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Selbst-Emancipation · 1890-10-03 · Heft 13 (3.10.1890) · p. Seite 6

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Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 13 (3.10.1890)
Date
1890-10-03
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. S e k b st - E m a n c i p a t i o 11. Nr. 12. Gerüchte von bevorstehenden neuen Maßregeln gegen die russischen Juden und die Ausweisung der letzteren aus ihren Wohnsitzen, hatten fast dicsclücn Wirkungen, wie die Plünderungen der Juden im Jahre 1882. Trotz aller Warnungen des Comitös in Odessa, daß cs derzeit kein Geld besitze, um neue Colonicn zu gründe:,, daß sein Ziel nur sei, den dort in, heiligen Lande bereits befindlichen Colonisten zu helfen, aber nicht neue zu werbe», trotz alles dessen, strömt man massenhaft nach Palästina, in der Zuversicht, daß der Ausschuß dennoch große Summen besitze und jedem Hilfe leisten werde, der nur mit dem Ackerbau sich beschäftigen wolle. In Odessa wenden sich die Emigranten nicht selten persönlich an den Vorsteher des Ausschusses, Herrn Dr. PinSkcr und an andere Mitgliedern, die ihnen rathcn, daheim zu bleiben; aber bedauerlicherweise halten jene solche kluge Nathschlägc für „Politik", reisen von Odessa nach Jaffa ab, wo sie ein böses Loos erwartet: Hungcrsnoth und Verzweiflung. Was kann jetzt die kleine arme Gemeinde in Jaffa machen? Dort gibt es keine Reichen, auck, Wohlhabende sehr wenig. Wie kann sic einer großen Menge armer, unglücklicher Auswanderer, welche keinen Pfennig haben, helfen? Sie versucht cs zwar nach Möglichkeit, aber das ist wie ein Tropfen im Meere. — Nicht selten sicht man dergleichen Gesellschaften nach Palästina reisen: Ein alter, kränklicher Mann mit Frau und sieben kleinen ändern, ohne einen Pfennig. Auf was rechnen diese? Solcher Armen giebt es in den Straßen Joffa's viele; sie wissen nicht, was anzufangen, und machen dann dem unschuldigen Palästina Vorwürfe.*) N. Großmann. (Bodenankauf in Palästina.) Wir entnehmen der „jüd. Presse", daß unser rühinlichst .bekannte Gesinnungsgenosse, Herr Dr. d'Arbella, Chef-Arzt des Rothschild-Hospitales in Jerusalem, für eine Gesellschaft, welche im heiligen Lande anzusiedcln beabsichtigt, in der Nähe von Liberias ein Areal von 1300 Dunani angekauft hat. (Fahrpreisermäßigung.) Auf Anregung tcs Herrn Jacobsohn in Odessa, hat die dortige Dampfschifffahrts-Gesellschaft den Ucberfahrtpreis nach Palästina per Person auf 16 Rubel ermäßigt und Retourbillets mit einjähriger Gilttgkeitsdaucr zu 28 Rubel eingeführt. Literatur. „Bilder und Schatten aus dem Leben der Juden in Mascfcwka" von Schalom alechem. Der Autor, der uns schon längst durch seinen ausgezeichneten Roman „Stcmpiniew" in jüdischdeutscher Mundart bekannt ist, hat auch in seinen „lernunoth we-zelalim" die nicht mehr im Jargon, sondern in der hebräischen Nationalsprache geschrieben sind, eine Probe seines Erzählungs- und Schilderungstalentes abgelegt, und begrüßen wir seinen Eintritt in die hebräische Literatur mit einem freudigen „Schalom alechem". Die „Bilder" waren zuerst im „Hamelitz" abgedruckt und hat der Verfasser gut daran gcthan, sic in Buchform im jüdischen Lcsepublicum zu verbreiten. Ein wahrheitsgetreues Bild ist die »Assefah« („Versammlung"). Der Autor malt mit *) Sic sollten ihre Vorwürfe gegen die herznnd vcrständnißlosen Reichen Israels erheben. Man bedenke, wie leicht es diesen Capitalisten wäre, alle diese nach Palästina Ziehenden mit Grund und Boden und den uöthigcn Mitteln zu versehen. Aber diese Leute werfen ihr Geld für nutz- und kopflose Unternehmungen zum Fenster hinaus! Wenn sich nicht in Rußland neben dem Odeffaer ComitL, dem statutarisch die Unterstützung der Auswanderung selbst untersagt ist, private Gesellschaften durch Zusammenlegung yon Geldern damit beschäftigten, den Grund zu neuen Colonicn zu legen, so würde in dieser so wichtigen Richtung gar nichts geleistet werden. . Die Redaction. richtigen Farben das Leben der Juden in den kleinen russischen Städten. In die gewaltige Finsternis derselben sind bereits Lichtstrahlen der Aufklärung gefallen, denn schon findet sich unter den Wilden einer, der unangefochten den „Hamagid" liest. Auch der Gedanke der Colonisation Palästina's hat schon ein wenig die Nabbincn in den kleinen Städten berührt. Gut illustrirt ist die Gewohnheit unserer Stammesgcnossen, Versammlungen und Sitzungen einzubcruscn, Vereine zu gründen, Obmänner und Cassicrer zu wählen, ohne daß sich aus dem Allen ein praktischer Nutzen ergäbe. — In der Erzählung »Ha-Aschkenas* („Der Deutsche") zeigt uns der Verfasser Mase Fewka mit seinen unsauberen Plätzen und Gassen, und seine jüdischen Einwohner, die in Finsternis wandeln, welche sie für Licht halten. Nur begreife ich den Autor darin nicht, daß er den „Deutschen" den Samen der Aufklärung in diese Stadt tragen läßt — einen Menschen, der Frau und Kinder verläßt und hcrumzieht, um Liebeleien anzuknüpfen und mit Mädchen zu tändeln, und der in Briefen an seine Freunde dies auch als cinzigen Zweck seines Aufenthaltes in dem kleinen russischen Neste angibt. Der Verfasser selbst wird zugebcn, daß die Verführung einiger Mädchen nicht Aufklärung genannt werden kann. — Sehr schön ist die Novelle „Wegen eines Nett i g s". Da spiegelt sich die Art des Halbgebildeten sehr treu ab. Wenn sic nur zur Aufklärung hinübergcblinzclt haben, verwerfen sic gleich alles was mit Jüdischem in Berührung steht, selbst die bisherigen Lieblingsspeiscn werden nunmehr verabscheut. So zerstört Jacques (früher Jacob) Pfefferminz seinen Hausfrieden nur deshalb, weil seine Frau'einen Nettig ißt, der doch ein jüdisches Essen sei. — Besonders interessant ist die Erzählung „Der Selbstmörder", worin der Schriftsteller zeigt, daß das Wuchern nur für hartherzige Leute geschaffen ist. — Im Allgemeinen können wir sagen, daß alle Bilder gelungen sind, denn außer der richtigen Darstellung zieht die leichte und schöne Sprache sehr an. Auch in der Uebertragung von Volkssprichwörtern in's Hebräische zeigt er sich als Meister. Wir würden uns freuen, wenn der Verfasser die Literatur mit noch vielen Büchern dieser Art bereichern würde. Lemberg, Sept. 1890. Samuel Rapaport. Ugabh Rachel (Rachelis Citharae Cautus). Eine Sammlung von Gedichten, Inschriften und Briefen der Rachel Morpurgo, znm 1. Male herausgcgeben mit Einleitung von Jsak Haim Castiglioni (Prof. Ritter v. Castiglioni). Das vorliegende Werkchcn ist doppelt interessant. Nicht blos ivcil cs eine Frau zur Verfasserin hat, sondern auch wegen des echt jüdischen Geistes, der uns aus demselben cntgcgcnsttöint. Was aber demselben die größte Bedeutung verleiht, ist, daß das Auftteten unserer Dichterin gerade in jene Zeit fällt, wo das Gros der Judcnhcit im Westen sich von der hcbr. Literatur abwcndcn zu müssen glaubt. Rachel Morpurgo ist uns nicht nur als jüd. Dichterin, sondern auch als warmfühlcnde Tochter Israels thcucr. Ein Zug durchzieht fast alle ihre Gedichte, die feste Hoffnung auf ein geeinigtes, starkes und herrliches Israel im Lande seiner Väter. (Siehe namentlich Gedichte III., IV. und XIX. in der besprochenen Ausgabe.) Die Sehnsucht nach Jerusalem durchdrang die ganze Seele der Dichterin; wie den großen'Dichtern unseres Volkes war Palästina auch ihr das thcucrste Gut auf Erden, um dessen willen sic Familie und Freunde verlassen und als Magd Montcsiorcs fortzichen wollte. Ihre Gedichte sind durchwegs lyrischer Natur, schön und erhaben, wie ihre Seele, getragen von dem herrlichen Geiste ihres Wesens, welcher sich in jedem einzeln wicderspicgclt. Wir begrüßen diese an Inhalt und Form so schönen Gedichte jetzt iiinsomehr, als sic gerade in einer Acra herausgcgeben tvcrdcn, wo die - jüdische Literatur aufzublühen und manche Tochter Israels sich mit derselben zu befassen beginnt. Es wäre wünschenswcrth, locnn Jemand sich der herrlichen PoLmc annchmcn und sie dem deutsch lesenden Publikum erschließen würde. Eines derselben ist bereits von L. A. Frankl ins Deutsche und ein anderes von dem uuermüdlichcn Herausgeber ins Italienische übertragen worden. — Das Werkchcn, welches von Herrn Prof. 'Ritter v. Castiglioni sorgfältig rcdigirt tvurdc, ist mit einer Eiulcitung, die Stellung der Frau bei den Jude» behandelnd, einer Biographie der Dichterin und einer wcrthvollcn Abhandlung über die hebräische Prosodie auS der Feder de? gelehrten Herausgebers, lvclchem der Dank aller Freunde der hebräischen Literatur gebührt, ausgestattct. Dr. Hn. Der Kautschik (Kancziig-Kiintc) oder „Kiues (Kinoth-Klagclicdcr) nach Tischoh b'Ow", heraiiSgcgcbcn von den Mitglieder» des Vereines „Zion". Lemberg 1890. Der national-jüdische Verein -„Zion" hat mit der Herausgabe dieser Brochürc eine nicht genug anzucrkcnncndc Leistung vollbracht. Für die jüdische Bevölkerung Lembergs und Galiziens überhaupt berechnet, ist die Brochürc im jüdischen Jargon und z>var im populärsten Tone geschrieben; sic ist berechnet zn wirken und auch dazu geeignet, vermöge des ttefflichcn, in seiner urwüchsigen Kernigkeit überzeugenden Inhaltes. Der „Kantschik" zählt drei Capitcl. Das erste, „An die Leser" betitelt, wendet sich gegen die Assimilation und tritt für die nationale Idee, für jüdische Erziehung und Pflege der hebräischen Sprache ein. „Ist cs möglich", heißt cs in demselben, — die Nebcrsetznng trifft freilich nicht den Kapuzinadcn-Ton des Originals — „meine Lieben, daß einer von Euch sich eines schönen Tages besinne, und, mit seinem Vater, seiner Mutter und seinen Geschwistern unzufrieden, auf die Straße ^gche, um sich neue Eltern und neue Geschwister zu suchen. Ihr lacht . — es ist auch gar zu komisch. Und doch ist eS ganz dasselbe, ivcnn man Euch zu Polen machen will. Was mitgcboren ist, läßt sich nicht später anders machen und gerade so, wie Ihr Eure krummen jüdischen Nasen durchaus nicht los tvcrden könnt, so könnt Ihr auch Euer Judeuthum überhaupt nicht los werden u. s. w." — Im zweiten Capitcl „Kinoth sagen oder verstehen?" belauschen wir das Gespräch eines Nntionaljudcn der jünger» Generation mit einigen frommen Juden, ivorin der erstere den letzteren die innere Unwahrheit ihrer Zionsklage am 9. Am vorhält. „Eure Thränen sind falsch", sagt der junge Zionist, „Euer Gebet ist eine Lüge. Von jenen imitirten Polen, welche alles anwenden, um für Polen gehalten zu werden, ohne daß ihr Streben einen Wiedcrhall findet, will ich gar nicht sprechen; aber Ihr, echte Juden, wie wagt Ihr noch in's Bcthaus zu kommen, über die Zerstörung Jerusalems zu klagen, wie schämt Ihr Euch nicht vor Gott, solche Lüge zu sagen-Ihr könnt nicht? Ihr habt ctiva kein Geld? lim Euch in Karlsbad und Frauzcnsbad Rendezvous zu geben, dazu könnt Ihr wohl Tausende verschwenden, — aber habt Ihr schon einmal etwas für Palästina gegeben? Vielleicht werft Ihr hie und da einen Kreuzer in eine Erez-Jsroel- Büchsc für alte Juden, welche hinfahrcn, um dort zu sterben und einen Friedhof aus dem heiligen Lande zu machen.' Warum schickt man nicht junge, gesunde Menschen mit kräftigen Händen hi», um das Land zu bearbeiten, für welches Ihr Früh und Abends betet. Eure Gebete sind Geplapper ohne Herz und Gefühl. Das ist eben unser Unglück. Wir sind nur „Säger" („Sugcrs"), ivir würden noch tausend KincS sagen, noch hundert Fasttage halten, 25 Stunden im Tage beten, um nur nichts thun zu müssen u. s w." — Das Schlußcapitcl beschäftigt sich mit praktischen Fragen, als den jüdischen Schulen, den Wahlen, namentlich

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