Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 3 (2.2.1891)
- Date
- 1891-02-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Selbst-Emancipatiou. Er schildert ihn folgendermaßen: „Stellen Sie sich vor einen Juden, bei dem nach Maßgabe seiner höheren Jntelligcnzstufe auch die Anhänglichkeit an das Land wachse, der dessen Freud und Leid zu theilen erlernt, dessen geschichtliche Vergangenheit lieb gewonnen hat, aber auch die Traditionen seines Stammes nicht verachtet, und voll Verehrung die religiösen Gefühle und das Andenken an das Märtyrcrthum der jüdischen Nation, die in Polen gastfreundliche Ausnahme gefunden, in seinem Busen hegt, nehmen Sie einen Juden, der aus der ganzen occidentalen Cultur einen Nutzen zu ziehen weiß, aber trotzdem an seiner nationalen^) Literatur voll Kinderliebe hängt, und stets zur Aufopferung im Namen der nationalen* *) Ideale Bereit1 ist, wie vor 30 Jahren die Warschauer Juden,s) fassen Sie all' dies zusammen und Sie bekonimen einen „polnischen Juden", wie ihn unsere Gesellschaft haben will und welchem dieselbe brüderliche Liebe und nicht Verachtung oder Hass entgegenbringen würde." Ja, es wäre so schön! Ob sich aber ein solches Ideal finden ließe, dies zieht Herr Dr. Daniel in Zweifel und — wir bezweifeln es ebenfalls. Schon die ganze Zusammenstellung ist eine rein phantastische, eine den concret bestehenden Verhältnissen widersprechende; denn entweder ist der Jude nicht gebildet, dann kann von einer Kenntniß, geschweige denn von einem Liebgewinnen der polnischen Literatur, von einer Begeisterung fürnationale Ideale, die ihm unbekannt sind, keine Rede sein, oder wir finden zwar eine kindliche Liebe zur polnisch-nationalen Literatur, ein Sichanklammern an die polnisch-nationale Vergan- ' genheit, aber dafür eine totale Bornirtheit und Unwissenheit auf jüdischein Gebiete, Verachtung des eigenen Stammes und desien Traditionen, Mangel eines jedweden Interesses für das Wohl und Wehe seiner Nation, — religiöse Nihilisten, welche zu Götzendienern des modernen „Mosaismus" werden; doch welch' Erstaunen uud welche Ueberraschung ergriff uirs, als wir die Ansicht des Herrn Starke! über solche „jüdische Polen" Wenn er sein Ideal eines „polnischen Juden" mit allen schönen Eigenschaften des Geistes, psychischer Reinheit und ethischer Vollkommenheit schmückt, und die galizischen Juden nur zur Realisirung dieses Ideales aneifert, so ist ihm der „jüdische Pole" ein Gräuel, „er ist ihm ein Anhänger jener extremliberalen Richtung, die über die nationale Idee schon längst zur Tagesordnung übergegangen, ein Mann, dem im Contacte mit der m ä.ch tigen deutschen Cultur ein jedes religiöses Gefühl abhanden gekommen und der nur im Cosmopolitismus das Heil der Zukunft sieht, mit einem Worte, der „jüdische Pole" ’) Herr Starke! meint hier die polnische Literatur. 4) Hier sind ebenfalls polnische Ideale gemeint. *) Der Warschauer Rabbiner MeisclS und Gci st für Herrn Starke! e i n Individuum, für w e l ch c s H a s s und Verachtungdas richtigeEntgeg e n k o m m e n sin d." Diese -Anschauung eines die Landes-Vcrhältnisse genau kennenden und die Judenfrage objectiv behandelnden Mannes, der auch die „Ojczpzna" ihre Spalten öffnete, verdient bei dem heutigen affimilatorischen Treiben festgenagelt zu werden. Saul Raphael. (Schluß folgt.) Griginal- (Lorrespondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien, den 29. Jänner 1891. Das Tagesgespräch in Wien und Oesterreich überhaupt bildet die Auflösung des Reichsrathes. Ueber ihre Ursache nachzuforschen, ist unsere Sache nicht; das besorgen die Tageszeitungen gründlich genug. Umsomehr obliegt es uns, die bevorstehenden, für Anfang März festgesetzten Neuivahlen ins Auge zu fassen. Wir werden unsere Meinung über dieselben, resp. über die jüdischerseits einzunehmcnde Stellung und über die Wahlaussichten in nächster Nummer eingehender aussprechcn. Nur so viel wollen wir heute schon bemerken, daß ein großer Zuwachs an ausgesprochen (!) antisemitischen Abgeordneten bevorsteht, wogegen anzukämpfen für uns Juden fast unmöglich ist. Und wird schon einmal und irgendwo ein Erfolg erzielt, dann ist der Philoscmitismus des Gewählten gewöhnlich ein Rechenexcmpel und nicht Herzenssache. Jedenfalls sind diese Wahlen, ebensowenig wie die ebenfalls bebevorstehenden Gemcinderathswahlcn. für Groß- Wien, kein Entscheidungskainpf um unser Schicksal, wie manche Leute glauben. Die Rettung des jüdischen Volkes ist anderswo zu sucheil als in einigeil liberaleil Wahlsiegen. Wie», den 28. Jänner 1891. Der Verein „Admath Jeschurun" veranstaltet am 31. Jäimcr d. I. in Hernfcld's Restauration, Franz Josefs-Quai, gegenüber der Slephaniebrücke, um 8 Uhr Abends seinen dicsmonatlichcn Gcsclligkeitsabend. Das Programm enthält ncbcn einem Vortrage des Herrn Dr. Nathan Birnbauin über „die Bedeutung der Colonisation Palästinas für das Judenthinn" musikalische und deklamatorische Vor- Wien, am 21. Jänner 1891. Der Samstag, den 17. d. M. vom akad. Vereine „Kadimah" veranstaltete Herren-Abcnd verlief äußerst ivürdig und in Folge des ziemlich zahlreichen Zuspruches recht aiiimirt. Nachdem der Vereins-Präses Herr Med. Drd. Max Rosenthal die erschienene» Gäste begrüßt hatte, ergriff Herr Prediger D. Löwy das Wort zu seinem angekündigtcn und mit allgemeiner Spannung erwarteten Vortrage über „Die Geschichte der Juden in England". Redner begann mit einem kurzen Blick auf die gegenwärtige Lage der Juden. Mir Entrüstung wies er auf Frankreich, welches der Führerrollc, die es sonst in socialen Fragen zu spielen pflegte, vergessend, blind für die unbeschreiblichen Leiden unserer Stammesgenoffen ist. Rühmend bespricht Redner dagegen die That, zu welcher sich Englands Notabel» bemüßigt gesehen hatten. Wenn auch der Erfolg nicht erzielt wurde, so sei cs doch Trost, im Leiden andere mitfühlend zu wiffen. In fast zweistündigem Vortrage entrollte Herr Löwy nach diesen einleitenden Bemerkungen vor den mit gespannter Aufmerksamkeit folgenden Zuhörern ein Bild der an Freud' und Leid so reichen, wechselvollcn Geschichte der Juden in England, von ihren sagenhaften Anfängen bis zur neuesten Zeit. Die geistvollen und formvollendeten Ausführungen des Vortragenden, welcher die Schilderung der an und Nr. 3. für sich hochinteressanten historischen Ereigniffe durch treffliche Citatc zu würzen verstand, Ivurden von der Lcr,aininlu„g nnt mliiutenlangem anhaltenden Applause belohnt. Nach einer Panse entwickelte der Präses Drd. Rosenthal in kurzer, markiger Rede die Tendenzen des Vereines, indem er die nationale Idee als in der Liebe zum Volke und in der Begeisterung für dasselbe begründet darstcllte und die Verbindung oder Gleichstellung desselben mit anderen chauvinistischen Nationalbestrebungen entschieden zurückwies. Den Schluß des Abends bildete ein gemüthlicher Commers. T. (A. L.) Lemberg, am 17. Schwat 5651. Der jüdisch-nationale Verein „Zion" in Lemberg hat beschlossen, im Laufe des nächsten Monates seine zweite Agitationsbrochüre erscheinen zu lasten, in welcher einige der wichtigsten, das Nationaljudenthum berührenden Fragen erörtert werden sollen. Diese Brochure ivird ebenso wie die erstes im jüdisch-deutschen Jargon abgefaßt stein, um. die Volksmasse von der stark um sich greifenden Assimilation zu warnen und ihr. Liebe zu unserer heiligen Sprache und zur Colonisation c i n z u f l ö ß e n. Durch die Herausgabe derartiger Schriften legt der Verein „Zion" das beste Zeugniß ab, ivie ernst er es mit der nationalen Idee meint und er eingesehen hat, d a ß d i e V o l k s in a s s e für die n a t i o n a l e I d e c g e w o nn c n werbe n m u ß, da unsere „Aristokratie" und ein beträchtlicher Theil des „Mittelstandes" von dem wohlklingenden und für einige Zeit auch praktischen Namen „Pole mosaischer Confession" bereits sich blenden ließ. Unser Gesinnungsgenosse Herr Dr. med. S. Bohin, gewesener Vicc-Obmann der „Kadimah", übcrsiedclte vor einigen Wochen nach Lemberg. Dem eigenen Impulse folgend, meldete er sich sofort nach seiner Ankunft als Armenarzt, für die mittellosen Mitglieder des Vereines ./Zwu", sowie deren Familien an. Deutsches Reich. □ Berlin, den 27. Jänner 1891. Im russisch-jüdisch-wisscnschaftlichen Vereine hielt am 17. d. M. Herr Dr. H. Hildesheimer einen ebenso anziehenden wie lehrreichen Vortrag über das Land unserer Väter, der sich „Eine Wanderung durch Palästina" betitelte. Er führte uns auf die Höhen des Libanon und Chermon, ließ uns hinabschauen auf den See Kinereth und den Salzsee, führte uns im Gedankcnfluge nach Jerusalem zu den letzte,: Resten der Zeugen einstiger Größe, kurz er wandertc mit uns von „Dan bis Beerseba". Als die Verhältnisse in unseren Colonien zur Sprache kamen, da wurde auch ein Punkt berührt, den wir selbst schon die Absicht hatten, in diesen Blättern zu erörtern, und der von nicht geringer Bedeutung für die ganze Entivicklung unserer nationalen Sache werden kann. Bisher hat sich nämlich noch kein einziger Colonist aus Rußland in der Türkei naturalisiren lassen, nur aus dem Grunde, weil er dann nicht nach Rußland zurückkchren kann, während es kaum etwas Leichteres gäbe, als die Bewilligung eines dahin gehenden Gesuches zu erlangen. Ein irgendwie den Juden weniger freundliche Statthalter Syriens kann daher mit einem einzigen Worte unser ganzes Werk zerstören. Wenn wir dieser Gefahr aus dem Wege gehen wollen, so müffen wir immer und immer *) „Der Kautschuk" oder „Kinos nach.Tischohb'ow", herausgegeben vom Vereine „Zion" in Lemberg, 5651.