Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 18 (15.12.1890)
- Date
- 1890-12-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Selbst-Emancipatron. Nr. 18. gende Schauspiel, daß alle, die sogenannte „Deutsche mosaischen Bekenntnisses" hätten werden sollen, zu „Stammesjuden nichtmosaischen Glaubens" geworden sind. 1 Es ist heute schon dem allergewöhnlichsten Landjuden weiß gemacht, daher plausibel worden, daß es gerade so wie es katholische, lutherische, calvinische Deutsche, Franzosen u. s. w. gebe, auch jüdische Deutsche, Franzosen, u. s. w. geben könne. Das liegt heutzutage für einen Mann aus dem Volke auf der Hand. Warum? Weil man ihm systematisch diesen bodenlosen Unsinn eintrichtert, weil er, jüdisch-historichen Wisse n s b a a r, die geradezu trottelhafte Art dieses Vergleiches, welche lebhaft andiebekannte Rechenaufgabe einer D i vis i o n von sechs Laiben Brot durch zwei Bünde Stroh erinnert, nicht merkt. Wer erhebt sich, um einem der Opfer einer derarügen Volksverführung klar zu machen: Wir Juden sind durch gemeinsame Abstanunung, gemeinsame Cultur, gemeinsame Geschichte ein eigen Volk im wahrsten Sinne des Wortes, wenn wir auch Sprache und Land zeitweilig verloren haben; als Volk können wir nicht Bestandtheil eines anderen Volkes, a l s Juden können wir nichtDeutsche sein; wir können ja auch nicht als Einzelpersonen zwei Mütter haben! Der katholische Deutsche dagegen hat mit dem lutherischen und dem calvinischen' Deutschen Abstammung, Cultur und Geschichte gemeinsam; es ist das Band derselben Nation, das sie alle umschlingt, und nur religiöse Meinungsverschiedenheiten sind es, welche sie innerhalb dieses Bandes trennen. Es sind Söhne einer Mutter. So wie es nun Unrecht wäre, diese Söhne einer Mutter einander zu entsremden, die deutsche Nation z. B. nach dem Bekenntniffe in Stücke zu reißen, so ist es auch himmelschreiende Sünde, das d o p p e l e i n i g e Volk Israel — einig in der Nationalität und einig im Bekenntniß — auseinander zu reißen, — und aus den Juden „Deutsche, Slaven, Franzosen u. s. w. mosaischen Bekenntnisses" zu machen. Die Sünde ist umso gewaltiger,'als sie auch ein sociales Verbrechen ist, indem den überall verfolgten jüdischen Minoritäten hiedurch die Gefahr der vollständigenJsolirung und Verlassenheit droht. Es ist die Assimilation, welche dieses Verbrechen beabsichtigt, dieselbe Assimilation, deren Ausschreitungen den Hintergrund zum Chanukah-Feste, in dessen Vordergrund die Heldengestalt des Makkabäers und seiner Getreuen steht, abgeben. Wie sich das wiederholt, trotz aller bitteren Erfahrungen!. So wie damals vor zweitausend Jahren, so nistet , auch noch jetzt im Leibe des jüdischen Volkes ein Giftpilz, der gegen den eigenen Organismus wüthet. Da zählt und kocht das Blut beim Anschauen all' des flitterndes Firlefänzen, all' des Formenkrames, das der Europäer aufstapelt. Die Sinne entflammen und mit heißer Begier lechzen die Verblendeten nach den Schönheiten Japhets. Was sind ihnen in diesem Momente des Rausches altjüdische Sittenstrenge und Keuschheit, was altjüdische Wahrheitsliebe und Einfachheit, was semitischer Lebensernst und Lebenswürde? So war es damals, so ist es jetzt! Blvs, daß es damals griechischer und heute modern-europäischer Hokuspokus ist, vor dem sie capituliren. Die B edauernswerten, welche nicht einsehe n, daß ein Quentchen jüdischer Gemüthstiefe beglückender für Individuum und G esammtmenschheitist, als tausend Centn er arischer Eleganz! Freillich wurden für diesr Götzenanbetung damals und werden heute höhere Motive gesucht. Man spricht von Cultur und Civilisation und meint Eitelkeit, Gefallsucht und Selbstsucht, die der jüdische Volksgeist nicht genügend berücksichtigt, was freilich für „aufgeklärte" Seelen höchst unangenehm ist. Nun, im Alterthum hat sich ein Juda Makkabi gefunden, der in diese verlogene Hellenisirungswirthschaft dreinwetterte, daß es eine Freude war. Wie verkrochen sich diese jüdischen Gricchlein vor dem Hebräer Makkabi! Uns fehlt so ein Mann, oder eine Partei von der Größe, daß sie ihn ersetzen könnte. Alan bedenke aber auch, daß unsere Aufgabe dadurch erschwert wird, daß wir es jetzt vlit einem Feinde zu thun haben, dessen Visir geschlossen ist. Damals sagten sie, es ausdrücklich, die Hellenisten, was sie wollten: Ersäufung des Judenthums als Volk und als Religion im Meere des Griechenthums. Heute geben ihre Epigonen dem Kinde einen sanfter klingenden Namen: „Deutschthum, Polenthum, Magparenthum mosaischen Bekenntnisses". Wie zahm, wie gemäßigt das klingt! Und dabei ist diese Phrase gefährlicher als alle Wildheit, aller Radicalismus der Hellenisten. Eine Abhilfe gegen dieses gefährliche Treiben kann nur eine feste, einige Nationalpartei bringen, die sich, Makkabi zuin Muster nehmend, ankämpsen soll gegen die Verdrängung jüdischer Sitte. Jeder, der das Kritische unserer Lage in Europa kennt, hat ein Interesse daran, daß sich Israel einige unter dem Banner seiner Nationalität und nationalen Ideen. Da dürfen religiöse Zwistigkeiten keine Nolle spielen. Der Mann des Wissens muß mit dem Manne des Glaubens Schulter an Schulter kämpfen gegen dieNiederreißerdes Judenthums, für die Auferstehung d e s s e l b e n. Der Mann des Wissens muß seine Nichtkenntniß der jüdischen Weltauffassung beheben, der Mann des Glaubens seine fatalistische Abneigung gcgeil die Selbsthilfe ausgeben, dann kann etwas erreicht werden. Auch Juda Makkabi stand der großen Mehrheit des Volkes anfangs nicht zu Gesichte. Den Hellenisten war er zu jüdisch, den Frommen zu weltlich, — nur Wenige würdigten sein streitbares Unternehmen. Es war eben der echte nationalgestnnte' Jude, der einerseits keine haarspalterischcn Unterscheidungen zwischen jüdischer Nationalität und jüdischer Religion macht, und andererseits will, daß Israel trotz seiner religiösen Neigungen ein national - selbstständiges Leben führe. Wie Juda Makkabi laßt uns alle Nationaljuden sein: Von der großen Wahrheit der sittlichen Ideen Israels durchdrungen, dabei aber kraftvoll männlich,' de m Gedanken der Selbsthilfe ergeben! U. Palästina oder Argentinien. (Aus dem „Hamagid".*) Als vor neun Jahren die Judenunruheii im Osten Europas tobten und unsere Brüder massenweise ihre Wohnsitze verließen, um sich eine Ruhestätte in fremden Ländern zu suchen, waren die Ansichten der Schriftsteller und Gelehrten unseres Volkes darüber getheilt, welches Land gewählt werden solle, — ob die neue Welt, die «„goldstaubvolle", mit ihrein hochentwickelten Handel und Industrie, oder das Land unserer Väter, — verlassen und verwüstet zwar, aber reich an alten,' nicht blvs den Juden, sondern allen civilistrten Völkern theueren Erinnerungen. Es war ein heftiger .Kampf zwischen den beiden Parteien. Die kaltblütig dem Judenthum keine andere Bestimmung zuschrieben, als wie alle' Menschen auf Erden zu leben, gaben Amerika den Vorzug, weil von dorten Israel die Hoffnung winke, zeitliche Ruhe zu finden, seine Armuth und sein Elend zu vergessen. Aber die Männer von Geinüth und Geist unter uns, in deren Herzen alle über Israel bereits hereingebrochenen Verfolgungen und Drangsale die mächtige Liebe zum Judenthum des G e i st e s und den lleberlieferungen der Vergangenheit nicht auszulöschcn vermochten, erhoben ihre Stinunen in mächtiger Begeisterung für die Heiligthümer unseres Volkes, und zeigten uns den Weg nach Osten, in das Land linseres Glanzes aus alten Zeiten; sie schauten eine große Zukunft für unser Volk, wenn wir nur nach und nach unsere Zelte im heiligen Lande aufschlagen und cs aus seinen Trümmern wieder erheben. Die Zeitungs-Polemiken über diese Fragen ließen fast keine Spuren zurück. Die Zeit und ihre Ereignisse aber haben uns mehr als alle Beweisführungen und Ausführungen unserer Schriftsteller gelehrt, daß fürwahr im heiligen Lande ein großer Schatz für unser Volk verborgen ist, und daß es, wenn wir ihm nur unsere Kraft und Mühe weihen, einer großen Menge unserer gehetzten und gedrückten Brüder aus den Wir haben bereits im Artikel „Osten oder Westen?“ in Nr. >4 unseres Blattes, Stellung zur Frage „Palästina oder Amerika" genommen; da aber das Argentinien-Project des Baron Hirsch ans der Tagesordnung steht, wird es unseren Lesern gewiß willkommen sein, auch die Ansicht eines anderen Blattes über die Territorium-Frage kennen zu lernen, und so bieten wir ihnen im Obigen die Uebersetzung eines Leitartikels des berühmten hebräischen Wochenblattes „Hamagid" Die Red.