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Selbst-Emancipation · 1891-02-02 · Heft 3 (2.2.1891) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 3 (2.2.1891)
Date
1891-02-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3. Selbst-Emancipation. die Schönheit dieser Sprache aufgehen, und mit diesem Gefühle das Verständnis; der in dieser Sprache für alle Ewigkeit und alle Welt ausgedrückten Ideen, die Bewunderung für sein Volk und der Glaube an dessen Zukunft. N u r g e n a u e K c n n t n i ß d c s H e b r ä is ch e n kann uns ein jüdisch denkendes und jüdisch fühlendes Geschlecht erziehen Diese genaue Kenntniß unserer nationalen Sprache läßt sich aber blos in speciell jüdischen Normalschulen erzielen; und blos in solchen läßt sich ihr wohlthätiger Einfluß durch das gesammte übrige Lehrspstem ergänzen. Die Lesebücher, sowohl in der Landes-, als die in der hebräischen Sprache werden dem jüdischen Charakter und der jüdischen Aufgabe der Schule Rechnung tragen, die Ferialtage werden den jüdischen Festeszeiten angepaßt sein, die entsittlichende Wirkung des drückenden Hasses seitens der Mitschüler und Lehrer wird fehlen, die größere Vertrautheit des Lehrers init den Eigenheiten, den Tugenden und Schwächen seiner Zöglinge wird ihm die pädagogische Aufgabe erleichtern. So kann und wird ein Volk heranwachsen, stolz aus sein Volksthum, Ideale kennend, die Vorwürfe Lügen strafend, die ihm so oft gemacht werden. Aber auch damit wäre die erziehliche Arbeit, welche fürs Judenthum geleistet werden muß, nicht erschöpft. Die breiten Schichten des Volkes müssen Führer haben, welche sie im jüdischen Sinne leiten; diese Führerschaft fällt begreiflicher Weise der Intelligenz zu und diese Intelligenz muß unser werden. Das aber kann nur geschehen, wenn jüdische Mittelschulen errichtet werden. In den Mittelschulen spielt die Art, wie der Lehrstoff geboten, wie er coinmentirt wird, eine noch bei weitem größere Rolle als in der Normalschule. Da kommt Alles aus die Gesinnung des Vortragenden und auf den nationalen Geist der Schule an. Mit ganz anderen Augen wird der gebildete jüdische Jüngling das Judenthum ansehcn, wenn ihm ein von Liebe zum jüdischen Volke erfüllter Lehrer jüdische Geschichte vorträgt, ihm Israel zeigt in seiner einsamen verkannten Großartigkeit, in seiner Arbeit für das sittliche und sociale Heil der Gesammtmenschheit, als wenn er es durch arische Professoren kennen lernt, die es im besten Falle einfach ignorircn oder höchstens vorübergehend als Staffage für das Christenthum anführen. Wie ganz anders wird ihm seine semitische, morgenländische Abkunft im Lichte der Wahrheit erscheinen, als im Lichte eines parteiischen, vom arischen Racendünkel erfüllten Urtheils? Hier, uur hier, aus jüdischer Stätte wird er die wahre Weihe erhalten können, welcher er bedarf, um den echt jüdischen Kampf gegen den ecklen Materialismus der Jetztzeit aufzunehmen. Hier, nur hier, kann er Kraft und Muth für das große Werk stnden, Israel zu erlösen, dessen Splitter zu sammeln, dessen Glieder zusammenzufügcn, dessen Körper zu beleben, dessen Tage zu verjüngen, dessen Glanz zu erneuern. Das ist unser S ch u l p r og r a m m. Wir sind uns bewußt, daß seine Durchführung noch in weiter Ferne liegt, aber wir zweifeln nicht, daß sie einmal gelingen wird. Vorläufig wären wir mit einem kleinen Anfang zufrieden, aber auch der ist schwer - die Assimilation hat eben gar fleißig gewirthschaftet. Doch dieser Anfang wird bald gemacht werden wüsten; die nächsten Jahre werden ihn hoffentlich bringen — und sollte vielleicht ein Geld- - großer Ansehen, daß wir Recht haben, dann kann es recht bald geschehen. Hoffen wir das Beste, aber seien wir auch unermüdlich thätig. Man muß die noch jüdisch Fühlenden, welche etiva noch widerstreben, überzeugen, daß die jüdische Schule eine Nothwendigkeit ist. Nur aus der jüdischen Schule kann das Licht erstrahlen, welches uns den Weg zur nationalen Einigung, zur nationalen und socialen Erlösung, den Weg nach Zion zeigt. Wer nun diesen lebenspendenden Sonnenschein dem falben Mondlichte einer trügerischen Freiheit vorzieht, der komme zu uns! D e r Tag ist h e l l e r a l s d i e in o n d s ch e i n h e l l st e Nacht! Die Erlösung ist schöner als das rosigste G olus! B. €111 Cajritri zur Geschichte der Assimilation in Galizien. Die jetzt iin Mittelpunkte der jüdischen Debatte stehende Astimilationsfrage ist es, die den Gegenstand eines recht interessanten Streites in den Spalten der in Lemberg erscheinenden „Ojczyzna"') abgibt. Den Anlaß dazu bot eine Brochüre des polnischen Schriftstellers und Redacteurs der in Lemberg erscheinenden „Triönna", Herrn Stärket, worin derselbe der jüdischen Intelligenz in Galizien den Vorwurf nicht ersparte, „daß sie, obwohl die Verschmelzung mit der polischen Nation anstrebend, doch die Assimilation ungebührlich vernachlässige." Darauf antwortete die „Ojczyzna" in der Weise, daß sie die theilweise Berechtigung dieses Vorwurfes zugab, jedoch die Schuld daran und Verantwortlichkeit dafür dem Vereine „Schomer-Jsrael" und dessen Organe „Der Israelit" zuschob, deren angeblich deutsch-centralistische und kosmopolitische Tendenzen sie (die „Ojczyzna" resp. den Verein „Agudas Achim") in ihrer ersprießlichen Thätigkeit behindern. Aber weder die Stellung der „Ojczyzna", noch alle die Ergebnisse, auf welche sie bei dieser Gelegenheit stolz hinweist, sollen das Thema dieser Abhandlung bilden. Bezugnehmend auf obige Brochüre hat ein gewisser Herr Dr. Daniel an den Verfasser derselben einen Brief gerichtet, woraus sich in der Folge eine Discussion zwischen den beiden Herren entspann, die wir wegen der eigenartigen in einem und demselben Lager herrschenden Auffassungsverschiedenheit und wegender Wichtigkeit ihres Stoffes einer näheren Betrachtung unterziehen wollen. Herr Dr. Daniel verweist in seinen Ausführungen anfänglich auf die besondere Stellring, welche die Juden in Galizien seit jeher Annahmen, darauf, daß sie sogar bis tief in die Neuzeit zumeist verachtet und als Werkzeug für die Handelsgeschäfte der Magnaten betrachtet wurden; nun jedoch, da ein Theil von ihnen dem Fanatismus entsagt, und durch die Macht seiner Bildung sich eine sociale Stellung errungen hat, sei aus dieser Verachtung Hass entstanden. Nichtsdestoiveniger betrachtet Herr Dr. Daniel nicht nur sich selbst und die gesammte jüdische Intelligenz, sondern alle galizischen Juden überhaupt als Polen, und fordert ihre Anerkennung als solcher und zwar all' dies auf Grund „der bloßen Thal fache der Geburt ohneRücksichtauf ihreGe fühle und Ueberzeugun g." ■) Jahrg. 1890. 3h. 19,20, 21, 23.1891.3h. 1. Herr Dr. Daniel geht also, wie wir sehen, recht praktisch zu Werke; er will nicht erst jeden Juden fragen, wie es mit seiner polnisch-nationalen Gesinnung stehe, er will nicht in die Zwangslage kommen, so manchen der galizischen Ultra-Orthodoxen erst darüber aufklären zu müssen, was es heiße, „Pole" zu sein, was für Pflichten man da erfüllen, für was für Ziele man sich da begeistern, welche nationalen Ziele man Hochhalten müsse. Ihm genügt die zufällige Thatsache der Geburt, um die große Nationalitätsfrage aus der Welt zu schaffen. Bevor wir uns noch eines Näheren mit dieser Ansicht beschäftigen, wollen wir hören, unter' was für Bedingungen Herr Starke! den galizischen Juden das Recht auf den polnischen Namen zuerkennen will. Obwohl wir auch mit seinen Ausführungen nicht übereinstimmen, müssen wir zugeben, daß dieselben von einem tieferen Denken und gründlicherem Eingehen in die Sache zeigen, ja wir müssen sogar den rein objectiven und ein wohlwollendes Entgegenkommen offenbarenden Charakter seiner Enunciationen anerkennen; freilich gelangt Herr Starke! in Folge seiner für die Nationalitätenfrage unzulässigen aposteriorischen Behandlungsweise zu falschen Conseguenzen. Herr Starke! will den Juden die Möglichkeit der Erreichung des Polenthums nicht absprechen, aber ihm genügt nicht die bloße Thatsache der Geburt, sondern er fordert eine gemeinsame Sprache und Literatur, gleiche Sitten und Gewohnheiten und endlich ein gemeinsames politisches Streben. Erst wenn die Juden allen diesen Anforderungen gerecht werden würden, will ihnen Herr Starke! ein Patent auf den polnischen Namen erteilen; erst dann will er die Juden als Connationale betrachten und ihnen am nationalen Altäre, zu dem sich nach dem Ausspruche des Herrn Dr. Daniel alle galizischen Juden drängen (siel), einen Platz einräumen. So trennt die beiden Gegner eine unüberbrückbare Kluft, der eine fordert a priori die Anerkennung der Juden als Polen auf Grund der bloßen Thatsache der Geburt, der andere ist dazu bereit a posteriori auf Grund der nationalen Gefühle und Gesinnungen, also mit einem Worte, auf Grund eines künstlichen, weil von jedem Individuum abhängenden, Prozesses.Während der erste ein Princip aufstellt, will der andere Ausnahmen, er will uur von Fall zu Fall diejenigen, die im Aufgeben ihrer eigenen nationalen Selbstständigkeit, ihrer eigenen Lebensanschauung, im Hintersichlassen des ganzen jüdischen Ballastes, das Beste geleistet, zu Polen befördern und so eine neue Species patentirter Polen in die Welt setzen. Ja, auch dann nicht voll und ganz, denn hat der Jude allen Anfordernngen Genüge gethan, dann ist er erst ein „polnischer Jude".*) Es ist etwas überhaupt ganz besonderes, was sich Herr Starke! als das Ideal eines „polnischen Juden" im Gegensätze zu den „jüdischen Polen", von welchen unten die Rede , sein wird, vorstellt. *) Was sagen die „Polen mosaischer Confession"

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