Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 18 (15.12.1890)
- Date
- 1890-12-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Abonnements-Preise: (Zusendung inbegriffen) LLe D-stcrrcich-Ungacn ganzjährig fl. 4 „ Rußland „ Rbl. 4 halb- und vierteljähriges Abonnenienl zu dl Das Abonnement kann mit jeder Rummel Einzelne Eremplarc 20 kr. Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Dr. Siegmnnd Elkan. Chefredacteur: Dr. Nathan Birnbaum. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. Redaktion n. Administration: II., Schreigaffe Nr. 6. Sprechstunde: Täglich von 2 Uhr Nachmittag», nfranklrte Briefe werden nicht angenommen I Nr. 18. Wien, 15.. Deeember 1890. III. Jahrgang. Inhalt: Chanukah-Betrachtungen. — Palästina ober Argentinien. — Judaea capta oder Israel. Die Beduinen »nd die Colonisation in Transjordanien. — Original- Corrcspondenzen: Wien. Wien. Lemberg. Berlin. Berlin. Petersburg. Odessa. Bukarest. — Chronik.— Corr. der Redaction. — Corr. der Administr. — Belletristisches: Zionslieder. David Alroy. MT Die nächste Nnmmcr erscheint am 2. Jänner 1891. 'WS Lhanukah-Betrachtungen. Chanukah ist von der jüdischen Religion als Fest acceptirt und daher ailch mit religiösen Gebräuchen ausgestattet worden; es ist aber kein Fest in der biblischen Bedeutung des Wortes, keine Zeit der ganz besonderen inneren Weihe, welche das bezeichnendste Characteristicum der mosaischen Feste ist. Die großen Feiertage des Judenthums — namentlich das Passahfest — haben zwar auch einen national-historischen Hintergrund, aber die Religion hat sich ihrer schon in fast vorhistorischen Zeiten bemächtigt und ihnen einen vorwiegend religiösen Character gegeben. Diese religiöse Heiligung fehlt nun dem Chanukah, wie allen nachbiblischen Festen gänzlich und der nationale Character tritt hier gegenüber dein geringen religiösen Ceremoniell sehr stark hervor. Daß aber überhaupt Chanukah auch ein religiös normirtes Fest geworden ist, findet in der Rolle der jüdischen Nation in der Weltgeschichte seine Erklärting. Das jüdische Volk hat seine Bedeutung auf dem Gebiete der Ethik. Es tvürde hier zu weit führen — und bleibt daher besser besonderer Besprechung Vorbehalten — die jüdische Lebensauschauung eingehender zu charactcrisiren. So viel aber steht fest, daß zwischen dieser und der Lebensanschauung der anderen, namentlich der nichtscmitischen Völker, ein klaffender Unterschied bestand und besteht. Der Jude faßte die Dinge der Welt optimistisch, aber in höchstein Grade ernst mtb würdevoll auf, während der Arier pessimistisch — kritisch nennt er das — d'reinschaut, trotzdem aber oder vielleicht gerade deswegen das Leben recht leicht nimmt. Die Heiterkeit des Judenist gemessen, sein Ernst eindrucksvoll, aber nicht, niederdrückend; die Melancholie des Ariers ist vcrzwciflungsvoll, seine Lustigkeit ausgelassen. Der Jude hat in sittlicher Hinsicht das richtige Maß, welches in ästhetischer der 'Arier besitzt. Der Jude fand seine Lebensaufgabe in der inneren Bersittlichung des Menschen, der Arier in seiner Ausstattung mit äußerer Macht und Herrlichkeit. * Die alten Völker hatten nationale Religionen und so entsprach auch der national eigenthümlichen Lebensanschauung des Judenthums dessen nationale Religion. Religion ist stets System der Sittlichkeitsbegriffe; wie ausgebildet mußte nun dieses System bei einem Volke sein, das in seinen sittlichen Idealen aufgieng, und wie klein bei Völkern, die überhaupt wenige sittliche Ideale hatten. Es ist dann erklärlich, daß das Judenthum zu einem Religionsvolk kat’ exochen geworden ist. Es ist uns nun aber auch halbwegs erklärlich, daß es Leute geben kann, welche dem jüdischen Volke seine Nationalität absprechen. Alan ist zu sehr geivöhnt, Nation und Religion als zwei Rubriken des Meldzettels zu sehen, worin heutzutage von der überwiegenden Mehrheit der Menschen verschieden klingende Bezeichnungen eingeschrieben werden; man sieht neben dem „christlich" das „deutsch", „französisch" u. s. w. prangen und so schleicht sich allmälig die vollständig willkürliche Annahme in unseren Jdeenkreis ein, als könnten gar nie zwei gleichlautende Bezeichnungen in den beiden Rubriken stehen, und man gelangt zur Lüge des „mosaischen Deutschen" Und doch ist nichts einfacher, als die Verkehrtheit dieser Auffassung einzuschen. Der Jude kann mit ruhigem Geivissen das Wort Jude ebenso als Bezeichnung seiner Nation als seines Glaubens gebrauchen, weil eben die Idee der Moral seine nationale Domäne ist. Die Nationalität des antiken Griechen fand seinen Ausdruck in bcu Kunstschöpfungen desselben, die des antiken Röiners in seinen politischen Gestaltungen, die des Juden in feinem Religionssystem. Das Judenthum ist Religion,! weil seine Nationalität es so ver-? langt. Seine sittlichen Grundsätze nationale Ei-! gcnart sind, konnte es sich nicht einer internatio- nalen Religion anbequemen, wie die anderen Völker, die auf diefent Gebiete keine oder wenigstens keine namhafte Selbständigkeit*) besitzen. Alles dies ist so klar wie das Einmaleins und wird doch so oft verkannt. Leider müssen wir es aber aussprechen, daß diese Verkennung bei den leitenden Männern größtentheils nur eine Simulation ist, hinter der sich weitergehende Pläne verstecken. Es ist unmöglich, daß einem klugen, gebildeten Manne — wir reden nicht von der verführten Masse, die bei aller Intelligenz nachzubeten liebt — die innige Verbindung zwischen jüdischein Bolksthum und jüdischer Religion nicht einleuchte, die Erkenntnis nicht aufgehe, daß mit dem Untergang des einen die der anderen besiegelt ist und umgekehrt. Es wohnt vielmehr in ihrer Seele die Sehnsucht »ach der europäischen Leichtlebigkeit, lauert dort der wildeste Haß gegen die jüdische Weltanschauung; und diese Gesinnung, die manchmal Herzenssache, größtentheils aber Opportunismus ist, suchen sie dem Volke einzuimpfen, indem sie ihm das Märchen von, „Deutschen mosaischen Glaubens" erzählen, und ihm so den Abfall leichter machen. Denn die meisten Juden werden bei ihrem angeborenen religiösen Sinn die Zumuthung der Taufe weit von sich weisen, ivährend sie das ihnen gebotene Auskunftsmittel, — diesen Mittelweg sozusagen - - freudig begrüßen. Aber die Volksretter täuschen sich gar gewaltig, wenn ste glauben, die Sache richtig angepackt zu haben. Nur für Wenige ist das „Deutschthum mosaischen Bekenntnisses" ein Uebcrgangsstadium zum „Deutschthum christlichen Bekeuutuisscs"; die Mehrzahl wird zwar der jüdischen Religion, und da für die Menge die Form das Wesen ausmacht, auch den jüdischen Sittlichkeitsprincipien entfremdet; da sie aber weder zur Taufe noch zur Mischehe schreitet, befestigt sie sich andererseits im Besitze ihrer sonstigen Rasseneigcnschaften/ und wir erleben d a s s e l t s a m e und b e l u st i- *) Doch auch bei den anderen Völkern lassen sich in gewissem Maße nationale Unterschiede der religiösen Auffassung Nachweisen und der gemeinsame Name bei Christen thnmS deckt die verschiedensten nationalen Ansichten.