Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 14 (17.10.1890)
- Date
- 1890-10-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14. Selbst-Emancipation. Seite 3. dem sie keine neue Concurrenz befürchten zu müssen glauben. Wie wahr diese Behauptungen sind, zeigen Ostindien und Afrika. In Palästina, diesem Lande, das einerseits so iveit von der modemen Welt entfernt ist, um ihre Unarten von seinen Bewohnern ferne zu halten, und andererseits nahe genug, um ihre Errungenschaften in seine Gaue einzuführen und auf den genzen Orient zu übertragen, bietet sich eine größere Culturaufgabe für Israel, als — im besten Falle, d. i. wenn kein fortioährendcs Dcsertircn nach New-Dork und Philadelphia stattfindet — die ist, ein amerikanisches Hintcrwäldlerleben zu führen und einer halb-indianischen Verwilderung anheimzufallcn. Und dann, wer kann glauben, daß auf nordamerikanischem Boden, der trotz seines kosmopolitischen Anstriches alles unter das Joch des Dankecthums zivängt, die jüdische Eigenart, wie sie es verdient, sich rein wird erhalten können, daß in rein arischer Umgebung die semitische Nationalität der Juden, ihr Geist und ihre Sprache, sich iviedcr verjüngen werden? Nur im semitischen Oriente ist dieses Ziel zu erreichen. Doch die Wenigsten denken, wie bereits hervorgehobcn, bei ihren ainerikanischen Neigungen an eine Wiederherstellung einer jüdisch-nationalen Selbstständigkeit; für die Meisten liegt nichts weiter darin als ein Wohlthätigkeits- und Klugheitsact, wodurch momentan die Noch von Tausenden von GlaubenSbrüdcrn gelindert oder behoben wird, und sie selbst von eiitem in Hinsicht auf den Antisemitismus gefährlichen Uebcrschuß an Stammesgenosien befreit werden. Wir gestehen offen,, daß wir dieser Auffassung des Amcrika-Projcctes mehr Sympathie entgegenbringen. Auch wir haben, da wir ein- ' sehen, daß gegenwärtig nicht Alles, was auswandern will, nach dem heiligen Lande gebracht werden kann, nichts dagegen, wenn die Auswanderung von Juden nach Amerika organisirt und reichlich mit Geld gefördert wird. Wir wünschen aber auch, daß ob dieser mehr weniger nur von vorübergehendem Nutzen begleiteten Action jenes große Werk nicht vernachläßigt werde, das die Rettung unseres Volkes bedeutet, und das sich als doppelt nothwendig erweisen wird, wenn dereinst atich in Amerika die Hepp-Hepp-Rufe lauter und öfter erschallen werden. Es ist Aufgabe unserer leitenden Kreise, nicht bloß die Auswanderung nach Amerika, sondern auch die Colonisation Palästinas, und diese ganz besonders zu fördern. — feor Alle m aber hat diese Aufgabe eine Gesellschaft, die sich „Alliance Israelite universelle" nennt, und die als R e p r ä s e n t a n z des Gesammtjudenthnms angesehen wird und auch fürderhin angesehen werden will. B. „Der Ausnahmsjude." Wir sind heute in der Lage, uns mit einem Feuilleton des „Neuen Wr. Tagblattes", das den obigen Titel führt, zu beschäftigen. Wenn man envägt, daß in den Spalten eines deutsch-liberalen Organs ein Jude, sich offen als solcher bekennend, seine Stellungnahme zum Antisemitismus näher bespricht und darin warme Wünsche für seine Brüder ausspricht, so mag dies als ein Beweis für die Thatsache gelten, daß auch in diesen Kreisen, die bis heute alles, nur nicht Juden geheißen werden ivollten, die Erkenntnis zri erwachen beginnt, daß in Beztig auf die Judenfrage man doch einmal mit dem noblen laissez faire brechen müsse. Wir aber wollen damit nicht etwa bloß den Erfolg beleuchten, den die nationale Idee damit errungen, welche doch schon seit dem Beginne der antisemitischen Strömung offen und freimüthig auf ihr Panier geschrieben, daß das Eintreten für die Achtung und Ehre des jüdischen Bolksthumes, welches doch immer hauptsächlicher Gegenstand der Angriffe des Antisemitismus ist, Pflicht und Gewissenssache eines jeden Juden sein müffe. Diese Zeilen bezwecken auch Herrn F. Groß, den Unterzeichner des genannten Artikels unsere Anerkennung dafür auszusprechen, daß er in einer Wiener Tageszeitung an seine Stammesgeitossen in warmen Worten die Aufforderung richtet, das Heil in der Solidarität zu suchen. Er meint, daß ein Jude, der in Gegenwart von Antisemiten als Ausnahmsjude bczcichnet wird, sich loben und zugleich damit feine Brüder beschmutzen läßt und nur allzusehr vergißt, daß alle Schmach des Bruders schließlich auf ihn zurückfällt. Sollte dieser kleine Anlauf zur Erkenntnis von der Wiener Journalistik aus in der Wiener Judenschaft Verbreitung finden, so wird vielleicht langsam gut gemacht werden können, ivas von den maßgebenden jüdischen Kreisen gerade indem Punkte der Bertheidigting des Judenthums ungeheuerlich verbrochen wurde. Was F. Groß von seinem 'Ausnahmsjuden sagt, „das Erstaunliche läge darin, daß vernünftige Leute es sich gefallen lassen, in den Stand von Ausnahmsjuden erhoben zu werden", gerade dies sind die Vorwürfe, die wir unfern maßgebenden Juden machen müssen, welche in dem Wähne leben, daß die Vorwürfe, die man dem Judenthume mache, höchstens den Hausircr oder den polnischen Juden treffen, daß sie selbst aber' nicht damit gemeint wären, da sie ja elegante Kleidung trügen und so intim mit Ariern verkehren, daß sie die Judenhetze nicht angehe. Gerade der Mangel an Solidarität unter uns Juden war es, der den Antisemitismus $ti solcher Größe har heranwachsen lassen; und daß das Gefühl der Solidarität von uns Juden so rasch hat schwinden können, das lag in dem Zersetzungsproceß, der im gesellschaftlichen Leben der Juden alles Jüdische verbannen wollte. Die assimilatorische Richtung hat die Bande des jüdisch-nationalen Zusammenlebens nur allzusehr gelockert. Wir wurden d u r ch d i e Assimilation keine N i ch t j u d e n, — wir blieben Juden, ohne den Kitt der Einheit, des Zusammenhaltens, der Zusammengehörigkeit. Möchte doch wenigstens der Antisemitismus dies eine Gute bewirkt haben, die Juden einander zu nähern, den Werth des Volksthnms unter ihnen neu zu beleben und zu kräftigen. Es wird dann die Solidarität kein bloßes pium clesiclerium sein. R. 3n’s Heimatland! Reisebilder eines Emigrirten. Rischon le Zion, den 8. Tischri 5651. 'Acht Jahre wirkte und schaffte ich in Odessa als Mitglied der „Chowawc-Zion" für meine unglücklichen Brüder, bis die Sehnsucht nach dem heiligen Lande mich zwang, dahin jn reisen und dortselbs! ein neues Leben zu beginnen. Ich fuhr nicht allein, eine ganze Gesellschaft von Brüdern mit gleichen Zielen theiltcn mit mir das Schiff. In 36 Stunden hatten wir den Bosporus erreicht und blieben im goldenen Horn vor Anker. Stumm standen wir auf dem Verdeck und bewunderten das herrliche Panorama, welches das in leichten Nebel gehüllte Constantinopel unseren erstaunten Blicken darbot. Plötzlich erweckte uns heftiges Geschrei aus unserer träumenden Bewunderung, verdächtige Gestalten erklommen unter großem Lärmen das Schiff und umringten uns schreiend und gcsticnlirend. Wir waren ob des uilgcivohnten und unerklärlichen Anblickes ganz erschrocken, beruhigten uns aber bald, als der Capitän die Horde als ganz unschuldige Gondolieri bezeichnete und uns rieth, ihre Hilfe in Anspruch nehmend, das Innere der Stadt zu besichtigen. Wir folgten seinem Rathe, hätten aber besser gcthan den Spaziergang zu unterlassen; der prächtige Gesammteindruck, welchen, einer Fata morgana gleich, die Stadt im Morgengrauen auf uns gemacht, verschwand vollständig und machte einem Gefühle der bittersten Enttäuschung Platz, als wir durch die Straßen Conftantinopels wandelten. Doch ich will Ihre Leser mit der Schilderung des Schmutzes, welcher sich unseren Augen darbot, nicht weiter bemühen, es ist ja schon genug darüber geschrieben worden. So rasch es nur ging, eilten wir zurück zu unserem Schiffe, um, das Marmara-Meer und die Dardanellen paffirend, die Reise fortzusetzen. In Smyrna machten wir wieder Halt. Doch bald hätte ich vergessen Ihnen zu sagen, wer „wir" waren! Fast 40 Juden hatten sich gleichzeitig mit mir aufgemacht, um in Palästina Boden zu kaufen und der Bearbeitung desselben fortan ihr Leben zu weihen. Ich will einige derselben mit Namen nennen und zum Beweise dafür, daß auch Vermögende, ihr Geburtsland verlaffend, ein neues Leben beginnen, bei jedem das mitgenommene Baargeld anführen. Es sind die Herren Kaminsky mit 6000 Rubel. Michelsfohn mit 5000 Rubel, Millensky 8000 Rubel, Gnttner 2000 Rubel, Makow 5000 Rubel, Brodsky 1500 Rubel, Lcchowsky 3000 Rubel, Kaplan 2000 Rubel, Schiverkoivsky 3500 Rubel, Bergmann 4000 Rubel, I, Konstantinowsky 3500 Rubel, die