Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 16 (16.11.1890)
- Date
- 1890-11-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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„Im Namen des Vereines „Zion" drücke ich Ihnen die tiefe Verehrung und den innigstgefühlten Daiik aus. Du ziehst der Helden im tausendjährigen Staub versunkene kühne Thaten wieder'ans Tageslicht, zeigst der Ahnen stolze Würde, jenes Feuer, jenen Eifer, der das Volk einst beseelte; Alles athmct den jüdischen Geist im einstigen Strahlcnglaiizc. Du auserlesener, gottbegnadeter Dichter, nur Du verstehst das Herz zu rühre», den Kopf zu überzeugen; aus der Tiefe Deiner Brust lockst Du des Muthes feurigen Geist, der Liebe süßes Lispeln, des bitteren Elends schmerzvollen Laut hervor. Du sprichst zum Volke, dem verachteten, gejagte», verspotteten; Du lehrst cs seine glorreiche Vergangenheit, seine erhabene Geschichte, sich selbst kennen und achten, und mit des Witzes stachligem Spotte geißelst Du feine Versunkenheit und Aefferei. Alles einzig darum, daß cs sich endlich ermanne, sich stolz fühle, nicht geknechtet im Joche schmachte und sich eine Zukunft schaffe, würdig der Vergangenheit. Hochbeglückt einen solchen Mann in unserer Mitte zu haben, er- . tauben wir uns Ihnen dieses bescheidene Geschenk zum Andenken an diese Stunde anzubieten; und möge diese — nun Ihre Feder zum Wähle unserer, bedrängten Nation mit Erfolg geführt werden." 'Rach dieser Ansprache wurde von Herrn David T i e g e r, dem hebräischen Secretär des Vereines „Z i o u", die hebräische Adresse laut verlesen. DaS entzückte Publikum bezeigte seine Zustimmung durch minutenlanges Bravoklatschen und fortwährendes Rufen: „jechi (es lebe) Goldfaden". Als Ruhe wurde, antwortete der Dichter, indem er für die Ovation herzlich dankte und alle seine Leistungen nicht sich, sondern dem Alles lenkenden Gotte zuschrieb. Hieraus versprach er mit allen ihm zu Gebote stehenden Kräften sich auch fürderhin nur der guten Sache seines Volkes zu widmen. Jacob bcn Jsak. Diinaburg, 23. Oktober 1890. In der Nummer 11 Ihrer werthen Zeitschrift finde ich eine Korrespondenz des Herrn Slavin, welche sich gegen die Behauptungen meiner ersten Correspondenz in der Nummer 9 der Sclbst-Eiuancipation richtet. Es wundert mich überhaupt, wie Herr Slavin dasjenige für unbegreiflich finden kann, was nicht bloS Jedem, sondern auch ihm selbst bekannt sein muß. Herr Slavin fordert vom Dünablirg'schen jüdischen Publicum mehr Sympathie für die Palästina-Colonisation. Es dürfte aber einem Jeden zur Genüge bekannt sein, daß keine neue Idee mit einem Riale von der Masse acccptirt werden kann, vielmehr bedarf cs einer längeren Zeit, um das Volk für etwas Neues zu gewinnen. Wiewohl nun die Idee der Palästina-Colonisation überhaupt bereits bei 9 Jahre cxistirt, so hatte doch dieselbe nicht diesen Charakter und nicht diese Dimcnfionen und Aussichten erlangt, als heute. Plan kann also dem Volk nicht die Schuld geben, daß cs bis jetzt dieser Idee fcrnstand, umsomehr, als Gerüchte verbreitet waren, daß die ersten Colonistcn in Palästina mit den furchtbarsten Entbehrungen zu kämpfen haben und sehr großen Hindernissen auf ihrem Wege begegnen. Was Wunder, daß mau wenig Lust verspürte, in ein Land zu reisen, wo die Juden sich größtentheils von der „Chäluka" nährten, wo die Erde ganz schwarz von der brennenden Sonne und, schon zwei Jahrtausende brach liegend voll mit Steinen ist, wo endlich Araber und Beduinen wohnen, welche sich unsere Jude» nicht in den glänzendsten Farben ausmalcn. Jetzt aber, wo uns ganz andere Berichte aus Palästina zukommen, daß alles Gesäete gut gedeiht, daß die Erde au Güte nichts zu wünschen übrig läßt, daß die Beduinen gar nicht so schrecklich find, daß selbst diejenigen, welche.bis jetzt von der Chalukah lebten, dem Ackerbau sich angeschlosscu haben, jetzt mußte sich unwillkürlich der Gedanke aufdrängen„Warum sollen nicht auch wir hingchcn?" Dazu hört mau die schrecklichsten und traurigsten Nachrichten über die hierzulande übliche Lösung der jüdischen Frage. - Unter dem Einflüsse dieses alles hat man zu Gunsten der Palästina-Idee zu arbeiten aiigefangen, es bildeten sich in allen Gegenden Vereine zur Gründung neuer Coloiiien und, was noch wichtiger ist, unsere Regierung hat einen Verein bestätigt, der für die Unterstützung der Ackerbauer in Palästina arbeitet. Dieser Verein spielt in diesem Ilugenblicke eine glänzende Rolle; sehr Viele in allen Provinzen Rußlands schließen sich diesem Vereine an. Möge nur das allgemeine Streben auch weiterhin nicht schwächer-lvcrden! —.Was das Dünaburg'schc jüdische Publikum anbetrifft, so kann ich von demselben., nur folgendes sagen: Der Palästina- Verein existirt hier zwar schon 8 Jahre, aber seine Existenz war bis jetzt, den oben auseinandergcsetzten Gründen zufolge, durchaus keine rühmliche; jetzt aber, seitdem die Masse sich ihm anzuschlicßcn beginnt, lebt der Palästina-Verein förmlich auf. Unser Dünaburg'sches Publikum eines Mangels an Sympathie für die Palästina-Colonisation zu zeihen (wie es Herr Slavin gcthan), dazu ist augenblicklich wahrhaftig kein Grund vorhanden, denn wir sehen die Anzahl der Mitglieder des Vereines mit jedem Tage wachsen. Während früher die Gcsammtzahl der Mitglieder des Vereines nicht, neunzig überstieg, wuchs dieselbe iu einem Zeiträume von einigen Monaten auf 360, was bei uns in Dünaburg, wo die Hälfte der jüdischen Einwohner „Chasfidim" sind, welche bekannteriuaßen der Palästina- Idee feindlich gegenüberstehcn, doch verhältnißmäßig viel ist. Ja, es ist sogar die schönste Aussicht vorhanden, daß die Zahl der Mitglieder des Dünabnrg'schen Vereines binnen Kurzem sich verdreifachen oder gar vervierfachen wird. Herr Slavin selber gibt ja übrigens zu, daß Alles mit einem 'Male nicht gemacht werden könne. Ich behaupte also noch einmal, daß die Sache im gegenwärtige» Ilugenblicke ausschließlich von der Thätigkeit der Agitatoren abhängt; der Vorstand unseres Vereines besteht überhaupt nur aus 3 Personen und diese sind außer dem Präses Herr G. I. Sachs, Herr Berlin, Herr Melamed und Herr Kalmansohn. Diese Herren arbeiten auf diesem Gebiete schon 8 Jahre lang, wo sie sich der größten Hochachtung allerseits erfreuen und dennoch haben sie im Großen und Ganzen sehr wenig geleistet, weil sich kein besonderer Umstand während dieser ganzen Zeit ereignet hat, welcher ihre Energie anspannen sollte; jetzt aber, da die Bestätigung des Odcffacr Vereines von Seite der russischen Regierung erfolgt ist, zeigen sich einerseits diese Herren mehr der Sache zu widmen geneigt, wie auch andererseits von Seite des Publikums der Palästina-Idee mehr Sympathie entgegengebracht wird. Herr Slavin behauptet ferner, daß die Ilngcnauigkcitcn, welche sich seiner M e i n u n g nach in meiner ersten Correspondenz vorfinden, daher stammen, daß ich nicht zur Genüge mit den Verhältnissen unseres Vereines vertraut bin. Dies ist aber durchaus nicht wahr; eher könnte man dies von Herrn Slavin selbst behaupten, worauf der Umstand unwiderleglich hinweist, daß er, Slavin, zu unserem Vorstand Herrn Wittenberg zählt,. welcher bc kanntlich bloß gewöhnliches Mitglied des Vereines ist. Ferner behauptet Herr Slavin, ich hätte mir viel zu viel von der neulich erfolgten Bestätigung der Regierung versprochen, und daß ich erhofft habe, um wörtlich mit Slavin zu sprechen, „das ganze Dünaburg'schc, nach Tausenden zählende jüdische Publikum werde durch genannte Bestätigung der Regierung mit einem Male zu Palästinophilen werden". Wie kommt er denn auf diese Idee? Vielleicht daher, daß ich behauptet habe, cs sei in der letzten Zeit unter unseren Brüdern wirklich eine Bewegung zum Besseren zu verzeichnen. Damit habe ich ja noch nicht die Hopnung ausgesprochen, daß alle mit einem Male Palästinophilen werden. * * * Bor einige» Monaten fuhr der Kaufmann Rachum Mcilcch ans Dankora, einem Städtchen unweit Dünabnrg, nach Palästina, »m dort Erde, womöglich schon licarbeitcte, zu kaufen. Als er in Jaffa ankam, ließ er, als praktischer Kaufmann,, kein Wort über das Ziel seiner Reise verlauten, sondern begann sich unauffällig zu erkundigen, ob nicht irgendwo Land zum Verkaufe vorhanden sei.'Auf diese Weise erfuhr er, daß ein deutscher Colonist sein Gut, welches sich unweit Jaffa befindet, verkaufen will. Er begab sich sogleich zu demselben und schloß, ohne Vermittler in 'Anspruch genommen zu haben, den Kauf ab. Im Verlauf von vier Tagen gelang es ihm den Kaufbrief zu erhalten. Da er nun geschäftshalbcr unverzüglich nach Hause reisen und dortselbst längere Zeit zubringcn mußte, schickte er bald seinen Schwiegersohn aus .Kreuzburg auf sein ncugekauftcs Gut in Palästina, um die Leitung desselben zu übernehmen. Herr Koblenz, so heißt der Schwiegersohn des neuen Gutsbesitzers, erzählte mir bei seiner Durchreise durch Dünaburg folgendes: Die Colonie heißt Bari-Jlar und umfaßt einen Flächenraum von 46.000 Saschen. Dieselbe liegt ungefähr 2 Werst bon Jaffa entfernt und 2 Stunden vom Meere. Das Gut kostet incl. aller Nebenauslagcn gegen 8200 Rbl.; in demselben befindet sich ein großer Weingarten mit 5000 Stöcken und 2 Brunnen, was dort von großer Wichtigkeit ist. Dieses Gut weist auch ein größeres Stück Ackerland auf und befindet sich auf demselben auch ein Gehöfte, welches ein zweistöckiges steinernes Haus und einen Viehstall enthält. — Ich hoffe recht bald Näheres über dieses Gut zu erfahren, sodann theile ich es Ihnen sogleich mit. Wünschenswerth iväre es,, solche Beispiele öfter zu haben, dann erst wird unser eigentliches Ziel erreicht sein. B. Ra sch k es. Jaffa, 23. October 1890. Letzte (Nachrichten aus Palästina). Die Colonisation Galiläas. — Die Colonisation des heil. -Landes tritt in eine neue Phase. Nachdem inan sich überzeugt hat, daß keine Menschenfresser in Palästina wohnen, daß die „schrecklichen Araber" weit weniger gefährlicher sind, als die maskirten civilisirten Europäer, daß ferner der „vernachl ä ß i g t e und iä n g st a u s g e b e u t e te" Boden nicht weniger Ertrag abwirft, als das europäische schwarze Land, daß mit einein Worte Alles dasjeiiige, ivas bis heute gegen die heilige Sache geschrieben wurde, nur Verleumdung ist, — fangen unsere Brüder an, die ivirklich gesegnete Gegend Galiläas zu colonisiren. Die Jnitiative dazu ging von Herrn Dr. d'Arbela aus. Er war cs, der in Verbindung mit seinem Bruder und Schivager zuerst 8000 Dunam Landes in Galiläa gekauft hat, jenes fruchtbare Land, welches unter den 'Namen Dolamia bekannt und ivestlich vom Jordan, nördlich vom Tiberias-See gelegen ist, — zweitens die Colonie El-Wakas, unweit des Merom-Sees, 20 Minuten von der Colonie Jessnd Hamaalah lind endlich drittens das Gebiet längst des Tiberias-Sees, südlich von Tiberias. Dieser Boden ist fast gänzlich verkauft und viele der neuen Colonistcn übersiedeln bereits in ihren neuen Wohnort. Wenn der erste Schritt mit aller Vorsicht gethan werden ivird, wie sie uns die achtjährige Praxis gelehrt hat, so kann man sich den schönsten Erfolg von vorn herein versprechen. — Und in der That, bei dieser außerordentlichen Billigkeit der Erde einerseits (8 Frncs. per Dunams, gegenüber mindestens 18—20 Frncs. in Judäa) und bei dieser Fruchtbarkeit des Bodens und Wasserüberfluß anderseits, ist es auch demjenigen, welcher bloß über ein Vermögen von 3—4000 Rbl. verfügt, möglich, seine Existenz für immer zu sichern. Wir hoffen, daß Herr Dr. d'Arbela aufs gewissenhafteste dafür Sorge tragen ivird, die neuen Colonisten durch Erlangen der Erlaubniß zum Häuserbau, sowie durch eine gute Organisation der Colonien, was die Hauptsache ist, auf immer zu versorgen. Es war sehr vernünftig, daß die neuen Colonisten ihre Sache durch Herrn Dr. d'Arbela gemacht haben, denn einerseits ist es beinahe unmöglich, hier einzelne kleinere Stücke Landes anznkaufen, andererseits aber kann eine zugereiste, mit den hiesigen Sitten und Gebräuchen völlig unbekannte Person gar nicht an einen guten Erfolg beim Ankäufen von Boden denken. Herr Dr. d'Arbela ivird nicht wenig Dank von so vielen unserer unglücklichen, umherirrenden Brüder einernten; denn er erschien hier als uneigennütziger Vermittler zivischen Käufer und Verkäufer, ausschließlich zum Gedeihen der heiligen Sache und zum Wähle der sich hier neu ansiedelnden jüdischen Familien. Ix. (Lhronik. (Dr. M. Joel gestorben.) Sonntag, den 2. November, Nachts ist Dr. M. Joel, Rabbiner in Breslau, im Alter von 64 Jahren nach schwerem Leiden verschieden. Dr. Joel-war ein bedeutender Mann, der eine empfindliche Lücke zurückläßt. Er war ein. bedeutender. Kanzel-