Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 2 (16.1.1891)
- Date
- 1891-01-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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S e l b st - Em a n c i p a ti o n. Nr. 2. für jüdische Wissenschaften in Wien einsetzen werde, erwarten wir viel. — Dr. Prix, der Bürgermeister von Wien, der liberalen (!) Partei angehörig, veranstaltet alljährlich einen großen Empfangsabend. Schon voriges Jahr fiel es Manchen auf, daß Dr. Güdemann und Dr. Jcllinck, die Rabbiner Wiens, keine Einladungen erhielten. Damals wurde es mit einem Versehen eines untergeordneten Beamten entschuldigt. Heuer hat sich wohl wieder so ein Versehen ereignet, denn auch heuer erhielten, einem vielgelesencn und gewöhnlich gut unterrichteten Blatte zufolge, die beiden Rabbiner keine Einladung. Das erwähnte Blatt wundert sich darüber; wir wundern uns nicht, denn wir wußten, daß wir die sociale Gleichstellung nicht genießen. Der Liberale kennt den Anttsemittsmus nicht, aber die innere Abneigung gegen die Juden kennt er. Freilich wird das so selten eingeschen. — Rabbiner Dr. Güdemann hat unlängst aus Anlaß der Leiden der russischen Juden eine Predigt gehalten, die mit den Worten schloß: „Uns kann England nicht helfen, auch Amerika nicht, unser Vaterland am Allerwenigsten, aber einen Hoffnungsanker haben wir Juden, unseren Gott." Hierauf forderte er zu täglichen Gebeten für die ruffischen Juden auf. „Das ist unsere beste Waffe," sagte er. (A. L.) Lemberg, den 9. Jänner 169t. Samstag» den 3. l. Ai. las im Locale bei jüdisch-nationalen Vereines „Zion" der Obmann desselben, Herr Dr. Jsak Feld, vor einem zahlreichen, distinguirten Publikum, zu welchem das schöne Geschlecht ein großes Contingent stellte/ mehrere seiner eigenen Gedichte vor, von denen besonders erwähnt zu werden verdienen: „Meine Muse", „Die vier Becher", „Die Erscheinung", „Die Sehnsucht", „Jehuda Halevy", „Hadassa", „Die heilige Sprache" und die vortreffliche dramatische Anekdote „Die Bekehrten". Den Lesern unseres Blattes sind genannte Gedichte aus den früheren Jahrgängen der „Selbst-Emancipation" hinlänglich bekannt, so daß wir uns jedes weiteren Lobes enthalten und nur bemerken, daß Herr Feld' nach Schluß seines Vortrages allseitig beglückwünscht wurde. — Die für de» 1. Jänner bcstimulte Gottlobcr-Fcier fanb erst am 8. statt. Das Local war von Gästen übersüllt und war auch hier die Damenwelt sehr zahlreich vertreten. In Abwesenheit-des Obmannes, begrüßte Herr O. Thon die vcrsaulmeltcn Fcstgästc. Aus dieser Ansprache sei Nachstehendes wiedergcgeben: „Schon der Name „hebräischer Dichter" birgt eine Menge von Verdiensten und Opfern in sich. Ein Mann widmet seine dichterischen Fähigkeiten einem von aller Welt verkannten, gehetzten und geplagten Volke, um in der großen europäischen Wett unbekannt zu bleiben. Er hofft nicht auf Lorbeerkränze, nicht auf weitreichenden Dichterruhm, sondern bringt selbstlos sei» Alles als Opfer auf dem Altar seines gedrückten Stammes dar." Nach der Eröffnungsrede hielt Herr Nt. Ehrenpreis eine Vorlesung über das Leben und Wirken des Jubilars. Der Prälcgcnt schilderte das Lebcu und Wirken Gottlobers in objcctiustcr und unparteiischester Weise und bchandcttc besonders ausführlich den Sttcit Gottlobers mit Ire Kowncr. Anknüpscnd an diesen lltcrarischcn Streit, entwirft der Vortragende rin charaktcristifches Bild der damaligen ttaurigen Zustände unseres Schriftthums: „Alle Producte dieser Zeit", führt der Vorlescnde aus, „ttagen den Stempel der Ziellosigkeit und Plattheit; nirgends eine ausgesprochene Richtung, nirgends eine positive Tendenz. Die Kunst wird blos um der Kunst willen betrieben. Die Wiffcnschast besteht in der weitläufigen Interpretation unklarer Bibelstellen und der Münchhausengeschichtea Rabbi bar-Chunuh's. Die Publicistik ' enthüll langathmige Phraseologien über längstcntschwundene Dinge und Fragen, Sttlübungen „kosteffender" junger Leute über das Abbrennen der Schwitzbäder, über die Gründung einer a& ,11217, über ein veranstaltetes „Sijum-Fest" und Aehnliches. Außerdem schien in der literarischen Welt die von Jesaias verheißene Meffiaszeit hcrangekomuicn zu sein; Wolf und Schaf lebten friedlich mit einander und unsere Literatur war, wie sie Sokolow ttcffend bezeichnet, eine „Jedidim-Literatur". Alle Literaten und Dichter waren mit einander Jcdidim (Freunde), vergötterten einander gegenseitig in zahlreichen Oden und Sonetten und in ihren Briefen verherrlichten sie sich gegenseitig durch ellenlange „Titel"; man erachtete es als eine Geringschätzung, wenn der sogenannte „Titel" am Anfänge eines Briefes nicht wenigstens sechs Zeilen lang. war, wenn der Angcsprochcnc nicht wenigstens als „Leuchte Israels", als „vollgestopfter Bücherschrank" und „großredender Mund", bezeichnet wurde. Selbstverständlich, daß unter solchen Umständen von einer gegenseitigen Kritik nicht die.Rede sein konnte. Unfähige Leute, wie z. B. M. D. Mitzkun, warfen sich bald zu bedeutenden Dichtern, ja sogar zu Autoritäten auf, denen Niemand nahe treten durfte. Und diese Autoritätcn-Scheu mit ihrem dtoliiuetaaLere-System machten der Literatur schon gar den Garaus; die kritiklose Verehrung machte jeden Fortschritt der Literatur rein unmöglich und machte die Anzahl jener unfähigen, aller modernen Bildung baren Scribler nur größer. So waren die Dinge vor 30 Jahren beschaffen, als der junge, wiffenschaftlich gebildete und gcistteichc Kritiker Ire Kowuer mit seinem epochemachenden Wcrkchen „Cheker Dawor" und seinem Programmartikcl „Ruach Chajim" auftrat." Im weiteren Theile der Vorlesung würdigte der Vorttagcndc die später erschienenen Werke Gottlobers einer ausführlichen Besprechung und behandelte hierauf eingehend den literarischen 'Streit Gottlobers mit Perez Smolensky. Nach der Vorlesung declamirte der Viceobmann, Herr Carl Stand, das Gedicht „Die Sehnsucht" von Dr. Jsak Feld, worauf Herr O. Thon die beiden hebräischen Gedichte 11ö2£i1 und OKU . von A. B. Gottlober zum Vorttage brachte. — Die Feier'-schloß mit einer Jargon-Recitation („Ein Stein vom Herzen"'von A. Goldfaden) des Herrn Segel. — Am 10. l. M. las Herr Adolf Korkis sein Referat über „einige hervorragende Erscheinungen der Jargonlitcratur" vor. — Der Verein „Zion" hat an den Lord-Mayor von London eine Dankadresse in englischer Sprache für die Einberufung des Guildhall- Mectings abgcscndet. Die miffionärischc, von M Locwen in hebräischer Sprache hcrausgcgebenc Monatsschrift „Eduth el Israel" hat nach mehrmonatlicher Unterbrechung zum dritten Male hier zu erscheinen begonnen. Derselbe Herr Locwen gedenkt eine Zeitschrift mit gleichen Tendenzen im jüdischen Jargon hcrauszugcbcn, um auch der großen Masse seine beglückenden und praktischen Lehren predigen zu können. Lemberg, den 7. Januar 1891. Die jüdischnationalc Bewegung in Galizien nimnit erfreulicherweise stets größere Dimensionen an. Diese Woche hat in Kolomea wieder eine neue, zweimal im Monate erscheinende Jargonzcitung unter dem Titel „Der Volksfreund" zu erscheinen begonnen. Tendenz ist die jüdisch-nattonalc. — Der Ausruf des Colonisations-Vercincs „Admath Israel" in Stryj scheint seine Wirkung gemacht zu haben, indem sich auch auswärtige Mitglieder diesem Vereine anschließeu. Es ist zu hoffen, daß dieser Verein, da er der erste und der einzige seiner Art in Galizien ist, zur vollsten Vlüthe gelangen wird. — In Stryj veranstalten die Mitglieder des Vereines „Schochre Toschia" unter Mitwirkung einiger Mitglieder des „Zion" aus Lemberg, am 11. d. M. eine Mendclsohn-Feier. Im Programme finden wir eine Begrüßungsansprache des stuck, jur. Zipper, eine Festrede des Dr. Feld, Deklamationen, Musik. Die Feier soll einen st r e n g jüdisch-nationalen Charactcr erhalten. Viele Mitglieder des „Zion" werden sich.zur Feier nach Stryj begeben. — Der „Kurjcr Lwowsti" besprach die Volkszählung. WaS die Juden in Galizien bekifft, forderte er, daß die Juden keine Lügner fein und die volle Wahrheit angcbcn sollen, nämlich, daß sie Jargon sprechen , nicht polnisch, wie manche, es thun. Daraus ist zu entnchnien, daß es den Polen nicht besonders angenehm ist, wenn die Juden sich zur polnischen Sprache bekennen. Was sagen die „Polen mosaischer Confession" dazu? ' *** Drohobycz, den 8. Jänner 1891'. Bei der am 3. Jänner 1891. stattgefundenen ordentlichen Generalversammlung des hiesigen nationaljüdischen Vereines „Haibri", wurde der Gründer des Vereines und ehemalige Obmann, vrtt. jur. Moritz Pachtmann, einstimniig zum Obmanne gewählt. In ihm hat die nationale Idee einen eifrigen Förderer gewonnen. Der Verein „Haibri" zählt gegenwärtig 75 Mitglieder. Rußland. Kischinew, den 8. Jänner 1891. Die hiesigen Vertreter des Odessaer „Vereines zur Unterstützung jüdischer Ackerbauer - und Handwerker in Syrien und Palästina", sowie auch diejenigen in anderen Städten Rußlands, sind von der Polizei heimgesucht und aufgefordert worden, von nun an nicht mehr als Agenten der Odessaer Gesellschaft zu figuriren. Falls Jemand eine gewisse Summe schenken wolle, solle er sie selbst nach Odessa schicken. Da der Odessaer Verein seine Genehmigung voni Ministerium erhalten hat und die letzte Beschränkung vorn Stadtverwalter Odessas* *) herstammt, so ist es noch unentschieden, ob sie von Dauer sein wird oder nicht. Die Entscheidung des Ministeriums werde ich Ihnen seinerzeit zukommen lassen. Fcinberg. Rumänien. A , Galatz, den 6. Januar 1891. In einem kleinen Dorfe, 2 Stunden von der Stadt Bacau entfernt, lebte ein reicher Jude, gewesener Branntweinhändlcr, der sich im Laufe der Jahre ein größeres Vermögen erworben hatte, was ihm umso leichter gelang, als schon sein Großvater und Vater, in demselben Orte ivohncnd, als ehrliche und arbeitsame Leute bekannt und geschätzt waren. Der stets anwachsende Reichthum deS Juden stachelte den Neid und die Habgier des Bürgermeisters und des Dorfgeistlichen derart auf, daß sie beschlossen, gemeinsam ein Attentat gegen denselben zu verüben und sich seines Vermögens zu bemächttgen. Uni ihren Plan durchzuführen und jedes Verrathcs sicher zu sein, mußten sie' einen schon seit 10 Jahren im Hause des erwähnten Juden dicnendcu Bauer cntferuen und dies umsomehr, als sie dessen Zuneigung und Anhänglichkeit au seinen Herrn kannten. Der Bauer wurde zum Bürgermeister berufen und ihm bedeutet, daß die gesammte Familie des Juden getödtct werden müsse, da dies das einzige Mittel sei, sich des unredlich erworbenen Vermögens zu bemächttgen. Er wurde mit dem Tode bedroht, wenn er nicht sofort augäbe, wo sich sämmtliche Habscligkeitcn befänden und sofort darauf das Dorf verlasse. Durch die Drohung cingeschüchtert, erzählte der alte Diener alles haarklein und wurde hierauf zum Dorfe herausbcglcitet. Um für sein plötzliches Entfernen einen Grund anzugcbcu, erzählte der Diener seinem Herren, daß er gerne seine Verwandten in Bacau besuchen wolle und sich jetzt vor Beginn der Osterfcicrtage die beste Gelegenheit hiezu biete. Der Jude, nichts BöscS ahnend, entließ seinen alten Diener, indem er ihn noch vor seiner Abreise mit schönen Kleidern ausstattcte und reichlich mit Geld beschenkte. — In Bacau angclangt, erzählte der Bauer alles der Polizei, ivclche Anfangs seinen Worten kaum Glauben schenken wollte, sich aber später deniwch herbeiließ, einen *) Für alle ruffischcn Städte? Frage der Redaktion.