Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 17 (1.12.1890)
- Date
- 1890-12-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3092672-3092764-3092781--0564-3093531- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
S e löst - Ein a n c i p «Ho it. Nr. 17. nächsten Wahl en zum Deut schen R e i chstag, d i e 1895 st a t t fi n d e n sollen, mindestens 40—50 C « n d idaten ausstcllen werden. Der Siegeszug des Antisemitismus muß auf einen Unbefangenen um so verblüffender wirken, wenn derselbe erwägt, was für unlauteren Charakters die gewählten Antisemiten sind. Da ist der entlassene verschuldete Lieutenant Liebermann von Sonnenberg, da der. Wucherer Pickenbach, da der wegen seines Falscheides und seiner Verlogenheit berüchtigte Stöcker, da endlich der „große" Böckel, der einem Mädchen, dem er die Heirat versprochen und die chm 3 Kinder geboren, die Treue gebrochen hat, und der sogar erst gerichtlich gezwungen werden mußte, für das eine noch am Leben befindliche Kind die Alimente zu zahlen. We diese herrlichen Eigenschaften und Thaten waren den Wählern mit dem üblichen Brimborium von den Gegnern der Antisemiten bekanntgegeben worden, und dennoch wurden die Antisemiten gewählt. Böckel allein erhielt über 8000, seine Gegencandidaten insg e s a m m t weniger als 3000 Stimmen, von welchen letzteren mindestens einige hundert von Juden abgegeben wurden. Von dem gesellschaftlichen Antisemitismus in den meisten Gegenden Deutschlands, der nur einigen „Ausnahmsjuden" gnädigst erlaubt, am gesellschaftlichen Leben der höheren Stände theilzunehmen, will ich hier gar nicht reden. Erwähnenswertaber ist die „bedingte" Judensreundschaft der sog. „Judenparteien". Diese Parteien sind an und für sich schwächer als ihre Gegner; die Freisinnigen haben 65, die Demokraten 10, die Socialdemokraten 35 Sitze im Reichstag. Dazu sind es auch ganz andere Gründe als die Gegnerschaft gegen die Antisemiten, wodurch die meisten Wähler sich diesen Parteien zuführen lassen. Das beste Beispiel dafür bietet eine Reichstagswahl in Heffen. Dort kamen der Antisemit Werner und der Naüonallibcrale Kersting zur Stichwahl; die Entscheidung lag m den Händen der Freisinnigen. Gewählt wurde — der Antisemit, und die Nationalliberalen behaupteten, daß sich die Freisinnigen nicht einmal der Stimmen enthalten, sondern direct für Werner gestimmt hätten, ohne daß von freisinniger Seite eine Erwiderung aus diese Insinuation erfolgte. Der Haß gegen' die nationalliberale „Bismarckpartei" stand eben auch den Freisinnigen höher als die Abwehr der „Schmach des Jahrhunderts", wie allerdings einzelne Führe r der Freisinnigen aber leäer wenig andere Leute den Antisemitismus nennen. Vor einigen Jahren äußerte sogar einmal ein Freisinniger in einer Berliner Volksversammlung. daß sich die Juden überall vordrängten, und daß es Zeit sei, in der freisinnigen Partei Antisemitismus zu treiben. Das berührt sich in der That mit dem demokratischen Antisemitismus des Herrn Böckel. Was die Judenfteundlichkeit der Socialdemökraten betrifft, so hört man oft genug in den Volksversammlungen dieser Partei antisemitische. Aeußerungen von „Genoffen" aussprechen, ohne daß wesentliche Entgegnungen erfolgen. Der socialdemokratische Reichstagsabg. Kunert brachte sogar in seiner in Breslau erscheinenden Zeitung ein mit seinem eigenen Namen unterfertigtes anti- ' semitisches Gedicht, das nur einmal ganz beiläüstg in einer socialdemokratischen Volksversammlung getadelt wurde; die socialdemokratische Parteileitung sagte kein Wort dazu. Wer trotz aller dieser wahrheitsgemäßen Angaben immer noch glauben sollte, daß der Antisemitismus im Deutschen Reiche zurückgehe, dem sei, die Lectüre der nicht einmal „antisemitischen," sondern „conservaüven" „Neuen Preußischen Zeitung" (Kreuzzeitung), eines der al l e r g e l e s e n st e n Blätter in Deutschland, das doch gewiß auch in Oesterreich zu finden sein wird, empfohlen. Man kann sich daraus wenigstens einigermaßen eine Vorstellung von der antisemitischen Gehässigkeit in Deutschland machen. Wenn nun die österreichischen sog. „Judenblätter" von einem „Rückgang des Antiscmitismus" in Deutschland oder gar einein Erlöschen desselben sprechen, so ist es Pflicht c i n e s j e d e n ö st e r r e i ch i s ch e n Ratio n a l j u d e n, unablässig auf die Täuschungen dieser Presse hinzuwciscn, welche das Judenthuin in einen verhängnisvollen Schlummer wiegen! Es. ist seine Pflicht, hiervon überall offen unter Juden zu . sprechen, mögen auch vorläufig auf einen Erfolg hundert Mißerfolge kommen! „SteterTropfenhöhlt den S t e i n". Freilich ist es wohl immer vergeblich ältere Leute, die sich einmal in ihre Ansichten hineingelebt haben, noch bekehren zu wollen. Aber die jüdische Jugend vor allein die gebildete, d i e a k a d e in i s ch c I ü g e n d muß über die kleinliche Vertuschungstacttk der sogenannt liberalen Tagesprcffe aufgeklärt werden. Wenn es dann zugleich gelingt, g l üh e n d e B e g e i st e r u n g für u n s e r e große Vergangenheit und Hoffnung auf eine noch herrlichere Zukunft in den Herzen der Jugend Israels anzusachen, dann ist der Sieg u n s c r, dann wird die Tagesprcffe unsere n Ideen Rcchm,119 tragen müssen; die „papierene Mauer", wie es in Nr. 16 der „Selbst-Emancipation" so richtig heißt, wird dann fallen, mögen auch noch so viele Schichten Papier übereinander kleben. Auch materielle Opfer dürfen wir nicht scheuen, u n d w.e m c s i n O e st e r r c i ch irgend wie möglich ist, der abonnire ' die „Selbst-Emancipation" und womöglich sogar mehrere Excmplare derselben, um sie überallhin'unter der israelitischen gebildeten Jugend zu verbreiten! Haben wir die Gebildeten, dann folgen uns auch die Ungebildeten, und wird die Jugend unser, dann g eh ö r t u n s d i e Z u k u n f t! — .— Original- Lorrespondenzen. O efterreich-Ansarn. Wien, den 25. November 1890. Am -5. d. Al fand die Wahlbcsprechung zu den Cultusvorstaiidswahlen statt; diese selbst wurden am 23. d. M. vorgenommen. Die Wahl ergab die Herren Max Fleischer, Architekt; Dr. Josef Grünfeld, Universitätsdocent; Dr. Gustav Kohn, Hof- und Gerichtsadvokat; Gustav Simon, Gemcinderath der Stadt Wien als wiedergewählt, und die Herren Moriz Leinkauf, k. k. Commercialrath, Gcneralsecretär der Frucht- und Mchlbörse, und Dr. Adolf Politzer, llniversttätsprofessor,. als neugewählt. Es sind dies, wie nach der gegenwärtigen Stimumng unter dem Gros der Wähler vorauszufehen war, Anhänger der „jüdischeren" Richtung im Gegensätze zu den seit dem Vorjahre gestürzten Ultra-Assimilantcn. Mehr Interesse aber als die Wahlresultatc hatte der Verlauf der Wohlbesprechung für uns. Nach der Erstattung des Rechenschaftsberichtes durch den Cnltusvorstand kamen die Candidatenreden und Interpellationen. Das Hauptthcma derselben bot die Frage einer intensiveren Pflege der hebräischen Sprache. Me- Candidaten wurden über ihren Standpunkt. in dieser Hinsicht befragt und gaben befriedigende Antworten. Es ist überhaupt nicht wenig erstaunlich, welch' , warme Töne heutzutage so ein Wiener Cultusgemeindler für die Sache des Judcnthums findet.- Ein Interpellant sagte ausdrücklich: „Der Tag, an welchem die griechische Bibelübersetzung, die Scpuaginta, fertig gestellt worden, ist vom alten Judenthmnc als ein Trauertag, als ein nationaler Unglückstag angesehen worden. Leider mit allem Fug. (!) Vor zwölf Jahren hätte der damalige israelitische Cultusvorstand von Wien den unseligen Beschluß gefaßt, das Hebräische aus dem Lehrplan des israelitischen Religionsunterrichtes zu cxmittiren, und wahrlich, der Tag, an welchem dieser Vorstandsbeschlnß zu Stande gckommcn, verdient nicht minder als ein Trauertag für das Wiener Judenthuin bezeichnet zu werden." Ein anderer Theilnehmer der Versammlung sagte wörtlich: „Wir pflegen diese Sprache als ein kostbares Erbgut von vier Jahrtausenden, wir überliefern sic unseren Söhnen und . wir haben zu trachten, daß sie den späteren Geschlechtern nicht verloren gehe." Alles s ch ö n c, s e Y r s ch ö n e W 0 r t e; und doch wagt es kein einziger dic>er Männer aus ihre» langen Reden kurz den Schluß zu ziehen: „Wir sind ein Volk, das weiter leben soll und muß, benehmen wir uns darnach und erstreben wir eine nationale Zukunft für uns." Doch nicht ungenügsam sein! Die Assimilation ist tief genug gesunken, wenn sie in ihrem Wien so „rcactionärc" Kämpen anfweist. Freilich werden auch in dieser Versammlung noch die alten Weisen gehört. Die sie anstimmtcn, waren ein Herr Adolf Lichtblau, der gegen ven „religiösen Dusel"*) und daher gegen . die hebräische Sprache wetterte, und Dr. Baunigarte», Sohn des bekannte» gewesenen Cultusvorstchcrs Emanucl Banmgartcii, der die alte Leier hören ließ: „Gott hört ein deutsches Gebet aus dem Mnndc des Kindes so gut an, wie ein hebräisches, einen hebräischen Segciisspruch mit lateiuischcn Lettern so gut, als ob er gelesen wird mit hebräischen Lettern." Wie wenig An-, klang aber diese Tonart heute selbst in Wien findet, zeigt der Umstand, baß sic bei der erdrückenden Mehrheit der Anwesenden nur Widerspruch und Entrüstung hcrvorricf. Einen Tag nach der Wühlervcrsammliing und eine Woche später, am Wahltage, fanden in einem anderen Bezirke Wiens in aller Geräuschlosigkeit Sitzimgen einesbescheidenen Coinitss statt, welches sich mit der Gründling eines hebräischen Sprcchclubs/xSafah Berurah" befaßte. Hier fehlte die ganze officiclle Mache und der Reiz der großen Volksmenge, welche dort in so-hohem Maße vorhanden war, aber über diesen Sitzungen rauschte der Flügelschlag einer neuen, der nationalen, Aera des Judenthnms; sic hat sich in anderen Ländern bereits etablirt, nur in Oesterreich sucht man ihr noch die Thüre vor der Nase zuznschlagcn. Wie vergeblich! Oh wäre die Zeit schon da, wie sie sicher kommen wird, wo auch die Wiener Cultusvorstchuiig. mit dem alten asiimilatorischen oder weltbürgerthümlcrischen Plunder brechend, das Programm der Nationaljudcn wird acceptiren müssen. Wohl sind wir hier jetzt nur eine kleine und todtgeschwicgcnc Schaar — aber au ch der k l c i n e D a v i d b e s i e g t e den großen Goliath. Um jedoch auf den hebräischen Sprechclub zurückzukommen: Derselbe steht an und für sich, wenn man von dem Geiste, der ihn gründet, absieht, j e d e r P 0 l i t i s ch e n. B e st r cbung gänzlich ferne. Er hat den einzigen Zweck, seinen Mitgliedern, die zumeist tüchtige Hebräer sind, das hebräische Sprechen anznübcn, und wird so eingerichtet, daß auch minder Fortgeschrittene von den Conversatious- und Vortragsstunden Nutzen ziehen können. Bis zur Herabgelangung ■ ber -unzureichenden Statuten, halten die Gründer als ein Club' innerhalb. des Vereines „Admath Jeschurun" imVercinslocale desselben, 9. Bezirk, Müllnergasse 13, jeden Sonntag von 1 bis 3 Uhr Nachmittags Convcrialionsstunden ab! und sind ' hiebei Gäste gerne'gesehen. Wir werden es nicht unterlassen, über die Fortschritte dieses Clubs Bericht zu erstatten. >. Herr Lcinkanf ist also vielleicht so eine Art unreligiöser Nationaljude, denn anders können, wir uns nicht erklären, daß er jüdische Versammlungen besucht und dennoch über „r e l i g i ö s en Dusel" spricht. - - , Die Red.! ‘: