Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 14 (17.10.1890)
- Date
- 1890-10-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Selbst-Emancipation. Nr. 14. hätigkeit bewähren können. Man beseitige die Grundursache und man wird nicht stets gegen deren Folgen anzukämpfen haben. Die gründliche Hilfe ist das Bezeichnende des jüdisch-nationalen Princips. Wir haben schon einmal in diesen Blättern darauf hingcwiesen, daß gründliche Hilfe nicht eins ist mit r a s ch e r Hilfe. Und wer den Juden aus der Palästina-Colonisation mit Gewißheit einen raschen Erfolg verspricht, gleicht dem Marktschreier, der seine Mixturen als nach einmaligem Gebrauche gegen die schwersten Leiden wirkende verkündet, gleicht dem Verfasser eines Büchclchcns, das in vierzehn Tagen eine fremde Sprache'lesen, schreiben und sprechen lehren soll. Läßt sich nun die Beendigug des Golus durch die Colonisation Palästinas, wenn auch nicht rasch, so doch wenigstens überhaupt h erbe i s ü h r e n? Wir antworten darauf mit „I a", und zwar ans folgenden Gründen: Das h ei li ge Land ist ein schwach bevölkertes Land. Die Zahl der Bewohner ist eine überaus geringe, so daß sie sich bei hochentwickelter Cnltur mindestens verfünffachen, cs von 600.000 auf drei Millionen bringen könnte. Raum ist also genug vorhanden, um einen beträchtlichen Theil der Judenheit zu fassen und sie zur Schutzgemeinschast für die im Gewogc Europas und Amerikas verbleibenden Stammcsgenossen werden zu lassen. Das heilige Land ist fruchtbar. Sein Boden ist zwar verwahrlost, aber dennoch segenbergcnd. Wenn vielleicht, was übrigens den officiellen Berichten nicht ganz entsprechen würde, die „Alliance lsraelite universelle" mit ihrer ' Ackerbauschulc bei Jaffa schlechte Erfahrungen gemacht hat, so. mögen diese auf Rechnung der Schule selbst zu setzen sein, da man in den Colonien ganz entgegengesetzte höchst günstige Erfahrungen gesammelt hat. Aus der dünngesäcten Bevölkerung und der Fruchtbarkeit des heiligen Landes folgt seine Fähigkeit, eine stets sich vergrößernde Einwohnerzahl zu ernähren. Das Anwachsen der Bevölkerung müßte freilich ein nicht allzurasches und ein stetiges sein. Dies zu überwachen wäre eben Sache der Organisatoren der Auswanderung. Bei rationeller Pflege des Bodens und gleichzeitiger Sorge für Entwicklung von Industrie und Handel unter Austvendung bedeutenderer Geldsummen würden einige Jahrzehnte genügen, um zwei bis drei Millionen Juden in Palästina anzusiedeln. Einige Hunderttauscnde könnten in einem Jahrzehnte auf Kanaan's Boden Platz stnden. Gerade diese Möglichkeit sollte auf die Amerika-Enthusiasten abkühlend wirken, und wir werden in diesem Aufsatze noch darauf zurückkonlmen. Das heilige Land ist eben das heilige Land, das Land der Bibel, das Land unserer nationalen Größe. Dieser Vorzug ist nicht zu unterschätzen. Soll es gelingen, nationales Bewußtsein in das Herz des Volkes zu pflanzen, so muß auch an sein nationales Empfinden appellirt werden. Palästina ist das Land, auf das wir ein historisches Recht haben und in dem wir nie als Fremde werden angesehen werden können. Das heilige Land i st ein orientalisches Land, d. h. es paßt für die Juden als Orientalen am allerbesten. Rur dort könnte Israel aus der komisch-traurigen Rolle eines imitirten Arierthums hcrauskommcn und mit seiner passenden Umgebung seine Natürlichkeit wieder gewinnen. Daß cs andererseits in die heutige Verfallcnhcit des Orients verfallen könnte, ist bei seiner Art nicht zu fürchten und eher zu hoffen, daß von ihm ein belebender, reinigender Hauch über das ganze Morgenland ausgehen würde. Das heilige Land bietet der Ansiedlung von Juden keine unüberwindlichen Hinderniss e. Mit diesem Ausspruche sind ivir zu einem der wichtigsten Punkte der Frage gekomnieu, zugleich zu dem Punkte, von dem aus die „Amerikaner" zumeist ihre Angriffe richten. Man befürchtet politische und religiöse Schwierigkeiten, oder nennen wir das Kind beim rechten Namen: D i c „P f o r t e" u u d das „heilige G r a b." Es hieße schönfärben, würde man in diesen Befürchtungen nicht einige Berechtigung finden. Aus leicht begreiflichen Gründen läßt sich auf diese Frage nicht so genau in einem Blatte antworten, als geantwortet werden könnte, aber drei D i n g c wollen wir den geehrten Lesern dennoch zu bedenken geben: Erstens: Bisher ist es mit lächerlich geringer Mühe gelungen, die Pforte dem Unternehmen günstig zu stimmen; sollte das nicht auch fürder möglich fein, besonders wenn uns coloffale Geldmittel zu Gebote ständen? Denkt ja auch Niemand, daran, dem Osmanenreiche wieder ein Stück Landes zu entreißen; wollen wir ja nichts anderes, als auf einem vernachläßigten Theile desselben ein kräftiges jüdisches Volksthum erziehen, das den übrigen Juden eine Zufluchtsstätte sein soll, und würde ja gerade die türkische Regierung die letzte sein, die nicht aus dieser Verjüngung Israels Nutzen zöge. Den weiteren Ausbau unseres nationalen Lebens können wir getrost der Zukunft überlasten, ohne mit hochvcrräthcrischcn Plänen gegenüber der Türkei vorgchen zu müssen. Zweitens: Die Zeiten sind vorüber, wo Europa Kreuzzüge organisirt hat, um in den Besitz des heiligen Grabes zu kommen und dann hätte es ja diesbezüglich voraussichtlich noch immer nur mit der Türkei zu thun. Und sollte es dieser den Garaus machen, was noch keineswegs so sicher ist, wie gemeiniglich angenommen wird, so wird wohl das in so viele auf einander eifersüchtige Nationen zersplitterte Europa nicht die Einigkeit finden, um Israel im Lande seiner Väter zu drücken; im Gegenthcile, die gegenseitige Mißgunst der Europäer böte uns die besten Chancen. Doch wozu länger in die Ferne schweifen? Ersparen wir uns diesen Fernblick durch das Drittens: Das jüdische Volk hat Verstand, und dieser im Vereine mit Geld kann Riesenhindernisse beseitigen. Das aber ist eben das Traurige, daß die leitenden Kreise im Jüdenthume Verstand und Geld auf andere. unnütze oder blos momentan nützende Dinge verzetteln und auf das große Unternehmen nicht verwenden wollen,. welches jüdische Intelligenz und jüdische Capitalskraft mit Bestimmtheit d u r ch setze n könnte n. Wir glauben gerne, daß die Ansicdlung von Juden in Amerika, was politische Hindernisse betrifft, — im Aufwandc von Geld ist der Unterschied gering — wesentlich leichter ist als in Palästina. Aber was erreicht man damit? Nehmen wir an, man verfolge nationalpolitische Zwecke damit, was, wie eingangs erwähnt, recht selten der Fall ist. Glauben die seltsamen Schwärmer, die neben dem Neu-Jerusalcm der Mormonen noch ein neuestes Jerusalem der modernen Hebräer errichten wollen, daß es der in die Schule Europas gegangene Jude in der Nähe der großen Handelsstädte Amerikas, auf jenem Boden, der der klassische des Humbugs und der modernen Gcmüthlosigkeit ist, beim Pfluge aushaltcn wird? Das sind wohl die nach Amerika einwaudernden germanischen, slavischen oder romanischen Bauern im Stande, die seit Jahrtausenden dem Ackerbau, obliegen, aber die Juden, welche eine zweitauscndjährige europäische Zucht zum Schachern gebracht und an dasselbe gewöhnt hat, auf sie würden die großen amerikanischen Haudelsemporicn mit magnetischer Anziehungskraft wirken; die Speculationsluft der neuen Welt wird verführerisch auf ihre Sinne cinströmen. und, Pflug und Ländlichkeit verlassend, werden sie dem alten unruhigen Leben sich ergeben und so wieder neuen Anlaß zu Neid, Haß und antisemitischer Verfolgung bieten. Wozu wird dann die Etablirung als Nationalität gedient haben? r Der jüdische Stamm muß vielmehr ein tcrtoriales Ccntrum erhalten, auf dem sich eine Gemeinschaft auf agricultureller Grundlage entwickeln soll. Der Handel darf erst in z,veiler Linie und, aus naturgemäßer Nothwcndigkeit sich entwickelnd, in Betracht kommen. Daß die Juden wieder ein ackerbauendes Volk werden, und so innig mit ihrem Boden verbunden sind, ist ein Haupterfordcrnis der territorialen Concentration, und dieses Erfordernis kann a u f amerikanischer Erde nie erfüllt werde n. Was frommt die Leichtigkeit der A ns i e d l u n g, wenn sich die Umsiedlung eben so leicht und rasch bciverkstclligeu wird? Man hört auch oft von einigen Amerika- Fanatikern die Phrase aussprechcn, die Cultur ziehe stets nach Westen und daher seien auf den Osten gerichtete Colonialbestrebungen von vorncherein nicht aussichtsvoll. Gegen dieses Dogma läßt sich nicht ankämpfen, denn wie könnte man dies ja gegen Dogmen. Und mehr als . unbewiesenes Dogma ist diese Behauptung ja nicht. Im Gcgcntheil zeigt ein Blick auf die Verhältnisse, wie sie waren und sind, daß sich die Völkergeschicke nicht ihre Wege von einigen, verallgemeinenden Pedanten vorschreiben lassen. Die C u lt u r g e h t nicht st c t s von O st e n n a ch Westen, sondern dorthin, wo sie fehlt und Auswanderer suchen nicht gerade den ' Westen, sie suchen ein möglichst leeres Land, aus