Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 17 (1.12.1890)
- Date
- 1890-12-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Abonnements-Preisc: (gufcnbmig inbegriffen) 5ür Defterreich.Ungarn ganzjährig fl. 4 „ Deutschland „ Mk. S „ Rußland „ Rbl. 4 „ die übrigen Länder „ Zrcs IO Halb' und vierteljähriges Abonnement zu den entsprechenden Theilbeträgen. Das Abonnement^kann mit jeder Nummer |j Einzelne Lremxlare 20 kr. Organ der Jüdisch-Nationalen. Herausgeber: Dr. Siegmund Elkan. Chefredacteur: Dr. Nathan Birnbaum. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. Redaktion u. Administration: Sprechstunde: Täglich von I—2 Uhr Nachmittags. Wien, 1. December 1880. Jahrgang. Inhalt: Die Mischehe. — Herr Wilhelm Feldmann und die Judcnfrage. (Schluß.) — Zuschrift aus dem deutschen Reiche. -- Original-Correspo» de »zen: Wien. Wien.. Lemberg. Stryj. Magdeburg. Dünabnrg. Jaffa. — Chronik.— Corr. der Red. — Corr. der Administr. — Belletristisches: David Alroy. MT Die nächste Nummer erscheint am 13. Dezember d.J. -Me Die Mischehe. „Man behauptet, daß es keine Judenfrage mehr gibt, nachdem die antisemitische Partei in Ungarn aufgehört habe zu existiren. Trotzdem aber ist die Judenfrage vorhanden; ja wir sehen, daß heute zwischen dem jüdischen Element und der christlichen Bevölkerung eineSpannung herrscht, welche vor zehn Jahren nicht vorhanden war." Diese Worte sprach der bekannte Abgeordnete Bela Grünwald am 23. v. M. im ungarischen Reichstage, und als darauf von der äußersten Linken der Ruf „das hat seinen guten Grund" ertönte, fuhr er folgendermaßen fort: „Gewiß, ich werde den Grund auch gleich anführen. Seit dem Tißa-Eßlarer Proceß hat die Judenschaft unter der Einwirkung des damaligen Ereignisses einen großen psychologischen Proceß durchgemacht. Die in der christlichen Gesellschaft zu Tage tretenden Erscheinungen haben bei den Juden das Bewußtsein einer Sonderstellung erweckt und sie wurden der Nation entfremdet. Denn es ist eine psychologische Unmöglichkeit, daß Jemand sich an eine Gemeinschaft anklammere, in welcher ihn Verachtung und Verfolgung bedrohen." Diese Aeußerungen des berühmten Parlamentariers vcrrathen einen hervorragenden Geist, welcher die oberflächlichliche und schablonenhafte Art,dieDinge zu betrachten, perhorrescirt. So ist sich Bela Grümvald im Gegensätze zu seinen seichteren Gesinnungsgenossen des Unterschiedes zwischen An tis em it ism us und Judenhaß wohl bewußt; und so anerkennt er auch, während man sonst Juden und Nichtjuden in Ungarn angeblich wie die Täubchen mit einander leben läßt, freimüthig das Vorhandensein einer Spannung zwischen diesen beiden Theilen der ungarländischen Bevölkerung, welche vor zehn Jahren nicht ge-. herrscht habe. Doch auch Bela Grünwald — sei er nun, was wir nicht genau wissen, Jude schlechthin, oder getaufter Jude, oder gar, was aber nicht vorauszusetzen ist, nichtjüdischer Abstammung, — ist zu sehr Kind seiner Generation und Repräsentant seiner politischen Ideale, um zu anderen Schlüssen zu kommen, als zu welchen er thatsächlich gelangt. Er übersieht, daß das christlicherseits geübte System der Verachtung und Verfolgung ein nach jeder^-kurzen Durchbrechung neu erstarkendes und daher ewiges ist; er übersieht aber auch, daß^dieses System mit aller seiner Brutalität nicht im Stande ist, die Anklammerungsgelüfte der Juden zu unterdrücken. Was G r ü n w a l d als psychologische Unmöglichkeit hinstellt und was man wirklich als solche halten sollte, ist leider Möglichkeit, ja Wirklichkeit; der beste Beweis hiefür ist, daß die Wünsche, in welche seine Rede auslief, in den Herzen so vieler Juden den lebhaftesten Anklang fanden. Diese Wünsche bezogen sich auf die M i s ch e h e. Es waren eigentlich christlich-kirchliche Verhältnisse, die im ungarischen Reichstag verhandelt wurden; Grünwald aber benützte die Gelegenheit, um die obligatorische Civilehe zu fordern und diese seine Forderung mit den Hinweis auf die Judenfrage zu stützen. Er beklagte, daß der Staat den Juden zwar alle Rechte verliehen habe, aber noch immer den Eintritt in das „Heiligthum der christlichen Familie" verwehre. Erst, wenn diese letzte Schranke fallen werde, stünde eine vollständige Verschmelzung der Juden mit der Nation in Aussicht, — eine Verschmelzung, welche den letzten Rest mißtrauischer Furcht bannen würde, von welcher selbst die „Liberalsten unter uns" — wie er sich ausdrückte — gegenwärtig nicht frei sind. Der Gedanke ist trotz Grünwald nicht neu; aber er imponirt immer, weil er von Consequenz sozusagen strotzt. Wie lächerlich zwerghaft nehmen sich gegenüber diesem Riesen der Assimilation jene Herrchen aus, die ihr Judenthum abstreifcn und doch den „Mosaisnius" beibehalten wollen. Neben jenem sind diese; wie neben Goliath die übrigen — Philister. Grünwald und seine Meinungsgcnossen machen weder sich noch Anderen ein X für ein U vor und sagen ehrlich, worauf sie abzielen, und das ist: der Toddesjüdischen Volkesanf dem Wege der Mischehen. Und in der That! Gibt es einen Weg zu diesem Ziele, so ist es dieser! Wir aber wollen nun prüfen, ob Israel diesen Weg beschreiten soll und k a n n. Soll? Wenn wir die Rede Grünwalds und ähnliche Aeußerungen früheren Datums aufmerksam durchlesen, so werden wir wider jedes Erwarten den rein menschlichen Standpunkt, von dem aus die Mischehe am leichtesten gerechtfertigt werden könnte, gar nicht oder wenigstens sehr nebensächlich zur Geltung gebracht sehen. Sticht der Umstand, daß zwei Menschenkindern, die einander lieben, verwehrt sein soll, sich legitim zu vereinigen, gibt bei den Verfechtern der Mischehe den Ausschlag, dieselben lassen sich vielmehr von Erwägungen allgemeineren, gewöhnlich nationalen oder politischen Inhalts leiten. Damit Ungarn die Juden verdauen könne, und damit die Juden im Magyarismus aufgehen, verlangt Bela Grünwald die Mischehe, nicht aber etwa als eine Apotheose d e r L i e b e, um den Pußtahirten die Tochter des jüdischen Hausirers heimführen zu lassen. Grünwalds Forderung liegt fernab von jeder romantischen Sentimentalität und man gestatte daher auch uns, die Sache vom Standpunkte des öffentlichen Interesses zu nehmen; umsomehr muß uns dies erlaubt sein, da erfahrungsgemäß ziemlich wenig Mischehen aus Neigung, die bei dem großen Gemüths- und Gedankengegensatze der Racen sich selten einstellt und später bitter bereut zu werden pflegt, vielmehr aus den gemeinsten Motiven unserer materialistischen Zeit, Gelddur ft auf der einen und Ad elshunger aus der anderen Seite, geschloffen werden.