Selbst-Emancipation
- Journal
- Selbst-Emancipation
- Volume
- 1890
- Issue
- Heft 13 (3.10.1890)
- Date
- 1890-10-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Selbst-Emancipation. Seite 5. habe." Ganz gegen die Gewohnheit war meine Angelegenheit zn schnell entschieden — im Ganzen sind es 3 Wochen. Und somit wurde der schwer znsammengcfügtc Ban der „Vorstellung" in einem 'Augenblicke durch das Nichtcntscheidcnwollcn znsamiucngcstürzt. — Weshalb? wozu und weswegen? „Du bist ein Jude!" Sehr klar! dies ist die Antwort. Wenn doch nur irgend ein Grund zum Ausschlüßen angeführt worden wäre, wenn man mir wenigstens fälschlich gesagt hätte, das; ich gesündigt habe, das; ich sittenlos, daß ich ein Verbrecher bin, das; ich es nicht verdient habe. 'Nichts derartiges! „Sie geruhten nicht zu bestätigen" — dies ist der Grund! 13 Jahre lang habe ich gearbeitet, gelitten, gehungert, habe alle Kräfte verloren, bin Physisch und moralisch cntkräftigt, um die Rechte zn erlangen, die mir daS Gesetz zu geben versprach. Ich habe nichts verbrochen, im Gcgcnthcil, ich habe mich überall durch gutes Bcnchincn und Fortschritte ausgezeichnet. Glicht dies allein, ich habe noch in einer Zeitung die Mcinnngcn und Ansichten der Negierung verfochten. Mein Vater erhielt 3 Mal den Tank der Negierung für seine Ergebenheit. Also mein Vater und ich sind ungefährlich, und handelten nie gegen die Sitte. Ans all' dies nur eine Antivort: „er hat nicht geruht zu entscheiden". Du bist Jude, also brauchst Du nicht zu leben! Aber warum sagte mau mir dies nicht vor 13 Jahren? Ich wäre jetzt Schuster, Schneider, Tischler, Commis, Kaufmann, — ich wäre jetzt gesund, versorgt und glücklich. Warum bin ich denn betrogen? Du bist Jude, also kann man mit Dir alles machen. Ist das klar? Ja, klar wie der Tag! Mir ist cs klar! Aber mir ist cs zugleich auch dunkel wie im Grabe. Was soll ich jetzt beginnen?.Ich weif; nicht, wohin ich jetzt meine Schritte lenken soll. Ich habe hier nichts zu thnu. Ich muß irgendwo hinfahren, um eine Anstellung zu suchen. Schon ein ganzes Jahr wandre ich von Ort zn Ort und sindc keinen Platz für mich. Ueberall schleudert man Dir das Wort „Jude" iu's Gesicht und wirft Dir die Thiirc vor der Nase zu. Und dies im 19 Jahrhundert! Ueberall macht die Civilisatio» ungeheure Fortschritte, überall herrscht schon Gleichheit und Achtung vor der Persönlichkeit. DaS Wort, „Jude" wird nicht mehr erwähnt*) Hier aber. Aber wozu stöhne»? Hören denn Ohren unser Stöhnen? Gibt cs denn noch ein Ivcnig Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Mitleid für uns. — „Tauft Euch!" Dies sind die Worte, die in meiuen Ohren wiederhallcn. Die Zahl der Getauften wächst unglaublich, aber sind sie glücklich? Wo ist die Sicherheit, daß wir auf diesem Wege unser Glück finden? Auch in der neuen Haut wird es Dir nicht bcsier ergehen, denn auch in ihr wird mau den Juden erlcunen. Und was wird Tein Gewissen dazu sagen? Wohin verschwinden dann alle Ideale, Hoffnungen, Wünsche die auf dem früheren „jüdischen" Grund ancrzogen wurden? Nein, mich schaudert davor! Lieber werde ich mein Wandern fortsetzcn, lieber werde ich von Brod und Wasser mich nähren, nur mein Gcwiffen soll rein und ruhig sein! Nachgebcn zu müssen, wenn man seine Nciuhcit und Rechtschaffenheit kennt, ist zn schwer! Ich habe mein Herz vor Dir ausgcschüttct, Du verzeihst mir hoffentlich, daß ich Dich damit belästigte. Aber Du leidest selbst viel, Du wirst mich verstehen. Ich wünsche Dir das Beste. Ich fahre zu mcincin Vater, dort habe ich eine Mutter und drei Schwestern, die so viel Hoffnungen auf mich setzten — und alles umsonst. Kischincff (Bcffarabien), 6. September 1890. Wie in ganz 'Rußland, hat sich auch bei uns in Bcssarabicn die Lage der Inden, die auch vorher keine gute war, in Folge der vielen Beschränknngsgesetzc, entsetzlich verschlimmert. Namentlich sind cs dieWohnungsbeschränknngcu, welche das Unheil iu's Ungeheuerliche steigern. Fünf Millionen Inden sind in 24 Gouvernements intcrnirt und haben auch innerhalb derselben kein Recht, *) Der Briefschrciber hat offenbar eine zu gute Meinung von den Äcrhältnisscn außerhalb Rußlands. Sein Brief erinnert an Manches, was auch in constitutioncUeu und Gleichberechtigungs-Staaten Vorkommen soll. Anm. d. Red. in dem Grenzrayon (7 Aleilen) zu wohnen, weil sie sich nach dem Wortlaute des Gesetzes mit dc^ Schmuggelei beschäftigen. Ferner erlauben die Gesetze vom 2. Mai 1882 nur venjenigen Juden in den Dörfern zn wohnen, die sich bis zum 2. Mai 1882 dort angesicdelt haben. — Daß die bessarabischcn Juden unter diesen Gesetzen besonders leiden, ergibt sich daraus, daß Bessarabien ein langgestrecktes, schmales Grenzland ist. Deshalb sind hier Tausende jüdischer Familien der Ausweisung aus ihren Wohnsitzen auSgesctzt. Die Polizei in Bessarabien ist fieberhaft thätig, um die Inden aus den Dörfern auszutrcibcn, selbst in den Fällen, wo sie daselbst geboren sind und das Wohnrecht nach dem Gesetze vom 2. Mai 1882 besitzen.» Wenn ich von Tausenden sprach, so habe ich nicht übertrieben; im Bezirke von Kischincw allein, welcher nur ein Achtel von Beffarabicn ausmacht, sind, wie ich aus zuverlässiger Quelle erfuhr, 800 jüdische Familien ansgcwicsen worden. Und wie wird die Ausweisung von der Polizei durchgeführt! Ein Bezirksbcamter z. B. hat vor viele» unglücklichen jüdischen Familien und in Gegenwart vieler Bauern mit den Worten angefangcn: „Verfluchtes jüdisches Volk! Sie zwingen die Polizei, mit Ihnen große Nlühc zu haben, und quälen uns; fort, hinaus!" — Die Juden in Bessarabien sind sich der ganzen Trostlosigkeit ihrer Lage bewußt. Man hat zwar jüdischcrscits über die Handlungsweise der Gouvernements-Verivaltung vor dem Senate Klage geführt, doch das hemmt vorläufig nicht die Ausweisung, welcher gänzlicher Ruin folgt. Erfreulich ist nur, daß sich nntcr den Juden bei uns in Kischincw eine lebhafte Palästina-Bewegung bemerkbar macht, dank der Thätigkcit der Bevollmächtigten des Odcssacr Comitä'S, Herren Dr. Mntschnik und Bcrland. N. Groß man ». Paris, 21. September 18.90. '„France" und „Autoritä" fallen über Herrn Noscnthal, der im „Figaro" über die russischen Judenverfolgungen einen Artikel brachte, wie wüthcnd her. Die jüdischen Schriftsteller sollten ihren Patriotismus dadurch beweisen, daß sie aufhören, das französisch-russische Bündnis; in Frage zu stellen, meinen die beiden Blätter. Ja, die Arier verlangen für ihr bischen verächtlich vorgeworfene Gleichberechtigung: „Reis;' dir dein jüdisches Herz aus dem Leibe und lasse gleichgiltig Millionen Deines Stammes zu Grunde richten, zucke ja init keiner Wimper dazu — ad majorem gloriam nostram." London, den 20. September 1890. Die hiesige Chovcvci-Zion-Society hat von christlicher Seite folgenden Brief erhalten, der dem Cassierer des Vereines zukam: „Geehrter Herr! Nachdem wir Ihren Brief, worin Sie einen interessanten Bericht über die Chovcvei-,Zion-Society erstatten, welche Palästina zu colonisircn bezweckt, gelesen haben, erlauben wir uns Ihnen beiliegend eine Anweisung auf 50 Pfund für den Fonds dieses Vereines zu vermitteln, und hoffen wir, daß Ihnen viele Andere noch größere Summen zuschicken werden, welche die armen Jude;; in ihren Beinühungen, sich in ihrem eigenen Lande niedcrzulassen, unterstützen sollen. Hochachtungsvoll A. Collins. Frau John Collins". Lhronik. (Antisemitisches ans Deutschland.) In A l l e n d o r f, einer oberhessischen Stadt, fanden sämmtliche jüdische Familien in ihren für den Sabbath verbreiteten „Barches" je 10 Stück Streichholzköpschen. — In Mayen (Rheinpreußen) wurden nächtlicherweise aus dem israelitischen Friedhöfe 20 Grabsteine zertrümmert. Eine ähnliche Schandthat wurde auf dem israelitischen Friedhofe in Siegburg begangen. (Ans Rumänien). Der „Jüd. Presse" entnehmen wir folgende Mittheilungen: Der Bürgermeister von Dorohoi crtheille der dortigen Feuerwehr plötzlich den Befehl, die 130 Jahre alte Synagoge der Stadt niederzureißen. Als Grund ward der Umstand, daß das Bcthaus aus Holz und baufällig sei, angegeben. Thatsächlich braucht man das Holz der Synagoge zu der Kirche, welche eben mit jüd. Geldern aufgeführt wird. (s. v. Nr.) — In Piatra hat der Bürgermeister mehr als hundert Juden gehörende Häuser aus Gründen der „Stadtvcrschönerung" niederreißen lassen. Ebenso beschaffene Häuser christlicher 'Nachbarn blieben stehen. Das Elend der Dclogirtcn läßt sich denken. — Die Lehrer an den Staatsschulen in Braila übergeben ihren Schülern als Prämien nach den stattgehabtcn Jahrcsprüfungen Exemplare einer antisemitischen Brochürc, welche den Titel führt: „Ein verlorenes Land oder das von den Juden unterjochte Rumänien". — Im Ministerium des Innern soll an einem Gesetze gearbeitet wcrdcn, durch das die Rumänisirung der Namen von Juden verhindert werden soll. Also keine neuen Levczcanu und Cohanescu mehr! (Der Sultan) hat den Ehrenvorsitz des internationalen Hilfs-Comitss, das sich in Salonichi nach dem großen Brande des dortigen Judeuguartiers gebildet hat, übernommen und auch eine namhafte Summe für die Abgebrannten gespendet. Das furchtbare Brand-Unglück, das 18000 Stammesgenossen obdach- und brodlos gemacht hat, und dem auch 28 Synagogen und 00 jüdische Lehrhäuser zum Opfer sielen, hat den Lordmayor von London, Sir Henry Jsacs veranlaßt, daselbst ein Hilfscomito in's Leben zu rufen. Auch in Berlin bildet sich auf Anregung des Rabbiners Dr. Hildesheimer ein Hilfscomito. Und in Wien? Das liegt ja Salonichi räumlich näher, als Berlin oder gar London. Da zeigt sich wieder einmal der Abstand zwischen jüdischem Leben in England und Deutschland und empörender Gleichgiltigkeit gegen die Interessen des gesammten jüdischen Stammes, wie sie in Oesterreich zu finde,; ist. (Rach Ettsabethgrad) sind kürzlich die dortigen Dclcgirtcn der „ZionSsrcunde" aus Palästina zurückgekehrt. Sie schildern init große»; Enthusiasmus die Fortschritte der Eolonisation. (Ein jüdischer Armenarzt für Jerusalem.) Der palästinensische Hilfsverein „Oemaan Zion" hat Herrn Dr. A. Feuchtwanger aus München zun; Arincnarzt bestellt, wodurch hoffentlich de»; Treiben der Missionsärzte ein Ziel gesetzt werden wird. Dr. Feuchtwanger ist bereits in Jerusale»; eingetroffen, und hat der Verein „Lemaan Zion" für Anschaffung von mcdizinischen Jnstruinenten, Verbandstoffen u. s. w. die Snnune von 200 Mark bewilligt. ('AuS Jaffa) schreibt um» dem „Woschod": Tic hiesige jüdische Gemeinde befindet sich jetzt in einer sehr peinlichen Lage in Folge eines große» Zuflusses von jüdischen Auswanderern, welche mit jeden; Dampfschiffe in großer Anzahl ohne Mittel herkoinme». Die