Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 13 (3.10.1890)
- Date
- 1890-10-03
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. S e l b st - E m a n c i p a t i o n. Seite 7. aber mit der Nothwendigkeit einer im jüdischen Jargon geschriebenen Zeitschrift znr Wahrung der nationalen Interessen — Wir werden noch Gelegenheit finden, nnS eingehender mit dein Jargon zu befassen und vom national-hebräischen Standpunkte die Bestrebungen zurückzuweisen, welche der jüdisch-deutschen Mundart diesem unglücklichen Sprachzwitter, die Rolle einer jüdischen Rationalsprachc einränmen wollen; aber es kann nicht geleugnet werden, daß dieses uns an unser Unglück erinnernde Idiom das viel zu benützende Mittel abgcben muß, um zum Herzen der großen Mehrheit unseres Volkes zu sprechen, — solange, bis die herrlichen Laute des Hebräischen wieder Gemeingut Israels geworden sein werden. Von diesem Standpunkte aus ist der „Kantschil" eine große Leistung und wäre» ihm viele Nachfolger zu wünsche». Correspondenz der Redaction. Herrn H. K. in Wien. Für diese Nummer zu spät gekommen, erscheint in nächster Nummer. Herrn D. M. in Czcrnowitz. Wir empfehlen Ihnen daS Wörterbuch von Benfew, und zwar in der neuesten von Schulbaum besorgten und ergänzten Ausgabe. Belletristisches. Auf Nklch Osten! - (Lied.) Streif' den fremden Staub vom Schuh' Sainint der thatenlofen Ruh', Auf nach Vsten, wo sie bliih'n Uns'rc trauten Lolonien, Auf mein Freund I Auf nach Vsten, auf getrost, wo ein junges Leben sproßt, wo ein scgenreiches Land Unsre Brüder, wie ein Band Fest vereint! Fleuch den Westen liebelos; Aoiniu', das Morgenland ist groß; Auf inein Freund, wo voller wonn' Unser cig'nes Heini die Sonn' Froh bescheint! F. David Alrou. Von Benjamin d'Jsracli. (3. Fortsetzung.) Alroy stürzte der Thür zu. Aber das schwere Schloß öffnete sich nur langsam, und ehe dies geschehen, hatte das wilde Roß Alschiroch schon weit hinweg getragen. Ein Ausdruck unterdrückter Wuth zeigte sich noch einen Augenblick auf Alroy's Gesicht. Er starrte stieren Auges den Weg entlang, wohin sein entflohener Feind gesprengt, und ging dann langsam zu dem Grabe. Doch stand sein aufgeregtes Geinüth nur ivcnig im Einklänge mit der stillen Träumerei, ivelcher er dort hatte nachhängen ivolleit. Er war unruhig und gestört, und ging also von da hinweg in das Gehölz, welches auf dem Gipfel des Begräbnißplatzes sich erhob. Hier fand er endlich sich selbst auf einem Hügel wieder, von jungen Pinien bewachsen, in deren Mitte sich eine mächtige Zeder erhob. Unter ihre schattigen Aeste warf er sich hin, und schaute nun in ein kleines grünes Thal, in dessen Mitte ein niarmorner Springbrunnen stand, dessen reichverzierte Kuppel von gewundenen Säulen getragen ivard, und um welche her eine breite Inschrift in hebräischer Sprache lief. Die Füße der weißen Säulen waren mit wildwachsenden Blumen bedeckt, oder von gestreiften Kürbissen umrankt. Das sanfte Licht des Sonnenuntergangs ließ alles in einem milden und doch glänzenden Schimmer erscheinen. Die ruhige Stunde, der reizende Anblick, die Milde und Stille, die ihren Duft rings ergossen, die liebliche Kühlung, welche sanft begann und die Vögel aufrief, ihr Gefieder im Hauche der Dämmerung zu erfrischen, und ihre glänzenden Schwingen zu dem Himmel, schön wie dieser, zu erheben. — Ach! welcher düstere Geist würde nicht erheitert durch den milden Genius des sänftigenden Abends! Und Alroy blickte auf die reizende Einsamkeit der Erde, und eine Thräne stahl sich seine männliche Wange herab. „Es ist sonderbar! aber wenn ich so allein bin in solch stiller Stunde, stelle ich mir immer vor, ich blicke in daS gelobte Land. Und oft in meinen Träumen steht irgend eine sonnige Landschaft vor meinen Augen, und wenn ich erwache, ist mir's, als sei ich in Canaan gewesen. Warum bin ich's nicht? Die Caravane, die meines Oheims Güter durch die Wüste führt, würde mich auch dahin führen. Aber ich verbleibe hier und verbringe mein unglückseliges Leben in dem müßigen Elende dieser verhaßten Stadt, und vollbringe nichts. O Jerusalem! Ich sollte glauben, auch nur Ein Blick auf Dich würde mich begeistern bis jur spannendsten Erregung. Und dennoch — auf Deine Trümmer zu blicken! — denn mein Oheim sagt mir, daß kein Stein auf dem andern geblieben von Deinem Tempel — Furchtbar! Giebts denn keine Hoffnung mehr? „Die Steine sind gefallen, aber mit Marmor wollen wir Dich wieder ausbauen; die Sycomoren sind umgehauen, aber durch Zedern wollen wir sie ersetzen." „Horch, der Chor unsrer Mädchen, wie sie ihren Abendbesuch dem Brunnen bringen! Der Gesang ist prophetisch. — Wie schön schwimmen ihre sanftvercintcn Stimmen auf der mild dahinströinenden Luft." „Aber ich will Dich wieder aufbauen, und Du sollst gebaut werden, o Jungfrau von Israel! Und wieder sollst Du Dich bekleiden mit Deinen Gewändern, und wieder schreiten zum Tanz mit denen, die da fröhlich sind. Und wieder sollst Du pflanzen Weingärten an den Bergen von Samaria." „Sieh, wie die weißen Gestalten leuchten durch das glänzende Laub der Gebüsche, wenn sie herabsteigen die sanfte Anhöhe! Ein schöner Verein in herrlichem Zuge; jede gekleidet in feierliche Gewänder, verhüllend ihr Gesicht mit bescheidener Hand, und auf dem anmuthigen Haupte das wohlgeformte Gefäß tragend. Meine Schwester führt den Zug. Jetzt kommen sie zu dem Brunnen, und tauchen ihre Gefäße in das Wasser, rein und schön, wie .sie selbst. Einige ruhen aus unter den marmornen Säulen; Andere, mitten unter den Blumen sitzend, pflücken die duftendsten und lvindeir sie zu Kränzen, und jenes fröhliche Mädchen taucht jetzt die zarten Finger in das feuchte Gefäß, und spritzt neckende Tropfen auf ihre lachenden Schwestern. Horch! sie singen von neuem." „O Wein von Sibmah! zu deiner Sommerfrucht und zu deiner Weinlese ist ein Räuber gekommen!" — Ein Geschrei, ein Gekreischtem langes, wildes Gekreisch, Unordnung, Flucht, Verzweiflung! Ha! Aus dem Gehölze stürzt ein Mann im Turban, und bemächtigt sich der Führer!» des Chors. Ihre Gefährtinnen entfliehen nach allen Seiten. Mirjam allein bleibt in den Armen Alschirochs. Die Wassersäule steigt wild empor aus der Brust des Sommer-Oceans, wenn plötzlich die Wolken verkünden, daß der ruhige Festtag des Himmels vorüber, und die kreischenden Seevögel eine Zeit grauser Erregung melden; aber die Säule, die der See entsteigt, ist nicht so furchtbar, wie er — der junge Alroy. Bleich und wahnsinnig sprang er empor, und riß einen Baum heraus an seinen frischen Zweigen, und in gewaltigen Sprüngen die Anhöhe hinabstürzend, schnaubend vor Grimm, schlug er den Räuber mit der mächtigen Pinie an die Schläfe. Alschiroch siel leblos auf dem Boden, und Mirjam ohnmächtig in ihres Bruders Arm. Da stand er nun, starr und unbeweglich in seiner Schwester todtbleiches Anlitz blickend, selbst erschöpft von Leidenschaft und That, die geliebte Besinnungslose haltend. Eines der entflohenen Mädchen erschien forschend in der Ferne wieder. Als sie ihre Gebieterin in den Armen Eines aus ihrem Volke erblickte, kehrte ihr der Muth zurück und sie rief die zerstreuten Gefährtinnen wieder herbei. Sie sammelten sich um ihre Gebieterin. Die eine lüftete ihren Schleier; eine andre brachte Wafler aus dem Brunnen, und benetzte das sich wieder belebende Antlitz. Mirjam aber öffnete die Augen und sagte: „Mein Bruder!" und er antwortete: „ich bin hier." und sie entgegnetc mit leiser Stil»»ic: „Flieh', David, fliehe, denn der Mann den Du schlugest, ist ein Fürst unter dem Volke." „Fürchte Dich nicht, Mirjam. Möchte doch dieses ganze verfluchte Geschlecht uns nicht mehr beunruhigen, als dieser ihr sonstiger Gebieter. Sieh', er schläft tief. Aber sein Leichnam soll nicht beflecken unfern reinen Quell, unsre duftenden Blumen. In den Wald will ich ihn bringen, und dann zu Nacht wieder hiehcr kommen und die Schakals belauschen bei ihrem Feste." „Du sprichst irre, David! Wie? Nein, nein, es ist unmöglich! Er ist nicht todt! Du hast ihn nicht erschlagen! Er schläft — er fürchtet sich. Er stellt sich nur todt, damit wir von ihm fortgehen und er dann sich wieder erhebe in Sicherheit. Mädchen, seht doch nur hin. David, Du antwortest nicht! Bruder, theurcr Bruder!