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Selbst-Emancipation · 1890-11-02 · Heft 15 (2.11.1890) · p. Seite 3

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 15 (2.11.1890)
Date
1890-11-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15. Selbst-Emancipation. Seite 3. gießt, die ihr Volk lieben. Besonders unter der Jugend, vorzüglich unter der studierenden, giebt taufen lassen, Ihr glaubt, daß auch Eure Kinder noch Juden sein werden, wünscht auch von Euren Enkeln, daß sie ihrer Nation treu bleiben mögen. Könnt Ihr aber auch gutstehen für Eure Kinder, ist es nicht wahrscheinlich, daß wenigstens Eure Enkel dem Judentume den Rücken kehren? Eure Urenkel wenig st ens werden sicherlich keine Juden mehr sein! Wie wird in hundert Jahren unser Judenthum aussehen? Allen, die da sehen, auf welcher abschüssigen Bahn sich unser Volk bewegt, die zugleich unser« Stamm lieben und wünschen, daß er auch fürder nicht untergehe, ihnen Allen rufen wir zu: „Auf und helfet! Es ist an Euch, zu retten, was zu retten ist, es ist Eure Pflicht zu sorgen, daß das Haus Israel nicht völlig verschwinde! Wer Kraft in sich fühlt, lege mit Hand an's Werk, wem Liebe zu den Seinen im Herzen glüht, fasse mit an! Nur wenn Ihr muthvoll ausharrt, wenn Ihr Alles unternehmt, um zu retten, wenn Ihr die Liebe zum israelitischen Volk auch in den Herzen unserer übrigen Volks- und Glaubensbrüder anfacht, nur dann ist cs möglich, den brennenden Holzscheit aus dem Feuer zu retten, die Flamme zu löschen, die Jaakob verzehrt. Vor allem aber ist es nöthig, daß Ihr das Leiden erkennt, von dem unsere Nation befallen ist!" sü Und was für ein Leiden ist das? Ist es etwas anderes als Selbstmordmanie? Die Führer der Assimilatioiwbewegung haben das Volk bcthört und es zu überzeugen gesucht, es existiere nicht mehr als Volk, sondern nur noch als Religionsgemeinschaft. Sic wollten das Gefäß der Religion, die Nation vernichten und bedachten nicht, daß wenn der Weinkrug auch nur ein kleines Loch hat, das goldene Naß ausläuft. Das Mißverständnis, das Judentum nur als Religion und nicht als Volk anzusehen, eine Folge der systematischen Assimilation, hat uns in die heutige kritische Lage gebracht. Was daher durch Verrat am Nationalen gesündigt ist, muß durch um so festeres Anklammern am Nationalen wieder wett gemacht werden. Nicht darf die Assimilation ferner von uns gehätschelt und geliebkost ,verden, eine nationale That muß geschehen, wenn wir etwas retten wollen. Auch durch g emeinsames Durchkämpfen wird ein Volk zum Volke. Von neuem. muß unser Osten mit dem Westen vereinigt und verbrüdert werden. Die »Alliance Israelite Universellec hat darin schon viel genützt, sie würde aber noch mehr nützen, wenn sie ausgesprochen national wäre und ihre Hand zu einer nationalen That böte. Und worin kann diese anders bestehen, als in dem Schaffen eines Asyls für unsere bedrückten und verfolgten Brüder, als in der Gründung eines -jüdischen Gemeinwesens auf Grundlage des Ackerbaues, wo auch immer uns das Glück bei einem solchen Unternehmen hold sein sollte. Wenn es aber gerade im Lande Israel, in der alten Heimat glücken sollte*), dann wäre der Erfolg um so größer, um so herrlicher und darilm um so folgenreicher. Eine nafreiung schmachtenden Menschen die Freiheit erkämpfen will, eine solche That muß jeder Philantrop, muß jeder Jude unterstützen. Und mit dieser That gehen die Belebung des Neuhebräischen zur Umgangssprache, und die Pflege der neuhebräischen Littcratur Hand in Hand. Diese That wird dem Juden Selbstgefühl einflößen, woran es ihm doch am meisten mangelt. Denn wie will derjenige, welcher sich selbst nicht schätzt, die Achtung Anderer erringen? Die jüdische Nation muß sich selbst achten lernen, dann wird sie auch von den Anderen geachtet werden. Wie flau es mit dieser Selbstachtung steht, davon zeugt z. B. der Umstand, daß vor Kurzem in Ainerika eine Rabbinerversammlung die Resolution annahm, daß der einzig berechtigte Name der Konfeffion die „israelitische" sei mit der Motivirung: „Jude ist ein Schimpfname!" Wer hat sich früher für das neugriechische Volk interessirt, iver hat es überhaupt mehr, denn dein Rainen nach gekannt, so lange das Volk sein Sklavenleben stumpfsinnig ertrug? Da lernten die Griechen sich s e l b st achten. Und siehe da! in ihren Heereii kämpften die edelsten Europäer, und eine Nation, wie die englische, handelte gegen ihren eigenen politischen Vortheil, um den Enkeln eines verschwundenen Kulturvolkes die Freiheit erringen zu helfen. Also achtet Euch selbst, wenn Ihr die Achtung der Andern erwerben wollt. „Was aber gelten will, muß wirken und muß dienen!" Den Andern dienen und für die Welt wirken kann das Judentum erst als Nation für sich, als Gemeinschaft für sich. Unsere Zukunft, die sich aus unserer Gegenwart ergiebt, ist also entweder völliger Untergang oder nationale Wiedergeburt. Vor uns liegt heute Leben und Tod, Ehre und Schmach, Segen und Fluch, Zukunft und Sterben, Hoffnung und Verzweiflung. Affimilation bedeutet Tod und Schmach und Fluch und Verzweiflung. Aus Patrioten! wählet Leben und Ehre, Hoffnung und Segen unb Zukunft; dem Muthigen gehört die Welt. Auf Ihr Juden und wählet; es gilt eine Welt von Ehre, es gilt den Kampf um das Leben! Jeder Jude hat zu wählen; Auf zur Wahl! _ Heinrich Loewc. *) Es kann nur dort glücken. Siehe den Leitartikel der vorigen Nummer. Die Red. Im Heimatland. Reisebilder eines Emigrirten.*) n. Unser Beisammensein währte bis tief in die Nacht, denn wir, —. Gäste und Wirthe, sämmtlich „Chowawe Zion", — hatten uns viel zu erzählen. Die Colonisten erwiesen sich im Laufe der Unterhaltung als intelligente und gebildete Männer. *) Herr KanstantinowSky ist inzwischen nach Odessa zurückgekehrt, um nach vorübergehendem Aufenthalte daselbst wieder nach Palästina zu reisen und sich im heil. Lande niederzulassen. Die Redaction. Am Morgen darauf mit Sonnenaufgang machten wir uns in Begleitung eines Colonisten an die gründliche Besichtignng von Rischon le Zion. Wir giengen zuerst in den Garten, sahen aber nichts, was wir bisher unter einem Garten verstanden hatten, sondern eine große Fläche, durch sich kreuzende schmale Stege in Quadrate getheilt; auf jedem derselben ist in einigen tausend Stücken und zwar in parallelen Geraden eine Art junger Pflanzen angebaut, — Eucalyptus-, Citronen-, Apfelsinen-, Feigen-, Oel- und Mandelbäume, Zuckerrohr, Bananen, Myrthen-, Rhicinus- und Paradiesäpfelbäume (Ethrogim) und noch viele andere köstliche Mitglieder der Flora der tropischen Länder. An den Seiten der Stege sind Thon- und Zinkröhren gelegt, durch welche den einzelnen Vierecken das erforderliche Wasser zugeführt wird, und zwar erfolgt die Berieselung des ganzen Territoriums durch Umdrehung des Hahnes am Hauptbaffin. Das Wasser selbst aber rvird mittels Dampfes aus bedeutender Tiefe emporgehoben. Ein Theil der eben beschriebenen Baumschule ist mit über hunderttausend zwei- bis dreijährigen jungen Bäumen besetzt, welche bereits nach dem ersten Regen dieses Winters, also in zwei Monaten zur Uebersetzung an verschiedene Oertlichkeiten der Colonie bestimmt sind, um einer neuen Anlage für andere Colonien Platz zu machen. Mein Begleiter erklärte mir nun, daß jeder Colonist seinen Weingarten mit Fruchtbäumen umsäumen und daß sich rings um die ganze Colonie ein dicht mit solchen Bäumen besetzter Streifen ziehen werde. Auf meine Bemerkung, daß in diesem Falle die Bäumchen nicht ausreichen würden, zeigte er mir den zweiten Theil der Baumschule, innerhalb dessen sich über eine halbe Million einlind halbjähriger Stämmchen oder wenigstens Samen, welche bereits Wurzel gefaßt haben, befindet. Alle unsere Erwartungen waren überboten. Es ist jüdischer Willenskraft und jüdischem Geiste gelungen, einen Boden, welcher vor acht Jahren noch eine kahle, sandige Einöde war, fruchtbar und blühend, zum Lande, „wo Milch und Honig fließt" zu machen. Von der Baumschule richteten wir zum Weinkeller der Colonie unsere Schritte. Auf dem Wege sahen wir allerorten allerlei Baumaterial: Granitwürsel, Eisenstangen, Eisenschienen, Cementfäffer, Kalkgruben, Balken, Bretter. Endlich erreichten wir den Weinkeller, den wir wieder ganz anders fanden, als man sich gemeiniglich Weinkeller vorzustellen pflegt. Statt eines unterirdischen Kellers, in welchem wir eine angenehme Abkühlung zu finden gehofft hatten, sahen wir, auf einer Anhöhe, ein großes zweistöckiges granitenes Haus vor uns. Unser Begleiter öffnete das schwere Thor, durch welches wir in einen halbdunklen Raum gelangten. Hier weilte eben der Leiter der Weinerzeugung, ~ dem wir durch unsere Begleiter vorgestellt wurden. Derselbe, ein Franzose, erklärte sich bereit, unfern Führer abzugeben und lud uns höflich ein, ihm zu folgen. Einige seiner Gehilfen zündeten Lichter und Lampen an und, so ausgerüstet, marschirten wir in einen völlig finstern Raum hinein. Wir vernahmen Gerassel und Geplätscher und blieben stehen; unsere Augen gewöhnten sich endlich an die trotz der Lichter hochgradige Dunkelheit, und wir sahen nun 3 Reihen von Fässern, von welchen jedes 40 bis 80 Eimer hält und die mit verschiedenen Weingattungen — die Namen derselben waren auf den Fässern zu lesen — gefüllt sind. Bald entdeckten wir auch die Ursachen des oberwähnten Geräusches. Zwischen den Fäfferrechen spritzte aus uns unsichtbaren Röhren Wasser in reichlicher Menge, während an der gewölbten Decke eine Ventilationsvorrichtung die es noch sehr viele, die fest gewillt sind, sich nicht taufen zu lassen. Gut, Ihr wollt Euch nicht . tionale That, die vielen Millionen nach Be-

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