Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 3 (2.2.1891)
- Date
- 1891-02-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 3. Selbst-Emancipation. wieder verlangen, daß unsere Colonisten aus Rußland nicht größere Patrioten sind, als die evangelischen Deutschen in ihren Colonien, die sämmtlich türkische Unterthanen geworden sind. Was aber den rnssisch-jüdisch-wissenschaftlichen Verein betrifft, so dürfte cs von großem Interesse für die geschätzten Leser der „S.-E." sein, einiges Nähere aus seiner Geschichte zu erfahren. Er wurde im Decrmber 1888 unter dem Namen „Russischer Verein" gegründet. Man war so „russisch", daß man einen Ball, um nur nicht jüdisch zu sein, nicht am Purim, sondern am Tage daraus abhielt, wo sich denn zu Aller Entsetzen herausstellte, daß es doch ein jüdisches Fest, nämlich Schuschan-Purim sei. Im Laufe der Zeit spaltete sich der Verein in zwei, wenn wir sagen dürfen, Tanzgesellschaften, von denen die eine, der „russische Cirkel", nach kurzer Zeit zu Grunde ging. Die andere Hälfte unter dem Namen „Russisch-jüdischer Verein" war ebenfalls allmählich so weit gesunken, daß sie auch eigentlich nur zwei ordentliche Mitglieder hatte. Da trat eine Anzahl für ihr Volk begeisterter an hiesiger Universität studirender junger Leute ein und flößten dem absterbcnden Organismus neue Säfte und Kräfte ein. Aus der russischen Tanzgesellschaft wurde ein jüdischer Verein im besten Sinne des Wortes. Zwar versuchte man noch mehrere Male den Verein zu sprengen; aber die Macht der Idee, deren Flamme in den Herzen der Mitglieder lodert, hat alle Eingriffe zu Schanden gemacht, so daß einige, die zu jenem Zwecke eintreten, jetzt die eifrigsten und besten Mitglieder der Vereinigung sind. Der Verein zählt jetzt über 50 ordentliche Mitglieder, hat eine Lesehalle und ein Local in der Hauptstraße (Friedrichstraße Nr. 111) Berlins. Dasjenige aber, was am Anerkennensiverthesten ist, ist das, daß der Ton iin Verein ein so feiner und bei aller Begeisterung für unsere heilige Sache ein so ruhiger ist, daß sogar viele nichtnationale deutsche Juden gern zu den „Russen" gehen, um dort ein gcmüthliches Stündchen zu verbringen. Und schon mancher, der als Gegner unserer Sache dorthin gekommen ist, ging als eifriger Anhänger derselben wieder von dannen. Wer eben hier in Berlin für unsere nationale Sache eintreten will, muß sich mit dem „russischen" Vereine in eine gewisse Verbindung setzen. Aber so wichtig nun auch letzterer ist besonders für die Landmannschaft, so ersetzt er uns doch nicht eine allgemein jüdisch-nationale Vereinigung. Zwar gibt es hier einen Verein noe> ’aan, zwar hat man hier innerhalb der Hörerschaft des Hildesheimerschen orthodoxen Rabbiner-Seminars einen Verein mm rißt» gegründet, der schon etiva 16 Mitglieder zählt, aber in diesen Körperschaften tritt doch das wissenschaftliche Interesse so in den Vordergrund, daß die das Judenthum bewegendendeu Fragen kaum zur Sprache kommen können. Es fehlt uns eben eine „Kadimah". Berlin ist gewiß kein ungünstigerer Boden für die nationale Saat, vielleicht, ja wahrscheinlich fruchtbarer als Wien; aber ein Sammelpunkt, eine Centralstelle für unsere Bestrebungen fehlt noch. Gar mancher junge Studiosus würde sich mit Freuden der Zionsidee in die Arnie werfen, wenn sie es wagte, sich ani schwarzen Brette der Universität sehen zu lassen. Zwar fehlt uns als Gründer einer Kadimah ein Peter Smolensky, aber dafür sind hier, beziehungsweise in Charlottenburg, mindestens 150 Studenten, welche die jüdisch-nationale Fahne emporhalten. Wir glauben daher keinen Fehlschuß zu thun, wenn wir der Meinung sind, daß sich alle zionistischen Elemente an der Berliner Universität, ohne Rücksicht auf die religiösen. Anschauungen der Einzelnen zusammenscharen mögen, um einen „Akademischen Verein Kadimah in Berlin" zu begründen. Der Verein muß mit Ausschluß jeder politischen oder religiösen Tendenz nur die Hebung der jüdisch-nationalen Idee und das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit All-Israels im Auge haben. Wenn sich die Studenten der Hochschule mit denen des Seminars, die galizischen und deutschen und ruffischen Elemente zu einem solchen Unternehmen zusammenfinden sollten, dann ist ein großer Theil der deutsch-jüdischen Studentenschaft, und damit zugleich des deutschen Judenthums überhaupt für die Zionsidee gewonnen. Cornilitonen in Berlin, gründet einen „akademischen Verein „Kadimah"! Magdeburg, den 2. Schewat 5651. (11. Januar 1891.) Die Taktik unserer liberalen Presse ist derart, daß sie stets die Ausbreitung des Antisemitismus energisch ableugnet. Ohne darauf hinzuweisen, daß schon die Gründung innner neuer Vereine zu seiner Bekämpfung seine große Ausbreitung. bezeugt, möchten wir hier eine kleine Noti; zur Illustration der Taktik der liberalen Presse hinzufügen. Im Jahre 1846 waren es die Abgeordneten der Stadt Magdeburg, die in der Ständeversammlung des Königreichs Preußen die Judenemancipation beantragten. Damals wurde dieser Antrag mit allen gegen ihre Stimmen abgelehnt. Das war die freisinnige Stadt Magdeburg. Vor Kurzen nun wurde in eben dieser Stadt Magdeburg, vom Prof. Paulsiek an dem von ihm geleiteten von etwa 1000 Schülern besuchten Realgymnasium die überaus int ressante Entdeckung gemacht, daß sich unter den Gymnasiasten eine Verbindung zur Bekämpfung des Judenthums gebildet habe, — also ein antisemitischer Verein, dessen Mitglieder in dem Alter von 11 bis 20 Jahren standen. Die Sache war, obwohl ein so großer Theil der Schüler aller Classen an dem Verein theilgenommen, so geheim und so geschickt in's Werk gesetzt, daß nur ein Zufall sie an's Licht förderte. Kein einziges jüdisches Blatt hat davon Notiz genommen. Rußland. Kischin eff, den 27. Januar 1891. Ein Brief aus Odessa bringt uns folgende, für den Odcssaer Verein zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina, günstige Nachricht. Bekanntlich belegte der Odeflaer Sadtverwalter, Herr Zeliony, als er gewahr wurde, daß die Leiter des Vereines bestimmten Personen in anderen Städten die Vollmacht zum Jncasso gegeben hatten, diese Mitglieder mit Geldstrafen. 3 derselben mußten 500 und 2 je 300 Rubel bezahlen. Nun hat das Ministerium über RecurS den Stadtverwaltcr beauftragt, die Strafgelder zurückzuerstatten. Feinberg Dorpat, den 17. Jänner 1891. Die Lage der Juden in Rußland verschärft sich immer inehr und mehr. Auch hier in Dorpat läßt sich dies leicht erkennen. Jeder Semesteranfang resp. die Zeit der Aufnahme neuer Studirender ist die für die jüdische Jugend qualvollste, sie bringt immer etwas entsetzliches und befestigt den Gedanken, daß die Zukunft gar wenig Gutes verspricht. Auch in diesem Semester wird es wahrscheinlich nicht an Opfern fehlen. Schon heute fertigte der Reeler magnificus einen Studenten kurz ab. Es handelte sich nämlich um einen jungen Mann, der das Studium der Philosophie an der Universität zu St. Petersburg absolvirt, den Grad eines cand. phü. erlangt hat und sich jetzt in Dorpat dem Studium der Mediein widmen möchte. Auf seine Anfrage, ob seine Aufnahme möglich sei, bekam er, trotz der Anordnung des Ministers, laut welcher diejenigen Juden, die einen akademischen Grad erlangt haben und das Studium fortzusetzen wünschen, ohneweiters von den Universitäten aufzunehmen seien, die kurze Antwort: „Ich nehme keine Juden auf." — Auch circuliren hier Gerüchte, daß besondere Polizei-Maßregeln bezüglich der Ausweisung der Juden aus Dorpat getroffen werden sollen. 8. W. (Lhronik. (Aus Rußland.) Dem „Jewish Chronicle" wird aus Petersburg über den Eindruck berichtet, welchen das Guildhall-Meeting dort hervorgebracht hat. Der Zar selbst soll die Kunde von demselben höchst erregt ausgenommen haben. Ju dem Berichte heißt es auch unter Anderem: „Die Juden zittern und beten, daß er (der Protest) wenigstens ihre Lage nicht noch verschlimmern möge." — Wie über London gemeldet wird, ist das Inkrafttreten der neuen russischen Gesetze gegen die Juden auf Befehl des Zaren auf drei Jahre verschoben worden. Anlaß zu dieser Verschiebung habe der Finanzminister aus finanzpolitischen Gründen gegeben. — Der „Times" wird per Draht gemeldet: „Man hat uns mitgetheilt, daß der russische Justizminister Manassein in einem vertraulichen Circuläre den Richtern und kaiserlichen Staatsanwälten anbefohlen hat, in Zukunft keine Juden mehr als Rechtsanwälte einschreiben zu lassen. Jüdische Rechtsamvälte, welche schon in Petersburg, Moskau und anderen größeren Städten practiciren, sollen — demnächst einen Ausweisungsbefehl erhalten. In einem mir von einem Moskauer Anwalt gezeigten Briefe heißt es, daß der Minister sich durch eine jüngst auf einer Generalversammlung der Moskauer Anwälte gefaßte Resolution zur Erlassung des Circulärs hat bejtimmen lassen, weil die Zulassung der Juden zu dem Advokatenstande einen schädlichen Einfluß auf die Rechtspflege übe. — Wie das „Nowoje Wremja" hört, hat der Senat die Frage, ob die Juden berechtigt sein sollen, überall in einer Entfernung von fünf Werft von der westlichen Landesgrenze unbewegliches Eige n thum zu erwerben oder nur im Weichbilde jener Städte und Flecken, wo sie vor dem 27. August 1858 eingeschrieben waren, dahin entschieden, daß dieselben nur im Weichbilde der vorbezeichneten Städte und Flecken unbewegliches Eigenthum erwerben dürfen. <Aus Deutschland.) Aus WoruiS und Gießen werden von Corpsstudenten inscenirte grobe Judenscandale gemeldet. — Der neue deutsche Bolksschulgejetzentwurf enthält nach der durch die zur Berathung derselben eingesetzte Commission vorgenommenen Aenderung die Bestimmung: „Grundsätzlich soll kein Kind, welches einer vom Staate anerkannten Religionsgesellschaft angehört, ohne den Religionsunterricht durch einen Lehrer seines Bekenntnisses bleiben." Gegen diese Fassung der betreffenden Bestimmung sprechen sich in Petitionen an die genannte Commission sowohl der deutsch-israelitische Gemeindebund und der deutsche Rabbinerverband mit der Motivirung aus, daß nach der allgemein angenommenen Teominologie unter „anerkannter Religion" lediglich die evangelische und die katholische Confeffion zu verstehen sei, während die jüdische Religion akS eine „concessionirt - geduldete" betrachtet werde. — Dem Stöcker'schen „Voll" zufolge wird demnächst eine neue, die „socialdemokratisch-antisemitischo Partei" in Erscheinung treten. An ihrer Spitze steht