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Selbst-Emancipation · 1890-11-16 · Heft 16 (16.11.1890) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 16 (16.11.1890)
Date
1890-11-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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auf Zeiten gefaßt sein sollten, wie sie die Juden' in den Ländern des europäischen Ostens jetzt zu erleben bekommen. ’ < Dieser düsteres aber desto mahrere Ausblick in die nahe und ferne Zukunft unseres Volkes und in die bittere Gegenwart der überwiegenden Mehrheit unseres Stammes, dieser A u s b l i ck, d e r a b c r d u r ch sei n e e rs chütt er nd e Wi r kung v on den heilsamsten Folgen auf die Entschließung s k ra f t u n d E n e r gie unseres Volkes begleitet sein k on nt e, w i rd gestört und abges chnitten durch eine papierene Mauer — d i e von Juden geleitete Zeitungspresse. Indem sie Ereignisse von provisorischer Bedeutung und beschränktem Geltungsgebiete in der Meinung der Leser zu definittven und allgemeingilttgen hinstelll,' und umgekehrt, vermag sie wohl nicht ihrer Absicht gemäß das arische Volk, welches sich seinen Judenhaß am Ende ja doch nicht nehmen läßt, zu foppen, desto mehr aber Israel zu schädigen, das nur zu bereit ist, seine Lage im rosigsten Lichte, zu. sehen und demgemäß sich unthätig zu verhalten. D i e j ü d i s ch c Tagesp res s e dient vielleicht d e n T a gesi nt er essen der Juden oder nur einiger Juden, verletzt aber das ewige Interesse des. ganzen jüdischen V olkes. So wird das jüdische Volk cingclullt, statt, wachgerüttelt zu werden und wehe dem -Kühnen, der es wagt, die Wahrheit zu sagen: „Äntisemitengenosse, Reactionär!" sind die sanftesten Bezeichnungen für solchen Frevler, und vnn allen Seiten aus stammesgenössischem Munde bekommt er sie zu hören. „Wäre die jüdische Tagespresse nicht, so hätte man uns schon längst die Gleichberechtigung gekündigt" hört man so oft Nein, tausendmal nein! Wenn die „Gleichberechtigung" noch nicht gekündigt ist, so ist dies . am allerwenigsten Schuld der Zeitungsleutc. Desto mehr ist es ihre Schuld, wenn den Juden die Äugen bislang immer noch nicht geöffnet sind ' und die Judenheit in Westeuropa von dem nichts erfährt, was sie in ihrem eigenen Interesse wissen soll. Ist es. ja z. B. eine wahre Schmach, wie hierzulande die Palästinabewcgung von den Tagesblättern geradezu unterschlagen wird. Das Malheur ist. eben das, daß die Journale zumeist in jüdischen Händen sich befinden,, aber in solchen, deren Besitzer sich, nicht zu erkennen geben wollen, wiewohl ihr Judcnthüm ein recht offenes Geheimnis; ist. Das führt , uns auf . ein klassisches Wort des modernen Antiseniitismus: „Judenpresse" — so genannt, weil Juden zumeist ihr angrhörcn und größtentheils Juden es sind, die in Ehrfurcht vor ihr ersterben und sie für heiliger halten, als ihre Ahnen die Thora, hielten. Und doch hat nie Jemand einen Schimpfnamen weniger verdient, als diesen unsere Presse, — sie, welche die Auflösung des Judenthüms und die Verschacherung seiner Bekenner predigt und Alles, was in diesem Sinne wirkt, fördert und stützt. „Rückgang des Antisemitismus" heißt das . frohe Lied, das sie jede paar Monate anstimmt und womit sie das große, greise Kind Israel für eine Zeit lang in Schlummer singt. Dieser angebliche Rückgan g des Antis emitismus aber .wird zum t hat sächlichen Rückgang des Judenthums. // Was thun^hre Leute? Eine Pastorsprcdigt und ein Coloninlprojcct. // Unter dem Titel „Mütterchens Juden" vcr-' öffentlichtc die' „Nation" in ihren Nummern vom 4., 11. und 18. Octobcr d. I. drei Aufsätze, welche das herzzerreißende Elend der russischen Juden in' der anschaulichsten Weise schildern'. Diese Artikelvcranlaßtcn den Dr. thcol. Moritz Schwalb aus Bremen zu einem Schreiben an Herrn Rabbiner Dr. Ph. Kroncr in Berlin, das in fast allen jüdischen Blättern Deutschlands bereits veröffentlicht wurde und folgendermaßen lautet: - „Sehr geehrter Herr! In den drei letzten 'Nummern der „N a ti o n", vom 4., 11. und 18. d^ M., habe ich drei Aufsätze gelesen, betitelt : „M ü t t e r ch e n s Jude n". Das „Mütterchen" ist das heilige Rußland. Die Art aber, wie es seine Juden, besonders seit 9 Jahren, behandelt, war mir, obwohl ich 'mich, wie Sic wissen, für Israel sehr interessirc, nur in geringem Maße bekannt. Von der Ausdehnung und der Abscheulichkeit der im Jahre 1881 mit der Connivenz der russischen Behörden, aller Wahrscheinlichkeit nach in Folge höherer, wenn auch nicht officiellcr, Befehle oder Wünsche, ausgeführtcn Grcuclthatcn, hätte ich keine Vorstellung. Ganz erstaunt war ich,'daß ich, ein Zeitgenosse solcher Verbrechen, so wenig davon erfahren hatte. Man hat ja freilich nur ein paar Tausende ermordet, nur für drei Millionen Rubel jüdischen Eigenthums verbrannt oder geplündert. Es bleiben immer noch vier. Millionen Inden übrig in Mütterchens Hause! ' Von diesen soll jetzt wenigstens die Hälfte zu Hause verhungern, oder, mit dem Bettelstäbe in der Hand, auswändcrn. Zwei Millionen unserer Mitmenschen droht ein solches Schicksal, im Jahre des Heils 1890! Mich überkommt ein unanssprcchlichcr Zorn und ein schwerer Kummer, wenn ich daran denke. Aber, geehrter Herr, was ihn n Ihre Leute, was thün Sie und I h r e K o l l c ge n, um diesen Ihren armen Brüdern zu helfen? Mich dünkt, jüdischerseits müßte, um dieser allergrößten Noch entgegen zu wirken, das Aller-', größte geschehen. Vielleicht könnte mail in allen Ländern der gebildeten Welt, überall wo Rede, und Schrift nicht geknechtet sind, eine große Agitation ins .Werks setzen, E n tr ü st u n g, Scham und Mitleid überall erregen. Vielleicht könnte man Mütterchens mächtigcil Gemahl, . das Väterchen aller Reußen, durch eine im Namen, oder mit den geschriebenen Namen einer 'Million unserer Zeitgenossen durchgcbrachte Adresse zu einer humanen Behandlung seiner jüdischen Untcrthancn bewegen. Bliebe er unbeweglich, so müßte man. das .unmcilschliche . Verfahren gegen die Juden der Verachtung aller ihres Menschcnnamcns würdigen Menschen preisgeben. Gesetzt aber, es wäre im. heiligen' Rußland durch kcins dieser Mittel eine Hülfe zu schaffen, dann müßte, ime mich dünkt, ein Wunder der Liebe gethan werden. A l l e in voller oder' auch nur in mäßiger Freiheit lebenden Israeli tcn müßten ihren °so schwer, so unerträglich unterdrückten Brüdern die. Mittel ver- ... schaffen, sich, anderswo, vielleicht in P a l äst i n a, vielleicht in Ar gen t i n i c n, anzusiedeln.. Kein s Opfer dürfte zu schwer, kciires konnte Gott wohlgefälliger, für die Opfernden bcsceligcndcr sein. Auch fänden sich 'unter n n s C h r i st e n gewiß Tausende,'die mit Freuden ihren Beitrag gäbenzu einer solchen .Spende. Ich schreibe Ihnen, . geehrter Herr, mit rascher Hand, ans der Fülle des Herzens meine unfertigen Gedanken. Schell Sie, o b Sie' etwas, und was .Sie daraus .machen können. Mit herzlichen Grüßen Ihr ergebener M. S chwal b." „W a s t h u n I h r c L c u t e, w a s thun Sic und Ihre Collegen, um diesen Ihren a rmc n B rüdern zu helfen?" Es sind goldene.Worte her Wahrheit, Herr Pastor, die Sie für Ihren Unwillen finden, und womit Sie die Pflichtvergessenen zur Pflicht zurückzurnfen bestrebt sind. Schade nur,- daß Sie selbst mehr Liebe zum jüdischen Volksstammc zu haben scheinen, als das gesämmtc Assimilationsjudenthum der Gegenwart. Ja, cs ist eine Schmach für die Tonangebenden im deutschen Judenthum,' daß ihnen erst von nichtjüdischcr Seite die Leviten gelesen werden müssen; eine Schmach, daß es dieses Spornes bedurfte, um ihre unbegreifliche Kühle gegenüber dem Unglücke von Millionen von Brüdern zu beseitigen. Kein Wunder, daß jetzt, wo ein Christ und . Deutscher mit . der verwunderten Frage.: . „Wo bleibt denn Ihr?" an sie Heräntritt, eine tiefe Scham die mehr Bedauernsals Tadclnswcrthcn nbcrkoinmt. Verlegene Ldbcshymncn auf Dr.' Schwalb anstimmend, .thnn ffic wenigstens so viel, daß sic -die russischen Inden ihrer Liebe wieder für würdig erklären und,, um Colonisationsprojecte anznhörcn und zu erörtern, nicht mehr zu deutsch-national sind. Freilich, braucht man denn päpstlicher zu sein, als der Papst, und deutscher, als ein deutscher Thcologiac Doctor? Auf mehr als eine oberflächliche Rcgistrirnng taffen sich übrigens die jüdischen Assimilantcn- Blätter Deutschlands nicht ein, selbst die orthodoxen nicht, die mit der Religiosität schon Alles abgcthan glauben; nur eines von ihnen, — zu seinem' Ruhme sei cs gesagt, — die rcformerische „Jsraclitischc Wochenschrift" in Magdeburg knüpft an die Veröffentlichung des oben citirten Briefes eine Corrcspondenz aus' Petersburg, in welcher wir unter Anderem die ganz für eine nationaljüdische Zeitschrift passenden Sätze finden: „Ich freue mich, daß die in Ihrem gesch. Blatte vor vielen Monaten von mir allgeregte und'wiederholt besprochene Frage betreffs eines zn schaffcn- . den Asyls für die verfolgten, ausgcwiesencn russischcll Juden, endlich in Fluß, kommt. Der . Augenblick ist günstig,' alles drängt zur schlcu- : lligen Lösung der Frage. Neben unseren bekannten traurigen Verhältnissen in Rußland sind die antisemitischen Wahlergebnisse in Wien und die ' fortgesetzte Agitation in Deutschland ein Mahnruf, an die Schaffung eines Asyls bei Zeiten zu gehen. Ich wage es, meine .bisherigen, nur'bezüglich der russischen Juden ausgesprochenen An-

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