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Selbst-Emancipation · 1890-12-15 · Heft 18 (15.12.1890) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 18 (15.12.1890)
Date
1890-12-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 18. Selbst-Emancipation. Seite 8. verschiedenen Ländern Segen bringen kann; die Hoffnung, welche das Herz der Zionsfreunde erfüllt hatte, erwies sich nicht als trügerisch oder träumerisch, denn wir sehen jetzt vor uns, was wir zu denken nicht gewagt hatten: Ueber zehn Colonien im heiligen Lande — und tüchtige Männer aus unserem Volke, die nie zuvor, gepflügt und geackert hatten, haben innerhalb einiger Jahre weite, wüste Landstrecken in fruchtbaren Boden umgewandelt, und der Erde, die Jahrtausende verödet lag, herzerfreuende Frucht abgewonnen. Alles das aber geschah nicht durch die Mühe der Zehntausende Israels und nicht durch Sammlungen bei allen Juden der Welt, sondern beinahe durch einen hervorragenden Mann*) allein, der für die Ehre seines Volkes und heiligen Landes entflammt, den Namen Israels durch ein großes, mächtiges Werk heiligte, welches unvergleichlich dasteht in der Geschichte und wodurch er zeigte, daß es noch wahre Erlöser unseres Volkes gibt, welche den G e i st desselben nicht einem eingebildeten Vortheil opfern und sich nicht mit der trügerischen Hoffnung beruhigen, daß durch die G n a d e d e r V ö l k e r Israel erlöst werden werde. Dem gegenüber hat nns die Zeit gelehrt, welche Gefahr unserein Volke aus der Zerstreuung in der neuen Welt droht, — dort, wo der unserem Volksgeiste fremde Materialismus Wnrzel gefaßt hat und speciell auf jeden jüdischen Einwandererlauert. Auch die angenehme Hoffnung, die den Amerikafreunden vorschwebte, daß unsere einwandernden Brüder zu Wohlstand und Glück gelangen werden, erwies sich als falsch, wie die vielen, fast täglich aus Amerika kommenden Briefe beweisen, in welchen unsere Brüder vor weiterer Einwanderung in dieses „gesegnete Land" gewarn; werden. Könnte man nun nicht heute, nach den vielen und lehrreichen Versuchen mit Recht erwarten, daß allmälig der Amerika-Auswanderungs-Rummel aufhören werde, und die Besten, Angesehensten und Einflußreichsten unseres Volkes dem Westen den Rücken kehren und sich dem Osten zuwenden werden, — der Weltgegend, nach welcher der gläubige Jude dreimal iin Tage sein Antlitz wendet. — Aber zu unserem größten Leidwesen hat der Gedanke der Colonisation Palästina's noch immer nicht das Herz unserer Reichen und Großen, welche ihr Geld ausstreuen, um ihren bedrückten Brüdern zu helfen, gewonnen; große und mächtige Vereine, wie die „Alliance Jsraelite Universelle" in Paris sind noch nicht zur Erkenntniß gekommen, daß nicht von Amerika aus Israel das ewige Heil kommen werde, sondern daß nur im heiligen Lande Hoffnung vorhanden sei, unser Volk zu erlösen und zu verjüngen. Gott hat uns einen vielvermögenden und großherzigen Mann in unserer Zeit erstehen lasten, dem keiner in aller Ewigkeit vergleichbar ist, was die Menge der Geldopser betrifft, welche er auf dem Altäre der Liebe zu Israel niedergelegt hat; dieser Mann hat von seinem riesigen Vermögen bereits Millionen für die Unglücklichen seines Volkes gespendet, und noch ist er bereit, immer und immer wieder zu geben, bis seine gute Absicht, unser Volk aus dem Elend zu retten, sich erfüllen iverde. Er nun, der schon vor acht Jahren Millionen Francs für Ansiedlung unserer Brüder in Amerika nutzlos hergegeben hat, hat noch immer keine Lehre daraus gezogen und sich erst in den letzten Tagen großmüthig bereit erklärt, viele Zehnmillionen zu dem Zwecke zu spenden, daß Hunderttausende gehetzte Juden in einem Lande angesiedelt werden, in welchem keine Ordnung ist und das aus dem Ruine der Fremden, die zu ihnen kommen, Nutzen ziehen will. (Siehe Chronik!) Himmel! Konnte dieser geldmächtige Baron, wollte er von seinem Gelde eine Gabe von zehn Millionen Francs für die Colonisation Palästina's widmen, dieses Land nicht in ein Paradies umwandeln? Er würde damit nicht blos Myriaden unserer Stammesgenossen ein sicheres Nuheplätzchen verschaffen, er tonnte damit auch der ganzen Welt einen Liebesdienst erweisen, und alle civilisirten Völker, welche das heilige Land verehren, würden ihn preisen und segnen. Doch, es ist ein offenes Geheimniß, daß der Baron bei aller seiner Liebe zu seinen gedrückten und verfolgten Brüdern, mit dem Judenthume des G e ist e s und der nationalen Hoffnung unseres Volkes nichts zu thun haben will. Darum richten wir diesmal auch nicht an ihn und seine Umgebung die Worte, weil wir des Mißerfolges sicher sind; wir erachten es nur als unsere Pflicht, unser Volk davor zu warnen, daß sie auf den Gedanken der Colonisation Argentiniens Luftschlösser bauen. Die Freunde unseres Volkes und Zionsfreunde aller Länder mögen sich erheben und Protest einlegen gegen dieses neue und fremde Project. Sie inögen sich zu großen und herrlichen Thaten in der Angelegenheit der Colonisation Palästinas rüsten. Sie inögen von neuein die Liebe zum Lande unserer Väter erwecken, zu dem Lande, besten Colonisation jetzt durch die Kühnheit der Großen unseres Volkes, welche uns ein neues „Erez Israel" in Amerika gründen wollen, bedroht wird. Wenn aber die Zahl der Zionsfreuude klein ist gegenüber der Mehrheit der Bekenner des mosaischen Glaubens, welche dein Zionsgedanken ferne steht, so darf uns das nicht zaghaft machen. Betrachten wir die Geschichte Israels zur Zeit Antiochus des Griechen, — die in vielen Einzelheiten unserer heutigen Geschichte gleicht, — wie es einigen wenigen Männern des G e i st e s gelang, über den äußeren und inneren Feind zu triumphiren, und lernen wir aus ihr das Heiligthum des Glaubens und der Liebe zur Nation, welche unsere eigene Stammesbrüder verunreinigt haben, zu reinigen, unser heiliges Land wieder aus den Trümmern aufzurichten — nicht mit Macht und Gewalt, sondern mit dem G e i st. Judaea capta oder Wrael.*) i. Nach der Zerstörung unseres rekigiösen und nationalen Einigungspunktes ließ Titus zu seiner Siegesfeier Denkmünzen anfertigen mit der Umschrift : Judaea capta (das besiegte Judäa). Das Gepräge dieser Münzen zeigt eine weinende Frau, die, unter einer Palme sitzend, das Haupt auf die linke Hand stützt und die rechte schlaff auf dem Schoße hält. Hinter dem Baumstamme hält ein römischer Krieger in voller Rüstung Wache. Wenn die Schwäche und Rathlosigkeit, der Kummer und Jammer eines unglücklichen Volkes durch wenige Linien dargestellt werden kann, sind sie in diesem Bilde gezeichnet und veranschaulicht für Jahrtausende. Wird das ausgesprochene Gepräge unserer Schmach, wie es Titus und Hadrian gedacht, immer wahr bleiben? Wird diese Münze, in welcher eine so düstere Prophezeiung liegt, immer gelten oder nicht? Diese Frage muß jedem Nachkommen Israels, dessen Herz noch einiges Ehrgefühl und etwas Liebe zu seinem Stamme umschließt, sehr nahe gehen. In dem Worte Israel und in den Aussprüchen der Propheten liegt eine andere Prophezeiung, die sagt das Gegentheil; wann und wie kann diese zur Wirklichkeit werden? Den Namen Israel, welcher Kämpfer und Sieger bedeutet, hat unser Ahnherr durch heldenmüthige Selbstvertheidigung errungen. Nur wenn wir die uns vom Allvater verliehenen Kräfte für Religion, Existenz und Ehre einsetzen, sind wir Israel. — Gott will Israel — erlösen, doch ein Jammerbild bleibt Judaea capta! Die Geschichte unseres Volkes -beginnt mit dem Hervortreten eines außerordentlichen Mannes, der für den reinen Gottesgedanken begeistert, sich die Aufgabe gestellt hatte, seinen Nachkommen einzuprägen, daß sie den Weg Gottes beobachten und Gerechtigkeit und Tugend üben. Die große Idee unseres ersten Ahnherrn ivar die Mutter des umfassenden Selbstbewußtseins, des nationalen Gedankens im Hause Jakob's. Hier ist die Cultur älter als das Volk und ihr, der Cultur des Geistes- und Gemüthslebens, verdankt Israel seine Entstehung. Die das ganze Leben beherrschende, Alles einem erhabenen Zwecke unterordnende Gottesidee birgt das Geheimniß des Entstehens, Bestehens und der wiederholten Verjüngung der israelitischen Nation. Nur von ihr gehoben und getragen, kann dieses Volk auf jenem höheren moralischen Standpunkt gelangen, von dem es der raffinirten Barbarei überlegen, aufhört, judaea capta zu sein. — Wie sehr sich unsere nationale Idee mit den Prineipien der allgemeinen Menschenliebe verträgt, beweisen folgende Aeußerungen: „Gott liebt wohl auch die anderen Völker; die Frommen und Heiligen eines jeden Volkes sind ihm nahe, doch die Nachkommen Israels haben sich Deinem Dienste ergeben, diese Nation ist der Träger Deiner Worte," lehrt Moses. ') Der Staatsmann und erste Rath seines nationalen Königs, der Prophet Jesaias, betrauert den Fall eines unruhigen hochfahrenden *) Dieser Aufsatz beweist, wie gut sich die nationale Idee mit Religiosität verträgt, was so oft von Anhängern einer pietistischen Hyperorthodoxie in Zweifel gezogen wird. Die Red. ') ö. B. M. 23, 3. *) Baron Edmund von Rothschild.

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