Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1891
- Issue
- Heft 1 (2.1.1891)
- Date
- 1891-01-02
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3092672-3092739-3092740--0586-3093554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. 1. Selbst-Emancipation. Seite 7. Stunden von Tiberias entfernt. Stuf dieser Strecke wird eine Eisenbahn gebaut werden; ob in unserer Rähe sich eine Station befinden wird, weiß ih noch nicht; allgemein glaubt man es. Der Bodm ist eben, zum Anbau von Weizen, Gerste, Mohr; ebenso als zum Weinbau brauchbar. Weideplätze haben wir genug; wenn wir nur auch viel Minder hätten. — Außer den besagten 2000 (Dunam erhalten wir jeder noch einen, Platz fix den Bau eines Hauses und einen Gemüsegarten, um Ganzen je 15 Dunam Erde, wofür wir keim besondere Bezahlung zu leisten haben. Ebenst haben wir noch viele steinige Hügel, deren Steine wir zum Häuserbaue werden verwenden können; auch dafür brauchen wir rächt separat zu zahlen; selbst der Platz gehört nach dem Entfeinigen uns und werden mir ihn dann mit Tattelbäumen bepflanzen können. Wasser nehmet (wir aus einem eigenen Brunnen und aus inein anderen, dessen vierter Theil den benachbarter, Arabern gehört. Sticht weit von uns befindet sih> ein arabisches Dorf; die Einwohner dessellen sind sehr zufrieden, daß wir ihre Nachbarn oerden, da sie durch uns beständig Arbeit zu laben hoffen. Unsere zukünftige Colonie wird dn' Namen „Nachlath-Jatob" führen. — Die Lift ist hier besonders gesund und wirkt ans den Neuangekommenen sehr günstig; im nahen Tibrias befinden sich auch warme Bäder, die starl besucht sind. — Deine Frage, ob sich in Palatum die Betreibung eines Manufacturwaaren-Zeschäftes lohnen ivürde, muß ich entschieden Lnicinen. Die jüdischen Eingeborenen gehören zur ärmsten Classe und tragen keine theuren Kcider. Die Araber aber brauchen schon gar nichü < dergleichen, denn ihre ganze Kleidung besteht in Uebenvurf und Hose. Was aber den Handel überhaupt betrifft, so sage ich Dir, daß hier Gold auf den Straßen liegt, ohne daß Jemaivt vorhanden wäre, welcher es aufzuheben verstikide. Es gibt hier viele Produkte, an welchn man geradezu reich werden könnte. Rohes jrll z. B. würde sich inclusive Unkosten und 3°! bis Odessa auf höchstens einen Rubel 80 Kopekchsbis 2 Rubel per stück stellen. Die ganze Bolle eines Schafes, welches ungefähr 4—5 Pfud-langer, reiner Wolle liefert, kostet hier 48 Kacken; in Rußland aber zahlt man für das Put (40 Pfund) Wolle 22 Rubel und mehr. Sonuerweizen kauft nran hier um 50 Kopeken das M. Man könnte also diese Producte nach Pris oder London exportiren. Mit einem Worte man könnte hier die besten Geschäfte machen, man brauchte nur Geld, und was noch wichtiger i[t) arbeitsame Leute. — Der Ackerbau an und fir. sich ist aber auch ein sehrgutes Geschäft. Ick denke dieses Jahr 1000 Pud Weizen und 500 Pid Gerste zu säen, die übrige Erde werde ich für Sommergetreide und Weinbau lassen. Gegewartig beschäftigt mich eine Frage, die ich noch nicht gelöst habe. Es ist nämlich hier Sitte, best'Ackerbau in Coinpagnie mit einem Araber zu tr:en, wobei folgende Bedingungen existircn; eriveder gebe ich ihm die Erde, er bearbeitet sie, gü(dic Aussaat und bei der Ernte zahlt er zuer.flO Perxent des Ertrages der Krone,; nimmt iine Aussaat zurück und im Rest, theilen wir uw so, daß er drei Viertel, ich ein Viertel bekommen 'oder aber der Araber stellt mir seine Erde zu: Verfügung, sodann treten die umgekehrten Betngungen ein; ich neige mich der zweiten Lösungat:* Eine gewöhnliche Ernte trägt das Zehnfache, o:'h. von 10 Pud Aussaat erntet man 100 Pt^Korn; eine gute Ernte aber trägt auch das Änfzehn- oder sechzehnfache; Mohn gibt gewöhntst;das hundertfache. — Was Lebensmittel anßelcmjJ so kostet in Jerusalem, wo das Fleisch theua jst, ein Pfund 15 Kopeken (20 Kreuzer); Me gibt es daselbst gar keine. - Sonst herrscht ätfe> größte Billigkeit. Das Pfund Zucker kostet 8 Kop., das Pfund Thee, welches in Rußland 2 Rubel kostet, hier nur 1 Rubel, Branntwein die Flasche 10 Kop., der b ste Wein die Flasche 15 Kop. In unserer Colonie zahlt man für 1 Rotel gleich 7 Pfund Fische 4 Kop. (5 Kreuzer); große Fische, wie z. B. Hecht u. s. w. sind im Jordbn oder im Kiuereth-See (Genezareth-See) zu finden; eine Maß Milch kostet v Kop. Hühner sind hier sehr billig, Küchlein bezahlt man mit 12—15 Kop. Eier bekommt man 10 Stück um 8 Kop. Indianer kosten das Paar 1 Rubel, 50 Kop., Gänse das Paar ein Rubel. — Ich hoffe aber, daß wir nichts zu kaufen brauchen werden, denn wir werden dies alles auf unserer eigenen Wirthschaft haben. — Hier wird mit Pferden und Kühen gepflügt; eine Kuh kostet 30 Rubel, nur eine Damasker Kuh 100 Rubel und noch mehr; von letzteren erhält man aber 8 Maß Milch im Tage. —. Was Bauten anbetrifft, so kann man um 1000 Rubel ein sehr schönes Haus, vier Zimmer und eine Küche enthaltend, dazu noch drei Scheunen für Pferde, Kühe und Schafe und ein Häuschen für die Arbeiter fertigstellen. Ich glaube aber, daß es uns bedeutend weniger kosten wird, da wir eigene Steine und Pferde haben. — Sobald ich ein wenig freie Zeit haben werde, so iverde ich einige Citroneu-, Apfelsinen-, Feigen- und Dattelbäume pflanzen, vor Allein aber Ethrogim und Weinstöcke; von letzteren für jeden von uns wenigstens 500 Reben. Im nächsten Jahre werde ich hoffentlich noch 1000 Reben pflanzen. Vorläufig müssen wir die Reben kaufen; französische Reben kommen auf 6—7 Rubel das Tausend. Wie bereits erwähnt, steigt der Preis der Erde mit jedem Tage. In Rischen- Lezion z. B. zahlte man anfangs 7 V, Francs per Dunam, da das Land nicht gut ist und sich nur zum Weinbau eignet, jetzt aber kostet dort der Dunam 90 Francs, wenn man überhaupt irgend welches Stückchen Landes noch bekommt. Unser Boden ist bedeutend besser als der Rischon- Lezions. Möge nur Alles glücklich ablaufen! — Wir hoffen, daß unsere Colonie sehr groß sein wird; vorläufig haben wir alle Colonisten zusammen nur 15.000 Dunam Landes, wollen aber noch 2000 Dunam dazu kaufen; sodann wird unsere Colonie zu einem größeren Orte werden. - - Kurzum, mein theurer Sohn, ich bin sehr froh, daß ich hieher gefahren bin und hoffe, daß meine Kinder und noch mehr meine Enkel mir dafür sehr dankbar sein werden, da die Erde mit jedem Tage theurer wird. — In Rischon-Lezion haben manche Colonisten je 100.000 Stöcke, von denen sie aber erst in diesem Jahre die ersten Früchte bekommen. Sie waren recht unglücklich gewesen, denn sie hatten nach dreijähriger mustervoller Arbeit die gepflanzten Reben wieder ausreißen und neu pflanzen müssen, weil sich die elfteren als schlecht erwiesen hatten. Diese unglücklichen Brüder werden uns als Warnung dienen; wir werden uns nun die besten Reben und den besten Gärtner herauszusuchen trachten, dann wird uns hoffentlich der beste Erfolg zu Theil werden. — Vorläufig wohnen wir alle in einem großen Hause, wo sich auch eine Scheune für Pferde befindet. Das kommt mir sehr zu statten, da ich nicht eher ein Haus zu bauen beginnen will, als bis ich mit Aussaat und Pflanzung ganz ferttg bin. Ich würde Dir noch mehr geschrieben haben, leider mangelt es mir aber an der Zeit hiezu. Besten Gruß an alle die Unsrigen. In der Erwartung, Euch, meine Theueren, recht bald hier zu sehen, verbleibe ich Euer Zadok Garber. Ist dieser Brief nicht das beste Zeugntß dafür, daß unser heißgeliebtes Vaterland in der That ein Land ist, wo Milch und Honig fließt! Für dieses Land haben einst unsere Väter ihr Blut vergossen, hier einst unsere tapferen Helden unermüdet für die Freiheit ihrer Nation gekämpft! . . . Oh, daß sich doch im Herzen Eurer geknechteten Brüder von heute wieder die alte Liebe zum Vaterlande rege: Mögen sie sich an die heiligen Worte des Psalmiften erinnern, der da sagt: „Wenn ich dein vergesse, o Jerusalem, so möge doch meine Rechte vergessen bleiben!" Benjamin Raschkes. Kamenetz-Podolsk, den 2t». December 1890. Der hiesige Gymnasialdirector Firffow hat den jüdischen Schülern der höheren Classen verboten, Privatunterricht, selbst an jüdische Kinder, zu ertheilen. Veranlassung zu diesem Decrete bot daS von einem reichen Juden an den Director gestellte Ersuche», ihm einen christlichen Hauslehrer zn empfehlen. K. X. (Lhronik. („Admath Israel") heißt der neue in Stryj gegründete Palästina-Colonisations-Verein, welcher die Genehmigung der Statthalterei erhalten hat, und nun einen Aufruf verschickt, den wir aus Ratuninangel leider nicht abdrucken können. — Wir fordern unsere galizischen Gesinnungsgenossen auf, diesem Verein beizutreten. Anmeldungen sind an Herrn Moses Lipschütz in Stryj zu richten. (Die jüdisch-nationale Idee) verfügt in Galizien über vier Vereine- Der erste ist der Verein „Zion" in Lemberg, welcher bereits vor rund zehn Jahren (unter dem Namen „Mikra Kodesch") auf Initiative hervorragender Gesinnungsgenosse», wie z. B. 'Rabbiner Dr. Kodak, Dr. Rubin Vierer u. m. A. be. gründet wurde, und gegenwärtig gegen 90 Mitglieder zählt. Diesem Vereine folgt der im Jahre 1887 begründete Verein „Schochre Toschia" in Stryj, welcher in Kurzem, um vor der Oeffentiichkcit seine Tendenzen zu manifestiren, seinen Namen in „Haleumi" (Der Nationale) umändern wird. Die Zahl der Mitglieder dieses Vereines beläuft sich ouf 40. Der dritte jüdischnationale Verein besteht in Drohobycz und führt den Slawen „Haibri". Dieser Verein wurde im Juli des Jahres 1839 auf Initiative der Herren Ascher Lauterbach, Moriz Pachtmann und anderer junger Leute begründet und zählt gegenwärtig über 60 Mitglieder. Zuletzt sei noch der Verein „Zion" in Bolßowce ermähnt, welcher sich trotz der äußerst geringen Anzahl der Mitglieder und sonstiger Hindernisse in diesem winzigen Städtchen aufrecht erhält. Außer den bereits vorhandenen, sind in mehreren Landstädten jüdisch-nationale Vereine in Gründung begriffen. So z. B. steht in Stryj die Begründung eines Colonisations-Vercincs „Admalh Israel", dessen Statuten der hohen Statthalterei bereits vorgelegt wurden, bevor. In den Städten Brody, Kolonie«, Krakau, Zolkiew und andere, bestreben sich Gesinnungsgenossen, jüdisch-nationale Vereine ins Leben zu rufen. — Zum Schluffe fei noch bemerkt, daß in Galizien unsere Partei, trotz stetigrn Entgegenarbeitens der „Polen mosaischer Confession". fast täglich zahlreiche Anhänger gewinnt A. L. (Die „Jüdische Volkszeitung",) das national-jüdische Jargonblatt, von welchem wir bereits berichtet haben, erweist sich immer mehr als ein wahre Aufklärung und wahren Fortschritt verfechtendes Organ. Das zeigt sie wieder in ihrem Berichte über eine am 14. v. M. in Lemberg stattgchabte Volksversammlung zn Gunsten des allgemeinen Stimmrechtes. Dieser Bericht bemüht sich mir einem bei der Schwerfälligkeit des jüdisch-deutschen Idioms für polillfche Discusfion doppelt rührenden Eifer seinen Lesern die Idee des Plebiscits und verwandte Ideen begreiflich zu machen. Das Blatt tritt hiebei in echt demokratischer Gesinnung für das allgemeine Stimmrecht ein. Seine fortschritlichen Ideen äußert es auch in gelungener Weise bei der Besprechung des Londoner Sympathienmeetings. — Man kann kühn behaupten, daß diese Zeit»