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Selbst-Emancipation · 1891-01-02 · Heft 1 (2.1.1891) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1891
Issue
Heft 1 (2.1.1891)
Date
1891-01-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 1. Selbst-Emancipation. -- MT Die nächste Nummer erscheint am 15. Jänner 1891. Unsere Devise. Rede gehalten am 15. Dezember 1890 -Lei der Makkabäcrfeier des akademischen Vereines „Kadimah" in Wien, von Dr. Nathan Birnbaum. Hochverehrte Bersammlung! Es mar einmal — ich bediene mich, wie Sie sehen, des üblichen Märchenanfanges — dort unten wo im warmen sonnigen Morgenlande ein Volk, so tapfer und thätig, so fromm . und frei, so gläubig und glücklich, so wacker und weise, wie selten eines war und ist und sein wird. Was seine Gesetzgeber bestimmten, seine Dichter sangen, seine Propheten verkündeten, wirkte segenspendend, gemütherbauend, herzveredelnd fort durch Jahrtausende und nimmer wird die Menschheit aufhören, von. dem Kapitale an Geist und Sitte zu zehren, das jene gesammelt haben. Wer unter jenem gottbegnadeten Volke nicht zu den Helden des Geistes zählte, gehörte zur großen Armee der frischen fröhlichen Arbeit; hunderttausende Hände regten sich, um der Erde ihre Schätze abzuringen, und der Nation Wohlstand zu erwerben. Und nahte sich den vaterländischen Grenzen der'Feind, so ftand, Furcht n icht kennend, dieses Volk von Weisen und Bauern aus, wie ein Mann, zum Waffengange für Freiheit und Sittlichkeit. Welches Volk ich wohl meine? Ich will es Ihnen nennen, aber erst, nachdem ich auch von einem Volke der Gegenwart erzählt haben werde, das nicht minder interessant ist, freilich in anderer Hinsicht: Ueberall und nirgends zu Hause, lebt es von fremder Gnade, von der Hand in den Mund, von heute auf morgen. Morgen ist Landstreicher, der heute Pächter des Mückes schient Ich sage, „schien",' denn Gold und Wappen sind sicher für den kein Glück, dem die Mitwelt' ein unverlöschliches Schandmal auf' die Stirne drückt, ausrufend: Trage es und wenn darunter deine Seele vertrocknet, dein Herz verdorrt! Dieses fluchbelastete Volk'aber, dessen beispielloses Unglück ich Ihnen zu skizziren versuchte, ist, man könnte es kaum glauben, idenüsch mit jenem, welches ich Ihnen früher als Volk des Glückes und der Ehre geschildert habe; es ist dasselbe Israel, nur in doppelter Erscheinungsform, in 's einer einftigen M ajestätund s e i n e r j e tz i g e n Knechtschaft. Der Gegensatz ist zu ergreifend, die Wandlung zu tragisch, als daß wir länger hiebei verweilen und uns hiedurch die Festesstimmung verderben lassen sollten. Es ist auch sonst nicht ohne Gefahr, über dergleichen vergangene Dinge Betrachtungen anzustellen. Wie jedes Zeitalter hat auch unseres seine Gecken, welche, die Ideen desselben möglichst seicht aufzusassen bestrebt sind und uns Phrasen an den Kopf werfen, deren Grundgedanke sich in dem frivolen und grundgemeinen Sprichworte „Aufs Gehabte gibt der Jude nichts", ausspricht. Diese Schwärmer für die „Gegenwart" vergessen, daß die Gegenwart ja nichts anderes ist, als Zukunft werdende Vergangenheit. Aus den „Es lebe die Gegenwart" wird also wohl oder übel ein „Es lebe die Zukunft" werden müssen. Die Z u k u u f t a b e r wird ihre Lehr m ei st eri n, die Vergangenheit, nie i g n o r i r e n d ü rs e n. und daher kann unser Zeitalter wohl den Cultus der Vergangenheit verdammen, die Betrachtung d e r V ergänz e n h eit aber niemals. Es gibt nichts lohnenderes für den, der sich Urtheile bilden will, als solche Betrachtung. Die Parallelen drängen sich einem förmlich ans und mit einiger Vorsicht kommt man da zu den gesündesten Schlüssen. Wir dürfen daher auch die Gelegenheit, welche uns das heutige Fest dazu bietet, nicht verpassen. Als sich die Begebenheiten abspielten, die den Anlaß zum Chanuka-Feste boten, herrschten in Mischen Volke nicht mehr jene goldenen Zu- . stände, welche ich eingangs geschildert habe. Das griechische Schönheitsideal machte dem jüdischen Sittlichkeitsideale erfolgreiche Concurrenz, und mit der Vergangenheit brechend, rief ein beträchtlicher Theil des Volks nach neuen Göttern. Sie haben, hochverehrte Versammlung, heute bereits gehört, wie dieser Theil den Feind geradezu ins Land rief, und Israel sammt seinen Ideen von Erdboden verschwunden wäre, wenn nicht ein Häuflein Getteuer sich aufgerafft und diesen Untergang verhütet hätte. Die Analogieen mit der heuttgen Zeit sind, in die Augen fallend. Da wir dort die Sucht nach Fremdem, da wir dort die Verwechslung einer bestimmten Cultur mit dem Begriffe Cultur überhaupt, da wir dort d as Scheitern der Assimilation; letzteres freilich mit dem Unterschiede, daß sich damals die Assimilation ihre Schlappe bei der jüdisch-nationalen Partei holte, wahrend sie ihr jetzt von den angebettelten Fremden selbst angehängt wurde. Damit soll kein Vorwurf wider die heuttgen Nationaljuden erhoben werden, welche ja weit schwierigere Verhältnisse vorfinden, als ihre Gesinnungsgeiwssen von ehemals. Heute heißt es der Assimilation 'das Heft, welches sie bereits in Händen hat, wieder enttvinden, während es damals blos galt, ihren Angriff auf das nattonale Judenthum zurück zu schlagen. Und so könnte auch die kleine Schaar nationalgesinnter Juden noch lange nichts ausrichten, wenn ihr nicht eine äußere Einwirkung zu Hilfe käme. Ich meine jenen großartigen Staarstich, welchen die scharfen Ereignisse des letzten Jahrzehnts an den vielen . Verblendeten unseres Stammes vorgenominen haben. Wir jubeln nicht über das Andringen des äußern Feindes, denn wie sollten wir jubeln über das Leid unseres Volkes? Aber wir begrüßen es in seiner geschichtlich begründeten Unausb l e i b l i ch k e i t als einen neuen Anstoß dazu, daß unser Volk aus seinem Schlafe e r- Denn Israel schläft, trotz allen Geredes von Fortschritt. Worin liegt denn dieser Fortschritt? Etwa in dem empörenden M at e r i a l i smus der sogenannten Reformer, die durch ihre Orgien der lächerlichsten und äffect i riesten Äfferei auf der anderen Seite einen unfruchtbaren, wclt'scheuen Hyperorthodoxismus erzeugen? Ist es Fortschritt, einen Schemen aufzustellen, ihn „Mosaismus" zu nennen, und so einen Glauben zu glauben, den man nicht glaubt, um nur den Stamm nicht nennen zu müssen, dem man entstammt? Wenn das alles Fortschritt heißen soll, dann wäre Fortschritt ein sauberer Begriff, den nur zu besprechen schon Verunreinigung Dagegen soll es Rückschritt sein, für die Judenfrage eine nationale Lösung, für die Juden eine nationale Erlösung anzustreben? Als wenn Dcutsch.thum, Slaventhum oder die europäische Menschheit überhaupt ein Privilegium auf den.Fortschritt hätten und dieser nicht vielmehr durch die culturelte Kraft eines jeden Eulturvolles verbürgt Bei Gott! Das jüdische Volk könnte als nationale Einheit, von Verfolgung und . Verkennung verschont, culturelle Großthaten vollbringen, die cs jetzt, in den Fangarmen jener Polypen, der auf gut hebräisch Go l us heißt,, unmöglich leisten kann. Und so manche Steuerung, vor welcher. der bedächtige und behäbige Sohn Japhets Jahrhunderte lang zögernd und' unentschlossen steht, könnte mit jüdischem Unternehmungsgeist und jüdischen Geschick, gar rasch.zu Stande, gebracht sein. .. Und wenn's Niemand glaubt, so sollten .es doch wenigstens die glauben, welche ewig „Fortschritt" und „Freiheit" im Munde, führen! Soll denn die Liebe zu diesen beideir Elementen der Cultur, welche jetzt noch so heißt, gerade in dem Momente erkalten, wo Israel seinen eigenen Wirkungskreis erhält?. Es ist wahrlich ein moralisches Armuts-, ein ärmliches Moralitätszeugniß, welches sich die angeblich fortschrittlichen Gegner des nationalen Judenthums unvorsichttg genug, ausstellen. Ein tiefer Schatten, fällt, aus diesen patentirten officiellen Fortschrittsgeist!; Aber zugegeben — höre ich erwidern — es wäre Fortschritt nicht Rückschritt, was im Programme der Nationaljuden steht. Was haben wir von Träumen? Haben diese Absichten Aussichten?.Läßt sich das Rad der Geschichte zurückdrehen? Gewiß nicht — antworte ich, aber es verlangt das auch niemand, am allerwenigsten wir Nationalen.. Die Vergangenheit läßt sich wohl nie mehr zurückzaubern, a b e r eine Zukunft läßt sich schaffen, die, wiewohl den geänderten Zeitverhältnissen Rechnung tragend, mit einer schönen Vergangenheit Analogien ausweist. Als schönes Märchen habe ich selbst die goldene Zeit bezeichnet, welche ich Ihnen vorführte, aber es ist ein Märchen, das einst Wahrheit war, und es ist daher ebenso möglich, daß ein ähnliches, wenn auch nicht dasselbe , Märchen wieder Wahrheit wird. Märchen ist die

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