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Selbst-Emancipation · 1890-12-01 · Heft 17 (1.12.1890) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 17 (1.12.1890)
Date
1890-12-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17. S e l b st - E m a n c i p a t i o n. Seite 5. Wien, den 24. November 1890. Gestern fand in Nobitscheks Restauration (1. Bez., Wipplingerstraße) die diesjährige ordentliche Generalversammlung des „Admath Jeschurun", Vereines für die Colonisation Palästinas, statt. Es war wegen des ausnehmend schlechten Wetters kaum ein Drittel der in Wien wohnenden Mitglieder erschienen. Der Präses des Vereines, Herr Dr. Moritz Schnirer, eröffnete die Versammlung mit einer geistreichen Ansprache über den höheren Zweck der Colonisationsbestrebungen. Als Arzt brachte er bei Besprechung der Lage der Juden, welche eines Asyles dringend bedürfen, aus dem Jdeenkreise seines Berufes ein ausgezeichnetes Glcichniß. Er verglich nämlich Antisemitismus und Golus einerseits mit Cholera und Schwindsucht anderseits. Antisemitismus und Cholera seien plötzlich auftretcndc, viel Lärm verursachende und daher entschieden bekämpfte Krankheiten; dagegen werden die Schwindsucht und das Golus, welche schleichende Krankheiten sind und viel mehr Opfer fordern als ihre rafchen Gesellen, mehr vernachlässigt. — Der Rechenschaftsbericht enthielt wenig Interessantes. Bekanntlich hat die Vereinsthätigkeit Jahre laug stagnirt, hat sich erst seit einigen Monaten wieder erneuert, und ist außer der Unterstützung des Schmiedes und Schlossermeisters Kossowitz und eines ähnlichen Falles noch nichts geschehen. - - Die Wahlen ergaben folgendes Resultat: Wiedcrgewählt wurden die Herren Dr. Moritz Schnirer (Präses), Salomon Bauer (Vicepräses), Moni Alcalay (Cassier). Neugewählt wurden: An Stelle des Herrn Dr. Filipp Hajek Herr Dr. Oser Kokesch (Schriftführer), und an Stelle des Herrn Salomon Munk, der zum Bedauern der Generalversammlung wegen geschäftlicher Ueberbürdung nicht wieder candidircn wollte, Herr Aba Fischler. — Rach vollzogener Wahl wurden seitens einzelner Mitglieder noch verschiedene Anträge gestellt, und von der Versammlung mehrere Beschlüsse gefaßt, welche sich auf die Propaganda des Vereines beziehen. — Es ist zu wünschen, daß bei dein Vereine endlich das Glück einkehre, und zu hoffen, daß dies geschehen wird, nachdem einige Uebelstände beseitigt sind, die sich in den verflossenen Monaten unangenehm geltend machten. t>a. Wien am 23. November 1890. Der akademische Verein „Kadimah" beginnt sein sechzehntes Vereinssemester unter den besten Auspicien und verspricht allem Airscheine nach im heurigen Jahre eine besonders rührige Thätigkeit zu entfalten. Samstag, den 15. d. M. rvurde das neue Vereinslocal,welches sich nun mitten iin Quartier latin, nämlich 9. Müllnergasse 13, Parterre, befindet, in Anwesenheit zahlreicher Gäste, alter Herren des Vereines und sämmtlicher Mitglieder feierlich eröffnet und werden daselbst jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag von 6 bis 8 Uhr Abends Amtsstunden abgehaltcn werden! Den Neigen der Vortragsabende eröffnete die am Eröffnungsabende stattgehabte Vorlesnirg arrs der Tendenzbrochure Dr. Pinsker's ,,'Autoeinancipation", welcher der Vereinspräses Herr Med. Drd. Max Mosenthal eine kurze, aber inhaltsvolle Ansprache vorausschickte, in welcher derselbe auf die Erhabenheit und Größe der Tendenzen des Vereines hinwies und die neu cingetrctcnen Mitglieder aufforderte, der Vorlesung des durch seine Logik und Formvollendung hochinteressanten Werkes die gespannteste Aufmerksamkeit zu ividnien. Als Fortsetzung dieses Abends wurde Samstag den 22. d. Nt. unter reger Betheiligung der Mitglieder und der zahlreich erschienenen Gäste ein Diskussionsabend über die in der „Autoemancipation" ausgestellten Thesen abgehalten. Für Sainstag den 29. d. M. hat das Vereinsmitglied Herr Stuck, jur. I. Kohn einen Vortrag über „Socialismus und Judcnthum" angekündigt. Bei der Sonntag den 16. d. M. stattgehabten Plenarversainnilung wilrde beni abtretenden Ausschüsse der Dank und das Vertrauen votirt und hierauf Herr Med. Drd. Max Roscnthal zum Präses und Herr stuck phil Julius Werner zum Schriftführer gewählt. Die Vorarbeiten zu der Montag den 15, Decembcr Abends im Saale der „Wiener Ressource", I., Reichsrathsstraße stattfindenden und mit einem Tanzkränzchev verbundenen achten Markabäcrfeier wurden unter der bewährten Leitung des Obmannes des Vergnügungscomites, Herrn Ingenieur A. Sauberberg, bereits in Angriff genommen. Lemberg am 25. November 1890. Der berühmte Gelehrte Dr. Israel Michael Nabbinovicz aus Paris, Ucbersetzer des Talmud ins Französische, weilte vorige Woche in Lemberg und beehrte Samstag, den 22. d. M. den jüdisch-nationalen Verein „Zion" mit einem Vortrage über „die Sklaverei nach den talmudischcn Principien." Der Präsident, Dr. Auerbach, stellte in polnischer Ansprache den Vortragenden dem zahlreich versammelten Auditorium vor; hierauf begann der greise Gelehrte seinen Vortrag, welcher über anderthalb Stunden währte, und worin er darlegte, daß der Talmud stets für die Sklaven und deren Befreiung eingetreten fei. Nicht enden wollender Beifall feitens der anwesenden Damen und Herren lohnte den Prälegenteu, der, ersucht, seinen Namen ins Dcnkbuch des Vereines einzutragen, einige für denselben sehr schmeichelhafte französische L>ätze cintrug. Ttryj, 9. November >890. Bei der gestern am 25. Marchcschwan (8. November 1890) stattgefundenen außerordentlichen Generalversammlung des Vereines „Schochre Toschia" wurde der Antrag eines Lereinsinitglicdes, den Namen des Vereines in „Halemne" „Der 'Nationale" umzuändcrii, per Acclamation angenommen. 'Auch der Antrag eines Mitgliedes, dem 8 2 der Statuten Folgendes beizufügcn: „Zweck des Ver- ' eines ist hauptsächlich die Hebung und Verbreitung des jüdisch - nationalen Bewußtseins unter den Inden" ivnrde ebenfalls per Acclamation angenonimen. Bei dieser Versammlung wurde auch sehr viel darüber gesprochen, auf welche Art man die national-jüdische Idee am besten verbreiten und populär machen solle. Deutsches Reich. Magdeburg, 21. November 1890. Wie es mit dem „Erlöschen" des Antisemitismus in Deutschland aussieht, läßt sich auch aus folgender Thatsache ersehen : Im Frühjahre 1890, beim Beginne der Acra Caprivi, regte Stöcker im preußischen Abgeordnetenhause eine Judendebatte an, ivorin er die große Anzahl jüdischer Schüler an den höheren Schulen als eine Gefahr für das christliche Deutschland bezeichnete. Lauter Beifall der Conservativen begleitete ihn, und Zurufe, daß man die Inden in die „Judenschule" schicken solle. Der preußische Cultusminister v. Goßlcr zeigte ein iveitgchendes Entgegenkommen für Stöcker. Dadurch sah sich das andere Haus des preußischen Landtages, das sog. Herrenhaus, veranlaßt, einen Beschluß zu fassen,! die Staatsregierung zu ersuchen, sie möge doch besondere Schulen für die Juden einrichten. Die Staatsregiernng. hak nunmehr dem Herrenhause folgende Antwort, die jetzt die Zeitungen durchläuft, zu Theil werden lassen: „Die Stärke des jüdischen Schülerelements in den höheren Lehranstalten wird in den diesseitigen statistischen Erhebungen fortgesetzt beobachtet und bildet auch in den Berwaltuitgsberichten der Provinzialbehörden einen Gegenstand der Besprechung. Specielle Maßnahmen hat die Staatsregiernng bisher nicht für angezeigt gehalten."*) Also „bisher nicht". Die speciellen Maßnahmen sollen demgemäß noch kommen. Entweder werden also besondere „Judenschulen" gegründet, was hier in Preußen natürlich nur den Zweck hat, schon zwischen jüdischen und deutschen Kindern eine unüberbrückbare Kluft zu schaffen, oder man wird vielleicht auch „russische" Maßnahmen treffen, d. h. den Procentsatz der jüdischen Kinder, die höhere Schulen besuchen dürfen, auf ein Maximum festsetzen. Das ist die „Judenfreundlichkcit" des jetzt in Preußen und Deutschland herrschenden Regimes. Man sieht deutlich, daß neben dem fortwährend wachsenden Volksantisemitismus der von „oben herab" kommende Antisemitismus mindestens, nicht in Abnahme begriffen ist. Zur Entscheidung der Frage, ob man über S t ö ck e r 's Sturz gar so erfreut zu sein habe, kann folgendes Vorkommnis dienen. Freitag, den 21. November, fand in Gegenwart des Kaisers die Vereidigung der evangelischen und katholischen Rekruten der Garnison Potsdam statt. Bei derselben hielt der Kaiser eine Ansprache, in der er unter Anderem hervorhob, daß niemand ein guter Soldat sein könne, wenn er nicht zugleich ein guter Christ wäre. Fürwahr, der junge Kaiser bereitet der armen Tagesprcsse arge Verlegenheiten. *) Die Wiener Blätter brachte» zumeist diese 'Antivort der preußischen Staatsregierung nur auszugsweise, und zwar in der Weise, daß die Leser von der Juden freundlichkeit der preußischen Staatsregiernng ganz erbaut sein mußten. Die 'Ned. Rußland. Dimaburg, 2. November 1890. Ich bin heute in der Lage, Ihnen einen Beweis dafür zu erbringen, daß unsere heilige Sache endlich auch in denjenigen Kreisen Eingang gefunden hat ivelche bisher entschiedene Gegner derselben ivaren. Unserer Stadt gegenüber, am anderen Ufer der Düna, liegt das kleine Städtchen Griva- Semgallen, welches noch zu Kurland gehört; es ist ausschließlich von solchen Juden bewohnt, welche noch der alten Generation angehören, erstlich Chaffidim und ziveitens Fanatiker sind. Der Fanatismus dieser Leute geht so weit, daß sie einmal einen sehr berühmten „Maggid", der zn ihnen kam, um für die Palästinaidee Propaganda, zu machen, mit Koth zu bewerfen vorhatten und ihr Vorhaben auch thatsächlich ausgeführt hätten, wenn nicht einige Freunde des Agitators diesen rechtzeitig gewarnt hätten, so daß er seinem Schicksale noch entrinnen konnte. Und in diesem selben fanatischen Neste wurde jetzt ein Palästinaverein gegründet. Ein Maggid durfte anstandslos in der überfüllten Synagoge über die Zionsidee sprechen, und konnte erzielen, daß, seine, Idee tags darauf zum Stadtgespräch wurde; es ist dies der bekannte Herr Chaim Josef Jaffe, welcher: auch , bei uns in Dünaburg, in vier Synagogen .

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