Mannheim
Compact Memory

Selbst-Emancipation · 1890-10-03 · Heft 13 (3.10.1890) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Selbst-Emancipation
Volume
1890
Issue
Heft 13 (3.10.1890)
Date
1890-10-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3092672-3092764-3092777--0528-3093491
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 4. Sclbst-Emancipation. Nr. 13. Korrespondenzen. Wien, den 1. Octobcr. 1890 Wahlwoche! Die am 25. v. Mts. stattgehabten Landtagswahlcn in den Landgemeinden Niederösterrcichs haben den Antisemiten neue Siege nnd Sitze gebracht. Die morgen stattfindendcn Landtagswahlcn in Wien und ciiligcn Vororten desselben ivcrden voraussichtlich wieder antisemitische Erfolge bringen. Die Stimmung der Tagcspresse ist daher eine gedrückte, der anfailgs verlachte lind vertuschte Antisemitismus, dem am Bcgiilne jedes Jahres für das betreffende Jahr das Ende vorausgesagt wurde, wächst riesig an — trotz aller seit Jahr und Tag in geometrischer Progression zunehmender Affimilationsvcrsuche seitens unserer Juden und deren Führer. Wann diesen Verblendeten endlich einmal die bessere Einsicht kommen wird?! Das Jüdenthum iverfcn sie von sich und den Judenhaß tauschen sic dafür. Stryj, Crew Jom Kippur 5651. Seit einiger Zeit hat sich hier, wo bis vor kurzem die Assimilation ihre größten Triuinphc feierte, und namentlich die studirende Jugend — am hiesigen Gymnasium wird dallk dem hiesigen Cultusvorstande kein jüdischer Religionsunterricht crtheilt — ihres Stammes und Glaubens sich schämte, eine Wendung znm Bessern vollzogen. Der Antisemitismus hat cs auch hier zu Wege gebracht, daß die Juden sich als solche zu fühlen beginnen. Besonders wirkte aber auch auf sic die „Sclbst-Emancipation"; diese öffnete ihnen die Augen für das ivahre Heil Israels und namentlich unter der studircnden Jugend gibt es viele begeisterte Anhänger der Colonisationsidcc. In einigen Tagen verläßt ein in hebräischer und jüdisch-deutscher Sprache verfaßter Aufruf zur Gründung eines Palästina-Colonisationsvercines in Galizien die Presse. Dieser Aufruf wird vom „Palästiila-Club" des hiesigen Vereines »Schochre Toschiah* an säinmtliche galizische Städte 'versendet werden. Die Centrale dieses Vereines soll bei dem in Aussicht gcnoinmcncil „Parteitag der Jüdisch-Nationalen" in Lemberg bestimmt ivcrden. Hervorragendes Verdienst um diese Angelegenheit hat sich der Obmann des erwähnten Palästina-Clubs, Herr Banquier Moses Lipschütz erworben, der ivcder Mühe, Arbeit, noch Geld spart, um diesen Verein in's Leben zu rufen. Hoffentlich wird derselbe, wenn die Colonisationsidee überall in Galizien, sowie hier selbst unter den Chassidim populär ist, gute Früchte tragen. S. Arnold. (A. L.) Lemberg, Ercw-Sukkoth 5651. — Der „liberale" „Kurjer Lwowski" hat cs für rathsam befunden, über die vom „reaktionären" Vereine „Zion" hcrausgegebenc Brochüre „der K a n c z u g" eine Neccnsion zu veröffentlichen, in welcher über die Schädlichkeit dieses Vereines berichtet und nebenbei über den mosaischen Religionsunterricht sowie die Art, wie derselbe ertheilt wird, geschimpft wird. Zum Schluffe dieses Berichtes kann der „Kurjer" sich der Bemerkung nicht enthalten, daß er nichts dagegen hätte, wenn die Juden aus Lemberg nach P a l ä st i n a auswandern würden. Es ist jedoch zu bezweifeln, ob diese Aeußerung des „Kurjer" seinen wahren Wünschen entspricht, weil, unserer Meinung nach, an dem Tage, an welchem die Juden Lemberg verlassen würden, der „Kurjer" zu erscheinen aufhören müßte, da cs ihm einerseits an Schimpfstoff — ohne welchen ein so „liberales" Blatt wie der „Kurjer" nicht cxistiren kann — und anderseits an Abonnenten mangeln würde. Der hierzulande bekannte Journalist, Herr Sigmund Fryling, seinerzeit ein „Pole mosaischer Confcssion" hat Lemberg verlassen, um in Krakau die „mosaische" Religion mit der katholischen zu vertauschen. Riga, 10. September 1890. In meinem vorigen Briefe versprach ich Ihnen demnächst nähere Details über die in der Gründung begriffene Colonie Duran mitzutheilen. Leider aber bin ich noch nicht im Stande, Sic vollständig befriedigen zu können. In Warschau finden nämlich jetzt die Sitzungen der Gründungs-Gesellschaft statt und werden noch ungefähr eine Woche anhalten. Vorläufig wurde unter Anderem beschlossen, 2 Mitglieder nach der Colonie zu schicken, die, vereint mit einem Dritten, der die Sprache, Sitten, Gebräuche u. s. w. des Landes kennen muß, die Arbeiten in der Colonie zu leiten haben. Herr E., ebenfalls Mitglied der Gesellschaft, wird kürzlich einen Vortrag über die Lage, Gestalt u. s. w. von Duran in einer bcn obgcnanntcn Sitzungen halten. — Duran soll sehr gutes Ackerland besitzen und verspricht die schönsten Erfolge. Mir ist vorläufig nur bekannt, daß Duran zwischen den Colonien „Rischon-Lezion" und „Ekron" gelegen ist und eine Station der neuen Bahn Jaffa-Jerusalem, ungefähr 2 Werst von der Colonie entfernt sein wird. Das Land muß ungcfähr 5 Jahre bearbeitet werden, damit man die Früchte des Bodens genießen könne. Wie bekannt, wurde in Rußland vor 2 Jahren betreffs Aufnahme von Juden in die russischen Hochschulen das berüchtigte Wuchcrgesctz erlaßen, daß in die Universitäten von Pez tcrsburg und Moskau nur 3 Pcrccnt, in alle übrigen Hochschulen des weiten Reiches aber 5 Percent Juden aufgcnommen werden dürfen. Eine vcrhältnißmäßig erfreuliche Ausnahme hiervon macht jedoch das hiesige Polytcchnicum, in das jedesmal sovielc Juden cintrctcn können, als austrctcn. Am 19. Juli d. I. erhielt plötzlich der Dircctor des Polytechnikums vom Curator ein Schreiben, in welchem er angewiesen wurde, absolvirte jüdische Realschüler nicht eher aufzunehmen, als bis sie ihm Atteste der hiesigen Polizei vorzcigcn, nach welchem sie .das Wohnrecht in Riga besitzen. Unser Polizeimeister crtheilte nun keinem der zur Meldung erschienenen. Realschüler das Wohnrecht, was zur Folge hatte, daß Niemand aufgcnommcn werden konnte. Alan kann sich nun sehr leicht das Elend der Zurückgewiesencn vorstcllen, die sich sieben Jahre lang in-der Realschule, wo man den Juden ebenfalls nicht gewogen ist, angestrengt haben, um ein sehr gutes Zcugniß zu erhalten, ohne welches ein Jude in einer russischen- Hochschule schwer Unterkommen kann, und sich jetzt am Ziele ihre Hoffnungen so schmählich getäuscht sehen. Der erwähnte Erlaß des Curators, Gchcimrathcs Kapustin, der im höchsten Grade liberal ist und leider von uns jetzt scheidet, um die Curatorstcllc in Petersburg zu übernehmen, ist dem Gouverneur zu verdanken, der diesbezüglich sich auf ein Gesetz vom Jahre 1835 beruft. Das Gesetz lautet: „Derjenige Jude, der ein Gymnasium beendet hat, hat in allen Ilnivcrsitätsstädtcn des russischen Reiches Wohnrecht, behufs Aufnahme in die betreffende Universität." Da aber in diesem Gesetze von Realschulen keine Rede ist, was ja selbstverständlich ist, weil cs zur damaligen Zeit gar keine Realschulen in Rußland gab, glaubte der Gouverneur Grund genug zu haben, der Dircction des Polytechnikum vorzuschrcibcn, jüdische Realschüler, die kein Wohnrecht haben, nicht aufzunehinen. Deshalb begaben sich zwei derjenigen, die aufgcnommcn werden wollten, B. und W. nach Petersburg, um den Minister der VolkSanfklärnng zu bitten, den betreffenden Erlaß des Gouverneurs zu anullircn. Und wirklich gelang es ihnen, daS durchzusctzcu, was sic wollten. In der Thal kam bald darauf eine Vorschrift des Ministers des Innern an die Gouvcrncmcntsrcgicrung, Inden, die Realschulen absolvirt haben, unbedingt das Wohnrecht zu crthcilcn. Nun hat aber jede Sache, wie bekannt, zwei Seiten: eine ernste und eine lächerliche; die lächerliche bot hier das „Nowoje Wrcmja". Dieses Blatt, das nur aus Lug und Trug besteht, hat sich bei dieser Affairc göttlich blamirt, d. h. cs hat zu seinem unendlichen Schatz von Lügen eine neue hinzugcfügt und ^so bei seinen Anhängern wiederum an Ansehen zugcnommcn. Es schickte nämlich eine gewaltige^antisemitische Ente in die Welt hinaus: „Am 15. August haben sich in Riga 18 Juden behufs Aufnahme in das Polytcchnieum getauft, nnd zwar traten 17 zur luterischcn nnd einer zur rechtgläubigen Kirche über". Ich kenne nun alle absolvirtcn Realschüler, habe außerdem diesbezüglich in der Dircction des Polytechnikum Erkundigungen eingczogen, und kann mit Bestimmtheit sagen, daß dieses Gerücht des „Nowoje Wremja" eine ungeheure Lüge ist. Ziveck derselben ist, wie ich glaube, ein doppelter: Erstens ein antisemitischer: Es soll dem russischen Volke gezeigt werden, wie sehr die Juden der rechtgläubigen Kirche feind sind, da sic lieber die geduldete lutherische Religion annchmcn, als die herrschende russische. Zweitens und nebenbei ein antideutscher: Es soll nämlich gegen die Deutschen gehetzt werden, welche immer den Russen da in die Quere kommen, wo es gilt, russischen Geist und rechtgläubige'Religion zu verbreiten. Samson. Kiew, den 6. September 1890. Bekanntlich dürfen jetzt in Rußland die jüdischen Advoeaturs-Candidatcn zur Ausübung der Advocatcnpraxis nur auf Vorstellung irgend eines Gcrichtspräsidenten und Bcstätignng des Ministers zugclasscn werden. Einem Candidatcn gelang cs endlich so eine „Vorstellung" auszuwirkcn. Das Resultat ist aus folgendem Bruchstück seines . Brieses an eine ihm nahestehende Person zu ersehen: .Aus dem Ministerium kam die Bieldung, daß der Herr Biinister „nicht zu bestätigen geruht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.