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Selbst-Emancipation · 1891-01-02 · Heft 1 (2.1.1891) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 1 (2.1.1891)
Date
1891-01-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1. Selbst-Emancipation. Seite 3. geschilderte Zeit nur in dem Sinnes daß sie in nebelgrauer Ferne hinter uns liegt, aber nicht Märchen in, dem 'Sinne ihrer inneren Wahrheit oder Unwahrheit. Sie stellt sich uns dar als die Zeit, wo unser Volk auf nationaler Grundlage ruhte und gedieh, einer Grundlage auf der auch andere Völker zu anderen Zeiten in anderen Climaten btühten, und daher auch unser Vclk noch einmal blühen kann. Es sei j zu spät, es sei undurchführbar! Warum denn eigentlich? Stehen unsd. h. unserem Volke in Ganzen, nicht jene zwei Hauptmittel, mit denen sich heutzutage Berge versetzen lassen, zu Gebote, nämlich Geld und Geist. Dieselben .Leute, die unser Zeitalter nicht genug anstaunen können uud in demselben nichts mehr fix unmöglich halten, werden in der Frage der ^Wiederbelebung Israels kleinlaut und verkriechen sich hinter der Phrase: „Es i st undurch führ bar." Ja wohl,-es ist undurchführbar, so lange in den Reihens des Judeuthums solche Unlust zur nationalen Ehat besteht, so lange man lieber freundnationale oder weltbürgerlichc Seifenblasen emporblasen wird, statt zur praktischen, national-jüdisches Lösung des Judenthums zu schreiten. j Das m llfß anders werden und dann ist esmit der Undurchführbarkeit vorbei. Die nationale Wiedergeburt muß durqtzeführt werden, denn es gibt keinen anderen Au s w e g aus d e n W i rren des Golus. Lassen wir uns, die mir diesen Pfad beschneiten wollen, durch die Phrase vom Rückschritt nicht verblüffen. Denn keine Mumie de sl Alterthums, kein a n t i q u.a r i s ch e s Volk i st unser Ideal. Vielmehr wollen ivir Israel aus seiner jetzigen unheimlichen Existenz, welche eher die Bezeichnung mumienhaft, verknöchert und modrig verdient, h-rausführen zu frohem, heiterem Leben. U n sje r e Devise ist Freiheit und Fortschritt, und darum hinweg mit demgrößtenFeinde dieser beiden Prinzipien, darum Schach d e m G o l u s! Im Heimatland. Reisebildn eines Emigrirten. jrn.*) Nachdem ich binnen wenigen Tagen in Rischon le Zion söftig heimisch uud mit allen Colonisten heimisch geworden, waren Land und Leute mir bald so lieb und ans Herz gewachsen, daß ich niemals Besseres und Edleres von Leben verlangen würde. JsH doch seit jeher mein Ideal: eine gebildete und auf den Höhen der Cultur und Wissenschaft stehendes Gesellschaft in herrlicher milder Luft, durch physische Arbeit das Brod verdienend! Und dazH das erhebende Bewußtsein der Colonisten den wsten Stein zu bilden für die Gründung einer Heimat und die Wiederbelebung Israels auf dem heiligen Boden unserer Väter, — der Gedijcke allein entflammte mein Herz und stärkte meine Hoffnung, er festigte meinen Entschluß, bis zum Tode hier zu bleiben. *) Die Artikel l. unb n. n und 15 des v. Jhrg. den Nummern 14 Am vierten Tage gegen Sonnenaufgang ' trat ich die Reise nach Jerusalem an in Begleitung des Sohnes meines Wirthen, Herrn Abramowitsch, eines Colonisten, dcffcn Gastfreundschaft ich ivegen der Ueberfüllung des Einkehrhauses in Ansprnch nehmen mußte. Ein mit zwei arabischen Rossen bespannter von einem Araber gelenkter Wagen war bestimmt, uns zunächst nach Rainle zu bringen. Wir besichtigten im Vorüeifahren den an der Grenze Rischons gelegenen, trotz seines 8jährigen Bestandes nur e i n Grab beherbergenden Friedhofs und rollten dann weiter auf der wohl erhaltenen Chaussee, welche Jaffa mit Jerusalem verbindet. Unterwegs stießen wir jeden Moment auf Araber mit beladenen Kameelen. Fast bedauernd betrachtete ich diese Jammergestattcn, welche klein und mager, durch ihre Schwächlichkeit und der Armuth ihrer Kleidung, ein Bild des größten Elends darboten. Ein einziges schinutziges Hemd mit nackter haariger Brust, einen taugen Stock, einen schmutzigen Fetzen um den Kopf bilden die ganze Adjustirung Die armen ungepflegten und sich selbst überlassenen Kameele mit einer Last beladen, unter welcher sie jeden Moment zusammenbrechen drohen, vermehrten den traurigen Eindruck. Und diese wilde Horde, die Stecht und Unrecht nicht zu unterscheiden versieht, diese auf der niedrigsten Kulturstufe stehenden von ihren Lastthieren nicht viel differenten Individuen sind die Besitzer des heiligen Orts, die Verwalter des Bodens unserer Propheten. O Gott! Vergib uns unsere Sünden und führe uns in unsere Heimat zurück! Ich richtete an meinen Begleirer die Frage, wer wohl besser sei, die Kazapen, die Berliner Antisemiten mit Stöcker an der Spitze oder diese Araber. „Von den ersten zwei," antwortete er, „ist wohl Einer des Anderen wert, doch haben sie sich um uns verdient gemacht, indem sie unser nationales Bewußtsein erweckten uud einigen unserer verirrten Brüder zu der kalten Douche wurden, deren sie so dringend bedurften und noch bedürfen; entschieden aber verdient dieses Völklein den Vorzug vor jenen, es sind harmlose Naturkinder, die Rechts und Links nicht zu unterscheiden wissen und nur durch ihre körperliche Verkommenheit und das Elend ihrer Erscheinung das europäische Auge und insbesondere Ihren verwöhnten Odessaer Geschmack verletzen müssen. Wir inüssen eben darauf gefaßt sein, in dm Besitz eines uralten, verlassenen und verwüsteten Landes zu gelangen, in welchem Alles mit dem A B C begonnen werden muß, mit fieberhafter Thätigkeit und semitischer Geduld müssen wir erneuern, erfrischen und erbauen und an die Stelle boshafter arischer Sitten, gutherzige jüdische Culur setzen. Unsere Arbeit sei keine Arbeit des Schwertes und Feuers, sondern unseres Geistes und der Vernunft, dann wird es uns gelingen, unser früheres Eigcnthum wieder zu erringen und es muß uns gelingen, wenn wir nur wollen. Der Wille muß vorhanden sein, dann wird auch der Ewige für uns kämpfen, wie er cs einst gethan." Tief gerührt durch die begeisterten Worte des kaum 19jährigen Jünglings drückte ich chm die Hand. „Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen," sagte ich, „o! dächten doch alle unsere Brüder wie Sie und alle Noch hätte eine Ende. Doch sie lassen sich lieber beschimpfen, berauben und plündern von „civilisirten" wilden arischen Rotten, nur um des hohen Glückes und der Ehre theilhaftig zu werden, das Berliner, Wiener und Petersburger Pflaster zu treten, wo ihnen jeder Lump, der sich mit Unrecht „Christ" nennt, ein Todfeind, jeder Vagabund ein Verfolger zu sein sich erfrecht! Doch damit ist es noch nicht genug, jetzt wollen sie sogar unser edles jüdisches Blut mit dem schlechten Blute unserer Hasser vermischen und damit unserem unglücklichen Volke den schrecklichsten und letzten Fluch aufladen." Von edlem Zorn und Abscheu erfüllt, rief mein Begleiter: „Vater im Himmel, behüte uns vor dieser Schmach, denn eher wollen wir Alle aussterben, als uns auf so schimpfliche Weise moralisch vernichten lassen. Die solches anstreben, haben nichts von unserer Religion und Nationalität; Stolz, Ehrgefühl und Selbstbewußtsein ist denen fremd, welche der treue Kern des jüdischen Volkes verachtet. Mögen diese Assimilanten vergehen und ihre Worte voin Wind verweht werden; Israel wird ewig leben, denn ewig lebt sein Beschützer." — Doch wozu die blutenden Wunden aufreißen, lassen Sie uns lieber die Gegend betrachten und zunächst Ramle, welches wir nach zweieinhalbstündiger Fahrt erreichten, etwas näher besichtigen. Die über zweitausend Jahre alte Stadt ist heute ein colossaler Schutttind Trümmerhaufen, ohne Straßen und Häuser nach unseren Begriffen. Enge geivundene Gänge aus fensterlosen, oder mit vergitterten Löcher versehenen halb verfallenen Wanden gebildet, überall Mist und Schutt, mitten darin arme müssige Araber, und frei sich herumtummelnde Esel — kurz ein Bild, welches an Buntheit nichts zu ivünschen übrig laßt. Dazu die Reminiscenzen der einstigen Pracht: hier ragt eine cotossale aus einem Stücke gearbeitete Granitjaule mit den deutlichen Resten künstlerischer Sculprur aus dein Schutte heraus, daneben streckt eine herrliche reich mit Früchten beladene mehr als hundertjährige Dattelpalme ihren stolzen Wipfel, der einem kaiserlichen Parke Ehre machen könnte, in die Lüfte, daneben uingestürzte Arcaden, zertrümmerte Wände einst prächtiger Paläste, dazwischen Gestrüpp und Bäunie; je weiter man ging, desto größer das Chaos, desto weniger Leben, daß einem^ wirklich ganz angst und bange ward. Tief ergriffen von dem Gesehenen kehrten wir zur Mittagszeit in das Einkehrhaus zurück, um Nachmittag mit dem Stellwagen, welcher täglich von Jaffa nach Jerusalein fährt, unsere Reise fortzusetzen. Von Ramle bis zur zweiten Station, in welcher wir Abend eintrasen, läuft die Chaussee schnurgerade auf der Ebene, aber bald änderte sich das Bild; zn beiden Seiten der nun im Zickzack verlaufenden Straße felsiges Gebirge, welches über und über bedeckt war mit hundertjährigen ' € elbäumen, deren Aeste fast brachen unter der Last von Myriaden von Oliven. Inzwischen war es Nacht geworden — und nun forderte die Romantik ihre. Rechte. Mondschein und tiefer Schatten wechselte in rascher Folge, ein Bild jagte das andere, während wir, fast betäubt durch die balsamische Luft, träumend und sinnend dahinfuhren. Gegen 5 Uhr Morgens erreichten wir die 4. Station, welche den Beginn einer neuen Scenerie bildete. Die üppige Vegetation und die Pflanzungen waren verschwunden, um einem Terrain Platz zu machen, welches weit und breit keinen Baum oder Strauch zeigte, soweit das Auge reichte, Steine und Gerölle und so ging es fort, bis wir gegen 8 Uhr Morgens vor Jerusalem eintrafen. Schon von fern sahen wir die alte Festung und die höchsten Punkte der Stadt uns entgegenwinken. Der Anblick der einstigen Stätte unseres Glanzes und Unterganges erschütterte uns heftig. Frisch und lebhaft erweckten sich in uns die Erinnerungen an längst vergangene Zeit und fast warfen wir uns — wie zwei alte Mitreisende es wirklich thaten — auf die Kniee, um die Steine zu küssen und mit unseren Thränen zu benetzen. Alles stieg vom Wagen und verblieb einige Zeit schmerzbewegt in tiefer Trauer; dann gingen wir zu Fuße in die Vorstadt, nahmen Logis in Hersch Blechers Gasthaus und begaben uns, nachdem wir uns gereinigt und umgekleidet hatten, zu Dr. d'Arbela, dem eigentlich unsere Reise gegolten. Jacob Konftantinowsky.

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