Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 2 (16.1.1891)
- Date
- 1891-01-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3092672-3092739-3092741--0590-3093559- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. Selbst-Emancipation. Baron Edmund Rothschild'schen Colonien im heiligen Lande,' bei der Makkabäcrfcier der „Bnc Zion" in Paris über unsere Colonisten gesprochen hat, sind bei uns allen mit unauslöschlicher Schrift tief in's Gedächtniß eingegraben. Aber auf eins möchten wir noch aufmerksam machen — nnd man hüte sich ja, diesem Umstande zu geringes Gewicht beizulcgcn! Ich meine die V e r b r e i t u n g d c r Z i o n sidee bei den russischen Juden selb st. 'Die in und für Rußland in hebräischer Sprache erscheinenden jüdisch-nationalen Tagcsbhätter und W o ch e n sch ri f t e n sind jetzt sämmtlich zionsfreundlich und haben die Begeisterung der Zionsidec in die Herzen einer ungeheuren Anzahl russischer Juden gepflanzt. Mt welch' ganz, anderem Eifer, mit welchem Feuer werden gerade die russischen Juden an die Urbarmachung des Landes ihrer Väter gehen! Und ist nicht diesem feurigen Eifer gerade der bisherige Erfolg in Palästina zuzuschreiben? Gelänge cs den Herren Lewin, Scheid und Erlanger die Alliance, und der Alliance wiederum, Herrn Baron Hirsch zu gewinnen, so wäre mit diesem herrlichen.Siege der Palästina-Idee an sich wahrscheinlich noch ein zweiter großer Bortheil verknüpft. Wer die Berichte der Palästina- Eoloi'isation aufmerksam gelesen hat, der wird schmerzlich die E i n h e. i t l i ch k e i t c i n e s E o l o n i s a t i o n s p l a n e s vermißt haben. Memand aber wäre geeigneter als die Alliance, einen solchen einheitlichen Plan zu eniwerscn, und behufs. Durchführung desselben mit sämmllrchcn Colonisationsvercinen in Berbindung zu treten. Wie jetzt die Sache liegt, so hat jeder seinen eigenen Wirkungskreis, Baron Edmund von Rothschild in Paris, das Odessaer Eomit , Dr. d'Ärbellä und gar erst diejenigen Personen, die sich auf eigene Faust in Palästina ankaufcn. Daß das Land dabei nicht immer rationell vcrtheilt wird, ist doch wohl unschwer einzuschcn, und erst recht, daß cs auf diese Weise viel teurer bezahlt wird, als wenn die Alliance große Landstriche kaufte, sie . an die unbemittelten Juden liehe oder schenkte, dagegen an die begüterten wieder verkaufte, um wieder neue Ländereien kaufen zu können. Am besten wäre es, wenn die Alliance ein Centralcomitä zur Colonisation Palästinas einsetzte und wenn dieses wieder mit dem Odessaer Comite, Dr. d'Arbella u. s. w. zur Zusammensetzung eines H a u p t c o m i t 6's in Verbindung träte. Einheit und Einigkeit macht stark, durch einheitliches Handeln werden wir ganz andere Erfolge als durch getrenntes Vorgehen der Einzelnen erringen! Ich will ferner noch darauf austnerksam machen, daß jetzt eigentlich auch, die gelegenste Zeit ist, Palästina zu colonisiren, und daß wir vielleicht sonst zum Wiedererwerb unserer alten Heimat zu spät kommen könnten! Denn bereits erscheinen in Deutschland Brochüren, welche, d a ja das jüdische Volk zu „entnervt" sei, die Kolonisation de s fr uchtbaren Land e s Pal äst i n a durch Deutsche, fordern. Also, hüten wir uns zu spät zu koiiunen und die Gelegenheit zu verabsäumen, dem Projekte des Baron Hirsch die richtige Wendung zu geben! Auch würde die Alliance, wenn sie die Palästina- Colonisation in die Hand nähme, eine große Menge neuer Mitglieder in Deuschland und Oesterreich gewinnen. Darum noch ei n mal z u m S ch l u s s e a n d i e „A l l i a n c e Israel i t e U n i v e r s e l l e" unsere innige Bit t c, sich der Palästina-' Colonisatron a n n e h me n, und sich damit das s ch ö n st e u nd herrlich st e Verdi en st um unser Volk auf ewig erwerben zu wollen! Samuel Josef Finn.*) Einer der hervorragendsten, verdienstvollsten und edelsten unserer Gesinnungsgenossen, dabei einer der bedeutendsten und anerkanntesten jüdischen Literaten der Jetztzeit, Samuel Finn, ist in der Nacht von 21. auf den 22.' Dezember 1890 in Wilna gestorben. Im Jahre. 1818 in Wilna geboren, betrieb Finn in seiner Jugend bloß jüdische Studien, und zeigte schon hiebei seine seltenen Geistesgaben. Im Alter von 17 Jahren erlernte er zunächst das Deutsche, beschäftigte sich '.sodann mit der elastischen Literatur,, dieser Sprache, uni hierauf ebenfalls in autodidaktischer Weise Russisch, Polnisch, Französisch, Englisch und Lateinisch, und, ihre Literaturen gründlich zu studiren. Im Jahre 1841 ward er Lehrer der hebräischen Gegenstände an der damals unter seiner Mitthätigkeit gegründeten jüdischen Knabenschule in Wilna.' Um dieselbe Zeit führte er sich auch mit pädagogischen und historischen Vorträgen und Schriften in die Schriftstellerwelt ein. Aus dieser Periode seines Wirkens sind hcrvorzuheben: „Worte der Wahrheit", sein Erstlingswerk, pädagogischen Inhaltes; die wegen Censurhindernisse» kurzlebige hebräische Zeitschrift „Pirche Zaphon"; welche er gemeinsam mit E. L. Hurioitz herausgab; die „Chronologie der jüdischen Geschichte", ein größeres Geschichtswerk und eine im jüdischen Jargon geschriebene Grammatik der russischen Sprache, eine Culturleistung im wahrsten Sinne des Wortes. Durch die rege literarische Thätigkeit hatte sich Finn einen Namen erworben und wurde 1848 als Lehrer an die neueröffnete Nabbinerschule in Wilna berufen. Im Jahre 1856 fand sich die Negierung veranlaßt, den Gelehrten zum Jnspector für jüdische Schulen des Gouvernements Wilna zu ernennen, und ihn durch Verleihung zweier Medaillen und des Titels „erblicher Ehrenbürger" auszuzeichnen. Während dieser Epoche schuf er (1851) die „Geschichte der jüdischen Literatur von der Zerstörung des zweiten *) Durch Versehen in dcrvörigen Nummer ansgebliebcn. Die Ncdaction. Nr.- 2. Tempels bis Abraham ibn Esra", ein classisches und inhaltreiches Werk. , Im Jahre 1860 trat Finn' wieder mit einer Zeitschrift vor die Qeffcntlichkcit. „Hakarmel", eine literarisch-wissenschaftliche Musterzeitnng, erschien bis 1880. Vom Jahre 1871 an erschien dieses Blatt nicht mehr regelmäßig und Finn beschäftigte sich seitdem wieder mt größeren Ar- ‘ beiten. Aus dieser seiner letzte! Periode schriftstellerischen Schaffens verdiene» ganz besonders hervorgehoben zu werden: „Ge chichte des Volkes Israel", die Zeit von ZcrsiZrung des ersten Tempels bis zum Tode Johannes Hyrkan, umfassend (2 Bände 1871 nnd 1878); die prachtvolle Schrift „Nutzen der hebräischen Sprache, ihr Einfluß auf den Sprachschatz überhaupt und auf die Renaissance der Wissenschaft.".!(1879); Biblisch- Talmudisches Wörterbuch „Haozar". (1883), „literarisches Wörterbuch", (1$86). Wir können hier nicht alles aufzählen, was Finn geschrieben hat, auch nicht eingehender auseinander -setzen, wie er geschrieben hat. Genug an dem, daß die jüdische Intelligenz aller Länder ohne Unterschied der Part e i st e l l u n g die. Größe dieses. Gelehrten anerkennt. ' . Für-' uns aber hat Finn eine ganz besondere Bedeutung dadurch, daß er, als am, Anfang des vorigen Jahrzehnts die Palästinaidee auf russischem und rumänischem Boden entstand, er zu-einem der b e g e i st e r t st e n und begeisterndsten V o.r kämpf e r d e s G e danke n s d c r C o.-l-o n is a t i o n P ä l ä st i u a s wurde. Ihm verdankt die national-jüdische Bewegung Meles und Großes. Samuel Josef Finn, der große Gelehrte, der Mann des Fortschrittes und der Aufklärung, der edle Mensch, der treue hingebcnde Sohn seines Volkes, der Freund Zions — ist nicht mehr! Mit ihm' erlitt Israel einen schweren Verlust. Sein Leichenbegängniß, das in großartigster Weise verlief, zeigte, daß die Schwere dieses Verlustes empfunden werde. Die ganze Bevölkerung Wilnas und der Hingebung nahm an der düsteren Feierlichkeit Theil; aber unter allen genossen die Vorsteher des dortigen Palästina-Colonisations- Vereincs allein die Ehre, den Sarg mit der entseelten Hülle des großen Verblichenen zur letzten Ruhe tragen zu dürfen. Wir als Gesinnungsgenossen jener Männer sind stolz auf diese, in ihnen der Zionsidee erwiesene Ehre, und vereint mit ihnen schwören wir am frischen Grabe Samuel Josef Finns Treue dem Judcnthume, seinen Ideen, seiner Sprache, seinem Lände. Diesen Schwur halten, wird der Dank sein, den die Zionsfreunde ihrem verstorbenen großen Gesinnungsgenossen abstatten.*) *) Sämmtliche jüdische und -viele michtjüdische Blätter brachten anläßlich des Todes Finn's längere Würdigungsartikelii; die Mehrzahl aber mit U n.t e.rs ch l a g u n g seiner Bedeutung in der ColoiiisatioiiSsachc. ' Die Red."'