochwart, vor nicht langer Zeit zum Christenthume übcrgctrcten. Wir haben keinen Grund, diese Thatsache zu vertuschen; wir ziehen sic aber auch nicht ans Tageslicht, um irgend einer Person nahe zu treten. Der Getaufte ist für uns nicht mehr und nicht Ivcniger als alle anderen Getauften, sein Vater wiederum ist uns ein Bedauernswerter, der schwer genug geprüft sein mag und dem wir nichts Nachträgen. Aber daS Affimilationsprincip machen wir vcranttvortlich, das zu solchen Consequcnzen führen mußte. Der Sohn eines jüdischen Dichters, der noch für Zion, wenn auch nicht mehr strebt, Io doch noch warmherzig empfinden kann, — getauft! Das zeigt wohl am besten, wie sehr jene irren, die das Judenthuui entnationalisiren und doch erhalten möchten. Die Geister, die sie gerufen, können sie dann nimmer los werden. (Zur Wiederbelebung der hebräische» Spräche.) Der „Hamagid" veröffentlicht folgende Corrcspondenz aus Jaffa: „Herr Redakteur: Ich schicke Ihnen inliegend einige in hebräischer Sprache von palästinensischen Colonistentöchtcrn geschriebene Briefe. Es ist ivohl in denselben nicht viel Neues enthalten, und der Leser wird in ihnen nichts Wichtiges finden, aber sie sind meiner Meinung nach geeignet, unseren Mädchen und vielleicht auch vielen unserer Jünglinge, welche die hebräische Sprache von sich werfen, zum Beispiel zu dienen. Diese Briefe werden beweisen, daß die hebräische Sprache im Munde der hebräischen Kinder auf hebräischer Erde lebt; sie werden zeigen, daß unsere Sprache in den kleinen Kindern, welche ihr Volk, ihre Sprache und ihr Land lieben, eine Zukunft hat. Ich hoffe, daß Sie, geehrter Herr Redacteur, diesen Briefen im „Hamagid" Raum gewähren werden." Und nun folgen vier solche Schreiben. Es sind allerliebste Federleistungen von gewiß ebenso allerliebsten Mädchen. Rachel Neumann und Michal Laskowsky, welche mit Stolz zu ihrem Namen die Bezeichnung „Schülerin der Schule in Ekron" setzen, theilen jede ihrer gemeinsamen Freundin Nechamah Ossawetzky in Sichron Jakob ihre Erlebnisse mit, und Nechamah antwortet ihrerseits den beiden Freundinnen. Gesagt muß werden, daß das Hebräisch in diesen Briefen ein überraschend gutes ist. — Seit einigen Mouaten besteht in Suwalki (stkußland) eine „Saphah Berurah". Jeden Samstag Abend versammeln sich einige hundert Männer — Fortschrittler und Orthodoxe — in dem von Herrn Marksohn zur Verfügung gestellten Saale, um den hebräischen Vorträgen und der hebräischen Conversation zu lauschen.— In Rossian (Rußland) hat sich ein hebräischer Sprechverein aus Mädchen „Bnoth Zion Saphah Berurah" gebildet. Derselbe zählt gegenwärtig 40 Mitglieder, doch wächst die Mitgliederzahl von Tag zu Tag. Gründerin ist Fräulein N. Lapidothsohu. Seit einem Monate haben die Mädchen schon bedeutende Fortschritte gemacht; den Unterricht ertheilen dreimal wöchentlich die Herren Albert Mankowsky und A. S. Sachs. Große Verdienste um den Verein hat sich auch die Secretärin der „Bnoth Zion" in Wilna, das ungemein eifrige Fräulein Mirjam. Salkind, erworben. („Schwärmerische Köpfe".) Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" in Berlin nennt sich „ein unparteiisches Organ für alles jüdische Jnteresie". Wir können auch nicht sagen, daß diese gediegene von Dr. Philippsohn gegründete Zeitschrift bisher diesem ihrem selbstgewählten Titel zuwieder gehandelt hätte, wenn sic auch mehr nach der Seite der Asiimilation hinneigte« Die Correspondcnz aus London aber, welche sic in ihrer letzten Nummer abdruckte, stimmt wenig zu der bisher so behutsam gewahrten Unparteilichkeit. Irgend ein vcrbisiener Antizionist au der Themse fällt in dem erwähnten Bericht über den Oberstlieutenant Goldshmid, denn er zu de» „schwärmerischen Köpfen" rechnet, her, weil er es gewagt hatte, in einer Londoner jüdischen Versammlung seine Stammesgciiosscn zur Colonisation Palästinas aufzufordern. „Italien hat Rom wieder gewonnen, warum sollten wir Palästina nicht gewinnen, statt uns damit zu begnügen, von den Völkern, unter denen mir leben, nur geduldet zu werden." Diese Worte des Oberstlieutcnants Goldshmid, des eingeborenen und zu hoher militärischer Würde emporgestiegcnen englischen Juden haben das Mißfallen des eingewandertcn, naseweisen deutsche» Juden erregt, der mit den allzu albernen Worten schließt: „Wunderbar bleibt cs uns nach diesen Ausführungen nur, daß Herr Colonel Gold-« shmid noch in England statt unter den Colonistcn Palästinas weilt." Gewiß nur, um solchen nach dem „ruhigen Engiand" aus Deutschland importirten Assimilationsschwätzern das Handwerk zu lege», — glauben wir. (Vermischtes aus Palästina.) Seitens holländischer Juden ist Herr Dr. Wallach als Armenarzt nach Jerusalem geschickt ivorden und daselbst bereits cingctroffen. Er wird seine Thätigkeit im Innern der Stadt entfalten, währcnd der, tvie bereits von unserem Blatte gemeldet, vom Verein „Lcmaan Zion" cngagirte Armenarzt, Herr Dr. Feuchtivanger, mehr in der Umgebung der Stadt wirksam ist. Diese Institution der Armenärzte kann aus rein humanen Gründen, soivie mit Rücksicht darauf, daß hiedurch den Miffionsärztcn das Handiverk gelegt ivird, nicht genug gelobt werden. — Der bekannte Schriftsteller, Herr A. M. Luncz, hat in allen Straßen Jerusalems Plakate affigiren lassen des Inhalts: „Jeder Jude, ob Aschkenasi, Spaniole, Moghrebiner, Temanite oder Grusiner, welcher um l/4 Medschidie (1 Mark) pro Tag arbeiten will, findet Arbeit in den Colonien unserer Brüder in der Umgebung von Jaffa." Es haben sich bereits 30 Leute beim Executiwcomitä in Jaffa gemeldet, und sind von diesein nach Rechowoth (Duran) beordert worden. Es sind dies meistens grusinische Juden. — Der Bau der Eisenbahn Jaffa-Jerusalem hatte einige. .Monate hiedurch geruht. Es hatten sich viele Hindernisse eingestellt, namentlich Arbeitermangel, da die Arbeitskräfte beim Feldbau Beschäftigung fanden. Nun sind die Bahnarbeiten wieder ausgenommen worden. — Nischon le Zion nimmt, wie dies bei Colonien, welche dem Weinbau obliegen, vorauszuschen ivar, immer mehr den Charakter einer Stadt an. — In Jerusalem nimmt die Bewegung behufs Erwerb von Haus und Grundbesitz unter den Juden immer mehr zu. Der zu diesem Zwecke gegründete Verein „Elef Schearim" zählt bereits tausend Mitglieder. Ein zweiter, nach demselben ins Leben gerufene Verein „Nachlath Jacob " zählt 500 Mitglieder, von denen jedes um 80 Francs vier Dunam Erde sammt Brunnen erhält. — Dr. Alexander Klein, gewesener Präsident der „Bnej Zion" in Paris, der seine medicinischen Studien in der französischen Hauptstadt vollendet hat, ist in „Sichron Jacob" angelangt. (Für die Colonisation Palästinas.) In San-Francisco (Nordaincrika) ist ein Verein von „Zionsfrcunden" gegründet worden. — In Bialystock (Rußland) ist vor Kurzem Herr Rechtsanwalt Masc aus Moskau auf seiner Durchreise nach Palästina angekommen. Er hatte mit dem Rabbiner der Stadt, dem bekannten Nestor der Zionsfrcnndc, stk. Samuel Mohilivcr, eine längere Besprechung. Freitag abends, den 9. Jänner d. I. hielt er in der Synagoge einen zwei Stunden währenden geistvollen und zündenden Vortrag über die Colonisation Palästinas in russischer Sprache. — In Boston (Nordamerika) haben die beiden Palästina-Vereine „Chowaive Zion" (Zions-Freunde) und „Bnoth Zion" (Zions-Töchter) einen Abend veranstaltet, der eine glänzende Einnahme aufwies. — Im russisch-deutsch-wissenschaftlichen Vereins in Berlin hielt Herr Dr. Hirsch Hildesheimer, Rcdactcur der „Jüdischen Presse" einen Vortrag, . der sich „Eine Wanderung durch Palästina" betitelte. — Die „Chowawe Zion" in New-Uork werden demnächst eine Strecke Landes in Palästina ankaufen. Der Verein erließ eine Bekanntmachung, daß Jedermann gegen Anzahlung von 20 Perccnt des gezeichneten Betrages an dem Unternehmen sich betheiligen könne. (Auf dcrLiindersnche.)Die von Baron Hirsch nach Südamerika in Sachen scines Colonisationsprojectcs entsendete Cominisiion hat, wie wir schon in voriger Nuininer berichteten, ihre Absichten von Argentinien, wo sie nichts richteten, auf Uruguay übertragen. Aber auch da setzte sie nichts durch und will nun ihr Glück in Brasilien versuchen. Vom Argentinier entwirft übrigens ein Korrespondent des „Hajoetz", den wir schon einmal citirtcn, folgende vielversprechende Charactcristik: „Der Argentinier ist kein Ackerbauer, kein Handelsmann, kein Handwerker. Er ist, tvie sein Vetter, der Spanier, stolz, rachsüchtig, grausam und ungemein verschwenderisch. Der Argentinier ist jederzeit ebenso bereit, Revoluttonen zu machen, wie ein rumänischer Jude einen Ball zu veranstalten." So ähnlich dürften übrigens auch die Leute in Uruguay und Brasilien sein. Als ob die Juden noch zu wenig die spanische Liebenswürdigkeit gekostet hätten! („Jüdische Juden".) Die neue jüdisch-nationale Jargonzeitung „Der Volkssreund" in Kolomea verlangt, daß die Juden aufhören sollen, sich jüdische Franzosen oder jüdische Russen zu nennen, sondern überall „jüdrsche Juden" sein müssen. Diese Aeußerung des „Volksfreundes" bringt einen Korrespondenten der Wiener „Neuzeit" schrecklich in Harnisch. Er sagt: „Es ist die Pflicht aller besser gesinnten Juden in Galizien, diese Proclamirung einer jüdischen Rattonalität und

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