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Selbst-Emancipation · 1890-11-02 · Heft 15 (2.11.1890) · page 1

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 15 (2.11.1890)
Date
1890-11-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Der jüdische Jargon hat gerade in der letzten Zeit das Thema vieler Meinungsäußerungen und Erörterungen abgegeben. Gegenüber erbitterten und entschiedenen Verächtern desselben, erheben Liebhaber dieser Mundart, ja sogar Enthusiasten für dieselbe, ihre Stimme. Es ist sin Streit, der Gegensätze einander nähert, aber auch Gesinnungsgenossenschaft entzwei reißt. In Deutschland hat am letztverflossenen „Rosch-haschanah" ein hervorragender Rabbiner vor der versammelten Gemeinde seinen „Hirtenbrief" verlesen, in welchem er aus dem lalmudischen Satze „Immer befleiße sich der Mensch einer reinen Sprache" fußend, die Unart des Jüdelns, namentlich in Abwesenheit christlicher Ohren, geißelt. Er nennt es eine Versündigung an dem deutschen Sprachgeiste sowohl, als an dem hebräischen, und verlangt schließlich, daß der Jude in Deutschland als „Deutscher" ein reines Deutsch immer und überall spreche. Mt dieser Aeußernng, die sich wohl nur gegen den schwachen Ueberrest des Jargons in Deutschland richtet, aber füglich als Repräsentanz der reinen, uneingeschränkten Jargonfeindschaft gelten kann, stimmt, von der deutsch-nationalen Aspiration abgesehen, merkwürdigerweise der Feldzug zusammen, welchen viele hebräische Blätter gegen das deutsch-jüdische Idiom seit Kurzem eröffnet haben. Freilich gehen diese Jargongegner nicht vom deutsch-nationalen, sondern vom hebräisch-nationalen Standpunkte aus. Ist jenen der Jargon als „Jndendeutsch" gegenüber dem „Hochdeutsch" verhaßt, so ist er diesen als „Sasa belulah" (Mischsprache) gegenüber der „Safa berurah" (geläuterte Sprache d. i. hebräisch)^ Weitgehende Assimilatton und radikaler jüdischer Nationalismus treffen in der Bekämpfung des Jargons zusammen, beide' im Verlangen nach „reiner" Sprache. Aber nicht allenthalben ist der jüdische Jargon so verachtet. Gerade in der jüngsten Zeit haben sich hervorragende Gelehrte, darunter auch nichtjüdische, eingehend mit dem Jargon beschäfttgt und ihm großes Interesse abgewonnen. Und was die jüdischen Vertreter dieser Richttmg betrifft, z. B. der bekannte Slaviolog Kraus, so stehen sie sicherlich nicht im Gerüche nattonaljüdischer Gesinnung, sondern sind gerade im Gegentheile als ganz entschiedene Anhänger der Affiinilattonstheorie bekannt. Es ist übrigens — mag auch ein Körnlein sentimentalen Erinnerns an frühere gemüthlichere Zeiten beigemengt sein — nur philologisches Jntereffe, mit dem sie an das Judendeutsch herantreten, ein philologisches Interesse, welches mehr den Spuren des Mittelhochdeutsch und Altpolnisch im „Jüdischen" als diesem selbst gilt. Reben diesen affimilatorischen Jargonfreunden aus Liebhaberei, treten aber auch Anhänger auf, die aus jüdisch-nationalem Drange zu solchen werden. Auch sie decken mit wissenschaftlichen Gründen ihre Ansicht, indem sie darauf Hinweisen, baß die jüdisch-deutsche Mundart nach festen Sprachgesetzen anfgebaut ist, wie jede andere Sprache und ihre Entwicklung nichts von der Entwicklung des Englischen Abweichendes habe. Sie berufen sich aber vor Allem auf die Thatsache, daß vier Fünftel des jüdischen Volkes „jüdisch" sprechen und in diesem so verachteten Idiom eine Literatur vorhanden ist, welche ganz ausgezeichnete Erzeugnisse aufzuweisen hat. Und in den Augen dieser Jargonfteunde wird das Judendeutsch zur neuzeitlichen Rattonalsprache der Juden, welche gepflegt und erweitert werden muffe und auch könne; für sie gehört Hebräisch der Geschichte an, und hat „Misch" deffen Erbschaft ange- Es ist dies eine ganz merkwürdige Ansicht, die größere Aufmerksamkeit verdient, zumal sie mit dem Brusttöne national-jüdischer Überzeugung ausgesprochen wird, und die Stellung unserer Partei gegenüber dem Jargon überhaupt einmal beleuchtet werden muß. Was ist d er Jargon? Er ist das Bild Israels im Exile. So wie dieses eine Caricattir arischen Volksthums und semitischen Nattonalgeistes ist, aber trotz der lächerlichen Figur,, die es spielt, von einem Schimmer altjüdischen Geistes- und Gemüthsadels verklärt wird, so ist jener ein komisches Sprachgemengsel, dem jedoch etwas Anheimelndes — man könnte fast „Rührendes" sagen — nicht abgesprochen werden kann. Der. Jargon ist die Dekoration zu der Tragikomödie, welche „Judenthum des Exiles" heißt. Und in -dieser - richtigen Erkenntnis des Wesens des Jargons muß. ebenso der zielbewußte Affimilant, dem sein Streben als ein Ringen nach Erlösung erscheint, als der zielbewußte Nationaljude, der für die wahre Erlösung seines Volkes eintritt, das Erfordernis der Verdrängung des Jargons aufstellen. Beide wollen ja aus dem Ghetto heraus, und so müssen sie auch beide die Sprache des Ghetto verlernen wollen. Sprache des Ghetto! — Diese drei Worte characterisiren am besten das Judendeutsch. Man will seine Entwicklung mit der des Englischen vergleichen. Wie falsch! Englisch hat sich wohl aus den Zusammenftießen hauptsächlich von zwei verschiedenen Sprachen gebildet, aber abgesehen davon, daß diese beiden Sprachen demselben Sprachstamme angehörten und nicht die weite Distanz des Hebräischen vom Deutschen aufweisen, war es ein wirkliches Zufammenstießen, ein Jneinandergleiten — von der Wirkung, daß das heutige Englisch einen durchaus einheitlichen Charakter an sich trägt. Dagegen ist das Jargonjüdisch trotz seines hohen Alters, das dem der englischen Sprache kaum nachstehen dürfte, noch immer eine ganz unorganische Zusammensetzung geblieben, deffen corrumpirte hebräischen Bestandtheile von der verdorbenen und entbeutschten deutschen Grundlage grell abstechen. Dem Jargon fehlt jeder einheitliche Charaktere als Sprache, und würde man ihm schon einen zusprechen, so könnte als solcher immer nur der deutsche gelten und die Eignung zur jüdischen Rattonalsprache wäre noch problematischer. Dieses Sprachenmischmasch ist nicht geeignet, Sprache eines Culturvolkes zu werden, am allerwenigsten aber Sprache eines Volkes, das sich aus zweitausendjährigem Golus in die lichte Höhe nattonaler Unabhängigkeit em-

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