Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 2 (16.1.1891)
- Date
- 1891-01-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 2. S e l b st - C m a n c i p a t i o. n. Seite 5. Polizcicommissär mit 12 Wachleute» nach dem Dorfe zu entsenden. Während die Wachleute sich in der Dorfschänke einquartierte», suchte zwei Tage später der Cominissär, als Bauer verkleidet, bei demJuden ein Nachtquartier. Der Jude, durch das Bitten des gebrechlich aussehendcn alten Bauern erweicht, wies ihm endlich unter einem CanapL eine Lagerstätte an, da er sonst keinen Platz zur Vcrsügung hatte. — Der Tag des geplanten Attentates war herangenaht und gerade als sämmtliche Familienmitglieder in recht feierlicher Stimmung den Eingang des Passah-Festes feierten, wurde ein starkes Pochen an den verschlossenen Fensterläden hörbar. Unangenehm aufgcschreckt, ließ der Jude öffnen und sah zu seinem Erstaunen den Bürgermeister eintreten. Um sein Anliegen befragt, erwiderte das Dorfsoberhaupt, daß endlich der Tag gekommen sei, wo mit dem Juden abgerechnet werden müsse, indem alles Hab und Gut crwuchert und erschwindelt sei und er eS nicht mitansehen könne, wie der Jude auf Kosten deS ganzen Dorfes sich breit mache. Er befahl ihm, sämnitliche Habseligkciten hereinzubringcn und deutete ihm genau den Ort an, wo sich Gold und Silber befänden. In der größten Verzweiflung bethcuerte der Jude seine Ehrlichkeit; allein cs half nichts, er mußte alles herbciholen. Mittlerweile hatte sich der Dorfgeistliche cingcfundcn und schmähte in derben Worten den Inden und seine Familie. Plötzlich wurde unter dem KanapL ein Husten hörbar und auf Befehl des Bürgermeisters wurde der alte, gebrechliche Bauer hervorgcholt und, nachdem ihm zwei Ohrfeigen applicirt waren, ins Freie gesetzt. Dem verkleideten Comniissär war es auf diese Weise gelungen, sich von der Nichtigkeit der Worte des alten Dieners zu überzeugen; er ließ seine 12 Leute sammeln und betrat, der srcinden Kleidung entblößt, den Schreckensort. Es war aber auch schon die höchste Zeit,' denn schon waren der Hausherr und sämmtliche Familienmitglieder gebunden und in einigen Minuten wären dieselben bereits in ein besseres Jenseits befördert gewesen. Der Commissär ließ im Nameu des Gesetzes beide Attentäter verhaften, nachdem er noch vorher dem Geistlichen mit dem Säbel den langen Bart durchschnitt. — Der Fall kam zu Gericht und die Attentäter wurden zu 13 Jahren schweren Kerkers verurtheilt. Der Necurs an die höhere Instanz und die in Folge dessen gestern hier stattgchabtc Appellvcrhandlung hatte das Nesultat, daß das Urtheil auf drei Jahre schweren Kerkers herabg e m i n d c r t w u r d e. Dieser Fall, sehr interessant in seinen Details, mag als Illustration dazu dienen, wie sehr die Juden in Rumänien der Rachsucht ihrer christlichen Mitbürger ausgeliefert sind. — lind trotz alledem schwärmen selbst hier intelligente Leute für Assimilation!! E ..... n. (Lhronik. (Die Baron Hirsch'sche Stiftung.) Die Statuten der Stiftung, welche den Namen hat „Baron Hirsch-Stiftung zur Förderung des Volksschulunterrichtes im Königreiche Galizien und Lodomerien, mit dem Großherzogthume Krakau und dem Herzogthume Bukowina", haben nach vielen Kämpfen endlich die behördliche Genehmigung erhalten. Nach diesen Statuten hat die Stiftung den Zweck, den Kindern israelitischer Eltern in Galizien und in der Bukowina den Volksschulunterricht mit Beobachtung der gesetzlich gestellten Vorschriften zu gewähren und israelitische Kinder in den genannten Provinzen zu tüchtigen Handwerkern oder Landwirthen heranbilden zu lasten. Zu diesem Zwecke sollen Volksschulen errichtet, eventuell unterstützt, Stipendien verliehen, an arme Schülern die Mittagskost . gewährt und Bücher und Schulrequisiten gegeben werden; weiters sollen israelitische Lehrlinge bei tüchtigen Handwerkern und Landwirthen placirt werden, für einen entsprechenden Fortbildungsunterricht dieser Lehrlinge in den Volksschulgegenständen und im Zeichnen gesorgt, Stipendien oder anderweitige Unterstützungen für israelitische Kinder, welche gewerbliche Fach-, Handwerker¬ oder geiverbliche Fortbildungsschulen besuchen, und Handwerker- oder geiverbliche Fachuild Fortbildungsschulen gegründet werden. Die Unterrichtssprache in den Stiftungsschulen ist in Galizien die polnische, in der Bukowina die deutsche; die deutsche Sprache soll aber in allen Stiftungsschulen schon von der ersten Elaste ab als obligatorischer Unterrichtsgegenstand fungiren. Nach Maßgabe der verfügbaren Räume sind die Stiftungsschlllen auch den christlichen Kindern zugänglich und ist diesen christlichen Kindern der christliche Religionsunterricht auf Kosten der Stiftung zu ertheilen. Als Stiftungsvermögen widmete Baron Hirsch bekanntlich die Summe von 12 Millionen Franks, welche fruchtbringend angelegt wird. Die Stiftung wird von einem Curatorium verwaltet, welches seinen Sitz in Wien hat, und nebst dem Stifter aus 18 Mitgliedern besteht; vier von den 18 Mitgliedern des Curatoriums werden von der Staatsverwaltung ernannt. Die Stiftung kann geändert werden, wenn sich nach fünfjähriger Wirksamkeit zeigt, daß in Folge von aus der Mitte der israelitischen Bevölkerung in Galizien und in der Bukowina selbst dem Curatorium in der Durchführung seiner statutenmäßigen Pflichten bereiteten Schwierigkeiten der Stiftungszweck nicht mit' Erfolg zur Ausführung gebracht werden kann, oder wenn der Zweck überhaupt oder in Folge Eintrittes unvorhergegesehener Ereigniste nicht mehr erfüllt werden kann; dann wird die Stiftung in eine neue Stiftung unter den Namen „Baron Hirsch- Stiftung für humanitäre Zwecke und zur Unterstützung von Handwerk und Ackerbau unter den Israeliten von Oesterreich" umgewandelt. Unter den von Baron Hirsch ernannten Curatoren befindet sich auch der polnische Abgeordnete Gniewosz. (Jungezechischer Antisemitismus.) Unter dieser Ueberschrift bringt die „Wiener Sonn- und Montagszeitung" eine Mittheilung aus Prag, in welcher auf die Judenfeindlichkeit der „Narodni listy" hingewiesen wird. Die Jungczechen sind trotz ihres Liberalismus antisemitisch, die Altczechen sind es erst recht (siehe Rieger's „Wiege am Jordan"), und die Deutschen, diese Classiker im Antisemitismus, find es doch gewiß. Wer ist denn dann judenfreundlich in Böhmen? Höchstens die Juden selbst, und auch das können wir nicht zugcben; unterscheidet ja die erwähnte Mittheilung selbst zwischen „deutschen" Juden und „czcchischcn" Juden. Wir kennen das: Der eine Jeiteles ist ein Deutscher und der andere, sein Bruder oder Sohn, i|'t ein Czeche. (AuS Krakau.) Im „Ha'zman" fordert Herr Benjamin Spira die Krakauer Jugend zur Gründung eines jüdisch-nationalen Vereines auf. (Der akadem. Verein „Kadimah" in Wien) hat in der Plenarvcrsainmlung vom 1. Jänner d. J..den Chefredacteur der „Selbst- Emancipation", Herrn Dr. Nathan B i r nb a u m, in Anbetracht der hervorragenden Verdienste, welche sich derselbe um den Verein und die jüdisch-nationale Sache erivorben hat, mit Stiinmeneinhelligkeit zum Ehrenmitgliede ernannt. — Die Thätigkeit, welche der Verein in diesem Semester entfaltet, ist als eine besonders rührige z>l bezeichnen; au den Samstagabenden erweist sich'das Vcreinslocalc oft als zu klein, um die zu den daselbst abgehaltenen Vorirags- und Discussions-Abeuden zahlreich erscheinenden Gäste und Vereinsmitgliedcr aufzunehincn. — Samstag, den 17. d. M. findet in Hernfelds Restaurant, 1. Bez., Franz Josefs-Quai 25, ein Geselligkeits- (Herren-)Abend statt, aus dessen Programme wir die Vorträge des Herrn D. L ö w y über „Die Geschichte der Juden in England" anführen. Gäste sind herzlich ivillkoinmen. (Aus Czernowitz) schreibt man der „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung" : „Es ist gewiß ein Curiosum sondergleichen zu nennen, daß in österreichischen Landen eine Mittelschule existirt, in welcher absolut kein Religionsunterricht crtheilt wird. Freilich befindet sich diese Lehranstalt, welche sich in so unrühmlicher Weise auszeichnet, nicht im Centrum des Reiches, auch nicht in der Nähe des Wirkungskreises der unterschiedlichen Liechten- und anderen Steine des Anstoßes für jeglichen Fortschritt, die mit der Uhr in der Hand des Momentes harren, wo sie der Jungfrall Schule das Nonnenklcid des Clerikalismus anzichen können, sondern im fernen Osten der Monarchie, in der Bukoiviua. Von diesem Lande, das wirklich ein Stiefkind des Reiches genannt werden kann, hört inan nur selten etwas, nämlich in der Regel nur dann, wenn dort eine himmelschreiende Ungerechtigkeit vorgefallen ist. In der Bukowina also, und zwar in dem cinstigen moldauischen Krönungsstädtcheu Suczawa, ist ein Obcrgymnasium, au lvclchem kein Religions-Unterricht crtheilt wird. Es dürfte nicht uuiutercssaiit sein, zu constatiren, daß die Mehrzahl der Schüler deni mosaischen Glaubensbekenntnisse angchörcu, da circa 200 Schüler, also 60 Percent Juden sind. Es gibt Leute, welche in diesem Umstande nicht ein Spiel des blinden Zufalls erblicken wolle», sondern die Thatschc, daß an einer Schule mit überwiegend jüdischen Zöglingen kein Religions-Unterricht crtheilt wird, als eine ganz neue, recht nierkwürdigc Spielart des Autiscinitismns anschen und sic verweisen zur Bekräftigung ihrer Anschauung darauf, daß in einer Zeit, wo auf das „religiös" in dem Ausdrucke „religiös-sittliche" Erziehung ein ganz besonderer Nachdruck gelegt wird, ein solcher Vorfall eigentlich unmöglich sein sollte. Jedenfalls sicht es sich recht sonderbar an, wenn in den von dieser Anstalt ausgestellten Zeugnissen die Rubrik „Neligionslchre" die Bemerkung zu lesen ist: „Hier kein llnterrichtS-Gcgcnstand', umso sonderbarer, als in Suczawa zwei Rcligionslehrcr ansässig sind Es wäre interessant zu erfahren, ob die LandcS- Schulbehörde der Bukowina von diesem Sachverhalt Kenntnis; hat Daß mau im Cultus- und Unterrichts- Ministerium hievon absolut nichts weiß, erscheint uns ganz unzweifelhaft und wir sind fest Überzeugt, das; dieser Mißstand nun auch bald abgeschafft werden wird." (Aus Preußen.) Der in Coblcnz erscheinende „Reichsherold" bringt in Nr. 370, von 2. Jänner, folgende Nachricht: „Judenfrcie Märkte im Kreise Wetzlar. Die wackeren Parteigenossen in Schivalbach haben eine Petition entworfen und in Unilauf gesetzt, wegen Gestattung eines Judenfreien Marktes in Schwalbach. Dieselbe ist niit über 1000 Unterschriften an den Herrn Oberpräsidenten abgcschickt worden. Dr. Böckel hattjüngst Gelegenheit, mit dem Herr» Regierungspräsidenten von Coblenz zusammen zu fahren und demselben die Petttion warm zu empfehlen. Derselbe versprach sich für dieselbe zu verwenden."