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Selbst-Emancipation · 1891-01-16 · Heft 2 (16.1.1891) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 2 (16.1.1891)
Date
1891-01-16
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. S e l b st - E in a i p a t i o n. Nr. 2. (Einen bcachtcuswcrthcn Artikel) bringt der in Mainz erscheinende „Israelit und Jeschurun" aus der Feder des Herrn Dr. M. Jung, Rabbiners in Ung.-Brod. Der allerdings vom streng orthodoxen Standpunkte ausgehende Artikel, kann ein nationaler genannt werden. „Wir sehen selbst Völker, die eine armselige Literatur haben, eine niedere Culturstufe einnehmen, mit dem größten Eifer für die Wahrung ihrer Nationalität eintreten", fügt Dr. Jung und fordert das Gleiche von den Juden. Die Endschlüffe, welche er aus feinen Deductionen zieht, decken sich freilich nicht ganz mit den unseligen. Wir hören bei dieser Gelegenheit von einer intereffanten Sage, die vor Alters unter den Juden gelebt habe, der MeffiaS werde nämlich kommen, sobald das deutsche Kaiserreich erstehen 'werde. Daran anknüpfend meintHerrDr.Jung: „Wahrlich, wir könnten viel vom neuen deutschen Kaiserreich lernen! Die Deutschen lagen so lange tief darnieder, als sie das deutsche Bewußtsein verleugnend, vor fremdländischen Machthabern, denen das Glück gelächclt, im Staube krochen. In dem Momente, da in den Deutschen das deutsche Selbstbcwußtscin wieder erwachte, stand das Deutsche Reich in nie geahnter Herrlichkeit da. Auch das Judenthum wird erst dann vor Verkennung und Verachtung beschützt werden, wenn die Anhänger desselben ihrer jüdischen Bestimmung innc werden und derselben mit Begeisterung und Hochachtung anhangen. Nähern wir uns nur dem in der Geschichte Israels sich äußernden Gottcsgcistc, den der Literatur Israels durchziehenden herrlichen Ideen u. s. w." — Merkwürdig ist,daß man mit solchen Prämissen nicht zu weitergehendcn Schlüffen gelangt. Es ist das ein ganz ungerechtfertigtes Abbrcchcn im logischen Gcdankcngauge; wir wollen aber mit Herrn Dr. Jung nicht rechten und schon für das, was er gesagt hat, dankbar sein. Vielleicht sieht er doch noch eimal ein: der Messias wird kommen, sobald das Deutsche Kaiserreich erstehen wird, d. h. sobald der nationale Gedanke auch uns wachrütteln wird — zur Politik der That, nicht blos des geduldigen Leidens. (Hebräisch.) Wer die Geringschätzung kennt) mit welcher die Juden des europäischen Westens und Amerikas die hebräische Sprache bcttachtcn, der wird diesen himmelschreienden Frevel umso tiefer empfinden, wenn er von den Bemühungen des Profeffor Harpcr in New-Haven Connecticut liest. Dem „Hamagid" wird geschrieben, daß Professor Harpcr nicht nur in New- Haven eine Schule für Hebräisch und jüdische Wissenschaften errichtet, sondern daß er auch einen internationalen Unterricht im Hebräischen durch Briefwechsel cingeführt hat. Die Zahl der Schüler in allen Ländern, sogar auf den Inseln des stillen Oceans und in Australien, welche mit den Lehrern in New-Haven in Corrcspondeuz stehen, bettägt bereits mehr als 600 — f ä m m t l i ch N i ch t j u d e n. (Von den russischen Juden.) Rubinstein, der berühmte Direktor des Conservätoriums in Petersburg, soll entschlossen sein, ivcgen der Judenmaßregeln seine Stellung 'aufzugebcn. — Den russischen Juden ist verboten worden, einzeln zum Christenthume überzutrctcn, vielmehr können sie dies in Hinkunst nur in Gemeinschaft mit ihrer ganzen Verwandtschaft thun. — Viele russische Juden wenden sich nach England, haben aber in diesem Lande mit der größten Noch zu kämpfen. Dieser Umstand veranlaßt den englischen General- Consul Chas. S. Dundas in Hamburg folgende „Warnung" in den deutschländischen jüdischen Zeitungen in deutscher, englischer und hebräischer Sprache, erscheinen zu lasien: „Der kgl. Großbritannische Generalkonsul zu Hamburg ist beauftragt worden, es öffentlich bekannt zu machen, daß hilfsbedürftige Personen, welche beabsichtigen, nach Großbritannien auszuwandern, voraussichtlich in ihren Hoffnungen sich getäuscht fühlen werden, da die Aussicht, dort Arbeit zu finden, sehr beschränkt ist."-- Das Gesuch des Guildhall- Meeting wird dem Zaren blos zugcsandt, da der Nichtempfang einer Deputation in Aussicht gestellt wurde. — Zeitungsnachrichten wollen wissen, daß aus der Mitte der englischen Dynastie, ja sogar seitens der Königin Victoria selbst, eine Intervention beim Zaren zu Gunsten der russischen Juden bevorstehe. (Unnöthige Besorgnis;.) In Bukarest hat der nationalliberale Schcndrea in der Senatssitzung vom 26. v. M. das Ministerium aufgefordert, Maßregeln gegen die Uebcrschwemmung Rumäniens mit russischen Juden zu treffen. — Wir wollen die Juden sehen, welche aus Rußland nach Rumänien wandern möchten, — aus dem Regen in die Traufe. (Vermischtes aus Palästina.) In der neuen Colonie Rechowoth werden 300 Arbeiter benötigt, und sind diesbezügliche Kundmachungen in allen Synagogen Jerusalems affigirt. — Das Executivcomitä des russisch-jüdischen (Odeffaer) „Vereines zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina", bestehend aus den Herren Ingenieur W. Temkin, I. M. Pines, I.Bentowim, hat am IL.Teweth in Jaffa sein Locale eröffnet. Das Comitä veröffentlicht nun einen Aufruf, worin es namentlich dazu auffordert, beim Kaufe von Grundstücken seine Intervention in Anspruch zu nehmen. Bekanntlich bildet der Bodenkaus große Schwierigkeiten bei der Ansiedlung im heiligen Lande. — Im vorigen Monate wurde wieder ein Stück Landes zwischen. Rosch Pinah und Jessud-Hamaaleh angekauft. Die Erlaubnis zum Bau von Häusern ist bereits da. Dieselben werden im Frühjahre gebaut werden. Bis dahin wohnen die Familien in Saffed. Die neue Colonie erhält den Namen Machnajim. — Die Lehrer in den Colonien Rischon le Zion, Sichron Jacob und Maskereth Bathja haben beschlossen, ein Erziehungsbuch für die Kinder der Colonisten herauszugcben und hoffen auf die pecuniäre Unterstützung seitens des Barons Edmund Rothschild. („Dorsches Zion".) Dieser Verein der sowohl in Rußland als Frankreich sich ausgebreitet hat und zu dessen eifrigsten Mitgliedern, wie wir in voriger Nummer mittheilten, drei hervorragende französische Juden, und zwar die beiden Vicepräsidenten der „Alliance Jsraclite Universelle", die Herren Scheid und Erlanger, und der Procurator beim obersten Gerichtshof, Herr Lewen, gehören, hat dem „Woschod", zufolge einen Mitglicderstand von 1000 erreicht und hiemit die Mitglieder - Aufnahme abgebrochen. (Auf der Ländersuche.) „Leitende" Juden iu San Francisco sollen die Bildung eines Fonds beschlossen haben, aus welchem eine Colonisation russischer Juden ' in Mexico durchgeführt werden soll. — Eine Gesellschaft soll in Bildung begriffen sein, die um 25 Millionen Dollars (nach andern Francs) Ansiedlungen russischer Juden in Brasilien, gründen will. — Die Commission, welche im Aufträge des Baron Hirsch nach Argentinien ging, soll dort nichts gerichtet haben, und jetzt auf Uruguay ihr Augenmerk wenden. — Mit der Zeit werden die Landsuchcr mit ihrer Geographie in Verlegenheit komm'n. Was für Rathschläge wir noch erleben werden. Da schweifen die Leute in die Ferne und das Gute liegt so nah! (Aus London.) Die „Chowawe-Zion- Society" zählt bereits 1350 Mtglieder. Außerdem gibt cs hier einen jüdischen Nationalvcrein junger Männer mit Namen „Prachej Zion". Belletristisches. „Ich bin Salomo!"*) Aus dem Hebräischen des 3t. A. Brandes, übersetzt von M. B. In weiter Ferne wunderte einst der Weiseste unter den Menschen — Salomo, der König von Jerusalem, fern von seinem Vaterlande, von seiner Residenz, von seinem Volke, seinem Heere, seinen Ministern und Beamten, seinen Frauen und Kindern. Asmodaj, der Gcisterkönig, hatte ihn 400 Parßah weit geschleudert, und so irrt der große weise König in fremdem Lande einsam und verlassen, verkannt von allen, die sich dort heimisch nennen, umher. Auch das Scepter hatte ihm dieser Teufel genommen, seiner Majestät ihn beraubt; nichts war ihm übrig geblieben, als sein Körper und seine — Weisheit! In gar kurzer Zeit ist der große Herrscher, der Dichter der weisesten und herrlichsten Sprüche zu einem arnren gedemüthigten Landstreicher herabgekommen, aber das Wort will von seinen Lippen nicht weichen: „I ch bin Salomo, König von Jerusalein!" Damit bietet er den Gassenjungen Unterhaltung, und veranlaßt höchstens einen oder den anderen Erwachsenen zu bedauerndem Kopfschütteln und dem Ausspruch: „Der Unglückliche! Ein verrückter Fremdling!" .... Er tritt, in den Gerichtssaal. Da sitzen die Aeltesten und Vornehmsten der Stadt, dereu-Richter und Räche. Die Weisheit Salomo's, seine klugen Bescheide, seine weisen Richtersprüchc sind Gegenstand ihres Gespräches. Frohen Muthes tritt er an sie heran: „Ich bin..Salomo! Ich bin der König, dessen Aussprüche Ihr respectirt, dessen richterlichen Bescheide Ihr alle rühmet" . . . Die Alten sahen ihn erstaunt an, warfen einander vcrständnißinnige Blicke zu und lächelnd sagten sie: „Wie? Du wärest Salomo, der König Israels, der weit und breit berühmte? Narr! — Laß doch, stör' uns nicht, sieh, daß Du fort kommst!" ... Da versuchte er sein Recht zu behaupten und zu beweisen, aber zwei Diener packten ihn am Arme und schleppten ihn zur Thüre. *) „Ha'zman", Nr. 2, 1890. Wir machen unsere geehrten Leser auf diese Zeitschrift aufmerksam. Wie in seinen ersten berühmten Werken der Nedacteur, der Verfasser der vorliegenden auf einer bekannten jüdischen Sage basirenden Skizze, mit unerschütterlicher Liebe und Consequeiiz für die Reform im Judcuthum einttat, so tritt er in dieser in Krakau erscheinenden Zeitschrift mit der größten Wärme für unsere heilige national-jüdische Idee ein. Zeugniß dafür legt die als Beilage erscheinende Erzählung „Woher und. Wohin?" ab, wo der Verfasser, Herr Brandes, allen jenen Jünglingen, die er früher ans der Finsterniß zog, denen er die Aufklärung predigte, sie für europäische Schulen und Studien gewann, jetzt das große Wort zuruft: „Bedenket woher Ihr kommt und wohin Ihr hinauswollet!" Der Held dieser Erzählung „Eiiah Aminadaw" gehört zu jenen großartigen Erscheinungen, die, ausgerüstet mit Wiyen und Kenntniß ihres Volkes und dessen Geschichte, allein darauf bedacht, sind, ihre Kräfte ihrem Volke zu widmen und sich demselben nützlich zu machen. Sloch ist die Erzählung, nicht zu Ende geführt, doch wollen wir hoffen, daß der große Meister nach langjähriger Unterbrechung im Schaffen, ein Werk schaffen wird, das . sich feinem epochemachenden O"M1 Jfin als würdiges Seitcnstück wird anreihen können. . Der Ueberfctzer,

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