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Selbst-Emancipation · 1890-11-02 · Heft 15 (2.11.1890) · p. Seite 2

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 15 (2.11.1890)
Date
1890-11-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Selbst-Emancipation, Nr. 15. porzuringen, zu seiner einstigen sittlichen-Größe zurückkehren will.' Ein Nätionuljude, dev sjH den Iargo n als den Er sä tz des Hebrä isch e n d enkt, i st' eig e ntli ch ke in N a ti onaljude, denn ihm mangelt das Alpha und Omega national-jüdischer Gesinnung, und das ist die Erkenntnis von der Nothwendigkeit der sittlichen Wiedergeburt Israels, welche gewiß nicht unter der Herrschaft des Jargons, dieses heisern Ghetsokindes, vor sich gehen kann. Er ist ebensowenig Nationaljude, wie der „Amerikaner", der Israel auf dem materialistisch durchseuchten Boden der neuen Welt, statt auf der Heimaterde des heiligen-Landes wieder herstälen will, .Pflicht des wahren Nationaljuden ist, dafür zu sorgen, daß der Jargon durch das hebräische Idiom verdrängt werde. Nur der erhabene Geist dieser herrlichen Sprache, die trotz ihres langen Verstummtsrins in ihrer Entwicklung' nie unterbrochen, sich fähig erweist, einem Culturvolk mit ihrem ureigenen Wörterschatz zum Gedankenausdruck zu.dienen, kann die Erweckung der großartigen althebräischen Sittlichkeits - Ideale begünstigen,. . , Trotzdem aber müssen wir vor Uebereilungen in dieser Hinsicht warnen. Nicht, daß wir wünschten, daß der Jargon gepflegt und gehegt werde, damit ihm ein langes Leben gesichert sei. Das sei ferne von uns. Er muß vielmehr dem reinen Hebräisch, neben welchem jeder.Jude, der im Exile wohnt, auch die Landessprache rein und unverdorben sprechen soll, sobald als möglich Platz machen. Aber alles das darf uns nicht hindern mit der Thalsache zu rechnen, daß der Jargon von vier Fünfteln unseres. Volkes gesprochen wird und bereits eine Literatur aufweist. Soll aber diese Thatsache, welche keineswegs die Existenzberechtigung des Jargons beweist, aufgehoben werden, s o muß eben durch den Jargon gegen den Jargon gearbeitet werden. Der Nationaljude, dessen Ziele Zion und hebräische Sprache sind,, darf sich von der Erreichung dieser Ziele nicht durch voreilige und kleinliche ästhetische Bedenken abdrängen fassen. Soweit sich der Jargon in Wort und Schrift, der Zionsidee und dem Hebraismns zur Verfügung stellt, . also, soweit er sich selbst ein rühmliches Ende, das uns mit seiner Herkunft und seinem Mißklang versöhnt, vorbereitet, sei er als Kampfmittel mit Freuden begrüßt; soweit er aber, eine.Mißgeburt des Gotus, höhere Wünsche hegt und ein Pseudo- Hebräisch werden will, muß ihm mit aller Entschiedenhett entgegengetreten werden. Also nochmals: Durch den Jargon gegen den Jargon! ... .. B. Das Judentum in Gegenwart und Zukunft! (Fortsetzung zu „Seid nicht wie Eure Biiter" in Nr. 13. d. Zhrg.) sJ Wmn man das Judentum betrachtet und dabei aufmerksam Vergangenheit und Gegenwart prüfend und vergleichend überschaut, so erhält man -einen ganz eigenartigen Eindruck. Uraltes und ganz-Modernes in buntem Gemisch geben unserem heutigen Judentume ein so merkwürdiges Aussehen, daß man oft auf den Gedanken verfällt, ob denn überhaupt so verschiedenartige Wesensäußerungen an ein und demselben Ge- - genstande möglich - sind. Das Alte, von dem Neuen heftig angegriffen, ist keineswegs, gewillt, ohne Kampf den Platz zu räumen, den es durch Jahrtausende inne gehabt hat und das Neue will durchaus den alten Nebenbuhler nicht neben sich dulden und gedenkt ihn völlig zu vernichten. Der . Kampf durchtobt das Innere des Judentums und droht sein Mark zu verzehren. — Wird schließlich.doch. das. Alte das .Neue. überwinden, wird das Moderne-seinen Gegner aus dem Felde schlagen, oder werden sich beide einigen und durch Kompromiß einen Frieden schließen, oder werden sie beide sich gegenseitig verzehren und das Jahrtausende alte Judentum in dieser Krise seiner Krankheit, der Zerstreuung über die gesaminte Kulturwelt, erliegen? Das sind die Fragen, die einen jeden beschäftigen, der über die Zustände und Verhältnisse, wie sie sich augenblicklich in der jüdischen Nation herausgebildet haben, ernstlich nachdenkt. Blicken wir. nach Rußland, so sehen roir, tvie man die Juden verfolgt, beraubt und aus dem Lande vertreibt; schauen wir nach Rumänien, so sehen wir Bedrückung über Bedrückung, Noth und Verzweiflung unter unseren Stammesbrüdern. Und in Polen? Derselbe Druck, wie tu Rußland, und zu dem äußeren Druck kommen noch die innere Zerfahrenheit, kommen der Aberglaube und die Unkultur hiezu. Das eine Wort D’TDfi sagt genug, sagt Alles! Und die Intelligenz - läßt sich taufen! Entsetzt von -solchem Anblicke, der sich in Osteuropa unseren Blicken darbietet, von Zuständen, in denen fast 6 Millionen unserer Brüder schmachten, wenden wir uns, um wenigstens für unsere Augen Trost zu finden, nach unserem Deutschland. Dort denken wir besiere Zustände zu sinden, dort eine bessere Gegenwart, eine bessere Hoffnung für unsere Zukunft.: Aber ach, welche bittere Enttäuschung erwartet uns hier! Wer fteilich nichts weiter zu beklagen, hat, als daß seine Söhne trotz ihrer schlanken . Taillen nicht Reserveoffiziere tverden können, wer nur den Alpdruck. in der Brust empfindet, den die Antisemitcnbewegung . hervorruft, der merkt nichts von. dem, was uus im Herzen - brennt, unser Mark zehrend durchglüht, unser Blut in wehmüthige Wallung versetzt. Hat denn .unser Judentum in Deutschland eine Zukunft, hat es auch., nur eine Gegenwart? Ehemals .sagte man mit Recht: „Tausende fallen, zu Deiner Rechten, und Myriaden zu Deiner Linken, Dich trifft's nicht.". Jetzt aber? Hunderte werfen sich einer starren Hyperorthodoxie in die Arme und Tausende lassen sich taufen. Und in. Deinem Inneren wühlet wüthende Krankheit. Gehört der Ultra-Orthodoxie durch den Abfall aller Aiidern die Zukunft des Judentums? Kann die Reform auch nur das Geringste retten? Vermag die Lethargie der An-- deren, die sich, aus Nachlässigkeit im Denken, Miitclpartei nennen, dem drohenden Einstürze vorzubeugen? Ueberall Uneinigkeit und.Streit und Massentaufen, und der sicherste Vorbote der völligen Auflösung, des baldigen Todes, Lethargie, und das einzige Lebenszeichen der Streit im eigenen Lager. Ist eine solche Gegenwart der Bürge für eine Zukunft? Nein, sic ist cs nicht! Der Zusammenhang im Judentum ist verloren gegangen; nicht nur die Juden der verschiedenen Staaten sind einander Fremde geivordcn; die Juden in jedem einzelnen Lande selbst sind inindcstcns in zwei große, völlig geschiedene Gemcinwesen auseinandergegangcn. Die sogenannte Reform-, besser gesagt Affimilationsbcivegung mit der Tendenz das Judenthum den Sitten und Meinungen seiner Wirtsvölker anzugleichen, hat das Judcnvolk in diese Lage gebracht und die Reaktion hat bisher wenig gebessert, hat sogar vielfach die Krankheit verschlimmert. Aus dem n i ch t v e r st a n d e n e n jüdischen Patriotismus ist vielfach eine falsche Rcchtgläubigkcit, Hyperorthodoxie entstanden, die am liebsten den polnischen „Schuboz" für wichtiger erklären möchte, als das "im*,,! Frage man Dich aber einmal, welches die Dinge sind, die unser ganzes jüdisches Volk zusaminenhaltcn vermochten, so sind es, äußer dem Willen zu. cxistiren, folgende: Die hebräische Sprache, die gemeinsam dnrchgekämpften Leiden, die in unserer Geschichte ihren Ausdruck sinden, die gemeinsame jüdische Litteratur und last not leust — der Nationalcultus. Was aber den Kultus betrifft, — man weiß, wie leer die Synagogen stehen; die jüdische Litteratur, wer von den Juden in Deutschland Genick sie? Aber die jüdische Geschichte! Ist die nicht überall bekannt? Fraget Haus bei Haus, gehet von einem Juden zum andern und haltet Nachfrage: „Wer war Bar-Kochba?" oder: „Wer war Josephus?" oder stellt irgend ähnliche Fragen! Ihr werdet gar merkwürdige Aufschlüsse erhalten. Und gar-erst die Kenntnis der hebräischen Sprache ist ein Nichts! Nur ans unserer Gegenwart entsteht unsere Zukunft, und wir haben keine Gegenwart. Man denke doch einmal den Gedanken vollständig aus: „Wie wird unser Judentum nach einigen Geschlechtern aussehen?" Wenn nicht mit der größten Energie von seiten der jüdischen Patrioten gekämpft wird, dann haben wir keine Zukunft; wenn die Verhältnisse so bleiben, wie sie sind, dann h a t die jüdis ch e N atio n am längsten gelebt, dann sind seine jetzigen Lebensäußerungen nichts weiter als Todeszuckungen. Die Heranwachsende Jugend weiß meistens nur das Geringste vom Judentum; Sprache, Litteratur und Geschichte sind ihnen unbekannt, ihre Kinder werden dasselbe kaum noch dem Namen nach kennen. Auf dies e Weis e ist in ein paar Geschlechtern das Judentum , vom Boden desdeutschen Neiches vers ch w u n d e n! Wir sind augenblicklich in einer Krisis. Es muß sich jetzt , entscheiden, ob wir Juden-noch länger existieren sollen oder nicht. Es. muß sich zeigen, ob es noch genug Juden

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