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Selbst-Emancipation · 1891-02-02 · Heft 3 (2.2.1891) · page 1

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 3 (2.2.1891)
Date
1891-02-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Es ist bekannt, welchen Einfluß neben der angeborenen Natur die Erziehung auf Einzelmenschen und Völker äußert. Dieser Einfluß wird auf dem. Gebiete der Gesinnung, besonders der nationalen, fast alleinherrschend. In dieser Hinsicht gilt der alte Satz: Aus Nichts wird wiederum Nichts. Ein Minus an jüdischer Erziehung kann kein Plus an für das Judenthum verwendeter Thätigkeit ergeben. Denn wem — und er sei unbewußt noch so echt jüdisch im Denken, Fühlen und Handeln — die Ideen, die Geschichte die Sprache, seines Volkes unbekannt sind, der kann für dasselbe allch nichts empfinden. Und täuschen wir uns nicht: Die überiviegende Mehrheit unserer westeuropäischen und eine beträchtliche Minderheit unserer osteuropäischen Stammesgenossen befinden sich in diesem Falle. Sie kennen den jüdischen Volksgeist nicht und daher ihre Armuth an Liebe zum Juden- Man wird uns nun entgegenhalten, daß diese unjüdische Gesinnung nicht allein in dem Fehleir jüdischer Erziehung gelegen sein könne, nachdem es ja notorisch so Viele gegeben habe und gebe, welche eine solche genossen und dennoch das Judenthum von sich warfen. Ein unbedachter Einwand! Er beruht auf einer Verwechslung, der Begriffe „Erziehung" und „Jugenderziehung", d. h. er übersieht, daß derartige Leute nach ihrer jüdischen Jugenderziehung im reiferen Alter eine zweite Erziehung in entgegengesetzter Richtung durch Bücher und Umgang genoffen, welche nachhaltiger auf sie wirkte. Der Einwand ist also hinfällig, aber er ist geeignet, uns darauf zu führen, wie wir es einzurichten haben, um unseren Bestrebungen zum Durchbruche zu ver- Wir müssen uns nämlich wieder unsererseits vor Allem Mühe geben, einem großen Theile der jetzigen Generation, welche in ihrer Kindheit die unjüdische Erziehung erhalten hat, als zweite und endgiltig wirksame die jüdische Erziehung zu ertheilen. Es kann dies nicht so schwer werden, denn bereits geht ein leises Llhnen durch unser Volk, daß nicht unverbrüchliches Evangelium gewesen sei, was die Apostel der Assimilation gelehrt haben. Unsere Aufgabe ist es, dieses leise Ahnen zum klaren Bewußtsein, zum lauten Bekenntniß zu steigern und dazu haben wir die national-jüdischen Vereine und Zeitschriften. Es sind dies Mittel, welche richtig angewendet, von nicht zu unterschätzender Bedeutung sind. Damit ist aber erst ein kleiner Theil unserer Aufgabe in Rücksicht auf Erziehung für's Judenthum geleistet. Siege müssen nicht blos erfochten, sondern auch ausgenützt werden. Die gewonnenen Erwachsenen müssen auf die Heranwachsende Generation wirken, oder mit anderen Worten, die Erziehung in dem engeren Sinne derKindererziehungmußindenDienstderjüdischen Sache gestellt werden. Auf diesem Wege ist auch die Assimilation groß geworden und es ist nur ihre eigene innere Schwäche, wenn sie nach so kurzer Zeit ivieder klein zu werden beginnt. Die nationale Kindererziehung aber ist kein kleines und leichtes Werk. So iveit sie freilich das Haus angeht, wäre nicht viel zu sagen; jeder für sein Volksthum einpfindende Familienvater wird wissen, wie er vorzugehen hat. Desto mehr Erwägung erfordert die Frage der jüdischen Erziehung der Jugend durch die Schule. In Wien speciell stehen seitens des neugewählten Präsidenten der Cultusgemeinde, Herrn Wilhelm Ritter v. G u t m a n n, große und erfreuliche Veränderungen in dieser Beziehung bevor. Herr von Gutmann hat nicht nur 200.000 fl. für die Errichtung einer Hochschule für jüdische Wissenschaften in Wien gespendet und versprochen, die behördliche Genehinigung zu erwirken, er hat auch die Eröffnung von hebräischen Sprach- und Bibelschulen in allen Bezirken Wiens in sichere Aussicht gestellt. Das ist unstreitig für Wien und Oesterreich überhaupt ein bahnbrechendes Werk. Aber es ist erst der Anfang zur Wiedereroberung der österreichischen Judenheit für das Judenthum — ein Anfang,dem noch viele Fortschritte werden folgen müssen, damit etwas Nenneuswerthes erzielt werde. Was Herr von Gutmann in nicht genug zu rühmender Anhänglichkeit ans Judenthum und Freigebigkeit jetzt in Oesterreich einzurichten gedenkt, besteht in anderen, ebenso gebildeten, wenn nicht noch gebildeteren Ländern Europas schon längst. Wir erwähnen nur Deutschland und England. Dort blühen gute und stark besuchte Rabbinerschnlen und fehlt es den Eltern nicht an Gelegenheit, den Kindern einen bescheidenen — und weiter hinaus wollen ja auch die Wiener Sprach- und Bibelschulen nicht — hebräischen Unterricht ertheilen zu lassen. Und doch! Konnte das alles dem galoppirenden Verfalle des Judenthums Einhalt gebieten? Die Thatsachen haben deutlich genug gesprochen. Was ist also nöthig, wie beschaffen muß die jüdische Schulerziehung sein, damit ein dem jüdischen Volke und seinen Principien treu ergebenes Geschlecht herangezogen werde? Wir geben als Antwort darauf die Devise: Verallgemeinerung und Verweltlichung der jüdischen Schule; und wollen im Folgenden, auseinandersetzen, wie wir dies meinen. Was waren bis jetzt jüdische Schulen — und hier sehen wir vorläufig von Hochschulen ganz ab — respektive was sind sie, so weit solche noch heute kümmerlich ihr Dasein fristen? Sind es der allgemeinen Ausbildung der Kinder gewidmete Institute? Keineswegs! Jüdische Schulen, wie sie jetzt bestehen, verhelfen vielmehr blos zu jüdisch-religiösem Wissen, während man sich die allgemeine Bildung in den öffentlichen Schulen holen muß. Das gilt für das richtige Princip, denn was hat auch die „jüdische Bildung" mit der „allgemeinen Bildung" zu thun, fragt man so oft. Wir aber meinen, die beiden hätten gar viel mit einander zu schaffen. Denn, was man als „jüdische Bildung" bezeichnet, ist nichts Anderes, als ein Theil der allgemeinen Bildung, derjenige Theil nämlich, der stets nach Volk und Glauben variirt. Für den Deutschen besteht ein Theil der allgemeinen Bildung in der Kenntniß der deutschen, für den Franzosen in der Kenntniß der französischen Sprache; für den Katholiken in der Kenntniß der katholischen, für den Protestanten in der Kenntniß der evangelischen Glaubenslehren. Daher besteht für die Juden in ihrer doppelten Eigenschaft als Volks¬ und Rcligionsgeineinschaft dieser analoge Theil der allgemeinen Bildung in Kenntniß der hebräischen Sprache und der jüdischen Religionsbegriffe. Nachdem nun dieser Theil der allgemeinen Bildung sonst bei keinem anderen Volke in separaten Schulen der Jngend vermittelt wird, so fragt es sich, ,varum dies gerade bei den Juden der Fall sein solle? Und da in der modernen Zeit — wenn schon nicht jedes Glanbensbekenntniß seine religiöse — so doch jede Nation ihre nationale Schute hat, warum nicht auch die jüdische? Warum soll denn gerade den jüdischen Kindern nicht die allgemeine Bildung in eigenen, ihrem besonderen Stammescharakter Rechnung

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