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Selbst-Emancipation · 1890-11-02 · Heft 15 (2.11.1890) · p. Seite 4

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 15 (2.11.1890)
Date
1890-11-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Luft in starke Bewegung setzte — beides offenbar zur Abkühlung bestimmte Einrichtungen. Auf meine Frage, warum der Keller nicht unterirdisch gebaut sei, antlvortete der Leiter, daß es unterirdisch ebenfalls warm sei und zwar je tiefer, desto wärmerman erreiche durch das Wasser und den Ventilator eine Abkühlung von 10 bis 12 Graden, welche durch aufzustellende Eismaschinen noch um 6 bis 8 Grade verstärkt werden könne, und die so erreichte niedrige Temparatur werde sicherlich genügen. Wir bekamen auch die Weine zu kosten. Ohne Anspruch auf Kennerschaft zu erheben, fand ich den Muskat ausgezeichnet, manche der Weine zu stark und zu süß, andere wieder zu schwach. Wir hatten so viel Proben gekostet, daß wir zuletzt etwas duselig waren. Der Leiter gab uns auch noch eine Uebersicht über Quantität und voraussichtlichen Ertrag der Weine. Im Keller befand sich Wein, um eine halbe Dkillion Flaschen damit zu füllen. Die Flasche wird in Palästina selbst mit % Fr. für den ordinärsten, und mit 1 bis 4 Francs für die besseren und guten Weine bezahlt. Nimmt man nun 1 Franc als Durchschnittspreis und rechnet davon 50% für Fracht- und Zollspesen nach Frankreich ab,, was übergenau wäre, so resultirt ein Ertrag von l/4 Million Francs. Dieses Erträgnis ivird aber das der jungen ersten Ernte sein, zu welchem kaum V10 der in Mschon le Zion befindlichen Weingärten; die erst um die Mitte des kommenden Jahres Trauben auftveisen werden, beigetragen haben wird. Also erst beiläufig in drei Jahren wird auf eine Weinernte von ganz Rischon zu rechnen sein und deren Ertrag wird jeder an der Hand der oben angegebenen, niedrig gegriffenen, Zahlen abzuschätzen in der Lage sein. Das Mittagmahl unterbrach unsere Rundreise durch die Colonie. Nach dem Effen nahmen wir unsere Wanderung wieder auf und zwar galt unser Besuch jetzt den Weingärten selbst. Da ist nicht viel zu sagen. Man stelle sich ein Spinnennetz vor; das Centrum das Dorf, die Strahlen die schmalen Durchgänge zwischen den einzelnen Weingärten, das Gewebe die Weingärten selbst. Es sind über eine halbe Million Stöcke gepflanzt, wozu nian den dritten Theil des Territoriums von Rischon le Zion benöthigtc, während zwei Drittel noch nicht bebaut sind, sondern als Viehweide benützt werden. Am anderen Tage besahen wir die Häuser und besuchten fast jeden einzelnen Colonisten. Wir waren überall gerne gesehene und herzlichst bewillkommnete Gäste. Man nötigte uns in allen Wohnungen Speise und Trank auf, so daß es uns zuletzt jschon angst und bange zu werden begann. Schließlich gestatten Sie mir noch, eine Hochzett in Rischon, deren Augenzeuge ich war, zu schildern. Cs ist, dies wohl mehr ein privates Ereigniß, gewinnt aber durch Vieles ein allgemeines Interesse. Der Bräutigam war der Colonist Hostaschinsky. Zur Trauung kamen wir in feinster Balltoilettc und fanden auch die Blouscnmänner von gestern heute als elegante Cavaliere und die Bauernfrauen als vollendete Damen., Es fchlten nur Brillanten und freche Gesichter, sonst hätte ich geglaubt, auf einem Balle meiner Heimatsstadt Odessa zu sein. Als der Brautzug, geführt vom Administrator des Colonie, Herrn Bloch, und dem Chasan herannahte, — die Braut war ein bildhübsches Mädchen, — wurde er von allen Seiten mtt Blnmen beworfen, welche, in Mischon im Ueberfluffe zu haben sind. Nach der Trauungsceremonie begann eine eigenthümliche Musikcapelle — ein Violinspieler auf einer, ungesünnnten Geige, ein mit falschen Tönen um, sich werfender Flötenbläser und ein langer schrecklicher S e l b st - E m a n c i p a t i o n. Nr. 15. Mensch mit einer Pauke — ihre Aufführungen, die das Publicum zu wilder, vorzeitiger Flucht in den Speisesaal zwang. Die Entsetzlichen verfolgten uns aber und hörten erst auf, als sich die Gäste an bicreich gedeckte, unter Blumen, - Speisen und Getränken schier sich senkende Tafel setzten. Während des Nachtmahls gab es Dutzende von Toasten auf das junge Ehepaar, aus die »Chowawe Zion», auf Baron Edmund von Rothschild, den Schirmherr» der Colonie und dessen Gatttn, aus das Odeffaer Comitck unter Nennung jedes Namens, auf jede Colonie scparatim und schließlich auf Israel und seine Erlösung. Dieser letzte Toast weckte die flammendste Begcistung; Alles sprang erregt von den Sitzen, die Augen Aller leuchteten in heiligem Feuer oder schinlmertcn in Thränen der Rührung. Schade nur, daß alle die schönen Toaste, resp. die ihnen folgenden »hedadc (Hebräisch: Hurrah) -sikufe von oben erwähnter Musik begleitet wurden. Nach dem Essen wurden die Tische und Sessel aus dem Saale getragen und das junge Volk beider Geschlechter ergab sich dem Tanzvergnügen. Die Musik wurde jetzt zum Heile unserer Ohren von drei Herren aus dem Publikum besorgt. Am Schluffe dieser meiner Schilderung habe ich nur zu sagen: Wer Mschon le Zion und das in ihm sich entfaltende Leben mit eigenen Augen gesehen hat, kann ruhig und vcrtrauensvoll in die Zukunft unserer heiligen Sache schauen. Gott sei es gedankt und dann dem edlen Baron Edmund von Rothschild, Rischon ist zur Perle Palästinas geworden, die jedem Zweifler ad oculos demonstrirt, was sich noch aus diesem Lande machen läßt. I. Konstantinowsky. (Fortsetzung folgt.) (Korrespondenzen. Wien. 26. Oct. 1890. Am 25. d. M. hielt der akad. Verein „Kadimah" in Hernfeld's Localitätenanläßlich der Eröffnungseines XVI.Semesters seinen ersten Geselligkeitsabcnd ab, welcher einen glänzenden Verlauf nahin. Außer den Studenten, die in ungewöhnlich großer Anzahl erschienen waren, beinerkten ivir unter den Gästen Vertreter des befreundeten Vereines „Admath Jeschurun" ferner Herausgeber und Chcf-Rcdacteur der „Selbst-Emancipation": Dr. Sicgmund Elkan und Dr. Nathan Birnbaum u. A. — Vereins-Präses Drd. Hönich eröffnetc den Abend, indem er die Gäste herzlich willkommen hieß, die Tendenzen des Vereines , kurz klarlegte und schließlich nach einem Hinweise auf die väterliche Beschirmung, welche den Juden Oesterreichs von Seiten ihres erhabenen Monarchen zu Theil wird, ein Hoch auf den Kaiser ausbrachte, in tvelches die Versammlung'begeistert einstimmte. In formvollendeter und wiederholt von Beifall unterbrochener Rede erläuterte hierauf das Vercinsmitglied Herr cand. med. M. Teich die Ziele und Bestrebungen der gesummten jüd.-nationalen Partei und speciell des Vereines „Kadimah". Redner betonte besonders die Mission des Judenthums, welche nicht allein der Vergangenheit angehöre oder in der Auflösung desselben bestehe; das jüdische Volk müsse vielmehr auch ferner seine Kräfte der Menschheit widmen, aber nicht durch Aufopferung einzelner Personen, welche einen Kampf mtt Windmühlen kämpfen, sondern durch ein zielbewußtes Auftreten^ des gesammten Volkes, welches zu einigen und zu läutern Aufgabe der Jüdisch-Nationalen sei. Nicht nationaler Chauvinismus, nicht Herrsch- oder Ruhmbegierde, sondern die Principien der reinsten Humanität seien es, welche die Partei die Befreiung des jüdischen Volkes anstrcben lassen, der Kampf für ihr Volk sei ein Kampf für die Erlösung der Gesammtmcnschheit. Das Zerbrechen der nationalen Fesseln und die Wiederkehr des Bewußtseins der Angehörigkeit zu einem alten edlen Culturvolke mit einer Herrlichen Vergangenheit und einer noch herrlicheren Zukunft werden das Sclbstbcmußtsein und das Ehrgefühl des Einzelnen heben, die Wiedererlangung der Achtung vor sich selbst müsse Israel die Achtung der Völker verschaffen. „Daß dies geschehe", schließt Redner, „wirke Jeder in seinem Kreise. Wir jüdisch-nationalen Studenten aber wollen das Banner voraustragcn, auf dem mit flammenden Zügen geschrieben: „Kadimah!" „Vorwärts"! Reicher Beifall belohnte diese Ausführungen, welche bewiesen, welches Feuer von Begeisterung in den Herzen unserer Jugend lodert. Nach einer geistsprühendcn mit trefflichen Citaten aus der heiligen Schrift gewürzten Ansprache des als Gast erschienenen Vice-Präses des Vereines „Admath Jeschurun" Herrn Salomon Bauer, die mit stürmischesten Beifalle belohnt wurde, schloß der officielle Theil des Abends, um einer gemüthlichen Unterhaltung Platz zu machen, welche Jung und Alt noch lange traulich beisammen hielt. W. Lemberg, am 16. Marcheschwan 5651. Der bekannte politische Verein „Schomer Jsr a e l" in Lemberg hat den Ausschuß des jüdischnationalen Vereines „Z i o n" zur Mitarbeiterschaft an dem vom „Schomer Israel" herausgcgebenen Blatte „Der Israelit" eingeladen. Dieser Einladung Folge leistend, itsurde ein Comitck beauftragt, an der Redaction des genannten Blattes theilzunehmen. Dem hier erscheinenden „Dziennik Polski" zufolge, welchem wir auch die Verantwortlichkeit für diese „authentische" Nachricht überlassen müssen, sollen in kurzer Zeit auf Initiative des Baron Hirsch vier Nabbinerscminarc in Galizien, darunter eines in Brodp, errichtet werden. Der rühmlichst bekannte Jargondramatiker Abraham Goldfaden veranstaltete am 15. d. M. im Vereine „Zion" einen declamatorischen Abend. Herr Goldfaden trug fünf seiner biß jetzt noch ungedruckteil Dichtungen vor, von welchen besonders das nationale Gedicht „Gibbore Juda" sowie die satyrischcn „Schabsucl" und „Schin Elef Rach" erwähnt zu werden verdienen. Am 1. November wird Herr Goldfaden im „Zion" einen Vortrag „über die Entstehung und Geschichte des Jargondramas" halten. Stryj, 14. Marcheschwan 6651. Vom Comitä des. hier zu gründenden Vereines zur Colonisation Palästina's würden bereits die Statuten der hohen k. k. galiz. Statthalterei vorgelegt und werden bereits die nöthigen Vorbereitungen zur Consolidirung dieses Vereines getroffen. ■ Ahron. Kiskhiuew, den 16. October 1890. Die Vorsteher der Odeffaer Palästina-Gesellschaft haben hier während der Feiertage in den Bethäusern 200 Rubel gesammelt. Obgleich das ein relativ sehr geringfügiges Resultat ist, so muß sich die Gesellschaft dennoch damit zufrieden geben. Weil die hiesigen reichen Leute, meistentheils Wucherer, eS als Unsinn ansehen, den in Palästina wohnenden ruffischen Emigranten zu helfen. Auf diese Biedermänner kann man mit Recht die Wörter „am

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