Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 16 (16.11.1890)
- Date
- 1890-11-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 16. Seite 3. sichten auf die bedrängten Juden iin Allgemeinen, wo immer sie verfolgt und vielleicht vertrieben werden können, auszudehnen". Geradezu komisch ivirkt nur dies, daß der Schreiber dieser Sätze, der auch die Finanzgrößen bittere Wahrheiten hören läßt, in weiterer Ausführung seiner so richtigen Gedanken sich Cypern als „Judeninsel" denkt. Er spricht sich mit Recht gegen Amerika aus, mit Unrecht aber gegen Palästina, „das ein historischer Zankapfel bleibt". Warum „bleibt"? Wie viele solcher historischer Zankapfel gab es, die in der Neuzeit in Folge eines nationalen Regimes zu geordneten und von keiner Seite behelligten Gemeinwesen geworden sind? Und übrigens, war denn Palästina nicht durch lange Jahrhunderte ein sich selbst genügendes und nur für Israel existircndes Land nur das es keinen Zank gab, und was hat es anderes den Fremden ausgeliesert, als die nationale Erschlaffung seiner Bewohner? Was aber Cypern betrifft, glaubt denn der Herr Correspondcnt der „Israelitischen Wochenschrift", daß cs niemandem nach dieser Insel' der Aphrodite gelüsten wird, und erwägt er nicht, daß solchen Gelüsten nicht jenes historische Recht entgegengesetzt werden könnte, welches die Juden im heiligen Lande geltend machen können? Doch wozu mehr Worte verlieren? lieber die Frage „Palästina oder Amerika" haben wir bereits in Nr. 14 eingehender gesprochen. Auf fernere Projectc, die noch allenfalls von einigen Freunden aparter Einfälle gemacht werden, können wir schon ans physischen Gründen nicht cingehen. Wer kennt die Länder, zählt die Namen, die in dieser Hinsicht schon genannt wurden? Cypern haben wir eben nennen gehört; ein anderer möchte uns wieder frcundschaftlichst nach Afrika versetzen, ein dritter denkt an Australien. Wir könnten nach Bedarf noch mit einigen dergleichen Prima-Asylen aufwartcn, die nur auf uns Juden warten; was sagen Sie zu Sibirien, zu Island, zu St. Helena, zu Ceylon, zu Madagaskar? Uebrigens ist uns das cyprische Project noch das liebste unter Allen und wir können, von dem Gedanken eines dort zu etablircnden Asyls abgesehen, für dasselbe noch viel leichter stimmen, als ivir uns für das amerikanische unter gleicher Beschränkung bereits ausgesprochen haben. Zum Asyl kann uns nur Palästina werden, als eine Ventilationsvorrichtung gegen augenblickliche Stickluft in Europa ist uns aber Cypern jedenfalls lieber als 'Amerika, schon aus dem einfachen Grunde, weil Cypern — in der unmittelbarsten Nähe von Palästina liegt. Alte höheren Pläne mit Cypern, Amerika, Afrika, Australien, auf die das Sprichwort angcwcndet werden kann: „Warum in die Ferne schweifen, liegt das Gute doch so nah", halten wir aber für nichts anderes, als ein letztes kindisches Aufbänmen derjüdischen Hartnäckigkeit gegen die nationale I d e e. Wenigstens noch etwas Unnationales soll noch in zwölfter Stunde durchgesetzt werden. Muß cs einmal schon sein, daß Israel geeinigt und wieder hergestellt werde, dann, ivenigstens Selb st- Eman cipation. nicht dort, wohin es gehört. Gnade, nur einige Meilen, w e n i g st e n s w e st - l i ch e r! Die N a t i o n a l j u d e n sollen nicht ganz Recht behalten! Herr Wilhelm Feldmann und die Iudenfrage. Unter dem Titel „der jüdische Jargon" veröffentlicht Herr Wilhelm Feldmann, der Verfasser einiger günstig aufgenominencn polnischen Novellen, in der „Ojczyzna" eine Reihe von Artikeln, die sich mit dem vielbesprochenen Thema der ferneren Existenzberechtigung des jüdischdeutschen Idioms befassen. Ich beabsichtige hier keineswegs seine Ansichten über diese Frage wiederzugeben, da sic nichts Neues in sich enthalten und der Standpunkt, von dem aus unsere Partei diese 'Angelegenheit auffasst, in diesem Blatte klargclegt wurde. Was mir aber die Feder in die Hand drückt, ist der Umstand, daß Herr Feldmann im Laufe seiner Ausführungen — wie er selbst sagt, in's große Meer der allgemeinen Judenfrage hinausrudert und sich den Anschein gibt, eine wissenschaftliche Arznei für die Leiden Israels entdeckt zu haben. Da aber die Art und Weise der Lösung dieser acuten Tagcsfrage, wie er sie anzurathen sich berufen fühlt, der Absprcchung jeder weiteren Existenzberechtigung für ein acht Millionen zählendes Volk gleichkommt und er die Juden im Namen einiger erhabener jedoch mißverstandener Ideale auffordcrt, mit eigener Hand die Axt an ihren Volksstamm anzulegen, da ferner die schriftstellerische Carriere,- die der Autor begonnen hat, und seine allgemein bekannte radikale Gesinnung — wegen welcher er oft mit der Staatsanwaltschaft in Conflict geräth — seinem durchaus falschen Probleme einigen Schein wissenschaftlicher Wahrheit verleihen könnte, daher betrachte ich cs für angezeigt, seine Ansichten einer allgemeinen Discussion zu unterziehen. In der Nummer 21. d. Jahrganges der „Ojczyzna" Seite 167 heißt es wörtlich: „Das heutige Europa lässt , sich im Hinblick aus die Culturentivicklung in zwei Theile zergliedern. Einer derselben, der niedrigere, umfaßt Rußland, Rumänien und die Balkanhalbinsel, der zweite, der höhere — das übrige Europa. — In jedem ist der Standpunkt der Inden verschieden". Schon jetzt aber sei bemerkt, daß der Autor diese Eintheilung unnützerweise vornimmt, da er doch in allerletzter Linie — was sich unten deutlich zeigen wird — den Juden beider Theile dasselbe Erlösungsmittel anpreist. „In den civilisirten Ländern" — heißt es weiter — „kann man folgende Momente wahrnehmen: eine Rechtsvcrsaffung, die nach absoluter . Gleichstellung angesichts der von der Mehrheit beschlossenen Gesetze, eine wirtschaftliche Organisation, die nach Erklärung der Arbeit zur ausschließlichen Einnahinsquelle, einen wissenschaftlichen Geist, der nach Erforschung aller Naturgesetze und ihrer Nutzbarmachung — strebt. Diesen Ideen und Einrichtungen, wenn sie sich auch noch nicht krystallisirt haben, huldigt das fortschrittliche Europa.Und was für eine Nolle kann da das rein jüdische Princip, z. B. der Rcstutationsgedanke des jüdischen Königreichs, Religionsübungen spielen? Ein rein jüdisches Princip erblicken wir in letzteren nicht und dies weder in den westlichen Provinzen Oesterreichs, noch in Deutschland, Italien, Frankreich, obwohl wir daselbst hie und da einer Erscheinung, dem sogenannten Antisemitismus begegnen". Und nachdem der Autor sodann hervorhebt, daß glücklicherweise in diesen Ländern den Juden ihr Zusammengehörigkcitgcfühl innner mehr abhanden koinmt, ruft er emphatisch aus: „Jawohl, so ist es, so muß es sein und so ist es gut! Denn erhabener als der Grundsatz: „Wir sind ein auscrivähltcs Volk, nur unser Glaube bringt Erlösung, sondern »vir uns daher von den Freindcn ab und leben wir von ihren Producten — erhabener als dieser Grundsatz des Egoismus und der Verblendung sind die Ideale des gemeinsamen Wirkens für die allgemeine Civilisation!" Bleiben wir nun hier stehen, um den Feingehalt obiger Erörterung zu prüfen. Herr Feldmann producirt da ein großes, von allerhand Phrasen durchwirktes Sophisma. Er constatirt nämlich drei erhabene Ideale, nach deren Verivirklichung die civilisirten Nationen West- und Mittel-Europas streben. A b s o l u t e Gleichste! l n n g aller Menschen als solcher ans dem Rechtsgcbiete, absoluteGerechtigk c i t in der Nationalwirthschaft und absolute W a h r h eit auf dem Gebiete der Wissenschaft. Sehr richtig! Eben infolge verbrecherischer Verletzung dieser erhabenen Ideale seitens der arischen Volksgemeinschaften — haben wir Juden durch die lange Reihe von zweitausend Jahren geduldet und gelitten, geblutet und Martern ausgestanden, auf Scheiterhaufen geflackert und; wie wildes Thier gehetzt, von Land zu Land, von Stadt zu Stadt gewandert! Daher frage ich, wen von uns, der alles dessen eingedenk ist, erfüllen nicht diese erhabenen Ideale mit Begeisterung, wer von uns schaut nicht zu den nach ihrer Verwirklichung strebenden einzelnen Personen und Nationen mit Bewunderung empor, wen von uns durchweht nicht mit Entzücken der prophetische Geist des Jesaias und der heiße Wunsch seines einstigen Sieges? Mit welchem Rechte aber, auf Grund welcher Thatsachen und in welchem Zusammcnhange mit obigen Idealen Herr F. den Juden ihren jüdischen Standpunkt abspricht, das bleibt ein ewiges Geheimnis. Wir geben zu, daß in diesen Idealen das rein jüdische Princip gar keine Rolle spielt, doch sage mir Herr F. einmal, was für eine Rolle hier das rein deutsche, italienische, französische, englische Princip spielt? Eben dieselbe wie das jüdische? Denn diese erhabenen Ideale sind der ganze» Menschheit und jedem einzelnen Volke eigen, sie sind kosmopolitischer Natur, und kann eben so gut ein Mitglied der jüdischen Volksgemeinschaft wie das einer anderen sich um dieselben verdient machen.