Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 17 (1.12.1890)
- Date
- 1890-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. . Nr. 17. Faßt man den nationalen Gedanken nicht als Sache selbstherrlicher oder feudaler Diplomatik, sondern als die Erstrebung der höchsten menschheitlichen Culturidealc im natürlichen Kreise der einzelnen Nationen auf, - und dieser Auffassung wird wohl auch der ungarische Abgeordnete Bela Grünwald sein, — so wird man sich, bevor man die Forderung aufstellt, daß ein Volk in dem anderen ausgehen und dieses sein Schicksal selbst betreibe, zuerst wohl fragen müssen: „Ist dieses Volk, das einen beispiellosen Selbstmord begehen soll, schon zu abgelebt, zu altersschwach, um selbstständig an dem Culturgcbäude der Menschheit mitbauen zu Helsen? Wird der Cultürfortschritt der Menschheit ein rascherer werden dadurch, daß diese Volksindividualität verschwindet und mit ihren guten Zügen eine andere Volksindividualität bereichert? Oder würde nicht vielleicht die selbstständige Fortentivicklung dieses Volkes der Cultur des Menschengeschlechtes einen größeren Gewinn bringen? Man kennt den Standpunkt unseres Blattes, welches für das jüdische Volk noch nicht das letzte Stündlein gekommen glaubt. Und selbst auf die Gefahr hin, dem ungarischen Volke, das ja ohnstreitig ein gut veranlagtes und culturell wichtiges Volk ist, nahe zu treten, müssen wir es aussprechen: An die Culturfähigkeit und die Wirkungskraft des jüdischen Volkes mit seinem schier unerschöpflichen Vorrathe an originellem Geiste und Gemüthe reicht die culturelle Begabung der Magyaren nicht im entferntesten hinan. Und da sollte sich jenes diesem unpassen müssen? Warum denn um Himmels ivillen? Etwa weil die Geschichte einen kleinen Bruchtheil des israelitischen Stammes in den nationalen Staat der Magyaren verschlagen hat? Aus diesem Geschicke folgt nur, daß die ungarischen Juden dem Vaterlande treue Söhne, den Ungarn treue Brüder sein müssen, kein Jota weiter! Was darüber liegt, wäre unverzeihlicher Verrach am eigenen Volke, ein Verbrechen, das minderwertige Volksstämme in Ungarn zu begehm sich scheuen und schämen. Es liegt also von Seiten der ungarischen und auch der anderen 'Juden kein sittlicher Grund vor, die Mischehe, dieses Werkzeug der Verschmelzung, zu fördern, eher ethische Veranlassung , ihrer Ausbreitung entgegenzutretcn. Mögen sie sich dabei immer vor Augen halten, was sie so oft aus tiefer Ueberzeugung von der Durchführbarkeit einer gänzlichen Verschmelzung auf dem Wege der Mischche übersehen, daß neben der Frage der Durchführbarkeit ja auch die Frage der sittlichen Berechtigung, ihre Berechügung hat. Soll ein Verbrechen schon deshalb begangen werden, weil es begangen werden kann? Kann? Es ist merkwürdig, wie sanguinischen Hoffnungm sich die Assimilanten radikalster Sorte hingeben, wie aber auch andererseits Juden, die sich vielleicht sonst gegen den Untergang ihres Vollschums auflehnen würden, von fatalistischen Befürchtungen erfüllt, das Evangelium der Verschmelzung ruhigen Blutes verkünden hören. Was nützt es — denkt so mancher — gegen das Schicksal anzukämpfen. Es ist. ja klar, daß das Judenthum Schritt für Schritt an Boden verliert. Jahr für Jahr bröckelt ein Stück seiner Eigenart und seiner Traditionen ab, und kommt noch die Blutvermischung hinzu, so ist der Zusammenhang seiner Atome gelöst und cs ist — gewesen. . Nun' wir möchten den Sanguinikern rachen, ihre Erwartungen herabzustimmcn, und den Pessimisten ihre Befürchtungen einzuschränken. Noch ist Israel n i ch t v c r l o r e n! Am allerivcnigsten läßt sich ein beliebter Gedankengang rechtfertigen, welcher seine Philosophie der Schcere des Schneiders und des Friseurs ablauscht. Daraus, daß der Kaftan und die Pejoth des' polnischen Juden seit einem Vierteljahrhundert stets kürzer wurden, und allmälig in normale Kleider- und Haarttacht übergehen, läßt sich die Schwindsucht des Judenthums nicht beweisen — es sei denn, daß man die Annahme einer Cultur, die ja selbst zur Hälfte jüdisches Product ist, Assimilation nennt. Daß aber von einer Verschmelzung im Sinne des Aufgehens in bestimmte europäische Nattonen nicht die Rede sein kann, beweisen am besten die Juden des Westens, welche schon längst äußerlich Europäer sind, und noch keinen ncnnenswerthen Schritt zur Abwerfung ihrer jüdischen Eigenart, die aus jeder ihrer Handlungen, Worte und Geberden unverfälscht hcrvorleuchtet, gethan haben. Was die polnischen Juden jetzt allmälig abstreifen, ist nicht ihr Judenthum, sondern die Ghettekruste desselben und je inehr die Juden eines Landes diese'Kruste abschüttcln, desto näher kommen sie der nationalen Wiedergeburt. Freilich können auch sic, wie seinerzeit die Juden des Westens jenes Stadium des Mißverständnisses durchmachen, in welchem sie ihr Judenthum einzusargen glauben, während sie es im Gcgcntheile verjüngen. Denn es ist klar: die Stürme des Judenhasses, welche ebenso nach gewissen Gesetzen sich einstellen müssen, wie die Stürme in der Natur und welche den Mangel des Kaftans und der Pejoth nicht besänftigt, müssen in einem culttvirten Elemente andere Wirkungen Hervorrufen, als in einem uncultivirten. Während alle Leiden des Volkes von diesem so lange es culturfeindlich ist, mit passiver Geduld gettagen werden, muß ein culturelles Judenthum ganz gewaltige. Reactionen gegen; die unausbleiblichen Ausbrüche europäischen Judenhasses äußern. Man glaube aber ja nicht, daß diese Reaction nur in der weitgehendsten Assimilation, der Taufe und der Mischche, zum Ausdruck komme, sondern immer wird daneben auch der Gedanke der nationalen Selbsthilfe seine Vertreter finden, und diese Vertteter werden wohl immer die. sittlicheren Elemente des Volkes sein. Der, Mischehe zwischen europäischen Druck und höherer Cultur der Juden entstammen: stets zwei Kinder: die Tochter Assimilation und der Sohn Nationalismus; oder wie wir uns mit Bezug auf das eben bevorstehende Chanukafeft ausdrücken können:. Ein König Anttochus findet nicht bloß seinen Hohenpriester Jason, sondern auch, seinen Volksführer Juda Makkabi. Und die Jasons könnest nie verderben, was die Makkabis aufrichten. Denn während letztere, die Vertreter des nationalen Princips, durch ihren bloßen Bestand eine vollständige Vernichtung des jüdischen Volkes unmöglich machen, können ja letztere im Grunde genommen doch - nichts anderes thun, als sich selbst oder besser ihre Nachkommen aus dem Jüdcnthume ausschciden, sie können, um auf europäische Verhältnisse zurückzukommen, höchstens bewirken, baß man in hundert Jahren sehr vielen Magyaren mit krummen Nasen begegnen wird, nie aber erreichen, daß die rechtmäßigen jüdischen Träger derselben aufhörcn. Die Mischehe kann nur ohnehin wankende Charaktere vom Judenthum abbröckeln, der massive Kern jedoch bleibt immer Von diesem Standpunkte aus kann uns die Gefahr der Mischehe nicht sonderlich ängstigen, aber unsere Pflicht bleibt es dennoch, unsere Brüder zu warnen, und unserem Volke zu erhalten, was sich erhalten läßt. Was sich aber trotz aller Warnung nicht halten lassen wird, nun — das falle ab. Deshalb ist Israel noch nicht verloren. B. Herr Wilhelm Feldmann und die Judenfrage. (Schluß.) Wenden wir uns nun dem zweiten Theile Europas zu, wo der. Grundstock des Judcnthums sich befindet und lassen ivir wieder vor Allem den Autor sprechen: „Rußland, Rumänien, — fährt er weiter fort — schäumen daselbst nicht die Wogen des Hasses, der Verachtung, wird daselbst nicht mit Feuer und Schwert.und Ausnahmsgcsctzcn gegen die Juden vorgcgangcn? Die Mehrzahl der jüdischen Glaubensgenossen und Publicisten antwortet: So ist's, und fügt hinzu: Verstecken wir uns nun wie die Schilecken in llnscre alten Schalen, behalten ivir den Jargon bei uns und seien wir Juden! Gut, aber ivas heißt denn Jude sein? . . . Traurig ist die Zeit, traurig der Gemüthsstand der jüdischen Patrioten.Ihr Herz schlägt voll Liebe für ihre Brüder, doch das Blut, das ihren Herzen zuströmt, das entströmte ihreui Gehirn, es funktionirt deshalb bei ihnen , schwach; aus ihren Augen fließen Thränen und verhüllen ihnen jede : weitere Perspective. Unter solchen Umständen entbehren sie der Nüchternheit und der Berechnung aller möglichcil Complikationen der Frage, — die einen Politiker kennzeichnen — und es gebricht ihnen an dem wahren Objektivismus, der für den Forscher unentbehrlich ist." Diese alle Eigenschaften eines wahren Politikers und Forschers ivähnt Herr F. zu besitzen, und fragt deshalb : „Was heißt denn Jude sein? Sollen wir estva für den „Judaismus (2ydowskos5)" uns der kritischen Denkweise entäußern? Diese vernichtet viele jüdische Traditionen. Oder sollen wir etwa für den „Judaismus" das Hirn mit krankhaften Phantasmagorien über das . Thema einer eventuellen Restauration eines selbstständigen jüdischen Staates füllen? Dieser Gedanke entbehrt jeder Chance und es ist