Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 17 (1.12.1890)
- Date
- 1890-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3092672-3092764-3092781--0563-3093530- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 17, S e-l bist-E in a n,c i-p a t ion, ein Verbrechen, das Volk mit einer solch' trügerischen Hoffnung zu ködern, anstatt es auf den realen Pfad der Arbeit zu leiten. Sind etwa „Judaismus" ihre jetzigen Beschäftigungsarten? Diese werden jedoch von der Oekonomie (Autor meint Nationalwirthschaftslehre) als unproduktiv gestempelt. Machen etwa den „Judaismus" die specisisch jüdischen Nasseneigenschaften ihre Lebensweise, ihr Charakter aus? Für uns (Autor) existirt nur ein wissenschaftliches Axiom und d. i. daß die Rasse nichts Ständiges und Unveränderliches, sondern daß sie beweglich und den Einwirkungen des Klimas, des Ortes und der Zeit ausgesetzt sei." Also kurz gefaßt, Herr F. leugnet auch den im Osten Europa lebenden Juden jede fernere Bestandsberechtrgnng ab. Warum? Weil sie weder Religion, noch Geschichte, noch Rasse berechtigt, Juden zu sein. Was soll nun mit den sechs Millionen im Osten Europas zerstreuten Juden geschehen? Herr F. räth ihnen, an der Neugestaltung der wirthschaftlichen Gesellschaftsordnung und hiedurch an der radikalen Veränderung der eigenen Verhältnisse mitzuarbeiten. Also hier dieselben Pillen wie für die Juden der civilisirten Staaten Europas, mit dem Unterschiede, daß sie für den Magen des östlichen Europas bedeutend unverdaulicher sind. Ich führe daher hier dieselben Gegengründe wie oben an und füge noch folgende Bemerkung hinzu. Die Russen, Rumänen u. s. w. stecken ein noch großes Stück in mittelalterlichen Eiurichrichtungen; die Fortschrittsideen müssen daselbst noch sehr große Schlachten durchkämpfen, um den endgiltigen Sieg davonzutragen und wenn wir noch so optimistisch veranlagt wären, müssen wir doch behaupten, daß es vieler und vieler Jahrhunderte bedürfe, damit die erwähnten drei erhabenen Ideale in der Gesellschaftsordnung OsteuropaszumvollständigenDurchbruche gelangen. Und wie sollen sie die Juden bis dahin verhalten? Sollen sich etwa Russen, Kosaken, Kazapen, Kirgisen, Tscherkessen, Albanesen, Macedonier u. dgl. werden? Das wäre für sie und die Fortschrittsidee — der höchste Rückschritt, da doch die unter diesen Stämmen wohnenden Juden — was wohl Herr F. zugeben wird — mehr als jene kritisch denken, mehr Gerechtigkeits- und Wahrheitsverständniß besitzen. Oder sollen sie bis dahin sich jenen Volksstämmen nicht anpassen? Und was sollen sie denn bis dahin werden? Rattonalitätslosigkeit kennt die menschliche Culturentwicklung nicht! Wenn sie, wie Herr F. will, nur zu Bekennern der Herbert Spencer'schen Religion der allgemeinen Menschenliebe werden, so bleiben sie für jene Stämme doch noch immerJudenundihre Lage ist mit Nichten gebessert. Und nimmt sodann Herr F. alle Verantwortung auf sich — für alle jene zahlreichen Leiden, die ihnen bis dahin angethan werden, für das Gut, das ihnen bis dahin geraubt, für ihr Blut, daß bis dahin vergossen wird, für die schreienden Schandthaten, die an ihren unschuldigen Töchtern, an ihren schutzlosen Frauen, an ihren schwächlichen Greisen verübt werden, für das unstete Wanderleben, daß sie bis dahin werden führen müssen? Diese schwere Verantwortung wird wohl Herr F. mit Entrüstung von sich weisen. Er überlege daher früher reiflich, bevor er mit solchen dem Bestände des Judenthums gefährlichen Theorien vor die Oeffentlichkeit tritt. Jedenfalls können wir bei ihm gerade das Gegentheil als bei den jüdischen Patrioten, denen das Herz voll Besorgniß anschwillt und deren Augen von Thränen des Mitleids für ihre unschuldigen Brüder gefüllt sind, bemerken, denn ihm stieg das ganze Blut in das Hirn und machte ihn stumpf gegen die Leiden seiner Stammesgenossen. Ich will mit Herrn F. nicht darüber streiten, wessen Pläne auf mehr realer Basis beruhen, seine nichtssagenden Theorien der Unthätigkeit und Fortfristung in der unsicheren Erwartung einer noch sehr weit entfernten Besserung der gesellschaftlichen Ordnung zu Gunsten der Juden, oder die von unserer Partei verfochtene praktische und schneller realisirbare Idee der Schaffung eines geineinfamen territorialen Asyls für die enterbten und aller Rechte enthobenen, ewig als Fremde behandelten Juden. Darüber wird die nächste Zukunft ihr Votum abgeben und die Verfechter der erhabenen Ideale der Neubelebung Israels gehen derselben mit Zuversicht entgegen. Die antisemitische Partei im Deutschen Reiche. Der Leitartikel in Str. 16 der „Selbst- Emancipation" „Der Rückgang des Antisemitismus" hat gewiß iin Wesentlichen das Richtige getroffen. Aber in einem Punkte befindet er sich im Jrrthum, und zwar zu Gunsten der sog. „Judenblätter". Eine antisemitische Partei als solche existirt tatsächlich im Deutschen Reich und ist in beständigem Wachsthum begriffen. Herr Stöcker freilich gehört noch nicht einmal zur antisemitischen, sondern zur confer o a t i v e n Partei, die im Deutschen Reichstage 72 unter 397 und im preußischen Abgeordnetenhause circa 130 unter circa 400 Sitzen aufzuweisen hat. — Diese Partei, die sich als die „königstreue" par excellence anpreist, hat es nicht unterlassen können, in ihrer Presse versteckte Angriffe gegen die Person Kaiser Wilhelm II wegen der Entlassung Stöcker's zu richten; so sehr steht der „königstreuen" Partei der Judenhaß höher als die Königstreue. Und gleichwohl ist Stöcker in der That lediglich dem Unabhängigkeitsdrange des jetzigen durchaus nach Unabhängigkeit strebenden Kaisers zum Opfer ge- Der Antisemitismus wurde in Berlin im Jahre 1878 geboren. Er erwies sich als ein treffliches Agitationsmittel für die conservative Partei. Dabei liehen ihm die Freiconservativen, die 19, und die Ultramontanen, die nicht weniger als 107 Sitze im Deutschen Reichstag haben, bereitwillige Unterstützung und auch die sog. Nationalliberalen, die jetzt über 41 Sitze im Reichstag gebieten, liebäugelten mit den Antisemiten. Diese Parteien sind seitdem nicht philosemitischer geworden. Die Nationalliberalen schlossen im Jahre 1887 mit den Conservativen und Freiconservativen ein förmliches Wahlcartell ab, daß die Vernichtung der als „Judenpartei" gebrandmarkten Freisinnigen zum Zwecke hatte. Dreimal, 1884, 1887 und 1890 stand Stöcker ■ zur Stichwahl mit einem- Freisinni gen, und d rei mal ga b en di e V ati onalliberalen den-Ausschlag zw seinen Gunsten, indem sie Mann für Mann für ihn stimmten Aber das Jahr 1887 brachte noch eine andere neue Erscheinung. Zum, ersten Male ließ, sich ein Kandidat als „Antisemit" aufstellen, und er wurde im ersten Wahlgange mit erdrückender Majorität gewählt. Böckel, so. hieß derselbe, hielt alsbald im Reichstage seine Programmrede, worin, er betonte, daß er den Antisemitismus um seiner selbstwillen triebe, nicht um damit „reaktionären" Zwecken zu dienen. Es war das Programm eines „demokratischen 'Antisemitismus". Ein so ungeschickter Redner nun dieser Böckel auch sein, mag, es hatte ihn instinktiv' das richtige Gefühl, geleitet, daß der Antisemitismus unabhängig, von, jedem Belieben der Regierung, sein müsse, wenn, er in unserem demokratischen Zeitalter zur Macht gelangen solle. Es galt ihm, weniger die Regierung als die Volksmassenantisemitisch, zw stimmen, und das ist ihm trefflich gelungen. 1890 wurden, bereits 11 „antisemitische" Candidaten. ausgestellt, von denen & in den Reichstag gewählt wurden Außerdem gab die „antisemitische Partei" in Cassel, den Ausschlag zu Gunsten des Candjdaten der Conservativendes orthodoxem Consistorialraths v. Weyrauch, eines Gesinnungsgenossen des gleichfalls „conservativen" Stöcker. Ebenso entschieden, sie in Leipzig und-in einem rheinischen Wahlkreise zu Gunstender National liberalen, die besondersin Leipzig mit ihnen geliebäugelt hatten. Die Zahl ihrer Stimmen stieg von 188? zu- 1890, von circa 6000 auf circa 50.000-(nach officiellen. Angaben im „Deutschen Reichsanzeiger"-. Von den 5 Antisemiten des Reichstags gehörten 3 zur „antisemitischen Volkspartei"- Böckels- 2 zu dev den Conservativen näher stehenden sog. „deutschsozialen antisemitischen" Partei : von diesen ist jedoch der eine, Werner, nachträglichzurantisemitischen Volkspartei übergegangen. Das zeigtsehrdeutlichwie derAntisemitismus immer „volksthüinlicher" wird. Jener Werner ist- Redakteur des allerpöbelhastesten antisemitischen Hetzblattes-, des „Reichsgeldmonopol" in Cassel. Die Antisemiten haben seit den letzten Reichstägswahlen vom Februar 1890 eine so fieberhafte Thätigkeit wie keine andere Partei im Deutschen Reiche entwickelt. Auf, ihrem letzten Parteitage beschlossen sie, eine ganze Reihe westphälischer und hannoverscher Wahlkreise —Hessen ist ihnen ohnehin gesichert — zu „bearbeiten, und zwar sofort an die Arbeit zu gehen, besonders lebhaft haben sie außerdem seither im Großherzogthum Baden agitirt und bedeutenden Anhang gefunden. Wenn sie in den östlichen Provinzen Preußens im Allgemeinen nicht agitiren, so liegt das daran, daß hier die Cqnjeroativen, hie diese Provinzen fast ausschließlich beherrschen, die antisemitische Sache, mitbesorgen. Aber auch in der nur ganz spärlich von Juden bewohnten preü-. ßischen Provinz Sachsen haben die Antisemiten gearbeitet und in den 3 grössten Städten derselben Magdeburg, Halle und Erfurt, sind antisemitische Vereine gründet. Als an einem drückend' heißen Augustnachmittage in einem engen Saale die erste antisemitische Versammlung in Halle' abgehalten wurde, waren mindestens 500 Personen anwesend, und mit Recht dürfte sich der antisemisische Führer Liebermann von Sonnenberg rühmen, daß einen solchen Erfolg nicht einmal die socialdemokratische Partei, die Halle im Reichstag vertrete/ daselbst' aufweisen könnte. In dem von'Juden noch« spärlicher bewohnten K ö Ni g r e i ch' Sachsen ist der Antisemitismus schon seit seinem Entstehen sehr populär, besonders in Leipzigdem" „Centrum der Intelligenz". Auch die Zahl derantisemitischen Zeitungenist im-fortwährenden Zunehimen begriffen. Es ist kein Zweise-lj' daß-d-i-e-! „Antisemiten" 0-18stolche ölev den