Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1890-12-15 · Heft 18 (15.12.1890) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 18 (15.12.1890)
Date
1890-12-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3092672-3092764-3092782--0574-3093542
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 18. Selbst-Emancipation. Seite 5. der Tage lang das Wiener Publikum fast ausschließlich beschäftigte, hat, wenn Israel nur sehen wollte, wieder einmal gezeigt, wie nutzlos die Bekämpfung des Antisemitismus ist. Man muß nur beklagen, daß Männer von der Begabung des Alexander Scharf, welche wahrhaft Großes und Positives für ihr Bolk leisten könnten, alle Kraft und Zeit aufwenden, um dem Judenhaß einen Kopf abzuhauen, statt dessen ihm mehrere nachzuwachsen pflegen. O über die nutzlos vergeudete Blühe, dem Schönerer eine jüdische Abkunft und dein Lueger seine Sünden nachzuweisen! Um wie viel einpsehlenswerther wäre es, beides den Führern der Juden selbst nachzuweisen. — Auch ein Antiscmitentag ' hat vorige Woche in Wien stattgefunden, auf welchem unter Anderen der reichsdeutsche Antisemit Böckel sprach. — Der famose Feldwebel Alois Denk, der vor einiger Zeit den greisen hebr. Schriftsteller M. Weißmann auf offener Straße ohne Veranlassung ohrfeigte, wurde mit Degradation und scchsmonatlichcr Haft bestraft. Ein hiesiges Blatt spricht bei dieser Gelegenheit von dem Willen der Militärbehörden, den Antisemitismus in der Armee nicht aufkommen zu lassen. Auch wir müssen uns anerkennend über das Verhalten der Militärbehörde in diesem Falle aussprechen, aber — das erwähnte Blatt würde uns einen großen Gefallen erweisen, wenn es auch nach anderen Richtungen hin, namentlich bezüglich der Stellung der Juden in der Armee, Mittheilungen machen könnte, die den — vcrmuthlich ungerechtfertigt — im jüdische» Volk vorhandenen Glauben an eine Zurücksetzung im Militärleben verscheuchen sollen. Wie», den 12. Dezember 1890. Der Ausschuß des Vereines „Admath Jeschurun" hat beschlossen, um die Mitglieder der Vereines in gegenseitigen Contact zu bringen, und die Propaganda zu begünstigen, von nun an allmonatlich einen Geselligkeits-Abend |iit größerem Style zu geben. Ernste Vorträge über die Eolonisation Palästinas, und solche heiteren Inhaltes, sowie Musik und Gesang sollen den Gästen angenehme Abwechslung bieten. Der erste derartige Geselligkeitsabend findet Samstag, den 27. d. M. in Robitscheks Restauration (1. Bez., Wipplingerstraße, vis-a-vis der Börse) statt. (Beginn 8 Uhr). — Ein zahlreicher Besuch lväre im Interesse der Sache sehr erwünscht. ba. (A. L.) Lemberg, Ende Kislev 5651. Samstag, am 29. November hielt Herr Me lach Roß (aus Antwerpen) im Vereine „Zion" einen wissenschaftlichen Vortrag über „Philosophie und Kabbalah". Dem beschränkten Raume dieses Blattes Rechnung tragend, wollen wir hier auf den Inhalt dieses Vortrages nicht näher eingehen und nur mittheilen, daß derselbe beifällig ausgenommen wurde. — Nach dieser Vorlesung fand eine außerordentliche Generalversammlung unter Vorsitz des Herrn Dr. Jsak Feld mit folgender Tagesordnung statt: 1. Rücktritt des Obmannes und der Schriftführer, ev. Ersatzwahl. 2. Ernennung der Ehrenmitglieder. 3. Anträge und Interpellationen. Sämmtliche Resignationen wurden fast einstimmig angenommen, worauf man zur Ersatzwahl schritt, welche folgendes Resultat ergab: Dr.Jsak Feld (Obmann), Karl Stand (Vicepräsident), Adolf Stand (Schriftführer in der Landessprache), Eisig Torcziner (Schriftführer in der hebräischen Sprache), David Hirsch T i e g e r und Leo Heller (Ausschußmitglieder). Hernach wurden einstimmig zu Ehrenmitgliedern des Vereines ernannt: Der berühmte Volksdichter Abraham Goldfaden, der bekannte Uebersetzer des Talmud ins Französische, Dr. Michael Rabbinowicz (aus Paris) und der um die Zionsidce so hochverdiente Baron Edmund von Rothschild (in Paris). — Der hier erscheinende „Przeglad" bringt die Nachricht, daß in Warschau ein Verein „Sapha berura," welcher den Zweck hat, die hebräische Sprache als Conversationssprache unter den dortigen Juden einzuführen, gegründet wurde. deutsches Reich. Berlin den 5. December 1890. „Baruch meschanne ittim" muß mau unwillkürlich angesichts der echt jüdischen Bewegung ausrufen, die sich in der Metropole der Assimilation, wo sonst Materialismus und Blasirtheit wie ein Alp auf dem Judenthum lagen, immer stärker und stärker geltend macht. Daß das jüdische Leben hier — wenn man cs bis nun so nennen konnte — eine Wendung zum Besseren genommcn hat, zeigt wohl die Gründung des in Ihrem Blatte schon erwähnten Vereines „Chovave Sefath ewer" zur Pflege neuhebräischer Sprache, und insbesondere die gestern Abends stattgefundene Feier des Vereines „Esra". Diese bestand aus einem Coucert hervorragender Künstler und Künstlerinnen — darunter drei Mitglieder der kaiserlichen Hofoper, — aus den Ansprachen seitens des Vereinsvorstandes und aus einem Tanzkränzchen. Der Festsaal Draesel, in welchem die Feier stattfand, war von einem distinguirten Publikum gefüllt, welches die Vortragenden Künstler für den gebotenen künstlerischen Genuß durch reichen Beifall lohnte. Der Präsident des „Esra" begrüßte nach stattgefundenem Concert die zahlreich erschienenen Gäste und wies auf die Ziele und Bestrebungen des Vereines hin, unseren armen Glaubensgenossen im Land ihrer Ahnen zu einer neuen Existenz §u verhelfen. Nun ergriff Herr Dr. Hirsch Hildesheimer, als Mitglied des Central-Vorstandes das Wort. In zündenden Worten schilderte er die jüdische Bewegung, wie sic jetzt in Rußland so gewaltige Diniensionen angenommen hat und begrüßte die im Saale anwesenden Herren Oberrabbiner Dr. Bernfcld aus Belgrad und Dr. Chasanowitz aus Bialystock. Er ersuchte Letzteren den „Chovave Zion" in Rußland den Brudergruß vom Verein „Esra" zu übermitteln und brachte ein Hoch auf die „Chovave Zion" aus. Herr Oberrabbiner Dr. Bernfeld richtete einige Worte an die Versammlung, in welchen er seine Freude über das neu erwachte jüdische Leben in Berlin ausdrückte. Gleichzeitig hob er die unsterblichen Verdienste des Baron Edmund von Rothschild um die Eolonisation Palästinas hervor und ersuchte die Versammlung, auf den edlen Patrioten ein Hoch auszubringen, was unter allgemeinem Jubel geschah. Rach diesem ersten Theil wurde seitens der Jugend *) Und bei uns in Wien? Hier kostet jeder Schritt vorwärts die unglaublichste Mühe. Hier steht »och alles unter dem Pantoffel der assimilatorischen „Führer". Aber es wird anders werden. Wir können warten; lange werden wir es hoffentlich ohnehin nicht mehr thun müyen! Die Red. dem Tanze lustig zugesprochen und erst kurz vor Morgen trennten sich die Gäste. Der Erfolg des Festes war in jeder Beziehung ein günstiger. 30 neue Mitglieder traten ein unb das Reinerträgniß soll bei 600 Mark ausmachen.*) In moralischer Beziehung verspricht sich der „Esra" mit dem Abende einen großen Erfolg errungen zu haben. Hajehudi. □ Berlin, den 11. Dezember 1890. Bekanntlich sind die deutschen Zeitungen alle sehr judenfreundlich, wenigstens gelten sic dafür. Freilich geben sie zmveilen etwas merkivürdige Beweise ihres Philosemitismus. So wurde seinerzeit der Fall „Bernstein" von allen Zeitllngen in nicht gerade schöner Weise aufgebauscht. Jetzt, wo er ans der Eharitse als geisteskrank entlassen wurde, da wissen die gutmüthigen deutschen Zeitungen nichts davon zu erzählen. Als es galt, den Dr. William Levy hier dafür herunterzureißen, daß er die Koch'sche Heilmethode zu selbstsüchtigen Zwecken verwende, da fanden sich allentwegen die Herren, um den Juden zu beschimpfen. Als sich aber die Sache als ein Jrrthum seines Famulus herausstellte, als es sich zeigte, daß der Arzt ein überaus selbstloser Mann sei, ja wo waren da dieselben Herren? Als eine Million für die Koch'sche Heilmethode von einem hiesigen Banguier gegeben wurde, da ivaren alle Zeitungen seines Lotes voll; als sich aber herausstellt, daß der Geber der Jude Bleichröder sei, da wußte man nicht viel davon zu erzählen. Aber der Antisemitismus, sagt man, nimmt ab. Rußland. Petersburg, den 10. December 1890. Das hier erscheinende „Nowoje Wremja" hetzt die Regierung gegen die Inden auf, fordert noch schärfere Judenmaßregeln, indem es behauptet, daß das Volk von Rußland, in dieser Angelegenheit consultirt, sich entschieden für eine noch weitcrgehende Beschränkung der Wohn- und Erwcrbsrcchte der Juden aussprechen ivürde. Z. Odessa, den 4. Dezember 1890. Die Palästinabewegung wächst von Tag zu Tag, ivas ani besten daraus ersehen werden kann, daß unser Verein 3600 Mitglieder und 36.500 Rubel Baarschatz besitzt. Es könnte das Doppelte sein, wenn hier nicht Verhältnisse und Umstände mitspielten, welche in Kürze nicht auseinanderzusetzen sind. K. Rumänien. Bukarestd, en 8. December 1890. Die Palästina-Idee macht in Rumänien erfreuliche Fortschritte. Außer der bereits geineldeten Ausbreitung der Eolonisations-Vereine in Braila und Galatz, ist neuestens noch die Errungenschaft eines in rumänischer Sprache erscheinenden zionsfreundlichen Blattes zu verzeichnen. Die hier seit fünf Jahren herausgegebene „Revista Jsraelita" bringt in Nr. 21 dieses Jahrganges unter der Ueberschrist „Palästina" einen für die Eolonisationsidee eintretenden Aufsatz, unb verspricht fortan die Rubrik „Palästina" zu einer stehenden zu machen. So hat das ebenfalls hier erscheinende Jargonblatt „Hajoetz" einen Kampfgenossen gefunden, der besonders aus -die Intel-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.