Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 14 (17.10.1890)
- Date
- 1890-10-17
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3092672-3092764-3092778--0540-3093504- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 14. Seite 7. Selbst-Emancipation. Führer an der Spitze hätten, der die einzelnen Vereine und Gesinnungsgenossen mit Wort und That leiten könnte. Wlr haben zwar Männer, die sich auf dem Gebiete des jüdischen Wissens berühmt und unvergeßlich machen, deren Namen uns mit Stolz erfüllen, aber die rechnen nur mit Theorien und Zahlen, nicht aber mit praktischen politischen Thatsachen.*) Ein Volkstribun fehlt uns! Eine Nation von circa 8 Millionen, auf intcllectucllcm Gebiete hoch entwickelt, in politisch-nationaler Beziehung aber vereinzelt und zersplittert! Und doch welche moralische Macht bürdet dem russischen, polnischen, ungarischen, englischen, deutschen und französischen Bürger mosaischer Confessio», die sich in den nationalen Kämpfen ihrer Adoptivvaterländcr gegenseitig morden, den gemeinsamen Name „Jude" aus? Ist es nicht die gemeinsame Hoffnung! Leider ist aber dieses herrliche, betende und hoffende und unermüdlich duldende Volk angesichts seines beispiellosen Leidens gegen seine innere Gefühle stumpf geworden. Wir beten und hoffen, ohne die Initiative zu einem, deuc Wohle des Judenthums ersprießlichen Unternehmen zu ergreifen. Hier Gefühllosigkeit, dort Zerknirschtheit! Hier Gleichgiltigkeit, dort Verzweiflung! Wenn wir nur Männer hätten, die Baron Hirsch zu diesem heroischen Unternehmen begeistern wollten, dem glänzenden Beispiele des Baron Rothschild folgend in die Fußstapfen unseres unvergeßlichen Montefiore zu treten, dann könnte unsere große gemeinsame Hoffnung, für deren Erfüllung wir täglich beten, verwirklicht werden. O, dann hätten wir nicht am ganzen Erdbälle das bittere Gefühl das schmerzlichste Empfinden, — das der Heimatlosigkeit! H. K. *) Das scheint ein bischen übertrieben. Männer der That zählt unsere Partei jetzt bereits eine Menge, freilich keinen, dem cs gelungen wäre, eine Oberleitung zu erringen. Das ist ja aber auch nicht durchaus nöihig. Gegenseitige Verständigung kann uns einen solchen Alaun wenigstens vorläufig ersetzen und zu dieser zu kommen, ist eben unser Bestreben. Die Red. Correspondenz der Redaktion. Herrn A. KonstantinowSky in Rischon lc Zion. Viel Glück und besten Dank. Wir erwarten bald wieder etwas. Brief folgt. An die Herren Autoren mehrerer eingesendeten Werke. Die Rcccnsionen nächstens. ’ M. ©. in Wilna. Einiges über die Sic interessircnde Frage finden Sie in dieser Nummer. Den versprochenen Brief erhalten Sie dieser Tage. Herrn W. B. in Brün». Brief folgt. iaiaiaiBiaiiiBiBiBiBtBiBiBiB!BiBiaiBiaiaiBiBiB!aiiiaiB:Biaii!aiBiiiBii!aii!ata!BiaiaiBiBiBiBia!B Correspondenz der Administration. Herrn H. P. WcchSlcr in Bncarest. Auf Verlangen bestätigen >vir Ihnen dankend den Empfang der halbjährigen Abonnemcntsgcbührcn per je 5 Frcs der Herren: H. P. Wechsler, Isidor Einhorn, Al. H. Focsaneanu, Adolf Salomon. a a a a a a aia a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a a^ a a a a a a a a a a » a Belletristisches. Vustld Alrrm. Von Benjamin d'Jsracli. (4. Fortsetzung.) Zweiter Abschnitt. Eile, fliehe dahin, du stolzes Roß, und drücke deine Spur auf die pfadlose Wüste. Unter dir ist die unbegrenzte Erde, über dir der unbegrenzte Himmel, ein eherner Boden, eine glühende Luft. Schnell, schnell, dahin du stolzes Noß, die pfadlose Wüste entlang! O! glaubst du, daß diese salzigen Ebenen dich zu Jemens glückseligen Hainen führen, und daß du athmest den geivürzigen Duft Arabiens? Eine süße Täuschung, edles Noß, denn diese salzige Wüste führt nicht zu den glückseligen Hainen Jemens, und der Hauch, den du einziehst, wenn die Abendluft beginnt, ist nicht der würzige Duft Arabiens. Der Tag hat geendet, die Sterne sind emporgestiegeir mit allen: Glanze eines Himmels über der Wüste, und die herabsinkende 'Nacht bringt Trost auf ihren tauigen Schwingen den: todtmüden Körper, den bleichen Wangen des jungen Fürsten von Israel. Und noch immer sprengt das Noß vorwärts, und noch immer hält es sein kräftiger Muth aufrecht. Zeit und Raum, der brennende Boden, der sengende Strahl weichen dem Sturme seines Laufes, seinen stählernen 'Nerven, seinen ehernen Adern. Nahrung und Wasser haben sie nicht. Dort gibt es kein Thier, keinen Vogel in dieser ewigkahlen, grauweißen Wüste. 'Nichts unterbricht die allwaltende Stille. Selbst des Schakals heimtückisches Geschrei ivürdc sanfte Melodie dünken. Der Morgen kommt, der frische, erquickende Morgen, nach dem selbst der Schuldbelastcte seufzet. Der Morgen kommt, und alles wird wieder sichtbar. Und das Licht fällt wie ein Siegel auf die Erde, und ihr 'Anblick ist verwandelt wie Wachs durch den Stempel. Während der Nacht waren Reiter und Roß der Gebirgskette näher gekommen, welche die Wüste zur Linken begrenzt. Diese Berge waren ein Theil des gewaltigen Elburs*), und als die Sonne sich hinter einer hohen Gcbirgsspitze erhob, blieb das Noß plötzlich stehen und wieherte, als ob es nach Wasser verlange. Aber Alroy, selbst erschöpft, konnte es nur mit Liebkosungen beruhigen. Und das Noß, voll Muth's, verstand seine,: Herrn und wieherte wieder fröhlich. Eine bis zwei Stunden lang zogen nun der Fürst und sein treuer Gefährte langsam ejnher, als aber der Tag weiter-schritt, war die Hitze so drückend, und der Durst so übermannend, daß Alroy das Roß wieder nach den Gebirgen zu spornte, wo er eine Duelle zu finden gewiß war. Das 'Roß eilte willig vorwärts und schien seines Herrn Sehnsucht zu thcilcn, diese starre, erschöpfende Wüste zu verlassen. Mehr als einmal kämpfte der unglückliche Flüchtling mit sich selbst, ob er sich nicht vom Sattel hcruntcrsinkcn lassen und sterben sollte. Keine Marter hätte ihn in Hamadan erwartet, die nicht - dieser unaussprechlichen Beängstigung, die er jetzt empfand, bei weitem vorzuziehen gewesen wäre. Als er nun so auf des Rosses Nacken hangend vorwärts schwankte, bemerkte er einen Pfad in der Wüste, der ihn: dunkler schien, als der ihn umgebende Sand. Hier glaubte er vielleicht Wasser anzutresfcn. Er versuchte es, das Roß anzuhaltcn, aber nur mühsam gelang es ihn:, mühsamer aber war noch sein Hcrabsteigen. Er kniete nun nieder und wühlte den Sand mit schwacher Hand auf. Er. war sehr feucht. Endlich, als er wohl einen Fuß tief gegraben hatte, quoll Alroy etwas Wasser entgegen. Er tauchte die Hand darein, aber cs war salzig, wie das Wasser des Oceans. Als das Roß das Wasser erblickte, spitzte cs die Ohren, als es aber dazu roch, wendete es den Kopf ab und wieherte kläglich. *) Gebirgskette, die an den Kaukasus stößt, am kaspischcu Alcer hinzieht, und sich an die östlichen asiatischen Gebirge anschließl. „Armes, gutes Thier!" rief Alroy aus; „ich bin schuld an Deinen: Leiden, und inöchte Dir doch so gern ein guter Herr sein, wenn mir's die Welt verstattete. O, daß wir nur noch eimnal an unser»: schönen Brunnen wären! Dies zu denken ist Wahnsinn! Und Mirjam auch! Ach, ich füchte, ich bin weichherzig krank!" Und nun lehnte er sich an sein Roß mit dem Gefühle gänzlicher Erschöpfung nnd brach in krampfhaftes Schluchzen aus. Und das Roß winselte sanft und ivandtc den Kopf und rieb seine Stirn sanft an Alroy's Arm, als wolle cs ihn trösten in seinem Leiden. Und sonderbar, Alroy war beruhigter durch das Ausströinen dieses Gefühls, und erfreut durch die Freundlichkeit seines treuen Rosses, beugte er sich ivicdcr herab und nah»: Wasser und goß cs ihm über die Füße, um sie abzukühlcn, und wischte ihm den Schweiß von der Stirn und wusch diese, und das Roß wieherte von neuen:. Jetzt versuchte Alroy cs wieder zu besteigen, aber seine Kräfte reichten nicht hin. Da kniete das Roß nieder nnd nah«: ihn auf seinen Stücken. Sobald aber der Fürst im Sattel saß, erhob cs sich und sprengte wieder freudig, in der alten Richtung weiter. Gegen Sonnenuntergang waren sie nur noch zwei Meile«: von den: felsigen und hügeligen Boden entfernt, in ivelchen das Gebirge auslief, und Alroy entdeckte voi: «vcitein die Kuppel des lang crivartcten Brunnens. Mit gestärktem Muthe und gesainmelter Kraft liebkoste er seines Rosses 'Nacken, cs nach der Richtung der Kuppel hinspornend, und das Roß spitzte die Ohren und beschleunigte seinen Schritt. Gerade mit Sonneiuintergang erreichten sie die Oucllc. Alroy spra>:g vom Rosse und ivoiltc cs zun: Brunnen leiten, aber das Thier sträubte sich dagegc«:. Es stai:d fürchterlich zitternd mit stieren Augen da, senkte dann sein Haupt, siel mit tiefen: Gestöhn zu Boden und — starb. — — Nacht bringt Ruhe: '.stacht bringt Trost; Ruhe den: Müden, Trost den: Betrübten. Den: Verzweifelnden aber bringt die «stacht Verzweiflung. Der Mond «var früh hii:abgesui:ke>«, aber tausend Sterne [tauben an: Himmel. Die «nächtigen Berge stiegen ernst einpor in die helle, stille Luft. In: Walde war alles ruhig. Der »:üde Wi«:d rauschte nicht länger, sondern harte sich leicht auf sein Bett von Blättern gesenkt, n«:d schlief wie ein Mensch. Alles schivcigend, >:ur die Quelle rieselte. Und neben der Quelle lag ein Füngling. Plötzlich schleicht ein Wesen durch die schivarzcn, zerborstenen Felsen einher. Ha! der Schakal «vittert von Weitem den reichen Fraß der Leiche des Rosses. Schnell aber still schleicht er und hält an und wittert. Ein köstliches Mahl zur Nacht für diese treffliche Gesellschaft. Schakal und Fuchs und Marder, eilt! ehe des Morgens Anbruch den Geier herbei ruft zu feinem Feste und euch die Beute raubt. Der Schakal leckte des Rosses Blut und heulte vor Entzücken. Und einen Augenblick darauf hörte inan ein leises Gebell aus der Entfernung. U«:d der Schakal löste das Fleisch von