Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 14 (17.10.1890)
- Date
- 1890-10-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Selbst-Emancipation. Nr. 14. meisten der Erwähnten sind außerdem in ihrem Geburtslande Besitzer eingerichteter Geschäfte, welche sie im Lause der Zeit zu liquidiren gedenken, ebenso beabsichtigen sie später ihre Familien Nachkommen zu lassen. Außer diesen zukünftigen Kolonisten erfüllte das Schiss eine Menge von Leuten, welche nach Jerusalem reisten, zumeist Arme, unter ihnen aber auch zahlreiche Handwerker aller Kategorien, einige sogar mit einem kleinen Vermögen oder Werkzeugen; im Allgemeinen aber machte die. Versammlung einen traurigen Eindruck, namentlich die eriverbsunsähigen Greise, Weiber und Kinder, die ohne Aussicht auf Brod geflohen waren.... Doch nun zurück zu unserer Reise. In Smyrna, wie gesagt, landeten wir wieder und unser erster Gang galt dem berühmten sephardischen Chacham, einem ehrwürdigen herrlichen Greise, der uns Allen unvergeßlich bleiben wird; ihn fragten wir auch um Rath, wie wir uns mit Rücksicht auf den Rosch-haschanah, der damals gerade bevorstand, verhalten sollten. Er befahl uns die Fahrt nicht zu unterbrechen, sondern unsere Andacht auf dem Schiffe zu verrichten, auch schenkte er uns einen Schofar. (Eine Thorarolle führten wir schon mit uns.) Unvergeßlich wird Allen, die daran theilgenommen, der Abschied sein, den wir von dem edlen Manne nahmen. Er dachte des gottgefälligen Unternehmens, welchem wir unsere Kräfte weihten, und segnete uns; seine zitternden Hände über unsere tief gebeugten Häupter haltend, sprach er das „Jewarcchecha" und als er geendigt hatte, standen uns Allen Thränen in den Augen. Noch tief erschüttert von dem empfangenen Eindrücke traten wir am Tage vor Rosch-haschanah unsere Weiterreise an. Rosch-haschanah auf offenem Meere' Eine dreigliedrige Deputation hatte vorher bei dem Kapitän die Erlaubnis zur Abhaltung des Gottesdienstes erbeten; er erthcilte sie nicht nur, sondern stellte uns das ganze Verdeck erster Elaffe, welches zu diesem Zwecke noch separat gereinigt wurde, bereitivilligst zur Verfügung. Den wunderbaren Eindruck zu schildern, den der unter so eigenartigen Verhältnissen verbrachte Feiertag auf uns machte, vermag ich nicht und will es auch gar nicht versuchen. An Alexandria und Port Said vorbeifahrend, erblickten wir bald die Küste des heiligen Landes, das Panorama von Jaffa. Das Schauspiel, das wir früher bei Konstantinopel geschildert, wiederholte sich auch hier, wieder übersielen uns dienstwillige Araber und trugen uns auf ihren Schultern, ohne zu fragen, in die kleinen Barkassen, welche man wegen Mangels eines Hafens benützen mußte, um zu landen. Stumm, jeder mit eigenen Gedanken beschäftigt, betraten wir den historischen Boden. Doch auch hier riß uns die nackte Wirklichkeit bald aus unseren Träumereien. Unter fürchterlichem Geschrei und Gezetter der müffigen Menge, die uns umfluthete, ließen wir unsere Sachen zum Zollamte schaffen, wo sie alsbald von Leuten untersucht wurden, die Beamte sein sollten, aber eher Bettlern glichen. Wer einen Paß hatte, zeigte' ihn, wer nicht, gab Bakschisch und Alles war in Ordnung. Einen noch schrecklicheren Eindruck als der, den wir in Constautinopel cmpfangeil hatten, machte die Stadt Jaffa auf uns. Enge, von Schmutz erfüllte Gaffen, eine verpestete Luft, schreiende Araber aus kleinen Eseln reitend, oder schwer beladene Kameele treibend, — wir waren froh, als wir unsere müden Glieder auf einem von Schmutz und Ungeziefer starrenden Lager hinstrcckcn konnten, welches uns unser Dolmetsch verschafft hatte. In Jaffa trafen mir eine Gesellschaft, die wenige Tage vor uns daselbst eingetroffen war und denselben Zweck verfolgte, wie wir. Es sind die Herren Rubinstein, Bolotny, Brodsky, Bermann, Minkof, Silberklang, Markus, Silber, Madorsky, Dachcfsky, Lisschitz, Solotaref, Herschenson, Medallic, Markus, Dolnik und Sohn, sowie ein Delegat von 30 Familien. Die genannten Reisenden sind aus verschiedenen Gegenden Rußlands und besitzen zumeist bedeutend größere Kapitalien, als die Herren unserer Gesellschaft, dabei habe ich 8 Emigranten noch nicht nennen können, weil diese bereits in's Innere des Landes zur Besichtigung von Gründen gereist sind. Mit ttefer Wehmuth erfüllte mich die Unordnung und Verwirrung, welche bei den Einwanderern herrschte. Mit der größten Anstrengung brachte ich es dahin, daß wenigstens zu gemeinsainen Berathungcn ein Local gemiethet wurde und lud die Herren Pines und Bentowim (Herr Toinkin ist noch in Elisabethgrad) vom hiesigen Comitä zu einer von uns veranstalteten Versammlung ein. An dieser Stelle soll auch die Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit, mit welcher die genannten Herren unserer Uncrfahrcnheit zu Hilfe kamen, rühmend erwähnt werden. Die zweite Sitzung wurde für Freitag nach Jom-Kippur festgesetzt, die Zioischcnzcit benützten wir zu einem Ausflüge nach den Colonien. Gleich nachdem wir die Stadt verlaffen hatten (was uns Allen ordentlich wohl that), glaulten wir in einem Paradiese zu sein. Eine liebliche reine Lust, erfüllt von herrlichem Wohlgeruche, ließ uns behaglich tief Athem schöpfen und soiveit das Auge reichte, sah man blühende Pstanzungen und herrliche Gärten; durch eine Allee von Zitronen- und Apfelsinenbäumen gelangten wir durch das Thor der „Mikweh Israel", der Ackerbauschule der Alliance Jsraelitc, nach Zstündiger Reise nach Rischon le Zion. Der Jubel, der sich beim Anblicke dieses Paradieses erhob und die Freude, welche unsere Herzen erfüllte, zu schildern, vermag meine Feder nicht. Man stelle sich eine lange, saubere, breite Allee vor, zu deren beiden Seiten nette Häuschen, umgeben von schattigen Gärten, uns einladend.zuwinktcn. Den höchsten Punkt des am Abhänge einer kleinen Anhöhe liegenden Ortes ziert die neugebaute Synagoge, von wo aus wir eine herrliche Fernsicht genießen: so weit das Auge reicht, blühende Pflanzungen und wohlculttvirte Weingärten. Man führte uns in das saubere Eiukehrhaus des Herrn Lewanttn, uni unsere ermüdeten Glieder.und Sinne auszuruhen. Inzwischen war es Abend geworden. Von allen Seiten strömten die Colonisten, die von unserer Ankunft erfahren hatten, herbei, um uns zu begrüßen. Und ivie thatcn sic dies! Man umarmte und küßte sich unbekannterweise; da gab cs nicht Fremde und Einheimische, sondern nur Bruder und Bruder, nur Kinder.einer unglücklichen Familie. Das Nachtmahl wurde gemeinsam eingenommen, wir aßen von den Früchten und tranken von dem Weine, den unsere Brüder im Schweiße ihres Angesichtes aufgezogen, und wehmüthig gedachten wir der Millionen von unglücklichen Stammcsgcnosseii in unserem Gcburtslande und der traurigen Zukunft, welcher diese Verlassenen cntgcgcngchcii. Der herrliche Eindruck, welchen die Besichtigung von RischoN le Zion auf uns gemacht, bewog uns zum Entschlüsse auch die übrigen Colonien zu besuchen. Wie dieser Besuch ausgefallen und das Ergebnis der zweiten Comit6sitzung in Jaffa will ich Ihnen nächstens berichten. I. Konstantinowsky. Eine polnische Stimme über die indische Vnlüstinn-Lolonisntion. In der vorigen Nummer der „Selbst- Emancipation" ward die in einem deutschen Tagblattc veröffentlichte Meinung eines deutschen Geistlichen über die jüdische Colonisation des heiligen Landes den Lesern mitgcthcilt. Es ist daher nur gerecht, auch zu hören, ivie sich die erste polnische, wisscnschastliche und literarische, in Warschau erscheinende Monatsschrift „Atcncum" über die geistige und psychische Veranlagung der jüdischen Nation und deren Stellung zur Colonisatton Palästinas ausspricht. Hören wir die Ansichten des Blattes (Jahrgang 1890, Band HI. Heft III.) in wortgetreuer Uebersctzung: „Gleichzeitig erfahren wir aus mehreren Quellen von einer anderen Emigratton, die ebenfalls das Merkmal einer Epidemie an sich trägt und zwar denken die Juden aus Wilna nach Palästina zu übersicdeln. Dies geschah unter dem Einflüsse eines bekannten (?)*) Agitators aus Jaffa, der zu ihrem Gefühle und ihrer Pantasie sprach, sie an ihre große Vergangenheit erinnerte und in ihnen die Sehnsucht nach ihrem Vaterlande, wo einst ihr National-Tcmpel gestanden und die Asche ihrer Ahnen ruht, wachries. Es wurden schon 10.000 Rubel behufs Ankauf von Grundstücken gesammelt, und die Vorbereitungen zur Emigration dauern fort. Dieselben tragen die Merkmale eines sehr ernsten und ruhig durchdachten Unternehmens an sich.**) Es ist bekannt, daß zwischen den Juden sogar in den tiefsten Schlupfwinkeln des chassidischcn Getümmels die idealen Funken der Sehnsucht nach dem vor so vielen Jahrhunderten verlassenen und bisher noch nicht vergessenen Vaterlande fortglimmen. Diese Erscheinung ist sehr sonderbar, *) Das? ist Anmerkung des „Ateneum". **) Die Berichte des Blattes über das Thatsächlichc sind offenbar sehr mangelhafter Natur, nachdem es nur von der auf eigene Faust durch einen gcwiyen Jaffe - so heißt nämlich der Mann — organisirtcn Auswanderung weiß, nichts aber von der großen, seit Jahren betticbenen systematischen Emigration und von der Thätigkeit des Odcffacr ComitLs. Die Red.