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Selbst-Emancipation · 1891-01-16 · Heft 2 (16.1.1891) · p. Seite 7

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 2 (16.1.1891)
Date
1891-01-16
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2. Selbst-Emancipation. Seite 7. „So will ich denn zu den Gelehrten gehen," dachte der König; — „sie werden den Menschen doch sicherlich nicht nach der Kleidung beurthei- Icn, sie werden mich geiviß erkennen, mir Gehör schenken, mir beistehen." Und wie stolz, wie selbstbewußt/ mit welcher Freude hörte er im Lehrhause dem Unterrichte zu. Waren es doch seine Lehren, seine Sprüche, die dort vorgetragen wurden. „Ich bin Salomo l" — rief er freudig aus, und schon hoffte er mit der ihni gebührenden Achtung und Ehrfurcht empfangen zu werden. — „Ich bin es/ich — der Verfasser dieser Sprüche! . . . Aber auch hier konnte man ihn nichts weiter als bedauern. Die anwesenden Aerzte untersuchten ihn — am Kopfe und reichten ihm ihre Mittel. Gesenkten Hauptes verließ er auch das Lehrhaus. In tiefer Wehmuth und zornerfüllt begab er sich auf den Markt; wie betäubt, wie berauscht durchstrich er alle Gassen und Plätze, zielunbcwußt, plötzlich ließ sich Gesang vernehmen — Lieder, aus seiner Feder waren es . . . Schrieb er doch auch Lieder in der Anzahl von „tausend und fünf". Der König-Dichter erwachte wie ans dem Schlafe, horchte und entschloß sich in das Haus zu treten, aus welchem der Gesang an sein Ohr tönte. Es war ein Weinhaus, drin saßen Leute verschiedenen Alters und Standes an Tischen, sprachen lustig dem Weine zu und sangen dabei just die Lieder Salomo's, des Sohnes Davids. „Villeicht finde ich hier Erbarmen?" — sagte sich der weise König. — „Vielleicht erkennen mich diese hier, bringen mir ein offenes Öhr und Mcnschenherz entgegen? Vielleicht bekomme ich hier einen Bissen, Labung in Hunger und Durst?" Kaum machte er aber Miene, sich ihnen zu nähern, brachen sie alle in höhnisches Gelächter aus: „Da ist der Wahnsinnige! Da ist der Verrückte, der sich König Salomo nennt!"- Aus einem Felsabhange, außerhalb der Stadt, sitzt er nun — der große, weise, aber elende König; er vergießt bittere Thränen, wild und ungestüm schlägt sein Herz, er sinnt und sinnt und aus seinem Munde kommen die traurigen aber wahren Worte: „Die Weisheit des Armen ist verachtet!" Israel! Du hast doch diese Geschichte schon gehört? Begreifst Du auch ihren Sinn, so ferne sie Dich angeht, soferne sie Dein Interesse wecken soll? .... Auch wir, die Kinder Israels waren einst auf eigenem Boden, waren ein Volk, gleich allen Völkern, ein weises, verständiges Volk, dessen Lehren vielen anderen voranleuchteten. Die Weisheit seiner Fürsten und Könige, die Lieder seiner Dichter und Sänger drangen nach allen-Welttheilen und erregten die größte Bewunderung. Dies erweckte die Mrßguust des Teufels Asmodaj er verschwor sich — und wir wurden aus unserem Lande verjagt, von unseren! Boden entfernt, nach allen Enden der Erde hin zerstreut — geriethen in Knechtschaft .... fern von der Stadt Jerusalem, fern von unserem Vaterlande und allem, was uns heilig ist, wandern wir so lange schon unter den verschiedensten Völkern herum, sind dem Spotte der Nationen ausgesetzt, ihrein Hohne preisgegeben hier schüttelt man bedauernd das Haupt, dort spotten unser freche Gassenjungen. Und da hören wir von Nächstenliebe sprechen, von Menschenliebe und Menschenrechten, die ihre. Religion allein und.zuerst gelehrt.haben soll. Mit zitternden Händen schlagen wir ihnen aus unser, uraltes Buch — das Buch Mosis, und zeigen, daß deutlich darin geschrieben steht: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." „Liebet den Ausländer." „Du sollst nicht auf Rache sinnen, nicht Haß nachtragen." . . . „Fort Juden! fort!" — tönt es uns wie tausend Donner, entgegen. — „Unser sind diese Lehren, solche humane Bestrebungen konnte nur unsere Religion treffen, sie sind unser erbliches Besitzthum!" Dort in den Bethäusern werden Lieder gesungen — die Lieder des Königs David. Heilige Lieder nennt man sie, und — in hebräischer Sprache ivird dort „Amen", „Hallelujah" gerufen. Der Jude steht draußen und ruft in naiver Entrüstung: „Sie sind doch mein diese Lieder, die Lieder meines Königs David, sind sie doch meinem Buche entnommen, dem Buche der Psalmen, auch das „Hallelujah" ist mein und das „Amen", sind sie doch Wörter meiner Sprache." . . . „Fort, du Gottverfluchter!" — ruft es allerseits. — „Was geht Dich unser Gottesdienst an? Fort Jude! Denn —" Und man schlug ihn, quälte und marterte ihn, zerstörte sein Lager, seine Hütte, vertrieb ihn aus seinem Lande, jagte ihn von Land zu Land, von Reich zu Reich; so wälzte er sich im eigenen Blute, badete im Strome der eigeneu Thränen; bis auf Haut und Knochen verzehrt, ivurde er von allen Stürmen hin und her gejagt. Und eine neue Aera brach heran, eine .Zeit von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!", welche die Rechte jedes Menschen als solche anerkannt und solche auch dem Fremden eingeräumt hat. Das Judenthum bestand seinen Kampf gegen Thorheit und mittelalterliche Finsterniß und durch Mitwirkung auf allen Schlachtfeldern des Gedankens, ivo es den Kämpfenden reichliche Mittel und Waffen bot, erfocht es auch für sich etwas Freiheit und Licht . . . Und die Strahlen -dieses Lichtes drangen durch, gelangten zu den 'Augen der Fledermäuse und Maulwürfe aller Art; diese können es natürlich nicht dulden — es verdrießt sie. Ja, vielen Aufgeklärten fällt es ein, die Erfindung dieses Lichtes für sich selbst in Anspruch zu nehmen, sich selbst zu dcffen Gcnuffe berechtigt zu glauben und die Söhne Sems ganz davon auszuschließen. . . . „Steht es doch schon in meinem Buche," ruft der arme Jude und schlägt seine Thora auf. — „Sind es doch seit uralten Zeiten die Gesetze meiner Religion: „Ein Recht sei für den Fremdling ivie für den Eingebornen." Schon vor viertausend Jahren ivurde meine Thora auf diesem Principe begründet." . . . „Dummer Jude! — Resultate unseres Zeitalters sind es, diese Grundsätze gehören dem neunzehnten Jahrhundert an." . . . Nun wendet sich der Jude dem Abgeordnetenhause zu, sucht die Gesetzgeber auf, hört, wie es den „Liberalen", nach heißen, an schönen Worten reichen Debatten endlich gelungen ist, liberale Bestimmungen bezüglich der Pfändung zu treffen, und die Execution zu Gunsten der armen Schuldner zu beschränken. . . . Nochmals schlägt er seine Thora auf, nochmals liest er ihnen vor: „Pfände nicht Mühle und Mühlstein." „Wenn du pfändest das Kleid deines Nächsten, bis Sonnenuntergang sollst du cs ihnr wiedergeben." ... »Fort Jude! — Dies ist unser Rath, sind unsere Bestimmungen! Das ist die Frucht der „Civilisation", des „Liberalismus". . . „Der Armen Weisheit wird verachtet!" Wahrlich, König Salomo, auch auf dem Felsabhange einsam sinnend, war dennoch der „weiseste unter, den Menschen", auch wenn ihn die anderen nicht kennen wollten, wenn ihn Gaffenjnngen verhöhnten; auch als ihn die Menschen aus ihrer Gesellschaft stießen, war er noch König Salomo, solange er nur selbst daran glaubte, sich selbst bewußt war, daß er es sei, fühlte, daß ein königliches, von göttlicher Weisheit erfülltes Herz in ihm schlage. Aber wie schrecklich muß der Augenblick für ihn geworden sein, wo der Zweifel ihn selbst beschlich. Wie unglücklich mußte er sich fühlen, sobald er den Glauben an sich selbst, das Bewußtsein seiner selbst verlor und sich selbst zu fragen begann: „Bin ich den wirklich König Salomo?" Äeiveinet nicht das Judenthum, beklaget es nicht, solange demselben seine Kinder nicht entfremdet sind, solange es die Juden selbst nicht verkennen! Wenn nur diese dessen Werth noch fühlen und empfinden, ihm noch ergeben und treu bleiben — hat cs an Ruhm nichts verloren. Aber ivehe, ivenn sich von ihm die eigenen Kinder lossagen, cs verkennen, seinen Werth nicht anerkennen ii ollen. Unglücklich sind auch wir in dem Augenblicke, wo wir aufhören, uns selbst zu kennen, wo wir das Bewußtsein verlieren, verzweifelt unser Panier fallen lassen, wo ivir uns selbst aufgeben und uns Fremden ausdrängen ivollen. Der König Salomo ging nicht unter in seinem Elend. König, Landstreicher und wiederum König. Wieder kehrte er in seine Heimat zurück, Asmodaj gab ihn endlich frei und so kam er heim und bestieg wieder seinen alten Thron zu Jerusalem. Auch wir hoffen und beten und fühlen, daß wir noch leben. Noch wird sich die Mittler ihrer Kinder freuen, noch steht ein Tag in Aussicht, der wirklich Tag, nicht Nacht sein ivird. David Alron. Don Benjamin d'Jsraeli, Lord of Beaconsfield. (S. Fortsetzung.) Der Jüngling hielt sich iinmer noch an Honain's Gewände fest und richtete auf ihn, da er vor Erschöpfung nicht sprechen konnte, seine schönen, flehenden Augen. „Still!" rief Honain! „ich will hier Richter „Der große Honain! Hört auf den großen Honain!" „Sprich, Du Schreier, worüber hast Du Dich zu beklagen?" sagte Honain zu Abdallah. „Wenn's Eure Hoheit gütigst erlauben," antwortete Abdallah mit weinerlicher Stimme, — „ich bin der Sklave Eures getreuen Dieners -Ali. Ich habe oft die Ehre gehabt, Eurer Hoheit auszuwarten. Der junge Spitzbube hier, ein Bettler, hat mir, während ich in einem Kaffeehause schlief, meinen Ring gestohlen. O! ich habe meine Zeugen, daß ich geschlafen habe. Es ist ein herrlicher Smaragd, aber wenn Eure Hoheit es erlauben, mir doppelt kostbar als Liebespfand meiner Fatimc. Nichts in der Welt könnte mich dahin bringen, ihn wegzugeben, und da ich nun schlafe . . . hier stehen drei angesehene Männer, die es mir bezeugen werden, daß ich schlief . . . kommt dieser junge Landstreicher, wenn Eure Hoheit es erlauben, thut als ob er mir meinen Kaffee anböte, nimmt meinen Finger und zieht mir den kostbaren Ring ab, den er jetzt noch an seiner Bettlerklaue trägt, und will mir ihn nicht eher wieder herausgeben, als bis er die Bastonade wird bekommen haben." „Abdallah ist ein treuer Sklave, wenn Euer Hoheit gefälligst erlauben, und ein Hadschi

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