Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 14 (17.10.1890)
- Date
- 1890-10-17
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Selbst-Emancipation. Nr. 14. fchicncncn Herren seine diesbezügliche Unterstützung zugesagt hatte. Auch ein orthodoxer Rabbiner! Isak lLhronik. (Aus Rumänien.) Der am Ende des vorigen Monates in Bottuschan stattgehabte Congrcß rumänischer Studenten hatte ein durchaus antisemitisches Gepräge. Einige von dem den Studenten zu Ehren veranstalteten Bankette heimkchrcndcn Gäste belustigten sich damit, die Fenster der Synagoge, in der gerade der „Kol-Nidrc"- Gottcsdicnst abgehaltcn wurde, einzuwerfen. Ein „liberales" Parteiblatt suchte diesen Bubenstreich zu entschuldigen. (Aus Rußland.) Diejenigen aus Rußland ausgcwiesenen Personen, welche von den benachbarten Regierungen als 'nicht zu ihnen gehörig zurückgesandt werden, sollen nach Sibirien geschickt werden. Die „Moskauer Zeitung" erklärt, sie habe von unterrichteter Seite die Mittheilung erhalten, daß im russischen Ministerium des Innern ein Gesetz vorbereitet werde, welches die Frage in diesem Sinne regeln soll. Die Maßregel richtet sich offenbar in erster Reihe gegen die Juden in Rußland. — Wir lesen in der „Israelitischen Wochenschrift" folgende Corrcspondcnz: Ich bin glücklich, daß ich auf meiner Reise Kiew bereits hinter mir habe. Vor Kurzem wurde hier ein Jude, der im Eisenbahnwagen 1. Klasse fuhr, plötzlich angchaltcn, auf das Bureau genommen und mit 30 Stockstreichen derart auf den nackten Körper betheilt, daß ihm das Blut in Strömen rann. Er war nämlich mit einem russ. General zusammengesahren, der ihm zu rauchen verbot. Der Jude wies aber daraus hin, daß es ein Rauchcoupec sei; das kam ihm nun so theucr zu stehen. (Aus Jaffa) schreibt man den „Woschod": Die jetzige Auswanderungsströmung brachte in den Hafen von Jaffa auch eine bcträchtigc Anzahl wohlhabender Männer, welche selbst die Mittel zu ihrer Erhaltung in Palästina besitzen. Hoffentlich wird das heilige Land in diesem Jahre um einige jüdische Colonien reicher werden, aber für einen einzigen Menschen ist es schwer, auf eigene Rechnung sich in einer von den Colonicn nieder;ulaffen. In den bereits bestehenden Colonien gibt cs keinen verkäuflichen Boden, auch der Bodenankauf im Umkreise der Colonien, welche unter der Obhut des Baron stehen, ist dadurch gehindert, daß die Colonieverwaltung desselben jedem neuen Auswanderer in einer der Colonien sich niederzulaffen oder zu bauen nicht gestattet, weil sie befürchtet, daß ein solcher Ansiedler sich nachher auch um eine Unterstützung an den Baron wenden würde. Darum ist eS im Jntereffe der Colonifation des heiligen Landes sehr nützlich, daß Jemand den Bodenankauf in großem Ausmaße auf sich nehme, um dann wieder in kleineren Anthcilen zu verkaufen; wie bekannt, liegen bereits zwei solche Beispiele seitens der Herren Chankin und Dr. d'Arbcla vor. Chankin kaufte einen großen Grnndcomplex, der sich drei Stunden von Jaffa entfernt befindet und den Namen Duran führt; er verkaufte ihn in kleinen Antheilen in 4—5 Monaten zur Gänze. Wäre Duran dreimal größer gewesen, so hätte er es auch leicht verkauft, an Käufen; wäre? kein Mangel gewesen. Duran enthält 10,500 Dunam. Die Anzahl der seit Kurzem herkommendcn wohlhabenden Männer ist so groß, daß es leicht ist, zwei bis drei neue Colonien ohne alle Unterstützung zu gründen, wenn nur in der obenerwähnten Richtung etivas gethan wäre. — Das hebräische Tagblatt „Hazcfirah" bringt in Nr. 207 eine Warnung aus Jaffa an alle diejenigen unserer Brüder, welche sich ihre Existenz im heiligen Lande weder durch Ackerbau auf eigenem Grund und Boden, noch durch Handwerk verschaffen können, nicht nach Palästina zu kommen. Alle ihre Hoffnungen wären eitel; die Straßen Jaffa's sind von solchen armen Auswanderern überfüllt. N. Großmann. (Anch Holland) will nicht zurückbleibcn. Zu Mecrsen in der Provinz Limburg erscheint seit Kurzem eine antisemitische Zeitung unter dem Titel »Oe Talmudjoodc („Der Talmudjude"). (Der Sultan), ivelchcr bekanntlich den Ehrenoorsitz im internationalen Hilfscomit^ für die Abgebrannten des Judenviertels von Salonichi angenommen hat, ließ durch den türkischen Gesandten in London dem Lordmayor Jsaaes, unserem Stammcsgenossen, für die Creirung eines Unterstützungscomitä's in London seinen Dank aussprechen. (Heiteres in ernster Zeit.) Welche Verheerungen das mir gegen den Antisemitismus Wüthcn,. wie cs sich jetzt als Prüfstein jüdischen Gefühles ansgibt, in manchen Köpfen anrichtct, zeigt sich wohl am besten aus einer „gelehrten" Arbeit, „Die arische Raffentheorie", welche ein gcwiffer Michael Maximilian Fürst in einer jüdischen Zeitschrift „auf Grund geschichtlicher Daten widerlegt", >vic er sich ausdrückt. Dem epochemachenden Autor sind „die Germanen (wir sprechen von dem freien herrschenden Thcil und nicht von geduldeten Fremden und unterjochten Ureinwohnern) — kein i ndisch es, sondern ein eminent semitisches Volk, und zwar der Kern der semitischen Stämme, nämlich das vor 2400 Jahren vom Schauplatze der Geschichte in der Stärke von mehreren Millionen verschwundene Zehnstämmereich I f r a e l." Es kennzeichnet schon den historisch-ethnographischen Werth des Aufsatzes, wenn Fürst feine Theorie durch die semitische Abstammung der deutschen Götternamen und anderer deutscher Wörter beweisen will. Als ob nicht semitische Lehnwörter aus ganz natürliche Weise durch den Aufenthalt der Juden in Deutschland in die deutsche Sprache hineinkommcn konnten und als ob nicht Götternamcn, daß sind Bezeichnungen für die ersten geistigen Begriffe nicht alle einer Zeit entstammen, wo mehr weniger die Diffcrcnzirung der Sprachen noch eine geringere war. Als ob nicht ferner das Semitische und Arische begreiflicherweise — wenn man die Bildung der Sprachen ins Auge faßt — viele verwandte Wurzeln aufwcisen müßte! Uebrigens sind die einzelnen Vergleiche und Beweisführungen so hochgradig halsbrecherisch, daß der gelehrte Verfasser darüber sclbstvvcrständlich den Kopf verlieren mußte. Wer den Tcut zum semitischen Gotte macht, wer das Wort Almosen, — ein bekanntes arabisches Wort, al (mit Alef) ist hiebei der Artikel — für das hebräische al mason (al mit Ajin, also „zur Speise") ansieht, wer das hebräische Wort „Din“ mit deni deutschen „Ding" und das hebräische „Leimtet“ mit dem deutschen Recht schöpfen in Zusammenhang bringt, wer die deutschen Stämme der Chauker. und Cherusker auf die hebräischen Worte Chauk (Gesetz) und Cherus (Freiheit) zurückführt, wer aus der Anwendung des Hifthornes bei den Germanen und des Schofar bei den Juden parallelisircnde Schlüffe zieht, wer die alten Gcrinanen Pejoth tragen läßt, wer das Wort „Germane" aus den hebräischen Worten ger und man zusammcnsctzt, wer Jngacvon als Jacob-ben, also Jacobsohn, und Jstävon als Isac-ben, also Jsacsohn ausgibt, wer die Iberer mit den Hebräern identificirt, wer die Celten vom hebräischen „Golus“ herleitet und daher unter ihnen die „Vertriebenen deS jüdischen Reiches" versteht, wer Mysia als Mosesland erklärt, wer Alain; (röm. Mogentium) auf Magen Zion (Zionsschild) zurückführt, ebenso für Prag, Worms und Wien an den Haaren semitische Erklärungen herbeizicht, wer auf den europäischen Fürstenthronen noch heute Abkömmlinge Davids sitzen fleht — der Mann, der all' dies verbricht, ist wahrlich unseres Mitleides in höchstem Grade würdig. — Wenn aber Herr Fürst ani Schluffe seiner Anführungen zu dem Satze komnit: „Es war das einstige Israel ein ganz anderes, als das in den europäischen Käsig cingespcrrtc, von allen Seiten bedrohte und gemarterte Judcnvolk", so stimnien wir ihm aus vollen Herzen bei; man fühlt diesen Gegensatz besonders stark, wenn man seine Ausführungen gelesen hat. ("fDT/lff) „Die Zeit" betitelt sich eine neue seit 28. September in Krakau erscheinende hebräische Zeitschrift, welche von den rühmlichst bekannten Literaten Rüben A. Brodes redigirt wird. Die uns vorliegende Probennmmcr enthält gediegene Aufsätze. Die Richtung des Blattes ist offenbar eine nationale, obivohl ivir uns über Einiges in dieser Hinsicht noch nicht klar sind. Eingesendet. „Admath Jeschurun“. Die Mitgliedcrzahl dieses Vereines nimmt einen erfreulichen Aufschwung und gelangen von Nah und Fern fast täglich sympathische Kundgebungen und Spenden an die Vereinsleitung. An Spenden sind in den letzten Tagen eingelaufen: Von der Firma Münz in Horazdowitz 5 fl., von Herrn I. Ch. Krämer in Czcrnowitz 5 fl., von Herrn Dr. Emil Blumenfeld in Jaroslan 5 fl., von Herrn Dr. David Alkalay in Belgrad 3 fl., von einer Tischgesellschaft in Zurawno 2 fl. 20 kr. Weitere Spenden werden in der „Selbst-Emancipation" veröffentlicht. Um Besprechungen der Mitglieder untereinander ' und mit ferner Stehenden zu ermöglichen, werden von nun ab während der Wintermonate in Hernfcld's Restauration, Franz-Joscfs- Quai, vis-a-vis der Stefaniebrückc, jeden Samstag um 8 Uhr Abends gesellige Zusammenkünfte veranstaltet werden, zu welchen auch Gäste (Herren und Damen) Zutritt haben. Daselbst findet die nächste Ausschuß-Sitzung Samstag, den 18. d. M. 8 Uhr Abends statt. Wien, den 15. Oktober 1890. Der Ausschuß. Geehrter Herr Redacteur! Das Scheitern der Baron Hirsch'schcn Millionenstlftiing hat bei allen vorausznschcndcn Schattenseiten derselben die Meisten höchst nnangcnehm berührt. Viele gingen ja diesem Jrrlichtc, dieser Fata Morgan« mit den höchstgcspannten Erwartungen nach. Die Gewerbeschulen in dem Bestiimiiungslande der 50 Millionen würden sicherlich mit der Zeit sowie alle dortigen höheren Schulen, welche von meiischcnfreundlichen Juden erbaut und erhalten wurden, wie uns eine traurige Erfahrung lehrt, in Kasernen verwandelt worden sein. In Galizien hingegen würden die Zöglinge brodlos geglicben sein. Herr S. Amols ans Stryj wünscht in einer früheren Nummer der „Selbst-Emancipation", Baron Hirsch möge diese 62 Millionen der Palästina- Colonisation zuwenden. Ich bin davon überzeugt, daß dieser Wunsch in den Herzen aller Zionsfrcunde ein Echo findet. Doch wer wäre der Einflußreiche, der den großen Philanthropen von der Ersprießlichkeit dieses Unternehmens zu überzeugen und für die heilige Idee zu gewinnen im Stande wäre? Die Colonisationsidce erfreut sich zwar einer großen Anhängerzahl und wir Zionsfreunde könnten mit vereinten Kräften schon ganz gut eine mächtige Partei im Judcnthume bilden, wenn wir nur einen