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Selbst-Emancipation · 1890-11-16 · Heft 16 (16.11.1890) · page 1

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 16 (16.11.1890)
Date
1890-11-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Abonnements-Preise: (Zusendung inbegriffen) jür Desterreich-Ungarn ganzjährig fl. 4 „ Deutschland , „ Mk. 8 „ Rußland „ Rbl. 4 „ die übrigen Länder „ Zrclv tzalb- und vierteljähriges Abonnement zu den entsprechende» Theilbeträgen. Das Abonnement kann mit jeder Nummer Organ der Jüdisch-Nationalen. I Redactio» u. Administration: II.. Schreigaffe Nr. 6. - Herausgeber: D^ Siegmnnd Elkan. Chefredacteur: Dr. Nathan Birnbaum. Erscheint zu Anfang und Mitte jeden Monats. Nr. 16, Wien, 16. November 1890. Inhalt: Der „Rückgang des Antisemitismus". — Wa C o r r e s p o n d e n z e ii: Berichtigung. Wie tristischeS: Zionsliedcr. David Alroy. — VflT Die nächste Nummer erscheint am 1. Dezember d.J. Der „Rückgang des Antisemitismus". Einige Vorkommnisse der letzten Zeit, welche mit der Judenfrage in ,Verbindung stehen, haben eine Wiener Tageszeitung in ihrem am 8. November d. I. veröffentlichten Leitartikel zu dem Ausspruche bewogen: „Denn überall s o n st (au jjer in SfiSien) in den von Deutschen bewohnten Ländern und Staaten ist der Antisemitismus entweder schon erloschen o derer i st i m E r l ö s ch e n b e griffen. Was ist geschehen? Ist plötzlich jenes bitterböse Empfinden aus den Herzen der Söhne Europa's gewichen, das sich gegen die Israeliten seit zwei Jahrtausenden kehrt und nicht nach Rang und Stellung des Hassers, nicht nach Sinn und Sitte des Gehaßten fragt? Hat sich die zweitausendjährige arische Brutalität gegen die Juden über Nacht in Lammfrommheit gewandelt? Nichts von alledem. Sondern? Erstens: Ein deutscher Obergerichts- Präsident, der zufällig kein Antisemit ist — zufällig! Denn es ist wohl an antisemitischen Obergerichts-Präsidenten in Deutschland kein Mangel — hat über einige antisemitische Referendare die Disciplinarstrafe der Versetzung verhängt, weil sie einen jüdischen Collagen in ihre . Tischgesellschaft nicht ausgenommen hatten. Wer will zweifeln, daß damit von den Millionen unglücklicher russischer Juden wenigstens einer Million Rettung gebracht wird? — - Zweitens: Das evangelische Oberconsistorium von Hessen und der edle Fürst dieses Landes, crsteres übrigens in recht lauer Weise, haben sich i gegen den Antisemitismus ausgesprochen. Das ist viel und doch nichts, was nicht bereits ebenso edel und ebensoschön von Päpsten und Fürsten des finstersten Mittelalters ausgesprochen worden ist, ohne .. daß dadurch die Ghetti und gelben Flecken späterer Zeiten verhindert worden wären. Doch, wozu mäkeln/liegt es ja klar zu Tage, daßdie erwähnten Enuiitiationrii einer zweiten .Million russischer Juden auf die Beine helfen werden? s thun Ihre Leute? — Herr Wilhelm Feldmann und di' n. Lemberg. Lemberg. Dünaburg. Jaffa. — Chronik. Anzeigen. . Drittens: Stöcker gieng. Das hat dem Faß den Boden ausgeschlagen. In allen Tonarten jubeln die Tagesblätter über den „Rückgang des Antisemitismus", — eine Phrase, die sie seit Jahren von Zeit zu Zeit auskramen, um Effect zu erzielen. Wilhelm II. hat denselben Stöcker, dessen Demission er eben genehmigte, vor einigen Monaten — und Stöcker ist doch seit Jahren antisemitischer Hetzer — mit einem hohen Orden ausgezeichnet. Die Erklärung für diese gegensätzlichen Handlungen wird wohl darin liegen, daß der deutsche Kaiser seinem entlassenen' großen Kanzler die „Realpolitik" abgelaüscht hat, nach welcher heute abgeschüttclt wird, wer gestern gehätschelt war und morgen wieder in Gnaden ausgenommen ist. Ebenso wie es unrichtig war, wenn die liberale Tagespresse ob der bezeichneten Eigenschaft des eisernen Kanzlers übersah, daß er dennoch von Grundsätzen sich leiten lasse,- ebenso irrig wäre es, dem deutschen Kaiser keinen politischen Character beimessen zu wollen. Er hat ihn bestimmt, aber ob ein Ausfluß desselben Judenfreundlichkeit ist — wollen wir dahin gestellt sein lassen; im besten Falle aber kann man von einem Monarchen, der , gewissenhaft — und das ist doch Wilhelm II unstreitig — nahezu vierzig Millionen Deutscher zu regieren und zu beglücken hat, nicht erwarten, daß ihn das Für und Wieder der Judcnfrage besonders echauffire. Übrigens verlautet, daß nicht der Antisemitismus des Hofpredigers es gewesen sei, der ihn zu Falle gebracht habe, sondern seine kirchlichen Bestrebungen, die auf eine Beschränkung der bischöflichen Macht des Königs ausgiengen. Nach dieser Version, die wohl das Meiste für sich hat, ist Stöcker nicht einer philosemitischen Aufwallung des jungen Kaisers, sondern, ähnlich wie Bismarck, dem ausgesprochenenUnabhängigkeitsdrange des selben zum Opfer gefallen. Doch Verzeihung, wir gerathen, wenn auch vom entgegengesetzten Standpunkte ausgehend, beinahe in's Fahrwasser der Tagespresse. Als ob alle diese Ereignisse, und würden sie auch im optimistischesten Sinne gedeutet, von irgend welchem Einflüsse auf die Geschicke der Juden wären! Kein Monarch, und sei er der mächtigste der Welt, kann, wenn er schon will, mit Erfolg dem wehren, was im Herzen des Volkes wohnt und überall zu Tage tritt, allen Gesetzen und dem besseren Wollen des Volkes selbst zum Hohne. Und gerade in Deutschland soll der Antisemi- : Judenfrage. — Ein Lichtstrahl in dunkler Zeit. — — Eingesendet. — Corrcsp. der Redactio». — 58 eite* tismus im Erlöschen begriffen sein?! Mag sein, daß das deutsche Volk für eine blos antisemitische Partei keinen Platz mehr hat, da die miteinander ringenden Gegensätze umfassendere Programme bedürfen, als sie der Antisemitismus aufstellt. Aber das deutsche Volk hat, wie alle Völker Europas, denen es gerade hierin Muster ist, Judenhaß ge n n g, u m den Antisemitismus entbehren zu können. Wem die fortwährende Lcctüre der ans verfehlter Tactik schönfärbenden Tagesblätter noch nicht das ganze Hirn ausgetrocknet hat, der wird verstehen, was wir daniit sagen wollen. Der A n t i s e m i tismus i ft das Vorübergehende, der Judenhaß das Dauernde. Wozu eine Partei gründen, Schlagworte für dieselbe finden, sich den Ruf von Unduldsamkeit einwirthschaften, wozu alle die Mühe, wenn sich in aller Ruhe und Gemächlichkeit, — ganz unauffällig, könnte nian sagen — dieselben Resultate erzielen lassen? Die Juden spielen ja ohnehin überall in Staat und Gesellschaft neben dem arischen Golde und Eisen die Rolle des Talmigolds und des Blechs. Neben dem wahrhaft bevorzugten und gehätschelten Junker steht der mit'hochmüthiger Herablassung, und da auch nur innerhalb seiner Geldsphäre, geduldete demüthige Börsenbaron; neben dem arischen Proletarier, der doppelt so elende, semitische Schacherer, neben dem behaglich Fett sammelnden Bourgeois der unruhige Gefchäftsjude, — das i ft I ud e np o l i t ik o h n e A u f s eh e n, Minimum an arischer Judenfeindschaft, Maximum an arischer Judenfreundlichkeit. In der Schule genergelte und verbitterte Kinder, Jünglinge mit — falls sie nicht feile Ueberläuser sein wollen — verschlossener Karriere, Männer, die in mindestens unsicheren Geschäften sich abhasten und aufreiben, Greise ohne Hoffnung auf bessere Zeiten für Kinder und Enkel — das ist der normale Lebenslauf eines Juden in einem „judenfreundlichen" Staate. Und wenn wenigstens diese Judenfreund' lichkeit anhalten wollte; eine zweitausendjährige Geschichte zeigt, daß Rückfälligkeit das Erbübel der arischen Menschen ist, und daß sich's immer wiederholt, daß milderen Jahren schwere Jahrzehnte folgen. Bei solchen Antecedentien wagen es noch die Juden in den Ländern der „Gleichberechtigung" auf die endliche bessere Einsicht ihrer nichtjüdischen Mitbürger zu rechnen, sie, die selbst

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