Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 3 (2.2.1891)
- Date
- 1891-02-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite J. Selbst-Emancipation: Nr. 3. tragenden, ihre besonderen Stammessähigkeiten befruchtenden und veredelnden Schulen geboten 'werden? Oder kurz: Warum soll es keine jüdischen, d. h. für Schüler jüdischen Stammes berechneten V olks- und Mittelschulen geben? Das Wort ist ausgesprochen. Wir vermeinen zu sehen, wie vor manchem gesinnungsgegnerischen Leser ein Gespenst auftaucht. „C o nfessionelle S ch u l e" ist sein Name. Hinter diesem Gespenste erheben sich in dräuender Schwärze die Umrisse der streitbaren Kirche, daneben die graue Schloßruine irgend eines Feudalherrn, und zwischen beiden kniet ehrftirchtsvoll ein bezopfter Nertreter des Bürger- Muckerthums — kurz das complete Mittelalter macht dem geängstigten Geiste des Armen einen Besuch. Die Angst selbst ist aber nicht so ganz unbegreiflich und findet die einfachste Erklärung in dem Umstande, daß man durch lange Jahrzehnte die Juden über das Wesen ihrer eigenen Gemeinschaft falsch berichtet hat. Wir wollen uns . hier nicht des Näheren mit der Frage beschäftigen, ob das Judenthum Nation oder Religion oder ob es beides ist. Mit dem Beweise des letzteren hat sich unser Blatt ja ohnehin schon oft eingehend beschäftigt, und so wollen wir auch diese Frage, auf welche wir noch zurückkommen, dann nur kurz behandeln. Was ist eigentlich „Confessionelle Schule" im technischen Sinne? Antwort: Die von Staatswegen mit obligatorischer Kraft unter Aufsicht der Kirche gestellte Schule. Wo nicht alle diese Merkmale zutreffen, kann von „confeffioneller Schule" überhaupt nicht gesprochen werden. Und daher ist eine private Schule für Bekenner eines bestimmten Glaubens keine „confeffionelle Schule" im technischen Wortfinne, da es ja jedem Bekenner dieses Glaubens freistcht, seine Kinder in die staatlich autorisirte interconfessionelle Schule zu schicken; sie ist es umsoweniger, und nicht einmal dem gemeinen Wortverstande nach, wenn sie zwar nur Kinder eines Glaubens aufnimmt, aber unter freisinniger weltlicher, nicht kirchlicher Leitung steht. Man erwarte jedoch nicht, daß wir von diesem Gesichtspunkte aus für speciell jüdische Privatschulen eintreten; ja wir widerstehen sogar der Versuchung, in dieses an und für sich ganz gerechtfertigte Raisonnement auch den Punkt - einzuführen, daß der Gegensatz zwischen jüdischer Religion und Christenthum ein bei weitem schärferer ist als der zwischen den verschiedenen christlichen Bekenntnissen, so daß religiösere Eltern mit Recht eine separate Schule für ihre Kinder verlangen können. Auf dies Alles wollen wir uns aber, wie gesagt, nicht stützen, vielmehr die Sache blos von ihrer nationalen Seite betrachten. Da stellt sich uns zuförderst der Einwurf entgegen, daß wir keine Nation mehr seien; insbesondere hätten wir keine eigene Sprache und nur diese berechttge zu der Forderung eigener Schulen. Das ist unrichttg. Wir haben eine Nationalsprache, und, wenn sie auch verstummt ist und blos in der Schrift lebt, so folgt daraus nur, daß wir noch mehr Sorgfalt anzu wenden haben, um sie uns zu erhalten und vielleicht zu neuem Leben zu erwecke n.*) Und außer dieser Sprache haben wir auch, wie die anderen Nattonen, die Tradittonen unserer Vergangenheit zu hüten, den Glauben an unsere Zukunft zu wahren, unsere Kräfte in der unserem Stamme entsprechenden Weise und Richtung für die Aufgaben der Gegenwart zu enttvickeln. Wir haben also kein geringeres Interesse an nc.tion a l e n Sch ule n als andere Völker, eher eitt größeres, den größeren Gefahren gemäß, d, e unä umlauern. Wer soll uns aber die nattonalen Schulen errichten? Die naheliegendste Antwort ist: Nach dem Principe der Gleichberechttgung hätte der Staat die Pflicht, in Städten, resp. Stadtheilcn, in welchen eine compacte jüdische Bevölkerung vorhanden ist, jüdische Volks- und Mittelschulen zu errichten, analog den deutschen Schulen, die er in deutschen, den slavischen Schulen, die er in slavischen Gegenden errichtet. Wir leugnen nicht, daß dies sehr wünschenswerth wäre. Doch wozu sich in schöne Träume wiegen? Die Möglichkeit, vom Staate speciell jüdische Schulen zu erlangen, liegt in unendlicher Ferne. Dazu sind wir in allen Staaten Europas und in Oesterreich speciell an Zahl viel zu geringfügig. Ein Nattonalstaat wird uns diese Liebe schon vermöge des ihm innewohnenden nattonalen Einheitsprincipes nicht erweisen; ein Nationalitätenstaat wiederum, wie Oesterreich z. B., hat gewöhnlich vollauf zu thun, um den stärkeren Nattonalitäten gerecht zu werden, als daß er noch die Wünsche eines fast verschwindend kleinen Bruchtheiles der Bevölkerung zu erfüllen Lust hätte; freilich sind bis jetzt überhaupt derarttge Wünsche nicht laut geivorden und ist der Staat dermaßen davor bewahrt geblieben, ein immerhin unliebsames „Nein" sagen zu müssen. Bedenken wir auch, daß unserer Nation ein Moment abgeht, welches die übrigen Nationalitäten besitzen und mit welchem offenbar die Errichtung staatlicher Nationalschulen zusamnienhängt — wir meinen das Territoriu m. Die Juden in Oesterreich z. B. wohnen überall zerstreut, auf manchen Punkten vielleicht dichter und zusammenhängender; aber sie haben kein eigenes Territorium im Staate, das geschichtlich und thatsächlich als „jüdisch" bezeichnet werden könnte. Und deswegen werden sie sich wohl stets eine gewiffe stiefmütterliche Behandlung ihrer nationalen Rechte gefallen lassen müssen. National-jüdische Staatsschulen sind schwer zu erreichen; nur ein territoriales Centrum für unser zerstreutes Volk, nur ein n a t i o n al e s Heim kann sie uns verleihen. Das aber hängt mit den palästinensischen Bestrebungen, dem Haupt- und Culminattonspunkte des jüdischnattonalen Programmes zusammen. Außerhalb dieses projecttrten Centrums werden wir froh und zufrieden sein können, wenn wir für unsere nationalen Schulen auch nur staatliche Subventtonen erlangen. Doch auch diese sind mehr eine fromme Hoffnung, und so muß daran gedacht werden, aus privaten Mitteln ein System jüdischer Schulen zu schaffen. Es gilt diesem Unternehmen Gönner zu gewinnen. W i r können vorläufig nichts Anderes thun, als dafür — schreiben. Trost ist uns in dieser begrenzten Wirksamkeit nur das Bewußtsein, mit jedem Ueberzeugtcn dem Ziele um einen, wenn auch sehr kleinen Schritt näher zu kommen. Die „jüdische Schule" würde sich *) Die systematische Assimilation hat es zu Wege gebracht, daß die meisten Juden des Westens von der gegenwärtigen Blüthc der hebräischen Sprache keine Kenntniß haben. Wer weiß hierzulande, daß jährlich viele taufende von Werken in hebräischer Sprache auf allen Gebieten deS menschlichen Wissens erscheinen, daß eS eine Menge hebräischer Zeitschriften, darunter zwei große politische Tageszeitungen gibt und daß diese Literatur hunderttausenden von Stammesgenossen Bildung, Aufklärung und geistige Unterhaltung bietet? Wer weiß hier bei uns, daß seitens der „Saphah berurah"sSßeretnt die ernstesten Versuche gemacht werden, das hebräische Idiom auch im Worte wieder zu beleben. übrigens offenbar einer weit größeren Anhängerzahl erfreuen, wenn sie in anderer Gestalt erscheinen würde. Was bisher von jüdischen Schulen besteht, ist, wie bereits gesagt, blos Neligionsschule, oder — in einigen Fällen von Talmud-Thora-Schulen — zwar Anstalt für allgemeines Wissen, aber mit voriviegend religiösem Charakter. Man gebe nun .der jüdischen Schule den weltlichen Charakter und sie wird mehr und Mehrere befriedigen. Die Frommen werden nichts einbüßen, denn es ist selbstverständlich, daß in einer jüdischen Anstalt der jüdischen Religion die größte Aufmerksamkeit geschenkt werden wird, und die minder Gläubigen werden vorurtheilsloser iverden, sobald sie sehen, daß ein planvoller, alle nothwendigen Disciplincn umfassender, weltlicher Unterricht den Kindern zu Theil wird. Manh a t ein e Abneigung gegen die jüdischen Schulen, weil in an „I ud e »schulen" in ihn en zu sehen gewöhnt ist, wird aber anderer Mein u n g werden, Kenn [ic s i ch a l s „Schulen für Hebräer" e r w e i s e n D e n I u d e n j ü d i s ch e S ch u l e n — nicht ihnen anfgezwungen, sondern von ihnen. selbstwillig gewählte — das ■ ist unsere Forderung in der jüdischen Schulfrage. Von ihr können wir nur abgehen, so weit es sich um Hochschulen handelt. Hier ist es ganz richttg, blos die Errichtung jüdisch-theologischer Facultäten oder Anstalten anzustreben; denn eine jüdische Universität hätte nur inmitten einer compacten jüdischen Nation und eines regen, selbstständig-nationalen Lebens einen. Sinn. Das Alles soll aber erst geschaffen, hiezu soll das jüdische Volk erst erzögen werden, — in j üd y ch ch N orma l- und Mitte l- So wie in allen übrigen N o r m a lsch ulen der richtige Gebrauch der Muttersprache, die nothwendigstcn naturwiffenschaftlichen und geschichtlichen Kenntnisse das Ziel des Unterrichtes sind, so soll auch in' den jüdischen Normalschulen der richtige Gebrauch sowohl der jeweiligen Landesals der hebräischen Sprache in Verbindung mit den Elementen der anderen Doctrinen Lehrziel sein. Das jüdische Kind soll nicht blos seinen verstorbenen Eltern Kaddisch sagen und höchstens noch einige Gebete lesen und verstehen können, womit sich manche Freunde des Hebräischen begnügen, es soll auch nicht blos die Bibel, das „Chumisch" durchmachen. Mit dieser Methode wäre das gerade Gegentheil von dem zu Erreichenden erreicht. Es ist ja bekannt, mit welchen Gefühlen so ein jüdischer Junge dein Hebräischen gegenüber steht, das er nur brockenweise und nicht als Selbstzweck lernt. Die verkehrtesten und verächtlichsten Begriffe von dem Charakter dieser Sprache setzen sich in ihm fest, und er kann nicht anders, ivenn er offene Augen hat. Was ist das für eine Sprache, welche die Lehrer selbst ihren Schülern vollständig bcizubringen, nicht der Mühe werth halten und bei deren Studium alles Andere eher berücksichttgt wird, als die Sprache selbst? fragt sich das Kind und gar leicht überträgt es den Widerwillen gegen die Sprache auf Volk und Glauben. Man kann getrost behaupten, daß ein juter Theil a n t inationäler und antireligiöser Gesinnung bei den heutigen Juden auf solchen unvernünftigen Unterricht des Hebräischen zurückzuführen ist. Das jüdische Kind — K n a b e s o w o h l als Mädchen — muß vielmehr die hebräische Sprache vollständig und als Sprache erlernen. Dann erst wird ihm das Gefühl für