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Selbst-Emancipation · 1890-10-17 · Heft 14 (17.10.1890) · p. Seite 5

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 14 (17.10.1890)
Date
1890-10-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 14. Selbst-Emancipation. Seite 5. ja sogar unerwünscht, denn sie bildet ein wichtiges Fundament des Separatismus,***) sie hat aber in sich dennoch etwas erfreuliches, denn sic bezeugt, daß die Nahrung des Menschen doch nicht blos Brod sei.- Wie viel Gelehrte strengten sich an, um zu beweisen, daß die einzige Triebfeder der menschlichen Thatcn, der einzige Factor des geschichtlichen Treibens die materiellen Bedürfnisse seien? Wieviel Nomanschriftsteller bieten ihr ganzes Talent auf, um die Vergänglichkeit der menschlichen Natur darzuthun? Ist also nicht daneben der Anblick dieses ganzen Stamines von abgerissenen und schmutzigen Leuten erfreulich, die in der Jagd nach Gewinn auf dem kothigen Pfade des Alltaglebcns herumivaten und doch Alle auf einmal ihr Alltagstrciben wegwcrfcn, an Wucher und Handel vergessen, sich der Macht der höchsten menschlichen Gefühle, die den höchsten Contrast mit ihrem Leben und ihrer Gestalt bilden, ergeben und ihre Augen dein höheren Ideale zuwenden, ohne Rücksicht darauf, was für practischc Bedeutung dasselbe hat? Daß dieser unsterbliche Faden, der die jüdische Nation mit der Erde ihrer Urahnen verbindet, nicht zerrissen, ja vielleicht nicht geschwächt ist, weder durch die Entfernung, noch durch Ereignisse und Zeit, ist etivas Merkivürdigcs, ivenn nicht Außerordentliches. Wir wollen uns nicht mit der socialen Bedeutung dieser Erscheinung. befassen, es beschäftigt uns nur ihre psychische Seite. Die guten Eigenschaften der Juden hervorzuheben, die Existenz von edlen Elementen in ihrer Mitte zu beweisen und sie als Vorbild in was für Beziehung immer aufzustellcn, wäre nutzlos; wir möchten nur diese Anerkennung erreichen, daß cs eine merkwürdige Nation ist, nicht aus bloßem Lehm geformt, wie cs ihre Gegner sich und Andere einzureden sich bestreben." So schreibt eine Zeitschrift, die den ersten polnischen Literarhistoriker Ehmielowski zu ihrem Nedacteur hat. Saul Raphael. Korrespondenzen. BKien, den 15. October 1890. Gestern ist der neugewählte niederösterreichische Landtag zusammengetreten. Seine Zusammensetzung ist eine wesentlich andere wie die des früheren. Die antisemitischen inclusive der clericalen Elemente machen fast die Hälfte der Abgeordneten aus, und haben demnach, wenn auch nicht die Majorität, so doch einen unberechenbaren Einfluß auf die Verhandlungen erhalten. Es ist eine eigenthümliche Perspective für den nächsten Landtag.- - Wie bekannt, sind speciell die Wahlen in Wien recht antisemitisch ausgefallen. Nur in vier Bezirken, Innere Stadt, Leopoldstadt, Wieden, Alsergrund, drangen die Liberalen durch, wovon einer, die Leopoldstadt, die Judenstadt kat exochen, ist, während die anderen riesige antisemitische Mi- ***) Wir sind da wohl anderer Ansicht und können vor Allem nicht begreifen, warum bei den Juden Separatismus sein soll, was man bei anderen Völkern Nationalgefühl nennt. Die Red. noritäten aufwicsen, besonders der 4. Bezirk Wieden, der den Wiener Bürgermeister Dr. Prix, einen sehr gemäßigten „Judenfreund", mit knapper Noch gegen einen obscurcn antisemitischen Candidaten durchbrachtc; dagegen wählten die übrigen sechs Bezirke Wiens: Landstraße, Margarethen, Mariahilf, Neubau, Josefstadt, Favoriten und die Vororte antisemitisch, ivenn auch die Liberalen bedeutende Minoritäten errangen. Günstiger für die liberale Partei fielen die Wahlen in den Städtewahlbezirken auf dem flachen Lande aus. Aber auch hier gelang es den Antisemiten, zu welchen wir auch Dr. Hubert Fuß (Korneuburg) und Hans Richter (Mistelbach) zählen, einige ihrer Kandidaten durchzubringen und so ihr in den Landwahlbczirken und in Wien gewonnenes Contigent zu vergrößern. — Und unter solchen Umständen wagte es noch ein liberales Tagblatt — freilich vereinzelt —. ein Triumphgcschrei auszustoßen lind Siege bei künftige Wahlen, namentlich bei der Reichsrathswahl im nächsten Jahre zu prognosticiren. Vielleicht hat dem Blatte der Umstand so viel Hoffnung eingeflößt, daß in den eben verflossenen Wahltagen die Jugend, und namentlich die studirendc, sich am meisten an der antisemitischen Agitation bcthciligte? (A. L.) Lemberg, am Rosch-Chodcsch Cheschvan 5650. — Bei der am 28. Tischri (12. October) im Vereine „Z i o n" stattgefnndencn Generalversammlung wurden folgende Herren gewählt: Dr. jur. Josef Auerbach als Präsident, I. Feld als Vicepräsident, Rosengarten als Cassierer, D. H. Tieger als Secretär in hebräischer Sprache, Sprecher jun. als Secretär in der Landessprache, Scharr als Bibliothekar. Ferner wurden in den Ausschuß gewählt die Herren: Bohin, Losch, Adolf Stand, Karl Stand und Gabel. In die revidierende Coinmifsion wurden die Herren Mansch, Adolf Korkis und Hcscheles gewählt. — Lemberg, am 28. September 1890.*) Wir haben wieder ein neues Jahr begonnen, das Jahr 5651. Bei uns wächst das Elend und die Corruption unter den Juden in gleichem Maße. Diese zu bekämpfen, die Inden ans eine bessere Bahn zu leiten, sie zu emanzipire», ihnen Selbstgefühl und nationales Sclbstbewußtsein einzuflößen, hat sich der Verein „Zion" zum Ziel gesetzt. Er kämpft für das Wohl unseres Volkes seit vielen Jahren, und wir können cs niit Stolz behaupten — nicht ohne Erfolg. Die Mitglieder dieses Vereines gaben mit dem neuen Jahre eine Broschüre im Jargon unter dem Titel „K:inczug" heraus. Diese Broschüre endigt mit den Worten Hillels: „Wenn ich mir selbst nicht helfe, wer denn und wenn nicht heute, wann denn?" Ich brauche nicht erst zu berichten, daß die Broschüre von unserem Volke mit dem größten Enthusiasmus entgegengenomnien wurde. Natürlicherweise entstand aber darüber ein großes Gezetter unter den „Polen mosaischer Confessio»" und ein ganz frischer Carridreritter beeilte sich, in deni „demokratischen" gegen „alle Corruption ankämpfenden" kurzer Lwowski einen Donnerartikel gegen die Broschüre vom Stapel zu lassen. Dieses „consequente" Blatt hat einige Nummern vorher ein Städtchen, wo die Juden Majorität bilden — und deshalb in den Gemeinderath beinahe lauter Juden gewählt erscheinen — mit verbiffenem Groll „unser Jerusalem" genannt und ist gegen das Uebergewicht der Juden losgezogen. Jetzt wüthct es gegen den Verein „Zion", der *) Für vorige Nummer verspätet eingclangt. die Juden zur Colonisation Palästina'S auffordert, sie aufnierksam macht, daß man bei der Wahl der Cultusvorstehcr nur Männer von wahrer jüdischer Gesinnung, in den Reichsrath und Landtag aber nur solche wählen soll, die auch für uns etwas thun würden. Die hiesigen Rcligionslehrcr, welche durchwegs tüchtige Lehrer sind, werden in diesem Artikel „Wesen, welche ihren Zweck verfehlt haben" genannt und wird in einer wahrheitswidrigen Weise der Unterricht des hiesigen Rabbiners in den Mittelschulen kritisirt. Das ist das Auftreten eines „demokratischen" Blattes in Galizien — einerseits wünscht cs die Juden los zu werden — andererseits will es gar nicht hören, daß die Juden so viel Selbstbewußtsein haben, um ihre Angelegenheit auf selbständiger, nationaler Basis zu lösen — man entfache auf diese Weise den bei uns schon glimmenden Antisemitislnus. Wir wollen uns trotzdem daran nicht kehren und eingedenk sein Hillel's oben zitirter Worte: „W emi i ch mit s e l b st n i ch t h c l f e, w e r denn n n d wenn nicht h e u t c — w a n n den n? * 4- * Der Berein „Agudas Achim“ hat von ei»»» hiesigen Ncichsrathskaudidatcn eine Subvention von 500 Gulden erhalten — und beschloß dieses Geld zur Errichtung von Volks-Lesehalle» zu benützen, mit deren Hilsc die national-jüdische Propaganda bekämpft werden soll. Der Verein beschloß zugleich gegen die „schädlichen" Tendenzen des Vereines „Zion" energische Mittcl zu ergreifen. Wir sind jedoch überzeugt, daß unser Volk den falschen Propheten kein Gehör schenken wird. * * * I» Kolonie» wurde ein „jüdischer Arbeiterbildungs-Verein" gegründet, welcher von warmen jüdischem Bewußtsein durchdrungen ist. Er zählt bereits 200 Mitglieder und verspricht ein reges Lebe» unter den dortigen Handwerkern zu erwecken. In dieser Stadt macht sich überhaupt in letzter Zeit eine erfreuliche Bewegung unter den Juden bemerkbar, und loir hoffen, daß sie gute Früchte tragen werde. —Makkabi.— Czernowitz, den 22. October 1890. Hiesige Gesinnungsgenossen benützten die letztverflosseiien Feiertage, um auch in Czernoivitz den bereits allenthalben bekannten Gedanken der Colonisation Palästinas durch Juden populär zu inachen. Sie besuchten näinlich mehrere Bethäuser ilnd hielten feierliche Ansprachen au die Versammelten. schilderten die traurigen Verhältnisse unserer armen und bedrängten Brüder in Rußland, und miesen auf die bevorstehenden Massenausmeisungen hin, durch welche Tausende von Familien Heimat- und obdachlos iverden. Anknüpfend daran schilderten sie die schöne und aussichtsreiche Aufgabe der in vielen Ländern bereits bestehenden Colonisationsvereine, so auch des in Wien bestehenden Vereines »Admath Jeschurun«, wie auch die Erfolge derselben und der Zionsfreunde überhaupt, welche sich in dem blühenden Zustande der bereits bestehenden Colonien kundgibt. Der Apell an das jüdische Herz voll Milde ivar nicht ohne Erfolg und ivurden in vielen Bethäusern nicht unbedeutende Spenden für den Verein »Admath Jeschurun« gezeichnet, das Ergebniß dieser Spenden wird wohl der löbl. Verein »Admath Jeschurun* seinerzeit öffentlich bekannt geben. Im Tempel unterstützte Ober- und Landesrabbiner Dr. L. E. Igel in einer Predigt wärmstens die Colonisationsidee. — In der großen Synagoge, wie auch in einigen anderen Bethäusern nahm man durch besondere Machinationen des hiesigen orthodoxen Rabbiners, des Herrn Benjamin Weiß von solchen Spenden Umgang, obgleich derselbe einigen bei ihm er-

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