Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 2 (16.1.1891)
- Date
- 1891-01-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2. Selbst-Emancipation. - Seite 8. 3m Heimatland. Reisebilder eines Emigrirtcn. IV..) Bald erreichten wir die Behausung des Dr. d'Arbclla. Durch einen sauberen Hof führte man uns in einen schönen Garten, in dessen Mitte ein prächtiges, im orientalischen -Etyle gebautes Haus steht. Wir wurden gemeldet. Für Dr. d'Arbclla, der gerade im Rothschild'schcn Spitale beschäftigt war, empfing uns dessen Gattin. Es war mir eine angenehme Uebcrraschung, als die Dame, einen Blick auf meine Visitkarte werfend, mich in russischer Sprache fragte, ob ich der Sohn des 'Abraham Konstantinowsky in Odessa . sei. Im Laufe des Gespräches erfuhr ich, daß die Familie aus Poltaiva stanune und Frau und Kinder erst im letzten Jahre aus Rußland hieher übersiedelt seien. Aus 'Anlaß dieser Uebersiedlung seiner Familie nach Palästina, hat Dr. d'Arbclla, der es hier sehr weit gebracht hat — er ist Chefarzt aller Humanitären Anstalten des Baron Rothschild in Jerusalem und Besitzer von fünf türkischen Orden — das neue, schöne Haus bauen Mittlerweile erschien Dr. d'Arbclla. Er ist ein sehr hübscher Mann von ungefähr 45 Jahren und achtunggebietendem Aussehen. Rach Auswechslung der üblichen Vorstellungs- und Hoslichkeitsphrasen gingen wir sogleich zur Hauptsache über. Wir erführe» hiebei Folgendes : Dr. d'Arbclla beherrscht fast alle orientalischen Hauptsprachen, ist mit den hervorragendsten Männern der türkischen Regierung, namentlich in Palästina in Folge erfolgreicher Praxis, befreundet, ist allgemein und namentlich beini Gouverneur von Jerusalem beliebt, besitzt großes Vermögen und ist dabei ein warmer jüdischer Patriot. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Land an beiden Ufern des Jordans zu colonisiren, und bereits zu diesem Zwecke Boden im Ausmaß von 45.000 Dunam angekauft, welchen er zum Preise von 10 Francs per Dunam (fast Kostcnpreis) parcellirt. Gegenwärtig steht er mit einem Scheich in Unterhandlung, um zu demselben Zwecke ein noch größeres Stück Land zu kaufen. Was nun unser Anliegen selbst betrifft, so vernahmen wir zu unserer recht unangenehmen Ueberraschung, daß wir zufällig zu spät gekommen waren. Die letzten 2500 Dunam von dem bereits angekauflen Districte hatten 4 Personen, welche mit mir zugleich, auf demselben Schiffe, angekommen waren, gekauft. Sie hätten dadurch, daß ich in Rischon le Zion zurückblieb, vor mir einen Vorsprung erlangt, den sie ausnützen konnten, um Boden zu kaufen und und ihn sofort mit Rubeln baar zu bezahlen. Sollte ich aber darauf reflectiren, mich der jordanischen Gesellschaft anzuschließen, so müsse ich mich vorläufig — unter Vorbehalt der Einwilligung der Gesellschaft — mit blos 300 Dunam begnügen; ich könnte dann nach Europa fahren und brauchte erst wieder nach dem Peßachfeste zurückzukommen. Der gekaufte jordanische Boden — knapp am Jordan, drei Stunden von Hebron liegend — sei übrigens wasserreich (Wasser überall in der Tiefe von 1 bis 3 Metern), für Getreide- und Weinbau, sowie Viehzucht sehr geeignet; das Vieh daselbst sei stark, fett und billig, durchs ganze Jahr hindurch sei auch frisches Futter vorhanden. Edelfische gebe es im Jordan eine Menge, leider sei aber an einen Transport wegen der Hitze nicht zu denken. Die einzigen Nachtheile einer Ansiedlung im transjordanischen Gebiet *) Die Artikel I und II befinden sich in den Nummern 14 und 15 des vorigen, der Artikel HI in Nummer 1 dieses Jahrganges. seien: Wärmeres Klima als in Judäa (manche bezeichnen es als für russische Juden zu heiß), und geringe Eigenthumssicherheit.*) Dr. d'Arbclla versprach mir speciell eine Parcelle zu versorgen, falls Jemand auf die seinige verzichten oder sich mit einem kleineren als den: ihm zugetheilten Stücke begnügen sollte; er machte uns allen auch die Zusage, daß er uns sofort schreiben werde, sobald er für uns Antheile des bereits gekauften oder ncuanzukaufenden Landes haben werde. Hierauf empfahlen wir uns und versprachen vor der Abreise nochmals vorzusprechen. Dieser unser erster Besuch hatte zwei Stunden gedauert. Jetzt blieb uns nur die Hoffnung auf Chankin und seine Mäckler-Gesellschaft. Schon die ersten Versuche zeigten uns, welche Schwierigkeiten, Geld- und Zeitverlust mit dem Allkaufen von Land in Palästina verbunden seien, und bestätigten uns, was uns diesbezüglich die Herren Pines, Dr. d'Arbclla und Bloch, sowie andere würdige Männer gesagt hatten. Es ist eine nützliche Kenntniß für alle Zionsfreunde, daß alle die gedachten Schwierigkeiten beim Bodenankauf von uns selbst geschaffen sind. Als vor acht Jahren die jüdische Colonisation begann, war es ein Leichtes, Boden zu 0, 7 oder 8 Francs per Dunam zu erwerben. Die trägen, arbeitsscheuen Araber veräußerten mit Freuden ihren Grund und Boden, wenn sich ilur ein Käufer fand. Rischon le Zion ist damals um 8 Francs per Dunam gekauft worden, ivährend jetzt in.der Umgebung der Kolonie der Dunam nicht um 18 Francs zu haben ist. Sobald nämlich die Colonisationsbewegung stärker wurde, kamen Schaaren von Mäcklern aus Constantinopel, welche die Habsucht der Araber derart reizten, daß jetzt so ein Araber für sein Stückchen kahle Wüste ohne Wasser, Gras und Baum, welches erst dlirch Geld und Mühe urbar gemacht iverden muß, das Doppelte und Dreifache des wahren Werthes verlangt. Ich sah mir auf Veranlassung eines Agenten so einen Grundbesitz sammt Wohnung eines arabischen Bauern an. 500 Dunam unbebauten, blos mit Schilf beivachscnen Landes sind das Grundeigenthum desselben. Und erst die Wohnung! — Ein mit Schilf und getrockneten Palmenzweigen gedecktes, anderthalb Meter tief in die Erde gegrabenes Loch, in welches man nur auf allen Vieren hineinkommen kann. Das Loch hat ein Loch im Dache, vcrmuthlich ein Fenster. In dieser Behausung wohnte schon der Großvater des jetzigen Besitzers; nichtsdestoweniger hatte dieser „Grundbesitzer", dessen Hauptreichthum zivei müde, magere Kameele, ein Esel und acht bis zehn Schafe bilden, die Kühnheit, 18 Francs per Dunam zu begehren. Als ich Spaßes halber dem Manne sagte, daß ich mit dem Preise einverstanden sei, verlangte er bald darauf 20 Fr. Er selbst aber leugnete nicht, daß er noch vor fünf bis sechs Jahren mit 6 bis 7 Francs zufrieden gewesen wäre. Diesen hier geschilderten Uebelständen könnte nur dadurch abgeholfen werden, daß sich das Comite in Odessa, oder ein Großcapitalist, oder eine Actiengesellschaft entschließen könnten, große Grundstücke, von ivelchen ein starkes Angebot herrscht, anzukausen, um sie dann mit 15 bis 20percentigen Nutzen parcellenweise wieder zu verkaufen. Das wäre für die armen Einwanderer Hilfe gegen die tolle Ausbeutung seitens der von den Mäcklern aufgehetzten Araber. Auch in anderer Beziehung — abgesehen von der ungeheuren Ersparniß an Geld, Zeit und Mühe, welche die jetzigen Einzelkäufe kosten — tritt der Vortheil der hier vorgeschlagenen Kaufweise *) Siehe Artikel: „Die Beduinen und die Colonisation in Transjordanien" in Nr. 18 vorigen Jahrganges. Die Red. scharf hervor. Der vereinzelte Ansiedler steht nämlich vorläufig den örtlichen H i n d e r n i s s e n e i n e s rationellen Bode »bau es rathu n d h i l.f l o s gegenüber. Da kann nur eine größere G e m c i n s ch a f t, s i ch g e g e n s e i t i g ergänzend, mit Erfolg eingreifen. Die o b c r f l ä ch l i ch e V e r w ü st u n g des Landes braucht Niemanden abznschrecken. Unermeßlicher Rcichthum liegen im Boden verborgen, selbst im Sande. Boden und Klima sind gleich vorzüglich. Nur sind Capital und Arbeit nüthige Voraussetzungen zur Hebung dieser Schätze. Ich schreibe dies nicht blos für die weitschauendeu Zionsfreunde, sondern auch für kurzsichtige Assi,nilanten. Komme einmal so Einer herüber und sehe sich Rischon le Zion an. Schon jetzt sind die Ausgaben des Baron Edmund Rothschild reichlich gedeckt und wie erst in drei oder vier Jahren! Auch hier auf d c m B o d e n d i e s c r b lühend e n C o l o n i e wuchs n o ch v o r acht Fahren Schilf und v e g e t i rt e n h a l b v e r h u n g e r n d e Araber. Und wem das nicht genügt, der gehe nach Jaffa und sehe sich im Garten des „deutschen Barons" die herrlichen Südfrüchte an. Hier wächst in Gottes freier 'Natur, was im Pariser „jarctin d’Acelimatisation" mühsam. emporgezüchtet wird. Hier sind die Früchte zu Hause, welche in der Delicatcsscnhandlung zu Paris um den zwanzigfachen Preis feilgeboten werden. Würde Baron Hirsch mit seinen eigenen Augen nicht nur die hungernden Araber mit ihren dürren Kameelen sehen, sondern auch die Früchte, welche dieses Land zeitigen kann und auch wirklich dort zeitigt, wo man Mühe, Zeit und Geld darauf verwendet, — er würde sicherlich seine f i x e I d e e f ü r A me r i k a a u f g e b c n und mithclfen, Palästina in ein Paradies, in eine Stätte der entwickeltsten Cultur, des überfließendsten Reichthums umzuwandeln. — Von Dr. d'Arbclla gingen wir direct die Stadt Jerusalem besichtigen. Ich habe Paris, Berlin, Wien, London, New-Pork, Petersburg und noch eine Menge kleinerer, aber berühmter Städte gesehen. Doch der Eindruck, den ich dort empfangen hatte, glich nicht dem, den ich hier erhielt. Jerusalem ist etwas ganz außergewöhnliches. Seltsame Contraste und verblüffende Ueberraschungcn auf jedem Schritte. Stoff für zehntausend Beschreibungswerke. Wenn es für Ihre Leser von Interesse sein sollte, so werde ich mir erlauben, das, was ich von Jerusalem gesehen habe, so gut es geht, zu skizziren.*) Vorläufig habe ich wichtigere Dinge in Sachen der Colonisation selbst zu berichten. Jakob Konstantinowsky (Fortsetzung folgt.) Wir bitten darin». Die Redactio». Grigtiial- (Lorrespondenzen. Oesterreich-Ungarn. Wien, den 13. Jänner 1891. Sonntag fand die constituirende Sitzung des neuen Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde statt. Herr Wilhelm Ritter von Gutmann wurde zum Präsidenten, Herr Gemeinderath Gustav Simon, zunr Vicepräsidenten ernannt. Von Herrn von Gutmann, der sich als Freund der hebräischen Sprache erklärte und von dem es heißt, daß er sich für die Errichtung einer Hochschule